Hinduismus

Nach dem H. steht am Anfang der Welt als oberster Gott das brahman. In der Welt selbst stehen sich von Anfang an zwei Sphären gegenüber, die von keiner weiteren Instanz abhängen: die Geistperson (puruscha) und die selbständige Natur (prakriti). Der Geistperson kommt Bewusstsein zu, sie kann also etwas erfahren, ist jedoch handlungsunfähig. Die selbständige Natur ist als „Schoß aller Wesen“ tätig und produktiv, hat aber kein Bewusstsein und ist daher unerfahren. Sie erhält die Erfahrung nur in Verbindung mit der Geistperson, indem diese zu einer im Körper weilenden Seele, zu einem Selbst, wird. Die Befreiung aus dieser Verbindung mit der Natur erreicht die Geistperson nur, wenn sie erkennt, dass sie fälschlicherweise die Aktivität der Natur in Form eines „Ich“ angenommen hat.
Wird die Natur einem Gott zugeordnet, so wird sie durch seinen Einfluss dazu gebracht, die Welt aus sich hervorgehen zu lassen. Dabei entstehen als Teile des göttlichen Bewusstseins die einzelnen Seelen  puruschajiva oder atman genannt. Doch selbst wenn die Seele als Teil des göttlichen Bewusstseins bezeichnet wird, muss sie aufgrund ihrer Gebundenheit an die Früchte ihrer Taten (karman) bis zur Erlangung der erlösenden Erkenntnis in einen Körper eingehen. Diese Erkenntnis besteht darin, dass die genannten Früchte nicht mehr mit der Handlungsstruktur der Natur identisch sind, sondern die Bewusstseinsstruktur Gottes teilen. Zu diesen Teilen der Bewusstseinsstruktur Gottes durch die stufenweise Loslösung von den Früchten der Taten gelangt die Seele durch eine größere oder kleinere Anzahl von Wiedergeburten, je nachdem wie ihre positiven Taten in der einzelnen Wiedergeburt anwachsen.
Bei dieser Wanderung von der einen zur anderen Existenz zieht die Seele mit einem feinstofflichen Körper aus dem sterbenden grobstofflichen Körper aus und geht in einen neuen Körper ein. Die Ursache dieser Wanderung ist die Haltung des Geistes. Hängt er sich an die Sinnenwelt, wird er zum Sklaven. Befreit er sich davon, wird ihm Erlösung zuteil.
Die Erlösung kann stufenweise auf dem Weg der Wiedergeburt erfolgen oder durch einen direkten Bezug zu einer Gottheit oder Göttin in der Todesstunde, wo die Bindung des Geistes an das Leben offenbar und seine weitere Lebensform bestimmt wird.
Die eigentliche Erlösung erfolgt nach der vollkommenen Befreiung des Geistes von der Bindung an die Natur und besteht im Aufgehen in das Unpersönliche, in das sog. Brahman-Nirwana. Jene hingegen, welche sich in glaubensvoller Ergebenheit und Gottesliebe (bhakti) der Gnade des Weltenherren anvertrauen, gelangen nach dem Tod zu ihm – ob, um sich mit ihm zu verschmelzen oder als individuelle Geistwesen bei ihm zu verweilen, bleibt offen.

Lit.: Upanishaden: die Geheimlehre der Inder. München: Eugen Diederichs, 10. Aufl. 1977; Bagavadgita: das Lied der Gottheit. Neu bearb. u. hg. v. Helmuth von Glasenapp. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2000; Resch, Andreas: Fortleben (Reihe R; 1). Innsbruck: Resch, 2004. S. 82-86.
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