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A. Resch

Andreas Resch: Leben – Tod – Wissenschaft Unglaube – Glaube

Andreas Resch: Leben – Tod – Wissenschaft Unglaube – Glaube

Andreas Resch

Leben – Tod – Wissenschaft
Unglaube – Glaube

Inhalt

LEBEN

Manifest
Freier Wille
Evolution
Biologische Illusion
Lebensstruktur d. Menschen

TOD
Kulturträger

UNGLAUBE
Atheisten
Agnostiker

GLAUBE
Hinduismus
Buddhismus
Konfuzianismus / Taoismus
Judentum
Christentum
Islam
Religionsfreiheit

IM SELBST

Der heute lebende und denkende Mensch wird in seinen Möglichkeiten und Grenzen jenseits aller Lebenseinstellungen mit folgenden Fragen konfrontiert:

• Was ist Leben?
• Was ist das sichere Ende des Lebens, der Tod?
• Was kann die Wissenschaft dazu sagen?
• Was besagt Unglaube oder die Verneinung eines Lebenssinns und eines Fortlebens nach dem Tode?
• Was besagt Glaube oder die Bejahung eines Lebenssinns und eines Fortlebens nach dem Tode?

Diesen Fragen muss sich der Mensch unweigerlich stellen, will er seine Persönlichkeit gestalten und seine körperliche, psychische und geistige Ausgeglichenheit absichern. Dabei muss er sich mit Fragen auseinandersetzen, deren Beantwortung nach wie vor nicht auf Beweisen, sondern auf Indizien beruht, zumal jede einzelne Frage über die Möglichkeiten des Menschen hinausreicht.

I. LEBEN

Allein schon bei der Frage nach dem Leben stoßen wir an unüberwindbare Grenzen. Ganz allgemein bezeichnet man Leben als eine individuelle Gegebenheit, die durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet ist: Selbstregulierung, Reproduktion und – bei komplexeren Formen – auch Zweckorientierung. Nach Juan G. Roederer ist Leben tätige Information.1

Eine allgemein verbindliche Definition des Lebens gibt es nicht. Was das Wesen des Lebens ausmacht, ist nach wie vor eine offene Frage, die sowohl in Geistes- wie Naturwissenschaft diskutiert wird.

Für die Geisteswissenschaft hat der griechische Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) in seinem Buch Über die Seele2 das Belebte als das Beseelte bezeichnet. Er unterscheidet dabei drei Stufen von Leben, die er nach ihrem Seelenvermögen hierarchisch ordnet:

Auf der untersten Stufe steht das allein durch Ernährung und Fortpflanzung bestimmte Leben der Pflanzen, das von der vegetativen Seele gesteuert wird.

Auf der nächsten Stufe folgt das zusätzlich durch Sinneswahrnehmung und Fortbewegung bestimmte Leben der Tiere, das von der sensitiven Seele getragen wird.

Auf der obersten Stufe befindet sich das darüber hinaus durch die Fähigkeit des Denkens bestimmte Leben des Menschen, das von der intellektuellen Seele getragen wird, die in ihrer höchsten Ausformung, der Vernunft (nous), unsterblich ist.3

Bedeutsam ist in dieser Sicht, dass das Leben der Pflanze, des Tieres und des Menschen jeweils von einem inneren Seelenvermögen gesteuert wird, welches den Anforderungen des Lebens von Pflanze, Tier und Mensch gerecht wird und sie auszeichnet. Nicht der Körper bzw. die Materie formt das Leben, sondern das ihr zugrunde liegende Seelenvermögen belebt die Materie.

Im Gegensatz dazu hatte bereits Demokrit (460–371) alles auf die Körperlichkeit bezogen, sodass auch die Seele mit dem Körper zugrunde gehe.4 Diese rein körperbezogene Sicht des Lebens ist inzwischen zum fast ausschließlichen Grundverständnis der Wissenschaft geworden. Dabei beansprucht heute bei der Frage des Lebens die Neurowissenschaft das Sagen. Während man in der Physik immer mehr zur Kenntnis gelangt, dass ohne Hintergrundinformation die vielfältigen Erscheinungsformen der Materie nicht zu verstehen sind, sieht man in der Neurowissenschaft, mit wenigen Ausnahmen, noch keine Grenzen der materiellen Möglichkeiten, weist doch das angeblich alles steuernde Gehirn einen Kosmos von Nerven und Synapsen auf, der absolut unüberschaubar ist. Die Zahl der Neuronen oder Nervenzellen wird mit hundert Milliarden beziffert. Zudem hat jedes Neuron eine rei-che Gestalt. Die Anzahl der Schaltknöpfchen zwischen den Nervenzellen, Synapsen genannt, wird auf hundert Bil-lionen geschätzt. Denkt man sich die Fasern aller Nervenzellen eines einzigen menschlichen Gehirns in einem Faden vereinigt, so ist dieser 100.000 Ki-lometer lang. Versucht man schließlich, die Anzahl der möglichen Verschaltungen von Nerven-zellen zu ermitteln, so versagt die Vorstellungskraft zur Gänze. Sie ist größer als die Zahl sämtlicher Atome im Universum.

1. Das Manifest

Dies veranlasste Wolf Singer, den Direktor des Max Planck-Instituts für Neurophysiologie in Frankfurt, 2004 mit elf führenden Neurowissenschaftlern ein Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung herauszugeben, dessen Aussagen nicht nur die heutige Diskussion zur Frage des Lebens, sondern konkret des Menschen und seiner Zukunft aus naturwissenschaftlicher Sicht beleuchten, weshalb ich im Folgenden die Ausführungen kurz zusammenfasse und die wichtigsten Aussagen in der Originalformulierung anführen möchte.
Einleitend wird darauf verwiesen, dass die neurobiologische Untersuchung des Gehirns auf drei verschiedenen Ebenen ansetzt:

„Die oberste erklärt die Funktion größerer Hirnareale, beispielsweise spezielle Aufgaben verschiedener Gebiete der Großhirnrinde, der Amygdala oder der Basalganglien. Die mittlere Ebene beschreibt das Geschehen innerhalb von Verbänden von hunderten oder tausenden Zellen. Und die unterste Ebene umfasst die Vorgänge auf dem Niveau einzelner Zellen und Moleküle. Bedeutende Fortschritte bei der Erforschung des Gehirns haben wir bislang nur auf der obersten und der untersten Ebene erzielen können, nicht aber auf der mittleren.“5

Dabei lasse sich durch die Kombination mehrerer Technologien, wie Positronenemissionsfotografie (PET) und die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), die den Energiebedarf der Hirnregionen messen, die Elektroenzephalografie (EKG), welche die elektrische Aktivität der Nervenzellenverbände misst, und die neuere Magnetenzephalografie (MEG), mit der sich die Änderung von Magnetfeldern um elektrisch aktive Neuroverbände millisekundengenau feststellen lässt, das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale darstellen. Dies ermögliche kognitive Funktionen wie Sprachverstehen, Bilderkennung, Tonwahrnehmung, Musikverarbeitung, Handlungsplanung, Gedächtnisprozesse sowie das Erleben von Emotionen zu lokalisieren. Damit sei eine thematische Aufteilung der obersten Organisationsebene des Gehirns nach Funktionskomplexen gewonnen.

Auch hinsichtlich der untersten neuronalen Organisationsebene habe die Entwicklung völlig neuartiger Methoden zu neuen Erkenntnissen über die Ausstattung der Nervenzellmembran mit Rezeptoren und Ionenkanälen sowie über deren Arbeitsweise geführt, was nicht zuletzt von großer Bedeutung für die gezielte Behandlung neurologischer und psychischer Erkrankungen sei.

Über die mittlere Ebene, das Geschehen innerhalb kleinerer und größerer Zellverbände, das letztlich den Prozessen auf der obersten Ebene zugrunde liegt, wisse man noch erschreckend wenig. Völlig unbekannt sei zudem, was abläuft, wenn hundert Millionen oder gar einige Milliarden Nervenzellen miteinander „reden“.

„Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als „seine“ Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erforschen könnte. In dieser Hinsicht befinden wir uns gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern.“6

Auch die Frage, ob sich eine medikamentös induzierte Neurogenese für ursächliche Therapien von neurogenerativen Erkrankungen einsetzen lasse, könne noch nicht beantwortet werden. Hingegen habe man herausgefunden, dass im menschlichen Gehirn neuronale Prozesse und bewusst erlebte geistig-psychische Zustände aufs Engste miteinander zusammenhängen und unbewusste Prozesse bewussten in bestimmter Weise vorausgehen. Dies veranlasst die Autoren, trotz der genannten enormen Lücken, zu folgender Aussage:

„Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von uns auch empfunden werden – fügen sich also in das Naturgeschehen ein und übersteigen es nicht. Und: Geist und Bewusstsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.“7

In den nächsten 20 bis 30 Jahren könne man wiederspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, da sie auf biologischen Prozessen beruhten. Allerdings wird eine vollständige Erklärung des menschlichen Gehirns nicht erreicht. Da sich einzelne Gehirne aufgrund genetischer Unterschiede und nicht reproduzierbarer Prägungsvorgänge durch Umwelteinflüsse, individuelle Bedürfnisse und einem individuellem Wertsystem folgend organisieren. Das mache es generell unmöglich, durch Erfassen von Hirnaktivität auf die daraus resultierenden psychischen Vorgänge eines Individuums zu schließen.

Auf lange Sicht soll die Neurowissenschaft jedoch eine Theorie des Gehirns vorstellen, die auf dem Verständnis der Arbeitsweise von großen Neuronenverbänden, den Vorgängen auf der mittleren Ebene, beruhen wird:

„Dann lassen sich auch die schweren Fragen der Erkenntnistheorie angehen: nach dem Bewusstsein, der Ich-Erfahrung und dem Verhältnis von erkennendem und zu erkennendem Objekt. Denn in diesem zukünftigen Moment schickt sich unser Gehirn ernsthaft an, sich selbst zu erkennen.
Dann werden die Ergebnisse der Hirnforschung, in dem Maße, in dem sie einer breiteren Bevölkerung bewusst werden, auch zu einer Veränderung unseres Menschenbildes führen. Sie werden dualistische Erklärungsmodelle – die Trennung von Körper und Geist – zunehmend verwischen.“8

So steht nach den elf Neurowissenschaftern, was unser Bild vom Selbst betrifft, eine beträchtliche Erschütterung bevor. Diese scheint allerdings nicht grundsätzlich zu sein, wie sie abschließend bemerken:

„Selbst wenn wir irgendwann einmal sämtliche neuronalen Vorgänge aufgeklärt haben sollten, die dem Mitgefühl beim Menschen, seinem Verliebtsein oder seiner moralischen Verantwortung zugrunde liegen, so bleibt die Eigenständigkeit dieser „Innenperspektive“ dennoch erhalten. Denn auch eine Fuge von Bach verliert nichts von ihrer Faszination, wenn man genau verstanden hat, wie sie aufgebaut ist. Die Hirnforschung wird klar unterscheiden müssen, was sie sagen kann und was außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs liegt, so wie die Musikwissenschaft – um bei diesem Beispiel zu bleiben – zu Bachs Fuge Einiges zu sagen hat, zur Erklärung ihrer einzigartigen Schönheit aber schweigen muss.“9

In einem Kommentar zu den Aussagen der elf Neurowissenschafter sagt daher Wolfgang Prinz, Direktor am Max Plank-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in München:

„Was die Beziehung zwischen Gehirnprozessen und Bewusstsein betrifft, wissen wir de facto also nicht einmal, wie wir die Frage genau stellen sollen... Denn ebenso wenig wie sich Gehirnfunktionen auf Physik und Chemie reduzieren lassen, lassen sich soziale und kulturelle Phänomene auf Hirnphysiologie zurückführen.“10

2. Der freie Wille

Das hinderte Singer jedoch nicht daran, bereits mit deutschen Bundesrichtern Kontakt aufzunehmen, da angesichts der neurobiologisch erwiesenen Unfreiheit unseres Willens manche Gesetze zu überprüfen seien. Dieses Vorpreschen ist um so sonderbarer, als nach den Elf bei Bach’schen Fugen, wie schon erwähnt, die Hirnforschung nichts zu sagen habe, zumal die „Innenperspektive“ ihre Selbständigkeit bewahrt. Gehört dazu nicht auch der freie Wille, wie begrenzt er auch immer sein mag?

Tatsache ist, dass sich mit der Computerentwicklung im 20. Jahrhundert und den großen Erwartungen, die in die laufende Entwicklung des Quantencomputers gesetzt werden, der in 8 Qubits (Quantenbits) grundsätzlich alle 28 = 256 Werte gleichzeitig (in Superposition) speichern kann und nicht nur einen wie im klassischen Fall, die materialistische Position infolge von Ähnlichkeiten zwischen Denkmaschine und Gehirn gestärkt wird. Alles sei mit den Prinzipien der Nachrichteninformation zu erklären. Hirnbiologen betonen, dass dies Bewusstein, Intelligenz und Gefühlsvorgänge mit einschließt.


3. Evolution

Bei der Frage, wie sich dies alles entwickelt hat, wird auf die Darwinistische Evolutionsbiologie verwiesen. Dabei ging es Charles Darwin (1809–1882) nicht um die Frage was Leben, sondern wie Leben sei. Dieses Wie machte er in der natürlichen Zuchtwahl und Selektion der Erfolgreichsten aus. Es geht hier um den Kampf ums Dasein, um die Bedingungen, welche die Entwicklung der Arten beeinflussen, und nicht um die Entstehung des Lebens, denn dazu meinte Darwin:

„Den Keim allen Lebens“ hat „der Schöpfer“ einer oder wenigen Formen „eingehaucht.“11

Für die Nachfolger Darwins ist das allerdings nicht hinnehmbar. Ernst Haeckel (1834–1919) ist einer der Ersten, der dies als vollkommen unhaltbar zurückweist und dafür ein materielles Prinzip als Ursprung der Schöpfung hinstellt. Ist dies geschehen, sagte er, dann

„bleibt nichts anderes übrig, als eine spontane Entstehung der einfachsten Organismen, aus denen sich alle vollkommeneren durch allmähliche Umbildung entwickelten, anzunehmen, eine Selbstformung oder Selbstgestaltung der Materie zum Organismus, welche gewöhnlich Urzeugung oder Generatio spontanea (aequivoca) genannt wird.“12

So sind wir nunmehr mit der von Vertretern der Hirnphysiologie, Neurophilosophie und Evolutionstheorie vertretenen Ansicht konfrontiert, dass Leben Materie und aus Materie entstanden ist. Diese Ansicht ist heute nicht nur in Physiologie, Psychologie, Pädagogik und Verhaltenforschung, sondern bis tief in die Bevölkerung hinein verbreitet. Kein Politiker wagt es heute noch, eine Aufforderung zur Persönlichkeitsgestaltung mit Verantwortungsbewusstsein auszusprechen, weil der Einzelne als Produkt von Evolution und hirnphysiologischer Konditionierung gesehen wird.

Bezüglich Evolution ist grundsätzlich zu bemerken, dass sich nur entfalten kann, was keimhaft schon angelegt ist. Aus einer einfachen Struktur kann sich keine komplexere bilden. Daher kann sich evolutionär aus dem Stein kein Mensch entfalten.

4. Die biologische Illusion

Wie eben dargelegt, bildet in der Biologie nach wie vor der mechanistische Materialismus die Grundlage zur Erklärung des Lebens. Auch Politikwissenschaft, Sozialwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Psychologie folgen noch diesem materialistischen Denkschema, und obwohl die Physik diese Doktrin längst als unhaltbar aufgegeben hat, vertritt man zur Klärung der auftauchenden mechanistischen Lücken die Meinung, dass der Zufall die einzige Quelle der Innovation sei, wie Jacques Monod (1910–1976) sagte:

„Zufall allein ist die Quelle jeglicher Neuheit und jeder Schöpfung in der Biosphäre. Reiner Zufall, mit absoluter Freiheit, aber blind, an der Wurzel des wunderbaren Gebäudes der Evo-lution: Dieses zentrale Konzept der modernen Biologie ist nicht mehr nur eines unter an-deren möglichen oder sogar denkbaren Hypothesen. Nein, es ist heute die einzige denk-bare Hypothese, die sich mit den beobachteten und geprüften Tatsachen vereinbaren lässt. Und nichts erlaubt die Annahme (oder die Hoffnung), dass wir unsere Vorstellungen in die-sem Punkt einmal revidieren sollten oder könnten.“13

„Zwischen den Vorfällen, die einen Fehler in der Replikation der genetischen Botschaft her-vorrufen oder erlauben, und dessen funktionalen Folgen besteht vollständige Unabhängig-keit. Der funktionale Effekt hängt von der Struktur und der tatsächlichen Funktion des ver-änderten Proteins ab, von den Wechselwirkungen, die es eingeht, und den Reaktionen, die es katalysiert – alles Dinge, die nichts mit dem Vorgang der Mutation selbst zu tun haben und auch nichts mit ihren unmittelbaren oder entfernten Ursachen, ganz gleichgültig, ob jene Ursachen deterministischer Natur sind oder nicht.“14

Wie man sieht, wird hier die steuernde Information noch in den Zufall und in die Gene verlegt, als ob die Elementarteilchen, aus denen auch die Gene bestehen, Informationsträger wären.

Die Quantenmechanik hat gezeigt, dass nur Elementarteilchen (Quanten) von einem System zu einem anderen übertragen werden können. Dabei haben die Quantenobjekte – Lichtwellen, Elektronen, Protonen, Moleküle – sowohl die Eigenschaften von Wellen als auch von Teilchen. Unter Beobachtung verhalten sie sich wie Masseteilchen, allein gelassen wie Wellen. Dabei enthalten die Quantenwellen Informationen für die möglichen Ergebnisse zukünftiger Beobachtungen, wobei sie allerdings den Gesetzen der Interferenz dieser Quantenwellen gehorchen müssen. Sie diktieren nach Lothar Schäfer,

„sozusagen, was im Universum erlaubt ist und was nicht; die gesamte sichtbare Ordnung der Wirklichkeit wird durch die Interferenzen dieser Wellen bestimmt“15.

Dies obwohl die Quantenwellen selbst leer sind und weder Energie noch Masse mit sich tragen. Sie werden von einer Informationsquelle gespeist, die im nichtlokalen Bereich liegt und die augenblickliche Zustandsänderungen über weite Entfernungen im Raum nach sich zieht.

In nichtmateriellen Zu-ständen können sich nämlich die elementaren Bestandteile der Dinge wellenartig über weite Regionen der Raumzeit ausbreitenund sich ohne Zeitverzug über weite Entfernungen hinweg wirksam beeinflussen. Unverzögerte Fernwirksamkeit existiert so-wohl im räumlichen als auch im zeitlichen Bereich. Quantenobjekte sind informationsempfindlich, d. h., sie können wie ein Bewusstsein auf die Eingabe von Informationen reagieren, denn die Grundlage der materiellen Welt ist nichtmateriell, zumal die Natur der Wirk-lichkeit nichtlokal ist und das Universum eine Ganzheit bildet. Der Hintergrund des Universums ist für Schäfer daher bewusstseinsähnlich. Aus dieser Sicht sind auch die Ordnung und Komplexität, die sich in der Biosphäre entwickeln, nicht das Werk von Zufall oder Chaos und kommen auch nicht aus dem Nichts, sondern entstehen durch die Aktualisierung von virtuellen Quantenzuständen, deren Ordnung und Eigenschaften schon lange festliegen, bevor sie in Quantensprüngen Wirklichkeit werden.

Während der Begriff der Lokalität mit dem Gesetz der Einstein’schen Relativitätstheorie verbunden ist, nach der sich kein Signal im Raum schneller als mit Lichtgeschwindigkeit fortsetzen kann, was auch als Einstein’sche Trennbarkeit bezeichnet wird, kann im nichtlokalen Universum, wo der Abstand belanglos ist, etwas unmittelbar auf uns wirken.

Die weltanschaulichen Konsequenzen dieser Überlegungen sind enorm. Wenn nämlich das Universum eine Ganzheit ist, wie Menas Kafatos und Robert Nadeau16 betonen, sind auch wir Menschen und unser Bewusstsein ein Teil dieses Ganzen. Da unser Bewusstsein aus dem Ganzen hervorgegangen ist, kann man folgern, dass das Universum selbst ein Bewusstsein hat. Auf diese Weise werden wir nach Schäfer

„durch die Quantenphänomene zur Annahme eines Kosmischen Logos geführt. Weil Nichtlokalität sich nicht nur örtlich, sondern auch zeitlich ausdrückt, kann man den Schluss fassen, dass kosmisches Bewusstsein nicht nur jetzt, sondern schon immer an den Prozessen des Universums teilgenommen hat“17.

  In der Welt der gewöhnlichen Sinneswahrnehmung ist, wie vom oben erwähnten Manifest vertreten, Verursachung durch Information völlig unangebracht, weil die einzige Wirkursache, die wir kennen, energetischer Natur ist. Nun weisen aber Quantenobjekte in ihrem Verhalten Eigenschaften auf, die sonst nur bei einem sich selbst bewussten Geist angetroffen werden, nie in einem leblosen Gegenstand. Elektronen sind leblos, können aber mechanisch und ziellos auf die Eingabe von Informationen reagieren. Daraus zieht Schäfer den Schluss, dass ein geistiges Prinzip die sichtbare Ordnung des Universums bestimmt, denn ander Wurzel der physikalischen Wirklichkeit erweist sich die Natur der materiellen Dinge als nichtmateriell.

So sagte bereits Norbert Wiener (1894–1964), der Begründer der Kybernetik:

„Information ist Information, nicht Materie oder Energie. Kein Materialismus, der dies nicht zugibt, kann heutzutage noch überleben...Weder scheidet das mechanische Gehirn Gedanken aus, wie die Leber Galle ausscheidet, wie die älteren Materialisten behauptet haben, noch gibt es Gedanken in Form von Energie, so wie ein Muskel seine Leistung ausgibt.“18

Hinzu kommt noch, dass ein Elektron, das für sich leer ist und über keine Masse und Energie verfügt, anscheinend weiß, was die anderen tun. Erstaunliche Tatsache ist, dass wir keinen physikalischen Einfluss kennen, der die Vermeidung eines Atomzustandes durch ein Elektron bewirkt, der schon durch ein anderes Elektron besetzt ist. Angesichts solcher Phänomene meinte Sir Arthur Stanley Eddington (1882–1944), schon um 1930:

„Das Universum hat die Natur eines Gedankens oder einer Empfindung in einem universa-len Geist ... Krass ausgedrückt – Weltstoff ist Geiststoff. Wie das so oft mit groben Formu-lierungen passiert, muss ich dazu erläutern, dass ich hier mit ‚Geist‘ gar nicht genau Geist meine und mit ‚Stoff‘ schon gar nicht Stoff. Trotzdem ist das noch das Treffendste, womit ich an die Idee in einem einfachen Satz herankommen kann. Der Geiststoff der Welt ist natürlich etwas Allgemeineres als unser individueller, selbstbewusster Geist; aber wir kön-nen uns vorstellen, dass seine Natur den Gefühlen in unserem Bewusstsein nicht ganz fremd ist. ... Wenn man das erst akzeptiert, dann bietet die geistige Aktivität der Welt unseres eigenen Bewusstseins keinerlei Anlass mehr zu Überraschung ...
Der Geiststoff ist nicht in Raum und Zeit ausgebreitet ... Aber wir müssen annehmen, dass er auf irgendeine Weise oder in irgendeinem Aspekt in Teile getrennt werden kann. Nur hier und da erhebt er sich auf die Höhen des Bewusstseins, doch von diesen Inseln geht alles Wissen aus ...
Bewusstsein hat keine scharfe Grenze, sondern geht in Unterbewusstsein über; und jenseits davon müssen wir etwas Unbestimmtes postulieren, das dennoch unsere geistige Natur fort-setzt. Das, so nehme ich an, ist der Weltstoff.“19

Ähnliche Gedanken zu einem bewusstseinsartigen Hintergrund der Wirklichkeit äußerte zur selben Zeit auch der Astrophysiker und Mathematiker Sir James Jeans (1877–1947):

„Man kann sich das Universum am besten ... als aus einem reinen Gedanken bestehend vor-stellen, wobei wir den Gedanken woran, mangels eines umfassenderen Wortes, als den ei-nes mathematischen Denkers beschreiben müssen... Das Universum sieht immer mehr wie ein großer Gedanke aus als wie eine große Maschine. Geist erscheint nicht mehr wie ein zu-fälliger Eindringling in das Reich der Materie, sondern wir fangen an, Verdacht zu schöpfen, dass Geist Schöpfer und Herrscher im Reich der Materie ist – natürlich nicht unser eigener individueller Geist, sondern der, in dem die Atome als Gedanken existieren, aus denen un-ser eigenes Bewusstsein gewachsen ist ... Wir entdecken, dass das Universum Hinweise auf eine planende und kontrollierende Kraft offenbart, die etwas mit unserem individuellen Geist gemein hat.“20

Nicht zuletzt sei hier noch darauf verwiesen, dass der Physiker Burkhard Heim im dritten Band seiner „Einheitlichen Beschreibung der Welt“, Strukturen der physikalischen Welt und ihrer nichtmateriellen Seite21 (mit Walter Dröscher)eine zur organisatorischen Struktur der materiellen Welt komplementäre informatorische Komponente nichtmaterieller Art aufzeigt. Da es sich um eine nichtmaterielle Seite physikalischer Weltstrukturen handelt, muss dieser Prozess, nach Heim, auch im Bereich biologischen Geschehens gelten und die vierfachen Konturen des Seins in Physis, Bios, Psyche und Pneuma beherrschen. Eine empirische Betrachtung aller Lebensprozesse und ihrer zeitlichen Evolution zwingt zu dem Schluss, dass die nichtmaterielle Hintergrundsteuerung intelligent erfolgt, was immer auch die steuernde Ursache sein mag.

Schäfer verbindet diesen nichtmateriellen Hintergrund mit einem Bewusstsein des Geistes.22 Überblickt man von diesem Gesichtspunkt der Physik aus die derzeitigen Aussagen in Biologie, Politikwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftswissenschaft, Psychologie und Neurophilosophie, so ist kaum ein Ansatz auszumachen, der die angeführten Erkenntnisse der Quantenmechanik jenseits der Einstein’schen Schranke anzuwenden versucht. Dennoch finden sich im Menschen Strukturen, die eine rein materialistische Deutung nicht einzufangen vermag.

5. Lebensstruktur des Menschen

Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die Lebensstruktur des Menschen, so muss man zumindest vier Wirkqualitäten ausmachen:

Physis oder die Natur als solche,
Bios oder den lebenden Organismus,
Psyche oder die Fähigkeit zu Empfinden und Fühlen,
Pneuma oder die Fähigkeit zur Bildung von Allgemeinbegriffen bzw. der Reflexion, des Denkens, der Intuition, der Kreativität und Weisheit.

a) Physis

Physis ist das griechische Wort für die erste Bezeichnung der Materie oder des Stoffes überhaupt, die im Stoff liegende Kraft oder Entelechie, die Urkraft aller von Natur aus bestehenden Dinge, das Werden und die endgültige Gestalt des Gewordenen, das Substrat und die Struktur manifester wie latenter Ereignisse der materiellen Welt.

Aus dieser Begriffsbestimmung geht klar hervor, dass auch der Mensch Teil der Physis ist, weshalb Harmonie und Disharmonie der Physis das Wohlbefinden von Mensch, Tier, Pflanze und Natur beeinflussen. So reagiert der Mensch auf nicht adäquate Schwingungen oder auf den Mangel an Spurenelementen mit Unbehagen, Körpersymptomen, Verstimmungen, ja sogar mit Krankheit.23

b) Bios

Mit Bios, dem griechischen Wort für Leben, bezeichne ich die ureigene Kraft des Organischen, die das Grobstoffliche, die Materie, belebt und sich in seiner Grundstruktur von Materie, Psyche und Geist unterscheidet. Diese ureigene Wirkqualität des Bios fand im Wissenschaftsbereich jedoch kaum Beachtung und wird heute bei der oben genannten Deutung des Lebens als Materie nicht einmal in Erwägung gezogen. Das führt zu einer völligen Vernachlässigung der Eigenart des Bios, die sich allein schon in der  alltäglichen Erfahrung zeigt, weil die besondere Wirkung des Körperkontaktes nur durch den lebenden Organismus erfahren wird, der umso wohltuender ist, je mehr er von einem personalen Einheitsgefühl ohne Fehl und Trug sowie von einem abgestimmten Atemrhythmus getragen wird.24

c) Psyche

Das schon erwähnte Fehlen einer umfassenden Theorie der Weltstrukturen hat nicht nur dazu geführt, dass Bios ganz allgemein mit Physis gleichgesetzt wird, sondern auch, dass zwischen Psyche und Geist kaum Unterschiede gemacht werden. Dem gegenüber steht die konkrete Lebenserfahrung, dass die Psyche (griech.), die Fähigkeit zu Empfinden und Fühlen, für den Menschen von ebenso großer Bedeutung ist, wie es seine geistigen Fähigkeiten sind.

Die Eigenart des Psychischen erlebt der Mensch in einem breiten Spektrum von Gestimmtheiten. Sie werden von ihm völlig passiv erlebt, denn sie überkommen den Einzelnen. Empfindungen und Gefühle können nicht direkt hervorgerufen werden. Sie können nur indirekt über Körperlichkeit und Vorstellungsformen bis zu einem bestimmten Ausmaß abgeschwächt oder verstärkt, in der persönlichen Bedeutungsrelevanz verschoben oder ausgetauscht und in der individuellen Sinnbezogenheit geweitet oder eingeengt werden. Erlebt werden Empfindungen und Gefühle immer nur jetzt und individuell.

Aus Kulturvergleichen liegen handfeste Beweise dafür vor, dass psychische Gestimmtheiten als intraindividuelle Prozesse angeboren und universell sind. Das besagt, dass Empfindungen und Gefühle universell verstandene Ausdrucksformen sind und allgemein erlebbare Eigenschaften haben. Hierin liegt die Grundlage und Voraussetzung transkultureller Verständigung. In Begegnungen auf rein psychischer Ebene ist daher auch eine nicht verbale Verständigung möglich.25

d) Pneuma

Während sich die Psyche durch eine relative Unabhängigkeit von Physis, Bios und Pneuma auszeichnet, ist der Geist, das Pneuma (griech.), der selbständige Träger des Ichbewusstseins. Diese Selbständigkeit äußert sich vornehmlich in der Fähigkeit des Menschen, Allgemeinbegriffe zu bilden, was die Grundlage jedweder Reflexion darstellt. Im Geist besitzt der Mensch die Fähigkeit, eine immaterielle Informationswelt sowie Gedankensysteme zur Erklärung und Gestaltung der Welt und zur Beantwortung des Lebens aufzubauen. Und diese Fähigkeit des Menschen muss auch während der Perioden des Schlafes und des Komas, ja sogar während des klinisch toten Zustandes Bestand haben. Der Geist ist nur bedingt an die Körperlichkeit gebunden, ist selbst aber nichtmaterieller Struktur. Er ist die Informationszentrale des Lebens, die nicht nur denkörperlichen Stillstand, die Biostase überdauert, sondern auch die Thanatose, das Sterben und den Tod. 26

II. TOD

Was das Leben anbelangt ist man verschiedener Meinung. Keine Diskussion gibt es hingegen hinsichtlich des Todes als Ende des Lebens. Trotzdem wirft der Tod seinen Schatten tief in das Leben hinein und zwar aufgrund seiner Unausweichlichkeit, seiner Unberechenbarkeit, seiner Lebendgestaltung und seiner drängenden Frage, was kommt danach?

1. Die Unausweichlichkeit

Das normale Lebensempfinden strebt nach Beständigkeit, wird in diesem Streben aber durch die Unausweichlichkeit des Todes beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigung muss ich beheben, will ich in meiner Persönlichkeitsdynamik, in Beruf und Lebensgestaltung keine Einbußen erleben. Hier zeichnen sich zwei Wege ab. Der eine wurde bereits von dem schon erwähnten Philosophen Epikur beschrieben, für den sich die Seele mit dem Tod auflöst:

„Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten; denn die einen berührt er nicht und die anderen existieren nicht mehr.“27  

Hier gilt nur das Jetzt des Lebens. Diesen Standpunkt betonte später dann Ludwig Feuerbach in seinem Buch Das Wesen des Christen-tums (1848):

„Wer an ein ewiges Leben glaubt, dem verliert dieses Leben seinen Wert.“28

In beinahe gleichem Wortlaut äußert sich im selben Jahr auch Karl Marx:

„Die Leugnung des Jenseits bedeutet auch die Annahme des Hienie-den.“29

Doch dieses Hienieden kann bei aller Gefälligkeit den Menschen in seinen tiefsten Empfindungen nur erfüllen, wenn es den Keim des Ewigen in sichträgt, wie dies  selbst Friedrich Nietzsche im Blick auf die Vergänglichkeit des Hienieden so treffend formuliert hat:

„Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“30

Diese Sehnsucht nach dem Ewigen ist eine sog. Primäremotion, ein Grundgefühl, das in der Erbanlage des Menschen verankert ist. Diese biologische Programmierung des Gefühlsverhaltens erklärt auch, warum Menschen auf viele Reize und Vorstellungen völlig automatisch und weltweit ziemlich einheitlich reagieren. Zu den Primäremotionen gehören Ekel, Freude, Furcht, Geringschätzung, Kummer, Scham, Schmerz, Schuldgefühl, Überraschung, Zorn. Alle genannten Emotionen dienen gleich den Primärtrieben der Lebenssicherung und dem Wohlbefinden. So ist z. B. der Schmerz im körperlichen Bereich ein Alarmzeichen zum Schutz des Überlebens des Organismus, während der psychische Schmerz, gekennzeichnet durch ein Gefühl der Traurigkeit, Mutlosigkeit, Verlassenheit, Unfähigkeit und Weltverdrossenheit, ein Alarmzeichen im psychischen Bereich darstellt und im Dienst des psychischen und geistigen Überlebens steht.

Hinter all diesen Primäremotionen kristallisiert sich eine Grundemotion heraus, die ich als Ewigkeitsemotion oder Ewigkeitsempfinden bezeichne. Ruft doch jeder psychische Schmerz nach einem dauerhaften Wohlbefinden und einem dauerhaften Glücksgefühl. Daher lässt Goethe Faust beim Teufelspakt auf den Wettvorschlag Mephistos antworten:

„Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bis so schön.“31

Diese Sehnsucht nach dem Ewigen ist das tiefste und umfassendste Empfinden des Menschen, ohne das es keine dauerhafte Freude gibt. Sie bleibt auch im Blick auf den Tod bestehen. Der Mensch muss hier eine positive Antwort finden, da jedwede negative Ant-wort die Lebensdynamik einschränkt und sogar zu psychischen und psychosomatischen Störungen führen kann. Wo immer ich in mir das Ewigkeitsempfinden einschränke, verliere ich an innerer Dynamik und äußerer Strahlkraft. Da dies sogar den konkreten Le-bensvollzug stört, versucht man den inneren Druck durch Scheinewig-keiten auszugleichen, was zu den verschiedensten Ersatzhandlungen und Vorstellungen führt, die zum Teil schon zu den gesellschaftlichen Ri-tualen gehören.

Von Alter, Leid, Sterben und Tod spricht man nicht. Bis in die fort-geschrittenen Jahre ist Jugendlichkeit zur Schau zu stellen etwa durch schweißtreibendes Fitnesstraining, durch Glätten der Falten in Schönheitssalons oder Relaxen in Well-ness-Clubs. Wo die körperliche Verjüngung nicht mehr greift, wird man sich einem Bewusstseinstraining unterziehen und vielleicht sogar Bekanntschaft mit einem Ufonauten machen, um sich vor dem Tod die Entführung durch Extraterrestrische zu sichern.

Wer hingegen über all das erhaben ist und sich gänzlich dem Fort-schritt und der wissenschaftlichen Forschung verschrieben hat, wird eben Bauten oder Kunstwerke schaffen, die noch nach Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten die Städte prägen, oder er wird bedeuten-de Werke schreiben, welche die Bibliotheken, wenn schon nicht berei-chern, so doch zumindest füllen, ja vielleicht erst von der Nachwelt so richtig verstanden werden, weil jetzt „alles noch zu begrenzt“32 ist.

All diese Versuche, meine Ewigkeit in die Zeitlichkeit hereinzuholen, überzeugen nicht und behalten den Beigeschank der Selbsttäuschung. Der Tod ist nun einmal mein zeitliches Ende, dem mein Ewigkeitsempfinden aber nicht zustimmt. Dieses Empfinden verlangt die Annahme eines nichtmateriellen Personträgers, der den Tod des Körpers überdauert, und die Annahme eines Jenseits, das die tiefste Sehnsucht des Menschen zu erfüllen vermag, nämlich ewig und glücklich zu sein. Davon ist aber später die Rede.

2. Die Unberechenbarkeit

Der Tod ist für den Menschen nicht nur unausweichlich, sondern auch in Zeit und Form unberechenbar. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass wir bei aller Wissenschaft bis heute nicht wissen, was der Tod eigentlich ist. Eines können wir aber mit dem bekannten mittelalterlichen Roman des Johannes von Saaz, Der Ackermann aus Böhmen, sagen:

„Sobald ein Mensch zum Leben kommt, sogleich ist er alt genug zu sterben.“33

Der Tod gehört so sehr zum Leben, dass vermutlich alle Kultur überhaupt erst aus der Auseinandersetzung mit dem Tod entsteht. Der Tod verbindet sich mit der Sorge um das Überleben des Neugeborenen, bedrückt beim Verlust geliebter und liebenswerter Personen und ist ein Dauerbegleiter des eigenen Lebens. Wie die Erfahrung zeigt, kann der Tod tausend Formen annehmen. Wer zuviel darüber nachdenkt, wird heute bei der Kommerzialisierung des Todes rasch zu einem zahlenden Mitglied von Sterbebegleitungsorganisationen, die ein „würdevolles“ Sterben anbieten – falls gewünscht, auch durch den eigenhändig zum Mund geführten Giftbecher. Die Lebenssorge des Einzelnen interessiert dieselben dabei ebenso wenig, wie den auf der Almwiese stehenden hungrigen Ochsen das herrliche Panorama der ihn umgebenden Alpen. Wer das Leben nur beenden will, hat dem Leben nichts zu bieten.

Ohne auf weitere Details einzugehen, möchte ich in diesem Zusammenhang meine persönliche  Einstellung zum Tod nicht verbergen. Ich stehe zu meiner Natur und lasse mich von meinem Wunsch, ewig und glücklich zu sein, tragen. Dies erfordert eine umfassende Abklärung der Frage, ob der Mensch nur aus Materie besteht oder ob er einen nichtmateriellen Personträger hat. Da hier selbst der hartgesottene Materialist weder die Dimension des Menschen noch der Materie, wie wir gesehen haben, auszuloten vermag und vor allem bei der Frage der Kreativität des Menschen ins Stocken gerät, muss an mehr als nur an die Materie gedacht werden. Ja, wir sind auf der Höhe des heutigen Wissens sogar angehalten, für die materielle Welt einen nichtphysikalischen Hintergrund 34 und vor allem für den Menschen einen nichtmateriellen Personträger anzunehmen.35 Daher stirbt der Mensch beim Tod nur dem Leibe nach. In seiner geistigen Person hingegen geht er in einem kontinuierlichen Bewusstsein durch den körperlichen Tod hindurch in eine neue Seinsweise, die ihm die Möglichkeit bieten kann, ewig und glücklich zu sein.

In dieser Überzeugung, ja, persönlichen Sicherheit, nach vielen Jahren Lebenserfahrung und umfassenden Studiums, gehe ich meinem Tod hoffnungsvoll entgegen. Mehr noch, für mich ist er eine Lebenserfüllung und er soll kommen, sobald er kommt. Ich befasse mich daher weder mit Sterbehilfeangeboten noch mit der ständigen Todesdiskussion, sondern mit der vollen Gestaltung der gegebenen Lebensspanne, eingedenk der Aussage der Bibel: „Lass mich meine Tage zählen, dann bekomme ich ein weises Herz“ (Ps 90). Dieses Herz weiß, dass alles Zeitliche vergeht. Es ist daher unruhig, wie der heilige Augustinus es ausdrückt, „bis es nicht ruhet in dir“ (Conf. I, 1). Dieses Ruhen kann sich, wie wir noch sehen werden, auch schon im Jetzt ereignen.

3. Der Kulturträger

Der Tod ist nicht nur unausweichlich und unberechenbar, sondern er ist vor allem auch ein eminenter Kulturträger. Cultura ist bekanntlich ursprünglich der Ackerbau, in dem das Leben dem Tod abgerungen wird. Wenn aber das Leben stirbt, bringt es reiche Frucht (vgl. Joh 12, 24). Daher sagt  der Philosoph Jacques Derrida:

„Es gibt keine Kultur ohne den Kult der Vorfahren“.36

In diesem Kult der Vorfahren klingt noch die Bedeutung des Menschen über das Grab hinaus durch. Nicht nur der Tod gehört zum Leben, sondern auch die Toten gehören zu den Lebenden. Man beerdigt sie, pflegt die Gräber, spricht mit ihnen. Erst die spätindustriellen Gesellschaften und die moderne Wirtschaft haben diese Tradition durchbrochen. Vielleicht brechen sie damit auch die Möglichkeit der Kultur überhaupt. So wachsen im 21. Jahrhundert die Metropolen, die Großstädte und die Nekropolen; die Friedhöfe beginnen zugunsten von Landschaften, in denen die Asche anonym verstreut wird, zu schrumpfen. Die Ahnen, die Verstorbenen, die auf unterschiedliche Weise in der Gesellschaft anwesend waren und zur Dorfgemeinschaft gehörten, verschwinden zusehends; die Toten werden immer öfter anonym bestattet. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Kulturen, dass keine Toten mehr anwesend sind.

Die kirchliche Beerdigung, bei der von Schuld und Strafe, von Sünde und Erlösung gesprochen werden konnte, weicht dem unverbindlich-freundlichen vorübergehenden  Trauerredner, nach dem vermutlich nicht mehr kommt als die unauffällige, kostengünstige Entsorgung. Wenn mit dem Tod schon alles aus ist, soll man auch nicht mehr trauern, denn Trauer beeinträchtigt die Fortschrittsdynamik der Gesellschaft. Sollte der Schmerz über den Verlust einer geliebten Person doch zu groß sein, so wende man sich diskret an professionelle Trauerbegleiter, die – selbstverständlich gegen entsprechende  Gebühren – jegliche Probleme „entsorgen“. Der Kult hat hier keinen Platz mehr und die Kultur wird zum Wirtschaftereignis, wo der Mensch nur Spieler ist, solange das Spiel dauert. Wenn der Vorhang aber fällt und der Tod ihn hinwegrafft, ist sein Spiel zu Ende. Soll das Fortschritt sein, wo ich keine Heimat mehr habe?
 

III. WISSENSCHAFT, LEBEN UND TOD

Wie wir gesehen haben, ist die Wissenschaft  bei allem Bemühen nicht einmal in der Lage, die Dimension des Lebens auszuloten, ja nicht einmal den Tod als solchen zu beschreiben, geschweige denn eine Aussage über das Leben nach dem Tod zu machen. Hier ist der Glaube gefordert. Dies ist darin begründet, dass die Wissenschaft an die Immanenz gebunden ist und somit über die Transzendenz, das Jenseits des Diesseits,  keine direkten Aussagen machen kann. Sie kann weder den Beweis für ein Fortleben nach dem Tode erbringen noch kann sie beweisen, dass es kein Fortleben nach dem Tode gibt. Bei ihren Untersuchungen und Analysen sind ihr jedoch – wie dargelegt – Aussagen möglich, die man als Indizien für ein Fortleben bezeichnen kann. 

So kann heute das wissenschaftliche Bemühen zur Klärung der Frage des Fortlebens folgendermaßen zusammengefasst werden: Einen empirischen Beweis des Fortlebens gibt es nicht und kann es nicht geben, weil die Wissenschaft bei der Untersuchung des Menschen am Grabeshügel die Messgeräte abschalten muss. Allerdings haben Quantenphysik und Bewusstseinsforschung die Grenzen einer rein materiellen Deutung der vielfältigen Erscheinungen von Welt und Bewusstsein aufgezeigt. Was verbleibt, ist ein Rest von Erfahrungen, die über die körperliche Konditionierung hinausweisen und ein nichtmaterielles Substrat erfordern, das man auch als Geistseele bezeichnen kann.

Da es nun doch eine Geistseele gibt, kann daraus auch geschlossen werden, dass der Mensch den Tod seines Körpers überlebt.37

 

IV. UNGLAUBE

Der Wunsch des Menschen, ewig und glücklich zu sein, wird durch nichts mehr herausgefordert als durch den Tod. Nehme ich einen Gott an, dann darf ich auch an ein Fortleben nach dem Tode denken. Lehne ich einen Gott ab, dann muss ich auch alles Leben auf den Wandel des Materiellen zurückführen. Im Tod löst sich der Mensch dann insgesamt in andere materielle Strukturen auf.

Unglaube besagt daher in diesem Zusammenhang: Glaube, dass es keinen Gott und für den Menschen kein Fortleben nach dem Tode gibt.38 Auf derHöhe des heutigen Wissens ist allerdings anzumerken, dass es eines weitaus größeren Glaubens bedarf zu behaupten, dass es keinen Gott gibt, als dass es einen Gott gibt. Die für den Menschen grundsätzliche Unmöglichkeit, das Geschehen der Welt und des Kosmos auch nur annähernd zu erfassen und vor allem auch den Menschen in seinen vielfältigen Erscheinungsformen zu verstehen, macht das Leugnen einer hinter allem stehenden Intelligenz zu einem blinden Glauben. Dies führt dazu, dass selbst die Ungläubigen nicht eins sind und daher als Atheisten und Agnostiker in Erscheinung treten.

1. Atheisten

Die Atheisten sind der Überzeugung, dass es keinen Gott gibt und alles durch die immanenten Kräfte der Natur zu erklären sei.39 Dazu ist auch der pragmatische Atheismus zu zählen, dem sich besonders die Naturwissenschaft verschreibt, weil bei der ursächlichen Erklärung naturwissenschaftlicher Phänomene Gott kein legitimer Faktor ist. Dies ist heute etablierte wissenschaftliche Praxis. Sie hat dann ihre Berechtigung, wenn es sich um die Suche nach den inneren Ursachen der Natur handelt. Allerdings ist selbst bei dieser Form von Naturbetrachtung in Offenheit zur Kenntnis zu nehmen, dass das Erklärbare nur eine winzigen Bruchteil von Natur und Kosmos ausmacht und der Hintergrund der Welt nichtmaterieller Natur ist. So viele Fragen aber sind, wie erwähnt, rein mechanistisch grundsätzlich nicht in den Griff zu bekommen, wie allein schon das gesellschaftliche Leben der Menschen zur Neige zeigt.

Dabei kann es freilich auch geschehen, dass jemand beim Blick auf den Menschen und die Geschehnisse unter der Sonne bei aller Wissenschaft am Sinn des Lebens als solchem verzweifelt und damit auch den Glauben an Gott, den er sehnlichst wünscht, nicht teilen kann, wie der große Psychologe Sigmund Freud (1861–1939) kurz vor seinem Tode schreibt:

„Wie beneidenswert erscheinen uns, den Armen im Glauben, jene For-scher, die von der Existenz eines höchsten Wesens überzeugt sind! Für diesen großen Geist hat die Welt keine Probleme, weil er selbst alle ih-re Einrichtungen geschaffen hat. Wie umfassend, erschöpfend und endgültig sind die Lehren der Gläubigen im Vergleich mit den mühseligen, armseligen und stückhaften Erklärungsversuchen, die das Äußer-ste sind, was wir zustandebringen! Der göttliche Geist, der selbst das Ideal ethischer Vollkommenheit ist, hat den Menschen die Kenntnis dieses Ideals eingepflanzt und gleichzeitig den Drang, ihr Wesen dem Ideal anzugleichen. Sie verspüren unmittelbar, was höher und edler, und was niedriger und gemeiner ist. IhrEmpfindungsleben ist auf ihre jeweilige Distanz vom Ideal eingestellt. Es bringt ihnen hohe Befriedi-gung, wenn sie, im Perihel gleichsam, ihm näher kommen, es straft sich durch schwere Unlust, wenn sie, im Aphel, sich von ihm entfernt haben. Das ist alles so einfach und so unerschütterlich festgelegt. Wir können nur bedauern, wenn gewisse Lebenserfahrungen und Weltbeobachtungen es uns unmöglich machen, die Voraussetzung eines sol-chen höchsten Wesens anzunehmen. Als hätte die Welt der Rätsel nicht genug, wird uns die neue Aufgabe gestellt, zu verstehen, wie jene anderen den Glauben an das göttliche Wesen erwerben konnten und woher dieser Glaube seine ungeheure, Vernunft und Wissenschaft überwältigende Macht bezieht.“40

Diese negativen Lebenserfahrungen lassen hingegen den sonst so auf die Natur eingeschworenen Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) an ein Jenseits glauben, weil für ihn ohne Fortleben eine letzte Gerechtigkeit nicht denkbar ist.

„Hätte ich auch keinen anderen Beweis für die Immortalität der Seele als den Triumph des Bösen und die Unterdrückung des Gerechten in dieser Welt, so würde mich schon dies allein von jedem Zweifel zurückhalten.“41

Solche Empfindungen werden jedoch von der sog. exakten empirischen Wissenschaft als unwissenschaftlich abgetan. Denn bei einer einheitlichen Theorie, so argumentiert man,  bei der mit mathematischen Formeln alles vorhergesagt werden könnte, bliebe kaum Platz für einen Gott, weil sich alles logisch erklären ließe, freilich nur im Innenraum des Systems. Der Ursprung des Systems, selbst wenn es in sich stimmig ist, kann nicht das System selber sein.

Doch auch wenn es einmal gelingen sollte, eine einheitliche Theorie zu entwickeln, die eine Beschreibung der Ereignisse des Universums ermöglichen würde, wäre damit nicht auch schon das Verhalten des Menschen in mathematische Formeln zu binden. Ja, selbst wenn einmal geklärt werden sollte, „wie“ das Universum und die Menschen in ihm funktionieren, bleibt immer noch die eine Frage, „warum“ alles so ist, wie es ist. Schließlich tragen die Elementarteilchen, die Bausteine der erfahrbaren Welt, weder Information noch Energie noch Materie, sondern sind nur informationsempfänglich, weshalb nach dem Hintergrund des Messbaren gefragt werden muss, der intellektueller Natur ist.

2. Agnostiker

Der Agnostizismus (griech. agnoscein, „nicht wissen“) oder die Haltung des „ich weiß es nicht“ lehnt Gott nicht direkt ab, sondern behauptet vielmehr, dass Gott mit den Mitteln menschlicher Vernunft nicht erkennbar sei (intelligibler Agnostizismus) oder dass für die Annahme eines Gottes nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten die Beweise fehlten (szientistischer Agnostizismus). Der Agnostizismus bestreitet also nicht die Möglichkeit der Existenz transzendenter Wesen oder Prinzipien, sondern nur deren Nicht-Erkennbarkeit. Er ist somit sowohl mit Theismus als auch mit Atheismus vereinbar, da der Glaube an Gott möglich ist, selbst wenn man die Möglichkeit der rationalen Erkenntnis Gottes verneint.

Der intelligible Agnostizismus ist zudem noch in einen schwachen und einen harten gespalten. Der schwache Agnostizismus sagt nur, dass Gott möglicherweise nicht oder noch nicht erkennbar sei, der starke hingegen, dass Gott mit den Mitteln der menschlichen Vernunft prinzipiell nicht erkennbar sei. Dass Gott nicht direkt erkennbar ist, liegt auf der Hand.
 
Davon unabhängig ist die Frage „Glauben Sie an einen Gott?“ Diese ist auch von einem Agnostiker mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortbar. Wer hier stets in der Entscheidungsoffenheit bleibt, stellt sich immer auch selbst in Frage und unterbindet die Antwort auf seine tiefste Sehnsucht, ewig und glücklich zu sein. Dies sagte selbst Einstein 1932 bei einer Tonbandaufnahme zu Glaube und Unglaube:

„Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unsern Geist Unerreichbares verborgen bleibt, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös.“42

V. GLAUBE

Ewig und glücklich zu sein, ist für den Menschen in diesem Leben grundsätzlich nicht erreichbar. Dazu braucht es das Fortleben nach dem Tode und ein Jenseits, das die tiefste Sehnsucht des Lebens erfüllen kann. Diese innere Gestimmtheit ist es, die den Menschen an Gott glauben macht. Dabei spielt die Erkenntnis der Undurchschaubarkeit der Struktur und des Lebens in Kosmos und Mensch nur eine bedingte Rolle, am wenigsten, dass ich Gott nicht erkenne. Würde ich Gott erkennen, wäre er nicht mehr Gott, sondern eine Gestalt nach dem Maß des Menschen.

Nicht meine Lebensbegrenzung in Leistung und Denken führen mich zum Glauben, sondern die Begrenzung meines Lebens durch den Tod, die mich in meiner Persönlichkeitsdynamik unerträglich beschneidet. Ich kann zwar nach Ersatzmodellen suchen, etwa in der Erinnerung meiner Nachkommenschaft, im Fortbestand meiner Werke oder meines Namens, ich selbst bleibe dabei aber auf der Strecke. Diesen Gedanken werde ich nicht los und muss mir in persönlicher Offenheit sogar sagen, dass ich mich selbst betrüge, wenn ich solch zeitliche Erinnerungen zu meinem Fortleben machte.

Mit dem Glauben an Gott, verbunden mit dem Bewusstsein eines nichtmateriellen Personträgers, öffne ich mir die Pforte zum Jenseits, das mich ewig und glücklich machen soll. Dieser Einstieg in das Jenseits führt mich unweigerlich zum Ausschauhalten nach Berichten über dieses Jenseits und somit zum Studium der einzelnen Religionen, die sich mit dem Jenseits und der Stellung des Menschen zu Gott befassen. Als kritischer Geist werde ich mich zumindest mit den bekanntesten Religionen auseinandersetzen: Hinduismus, Buddhismus (im Grunde keine Religion, sondern vielmehr eine Lebensweisheit), Konfuzianismus und Taoismus, Judentum, Christentum und Islam.

1. Hinduismus

Im Hinduismus steht am Anfang der Welt als oberster Gott das brahman. In der Welt selbst stehen sich von Anfang an zwei Sphären gegenüber, die von keiner weiteren Instanz abhängen, nämlich die Geistperson, puruscha, und die selbständige Natur, prakriti. Der Geistpersonkommt Bewusstsein zu, sie kann also etwas erfahren, ist aber handlungsunfähig. Die selbständige Natur ist als „Schoß aller Wesen“ tätig und produktiv, hat aber kein Bewusstsein und ist daher unerfahren. Sie erhält die Erfahrung nur in Verbindung mit der Geistperson, indem diese zu einer im Körper weilenden Seele, zu einem Selbst, wird. Die Befreiung aus dieser Verbindung mit der Natur erreicht die Geistperson nur, wenn sie erkennt, dass sie fälschlicherweise die Aktivität der Natur in Form eines „Ich“ angenommen hat.
 Wird die Natur einem Gott zugeordnet, so wird sie durch seinen Einfluss dazu gebracht, die Welt aus sich hervorgehen zu lassen. Dabei entstehen als Teile des göttlichen Bewusstseins die einzelnen Seelen, puruscha, jiva oder atman genannt. Doch selbst wenn die Seele als Teil des göttlichen Bewusstseins bezeichnet wird, muss sie aufgrund ihrer Gebundenheit an die Früchte ihrer Taten (karman) bis zur Erlangung der erlösenden Erkenntnis in einen Körper eingehen. Diese Erkenntnis besteht darin, dass die genannten Früchte nicht mehr mit der Handlungsstruktur der Natur identisch sind, sondern die Bewusstseinsstruktur Gottes teilen. Zu diesem Teilen der Bewusstseinsstruktur Gottes durch die stufenweise Loslösung von den Früchten der Taten gelangt die Seele durch eine größere oder kleiner Anzahl von Wiedergeburten, je nachdem ihre positiven Taten in der einzelnen Wiedergeburt anwachsen.

Bei dieser Wanderung von der einen zur anderen Existenz zieht die Seele mit einem feinstofflichen Körper aus dem sterbenden grobstofflichen Körper aus und geht in einen neuen Körper ein. Die Ursache dieser Wanderung ist die Haltung des Geistes. Hängt er sich an die Sinnenwelt, wird er zum Sklaven. Befreit er sich davon, wird ihm Erlösung zuteil.

Die Erlösung kann stufenweise auf dem Weg der Wiedergeburt erfolgen oder durch einen direkten Bezug zu einer Gottheit oder Göttin in der Todesstunde, wo die Bindung des Geistes an das Leben offenbar und seine weitere Lebensform bestimmt wird.

Die eigentliche Erlösung erfolgt nach der vollkommenen Befreiung des Geistes von der Bindung an die Natur und besteht im Aufgehen in das Unpersönliche, in das sog. Brahman-nirwana. Diejenigen hingegen, welche sich in glaubensvoller Ergebenheit und Gottesliebe (bhakti) der Gnade des Weltenherren anvertrauen, gelangen nach dem Tode zu ihm – ob, um sich mit ihm zu verschmelzen oder als individuelle Geistwesen bei ihm zu weilen, bleibt offen.43

2. Buddhismus

Der Buddhismus kennt kein höchstes Wesen und auch keine Seele, sondern konzentriert sich auf die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt, dem samsāra, durch einen achtgliederigen  Meditationsweg der Selbsterlösung ohne Gott und ist daher eigentlich nicht als Religion zu bezeichnen, sondern als Lebensweisheit, wenngleich letztlich doch das Nirwana, die zeitlose Glückseligkeit, das Ziel ist.
Bei aller Abgrenzung zum Opferritus der Brahmanen und der Lehre der Upanishaden hielt Buddha an der Lehre von Karma und Wiedergeburt fest. Die Wiedergeburt ist jedoch keine „Seelenwanderung“ durch die Geburten, sondern ein unpersönlicher Prozess, dessen Beginn unbekannt ist. Hervorgerufen wird die Wiedergeburt durch den Durst nach Werden, der karmisch bedingt ist. Das Karma als Qualität des Denkens, Redens und Handelns bestimmt auch die Art der Wiedergeburt. In diesem Geburtenkreis werden die Wesen von den drei Wurzeln des Unheilsamen festgehalten, nämlich von Gier, Hass und Verblendung.

So werden jene Wesen wiedergeboren, die beim Zerfall des Körpers nach dem Tode in der Höllenwelt auftauchen. Diese befindet sich unter dem Kontinent und besteht aus acht heißen Höllen mit jeweils sechs Nebenhöllen und auch kalten Höllen. Sie liegen in der untersten Sphäre der vertikal geteilten Welt, in der Welt des Verlangens. In diesen Höllen, in denen Tiere, Hungergeister, Menschen und sechs Götterklassen wohnen, werden die Lebewesen entsprechend den von ihnen begangenen schlechten Taten wiedergeboren.

Durch die Wiedergeburt bekommt das Wesen die Möglichkeit, durch gute Werke die schlechten Taten zu mindern und sich dem guten Weg zu nähern. Sobald dann beim Zerfall des Körpers nach dem Tode ein Wesen auf guter Fährte in der Himmelswelt auftaucht, geht es in das Nirwana ein.

Von Wesen ist hier deshalb zu sprechen, weil der Träger der Wiedergeburt nicht die Seele, das Selbst oder das Ich ist, die es nicht gibt, sondern fünf „Daseinsgruppen“, die sich jeweils  bilden und wieder vergehen. Nach der nördlichen Schule ist ein Zwischenwesen und nach der südlichen Schule die Person als Substrat Träger des karmischen Prozesses zwischen dem Dasein nach dem Tode bis zum Augenblick der Wiedergeburt. Da es keine unvergängliche Seele und kein ewiges Ich gibt, kann auch nicht von einem Fortbestand der Person im Jenseits gesprochen werden.

 Das Ende des Leidens, der Wiedergeburten, bildet der Eintritt in das Nirwana, das als der höchste Friede, das Ungewordene und die Todlosigkeit beschrieben wird.44

3. Konfuzianismus und Taoismus

Konfuzius und seine Schüler haben die rund 5000 Jahre alte religiöse chinesische Kultur mit der Ahnenverehrung und den damit verbunden Riten über-nommen, ohne sie näher philosophisch auszubauen. Nach dem Tode wird der Leichnam in Erde verwandelt, während die Lebenskraft, das geistige Prinzip im Menschen, zum Himmel zurückkehrt. Dieses Geistige hat der Mensch in seinem Erdenleben zu pflegen und nach dem himmlischen Vorbild zu entwickeln, um zur Vollkommenheit oder zum höchsten Gut zu gelangen. Die Geister der Verstorbenen, die Ahnen, nehmen Anteil am Leben der Hinterbliebenen, und können als Vermittler um Hilfe angerufen werden.45

Lao-tse, einer der (vielleicht legendärsten) Grundgestalten des Taoimus, sieht in allen Dingen den Wandel im Unterschied zum Tao, dem höchsten unveränderlichen Prinzip allen Daseins, ja der ganzen Weltordnung. Das Tao ist als Urgrund in seiner Vollkommenheit unkörperlich, geistig und unveränderlich. Will der Mensch diesen Urgrund, von dem er gekommen ist, erreichen, so muss er alles Sinnliche, Materielle, körperlich Tätige an sich abstreifen und durch das Nicht-Tätigsein von der Unvergänglichkeit erfasst werden. In dieser Unvergänglichkeit erfährt der Mensch seine Vollendung und Glückseligkeit. Nach dem Tode führt er körperlos sein Leben in Gemeinschaft mit dem Tao fort.46

4. Judentum

Das Zentrum des Glaubens im Judentum ist der eine und einzige Gott. Er hat die Welt und den Menschen geschaffen. Zur Zeit König Davids (1000 v. Chr.) glaubten die Israeliten, dass die Toten in die Unterwelt steigen würden, die für die Schuldigen zur wahren Hölle werden könne (1 Kön 2, 6). Im Laufe der Zeit bildeten sich dann zwei verschiedene Lehrmeinungen über das Fortleben nach dem Tode heraus. Die eine (Pharisäer) vertritt die Unsterblichkeit der Seele vom Zeitpunkt des Todes an, die andere (Sadduzäer) betont den Tod von Leib und Seele zum Zeitpunkt des Todes und die Auferstehung der Toten in messianischer Zeit. Dieser Unterschied setzt sich heute zwischen dem orthodoxen und, in modifizierter Form, dem progressiven Judentum fort.

Das orthodoxe Judentum hält am Glauben der Unsterblichkeit der Seele und der Auferstehung des Leibes in messianischer Zeit fest. Das progressive Judentum prägte den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele ohne Auferstehung des Leibes.

Was nun den Zustand der Seele im Jenseits betrifft, so gab es im Judentum nie eine eindeutige Vorstellung. Nach dem orthodoxen Judentum werden die Verdienste oder Fehler des Menschen in seinem Erdenleben im Jenseits entsprechend vergolten. Das progressive Judentum sieht das Jenseits außerhalb unseres Verstehenshorizontes und das dortige Leben nach dem Tode nicht zwangsläufig begehrenswerter als das Leben auf Erden. Daher sei es besser, sich auf die Verdienste des konkreten Lebens zu konzentrieren und dieses vollständig zu nutzen.

Schließlich ist dem religiösen Judentum die Lehre der Wiederverkörperung (Gilgul) wohlbekannt. Vor allem für die chassidischen Juden ist der Glaube an die Reinkarnation ein zentrales Element ihres religiösen Lebens.47

5. Christentum

Im Zentrum des Christentums steht der Glaube an den Dreifaltigen Gott. Das Fortleben nach dem Tode gründet sich ganz auf den Bericht über die leibliche Auferstehung Jesu und dessen Botschaft vom Reich Gottes. Der Mensch stirbt nur dem Körper nach, in seinem Personkern geht er in einem kontinuierlichen Bewusstsein durch den Tod hindurch, eingedenk der Worte Jesu an den rechten Schächer: „Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein.“ Der Mensch lebt also nach dem Tode in seinem Personkern, in seiner unsterblichen Seele fort, bis am Jüngsten Tag auch sein Leib zur Auferstehung geführt wird und sich mit der Seele zur ureigenen Person vereint.

Der Eintritt in das jenseitige Leben ist mit einer Beurteilung verbunden. Wer vollkommen ist, geht ein in die Seligkeit des Himmels; wer noch nicht vollkommen ist, kommt zur letzten Vervollkommnung in das Fegefeuer, und wer Gott ablehnt und bei dieser Ablehnung bleibt, schließt sich selbst von Gott aus und verbleibt in der Gottferne, in der Hölle.

Diese Beurteilung ist zugleich Aufforderung an den Menschen, sein Erdenleben durch persönliche Vervollkommnung entsprechend zu gestalten. Dies erfolgt vornehmlich durch die Befolgung der Gebote, die da lauten: „Du sollt den Herrn Deinen Gott lieben, aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte.“ Das Zweite ist diesem gleich:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12, 31; Lev 19, 18).

Hier kommt noch hinzu, dass durch die eigene Tätigkeit allein, ohne die Einheit mit Christus in der Gnade, die innere Vervollkommnung nicht greift. Durch die Gnade, die der Mensch erstmals in der Taufe empfängt, trägt er schon in der Jetztzeit das Ewige in sich, das in der Liebesgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott besteht:

„Wir werden zu Ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 23),

nämlich der Vater, der Sohn und der Hl. Geist. So steht in der Präfation der katholischen Totenliturgie:

„Den Deinen wird das Leben nicht genommen, sondern nur gewandelt, und wenn diese irdische Pilgerschaft zerfällt, wird ihnen im Himmel eine neue Wohnung bereitet.“

In dieser Verbundenheit mit Christus durch die Gnade bleibt der Verstorbene nicht nur in Verbindung mit Gott, sondern auch mit jedem Menschen in der Gnade. So gibt es im mystischen Leib Christi, der Gemeinschaft der Menschen mit Christus, keinen Unterschied zwischen Lebenden und Toten. Deshalb können auch die Lebenden mit den Verstorbenen und die Verstorbenen mit den Lebenden in Verbindung stehen und gegenseitig für einander Fürbitten einlegen. Die letzte Vollendung erfährt der Verstorbene im Himmel. Einzelheiten darüber werden im Christentum allerdings nicht genannt. Es muss jedenfalls eine persönliche Erfüllung sein, die ein volles Glücksempfinden beinhaltet.

Eine Wiedergeburt im Sinne einer Wiederverkörperung auf dieser Welt ist dem Christentum fremd.48

6. Islam

Im Zentrum des Islam steht der Glaube an den einen Gott, Allah, der die Welt erschaffen und den Menschen das Leben gegeben hat.

Die Welt besteht aus Erde, Himmel und Hölle.
Der Mensch besteht aus Leib und Seele.

Die Seele ist unsterblich. Sie tritt nach dem Tode in das Stadium ein, das barzakh (Grenze) genannt wird und den Zeitraum vom Tod bis zur Auferstehung umfasst. In diesem Reich der Toten, ähnlich dem Hades der Griechen, seien für das Grab des Ungläubigen 99 Schlangen bestimmt, die ihn bis zum Tag der Auferstehung beißen, während die muslimischen Gläubigen ungestört in ihren Gräbern ruhen sollen. Diese Seelen der Gläubigen werden in drei Klassen eingeteilt:

a) die Seelen der Prophe-ten, die unmittelbar nach dem Tode in das Paradies eingehen;
b)die Seelen der Märtyrer, die nach den Traditionen Muhammads in den Kröpfen grüner Vögel, die sich von den Früch-ten des Paradieses nähren und das Wasser des Paradieses trinken, die Auferstehung erwar-ten;
c)die Seelen aller anderen Gläubigen. Über ihren Status herrscht große Uneinigkeit unter den Gelehrten. Einige sagen, dass sie für die Dauer von sieben Tagen – oder auch während der gesamten Zeit bis zur Auferstehung – in der Nähe ihrer Gräber bleiben.

Die Lebenden sind aufgerufen, für die Toten zu beten, um ihren Rang im Paradies zu erhöhen, und die Gräber zu besuchen, damit sie sich an den Tod erinnern.

Am Tag der Auferstehung, auch Tag der Trennung und des Gerichtes genannt, der nur Gott bekannt ist, wird der Körper wiederhergestellt und mit der Seele vereinigt. Dies geschieht dadurch, dass die „Wurzel des Körpers“, der untere Abschnitt der Wirbelsäule, der nicht verwest, dem zukünftigen Körper als Samen dient. Als Erster wird Muhammad auferstehen.

An diesem letzten Tag, der nach symbolischen Angaben auch Tausende von Jahren dauern kann, wird die Menschheit in drei Klassen eingeteilt: die Gläubigen, die wenig Gutes getan haben, sie gehen zu Fuß; die Gläubigen, die bei Gott größere Ehre eingelegt haben, sie reiten; die Ungläubigen, sie kriechen auf dem Bauch.

Der Ort der Auferstehung ist die Erde. Sobald sich die gesamte Menschheit am Gerichtsort versammelt hat, wird sie von Engeln nach Rang und Verdienst geordnet. In dieser Ordnung wartet die Versammlung dann auf das Gericht. Während dieser Wartezeit, die Tausende von Jahren dauern kann, erleiden die Einzelnen, je nach ihrer einstigen Lebenshaltung große Qualen. Am Ende der Wartezeit erscheint Gott und liest aus den Büchern der Taten die guten und schlechten Handlungen eines jeden Menschen vor, die dessen Schutzengel aufgezeichnet hat. Dann wird ein jeder befragt. Nach der Befragung werden die Taten und Worte gewichtet und gegeneinander aufgerechnet. Am Ende wird jeder zur ewigen Seligkeit oder zur Höllenstrafe verurteilt.

Der Ort der Glückseligkeit, das Paradies, umfasst acht verschiedene Stufen des Friedens und der Freude. Ebenso hat die Hölle sieben Abteilungen.

Eine Seelenwanderung gibt es im Islam nicht.49

7. Religionsfreiheit

Bei all dieser Vielfalt der Beschreibung des Fortlebens nach den angeführten Religionen lassen sich folgende Gemeinsamkeiten ausmachen: Der Mensch überlebt als unsterbliche Seele den Tod, mit Ausnahme im Buddhismus, der keine Seele kennt; die gute Lebenshaltung wird belohnt, durch Erlösung vom Alltag des Erdenlebens und durch den Eintritt in das Nirwana oder das Paradies. Die böse Lebenshaltung wird bestraft durch den Zwang der Wiedergeburt oder die Qualen der Hölle. Hinzu kommen noch das Gebet um Gnade und das Gebet für die Verstorbenen.

Glaube und Wahl der Religionsgemeinschaft gehören zu den Freiheitsrechten des Menschen, was das II. Vatikanische Konzil im Dekret Dignitas humana vom 7.12.1965 festgelegt, als ursprüngliches Recht der menschlichen Person anerkannt und dieses Recht als ein verbindliches Element jeder staatlichen Ordnung vorgestellt hat.

Dem Einzelnen steht es also frei, zu glauben oder nicht zu glauben, sich für eine Religion zu entscheiden oder sich selbst eine eigene Religion zu erstellen, und zwar sowohl für den Unglauben als für den Glauben. Eines ist dem Menschen jedoch nicht gegeben, sich selber zu erlösen.

Für mich ist entscheidend, dass der Mensch in einem kontinuierlichen Bewusstsein durch den Tod hindurchgeht, sich der Verantwortung seines Lebens stellt und in die Liebesgemeinschaft Gottes aufgenommen wird. Hier sind die Auferstehung Christi und seine Botschaft von der Gemeinschaft der Heiligen mit ihm und mit Gott mit Abstand das Hoffnungsvollste. Christi Auferstehung von den Toten ist der unübertroffene Garant dafür.
 

VI. SCHLUSSBEMERKUNG

Die oben gemachten Ausführungen möchte ich zusammenfassend für den konkreten Lebensvollzug in folgende Reime gießen:
Senk Dich ganz ins Ich hinein,

Im Selbst nur kannst Du glücklich sein!
Im ew’gen Grund, der in Dir ruht,
Nicht Rampenlicht, nicht Erdengut.
Allein in Deinem Seelengrund
Tut sich Dir das Ew’ge kund,
Das im Glauben sich erfüllt,
Wo Gott die tiefste Sehnsucht stillt.


Anmerkungen:

1 Roederer, Juan G.: Information and its Role in Nature (2005).
2 Aristoteles: Über die Seele (1995).
3 Ebd., III. Buch, 430a.
4 Diels, Hermann: Die Fragmente der Vorsokratiker (1963), Fragment 74.
5 Das Manifest. In: Gehirn & Geist (2004) 6, S. 30.
6 Ebd., S. 32.
7 Ebd., S. 33.
8 Ebd., S. 37.
9 Ebd.
10 Ebd., S. 32.
11 Darwin, Charles: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl (1859; 2004, S. 678.
12 Haeckel, Ernst: Generelle Morphologie der Organismen (1988), S. 90.
13 Monod, Jacques: Chance and Necessity (1972), S. 110; ders.: Zufall und Notwendigkeit (61983).
14 Monod, Jacques: Zufall und Notwendigkeit (61983), S. 111.
15 Schäfer, Lothar: Versteckte Wirklichkeit (2004), S. 47.
16 Kafatos, Menas C.: The Conscious Universe (22000).
17 Schäfer, Lothar: Versteckte Wirklichkeit (2004), S. 60.
18 Wiener, Norbert: Cybernetics (21961), S. 61.
19 Eddington, Arthur Stanley: The Philosophy of Physical Science (1939), S. 151; ders.: The Nature of the Physical World (1929, S. 276).
20 Jeans, James: The Mysterious Universe (1931), S. 146, 158; dt.: Der Weltenraum und seine Rätsel (1931).
21 Heim, Burkhard: Strukturen der physikalischen Welt und ihrer nichtmateriellen Seite (22007).
22 Schäfer, Lothar: Versteckte Wirklichkeit (2004).
23 Resch, Andreas: Physis. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 1, 29 – 56.
24 Resch, Andreas: Bios. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 2, 73 – 88.
25 Resch, Andreas: Psyche. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 3, 191– 205.
26 Resch, Andreas: Pneuma. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 4, 234 – 253.
27 Epikur: Von der Überwindung der Furcht (1949), S. 46.
28 Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentum (1848), zit. Nach H. Reller (Hg.): Handbuch der religiösen Gemeinschaften (1979), S. 575.
29 Marx, Karl: Pages choisies pur une éthique socialiste (1948), zit. Nach H. Reller (Hg.): Handbuch der religiösen Gemeinschaften (1979), . 575.
30 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra (1931), S. 315.
31 Goethe, Johann W. von: Werke in sechs Bänden (1910), Bd. 1, S. 268.
32 Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung (1912), S. XV.
33 Thomas Mache: „Heideggers Todesbegriff“ (1989), S. 37– 47, S. 45.
34 Schäfer, Lothar: Versteckte Wirklichkeit (2004); Heim, Burkhard: Strukturen der physikalischen Welt und ihrer nichtmateriellen Seite (2007).
35 Resch, Andreas: Fortleben (2004).
36 Derrida, Jacques: Aporien (1998), S. 77.
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42 Einstein 1879–1979, Ausstellung (1979), S. 48.
43 Upanishaden (101977). Hinduismus. In: Andreas Resch: Fortleben (2004), S. 82–86; Bagavadgita (2000).
44 Samyutta-Nikaya (1990); Buddhismus. In: Andreas Resch: Fortleben (2004), S. 87–92.
45 Oldstone-Moore, Jennifer: Konfuzianismus (2005); Konfuzianismus. In: Andreas Resch: Fortleben (2004), S. 93–95.
46 Laotse: Tao te king (2005); Lao-tse. In: Andreas Resch: Fortleben (2004), S. 95–97.
47 Das Alte Testament (1980); Judentum. In: Andreas Resch: Fortleben (2004), S. 98–104; Hoffmann, Christhard: Juden und Judentum (2007).
48 Das Neue Testament (1980); Christentum. In: Andreas Resch: Fortleben (2004), S. 105–130.
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