Gurwitsch, Alexander Gawrilowitsch

(* 08.10.1874 Poltawa/heute Ukraine; † 27.07.1954 Moskau). G. lieferte als Biologe und Mediziner Beiträge zum Konzept des hypothetischen morphischen Feldes aus der Entwicklungsbiologie und gilt als Erstbeschreiber einer extrem schwachen Photonenemission biologischer Systeme, die er Mitogenetische Strahlung nannte und die heute mit dem Begriff der ultraschwachen Photonenemission (auch ultraschwache Zellstrahlung) bezeichnet wird. Auf sie berufen sich auch die Hypothesen der Biophotonen. Zudem prägte G. den Begriff des „morphogenetischen Feldes“ in dem Sinne, dass Organismen bei ihrer Entwicklung in ein bestehendes Feld hineinwachsen, das ihre Form bestimmt. Diese Annahme wurde von Rupert Sheldrake theoretisch weiter ausgebaut.
Was konkret das Leben und die Arbeit von G. betrifft, so seien hier noch folgende Angaben gemacht:
G. entstammte einer jüdischen Familie mit teils baltischen Wurzeln. Nach Abschluss seines Medizinstudiums an der Universität München im Jahr 1897 legte er an der Universität Kiew eine Prüfung ab, um als Arzt praktizieren zu können. Wenig später erhielt er eine Stelle an der anatomischen Fakultät der Universität Straßburg und wechselte dann an die Fakultät für Anatomie der Universität Bern, wo er als Privatdozent arbeitete. 1903 heiratete er die Russin Lidija Dmitrijewna Felizina, die er an der medizinischen Fakultät in Bern kennengelernt hatte und die ihn zeitlebens bei seinen Forschungen unterstützte. 1904 erschien seine Monografie Morphologie und Biologie der Zelle, was ihm internationale Anerkennung als Histologe einbrachte.
1905 kehrte G. zusammen mit seiner Frau nach Russland zurück, da er als Wehrpflichtiger während des Russisch-Japanischen Krieges eingezogen wurde. Wenig später übernahm er eine Professur für Anatomie und Histologie am Bestuschew-Frauenkollegium in Sankt Petersburg. 1907 wurde sein erstes größeres Werk über die Embryologie, Atlas und Grundriß der Embryologie der Wirbeltiere und des Menschen, veröffentlicht.
1912 veröffentlichte G. seine Arbeit Die Vererbung als Verwirklichungsvorgang, in der er die Hypothese aufstellte, dass ein Geschehensfeld bzw. Kraftfeld für die Morphogenese von Organismen verantwortlich sei. Später bezeichnete er dieses Feld als embryonales Feld.
Während des Ersten Weltkriegs arbeitete G. als Militärchirurg in Petrograd. Nach dem Krieg erhielt er eine Anstellung an der neu gegründeten Taurischen Nationalen Universität und zog mit seiner Familie 1918 nach Simferopol auf die Krim. Dort arbeitete er als Leiter der Histologischen Abteilung der Medizinischen Fakultät. 1923 entdeckte er bei der Untersuchung der Zellteilung von Zwiebelnzellen eine Photonenemission im Spektralbereich um 260 nm. Nach einem Streit mit der Universitätsleitung wurde G. 1929 jedoch gezwungen, die Universität zu verlassen.

1930 erhielt er eine Stelle am Institut für Experimentalmedizin in Leningrad, an dem zu dieser Zeit auch andere bedeutende Wissenschaftler wie Iwan Pawlow arbeiteten. 1934 nahm er am Internationalen Kongress für Radiobiologie in Venedig teil und hielt in der Folgezeit Vorlesungen in mehreren europäischen Ländern. 1941 erhielt er den Stalinpreis für seine Untersuchungen der mitogenetischen Strahlung im Zusammenhang mit der Diagnose von Krebs. Im Herbst 1941 wurden G., seine Frau und seine Tochter Anna vor der deutschen Besatzung in Leningrad nach Kasan ausgeflogen.
Nach dem Krieg wurde G. Leiter der Abteilung für Zellbiologie des Instituts für Experimentelle Biologie, das der neuen Sowjetischen Akademie für Medizinische Wissenschaften in Moskau angeschlossen war. Es folgte eine Periode erzwungenen Gehorsams in allen Bereichen der Biologie. G. protestierte, reichte seinen Rücktritt ein und ging in den Ruhestand. 1951 starb seine Frau und langjährige Mitarbeiterin Lydija. G. arbeitete in seiner Wohnung weiter und widmete sich in dieser Zeit vor allem seinem letzten Werk Analytische Biologie, das nicht mehr veröffentlicht wurde. Seine letzten Vorlesungen hielt er 1953/54 in seiner Wohnung. G. starb am 27. Juli 1954 im Alter von 79 Jahren an einem Herzleiden im Moskau.

W. (Auswahl): Mitogenetische Spektralanalyse durch selektive Streuungsmethoden. Acta Physica et Chimica 20 (1945), 635-644.
Lit.: Beloussov, L.V./Opitz, J.M. Opitz/Gilbert, S.F.: Life of Alexander G. Gurwitsch and his relevant contribution to the theory of morphogenetic fields. The International Journal of Developement Biology 41 (1997), 771-779.

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