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A. Resch

Andreas Resch: Das Unsterblichkeitsproblem

Andreas Resch: Das Unsterblichkeitsproblem

Andreas Resch

Das Unsterblichkeitsproblem

Inhalt
1. Ist d. Mensch nur Materie?
2. Evolution und Zufall
3. Behaviorismus
4. Naturphilos. Aussagen
  a) Raumphilosophie
  b) Experimente v. Zöllner
  c) Mehr Dimensionen
5. Mathematik
  a) Kopenhag. Deutung
   b) Synthetische Theorie
6. Bewusstsein
7. Postmortale Persona

In dem zweibändigen Werk "Das Unsterblichkeitsproblem" 1, das als Doktorarbeit angenommen wurde, fasst Gerda Lier die Argumente für und gegen die Unsterblichkeit des Menschen, angefangen von der Physik bis hin zur Mystik, zusammen. Die Autorin hat dafür Jahre hindurch Aussagen aus Wissenschaft, Forschung und Lebenserfahrung gesammelt und zum umfassendsten Werk zusammengefügt, das zu diesem Thema zurzeit auf dem Markt ist. Von schwerer Krankheit getroffen, konnte sie mit letzter Kraft ihre Arbeit noch verteidigen, deren Veröffentlichung aber nicht mehr erleben. Gerda Lier starb am 19. November 2009. Da sie ihre Arbeit nicht mehr persönlich vorstellen kann, möchte ich in diesem Beitrag, in Würdigung ihrer außerordentlichen Sichtung der verschiedenen Standpunkte für und gegen die Unsterblichkeit des Menschen, die wesentlichsten Aussagen der einzelnen Theorien zusammenfassen.


1. Ist der Mensch nur Materie oder auch Geist?

Ist das Wesen des Menschen nicht-physikalischer Natur und unterliegt daher nicht dem Verfall oder ist der Mensch ein rein biologisches Wesen und somit vergänglich wie alles Materielle?
Als historische Befürworter der nicht-physikalischen Natur des Menschen nennt Lier den Philosophen Platon (427– 347 v. Chr.), den Begründer der griechischen Philosophie, und Plotin (204 – 270 n. Chr.), den Hauptvertreter des Neuplatonismus.2
Für Platon ist das eigentliche und wahre Wesen des Menschen, seine Seele, nicht in der sinnlich wahrnehmbaren physischen Welt beheimatet, sondern in der transzendenten Welt der Ideen, von der die gesamte physische Welt abhängt. Die Seele ist ein nicht zusammengesetztes und einfaches, unsichtbares, unsterbliches Wesen, das über den Leib herrscht und in das Reich des mit ihr gleichartigen Unsichtbaren, des Göttlichen und Unsterblichen eingeht, wenn es sich in reinem Zustand vom Körper trennt.

Nach Plotin ist die Seele "der Urbeginn der Bewegung und verleiht erst allem anderen Bewegung, während sie selbst sich aus sich selber bewegt; sie gibt dem beseelten Leib erst das Leben, welches sie selbst von sich aus hat und niemals verliert, da sie's von sich selber hat. Denn nicht alles kann ein nachträglich hinzutretendes Leben haben, sonst geht die Reihe ins Unendliche". Daher muss es "eine Wesenheit geben, die ursprünglich lebt, welche mit Notwendigkeit unvergänglich, unsterblich sein muss, da sie für die andern der Urgrund des Lebens ist" 3.

Diese Ansicht ist in letzter Zeit unter bedeutenden Physikern, wie die weiteren Darlegungen zeigen, wiederum zunehmend auf Interesse gestoßen. Bekanntlich wurde die Vorstellung einer nicht-materiellen Steuerung von den Naturwissenschaften in den letzten Jahrhunderten als überholt angesehen, zumal bis in die Gegenwart folgende fünf Grundwahrheiten dominierten:

– Es existiert nur die uns bekannte raumzeitliche Welt; Hinweise auf bzw. Belege für andere Dimensionen und Realitätsebenen sind nicht vorhanden.
– Die Faktizität des Evolutionsprozesses befürwortet den Schluss, dass die Lebewesen ohne Absicht und Plan ausschließlich durch rein mecha­nistisch-materialistische Prozesse entstanden sind.
– Für die Existenz eines transzendenten Urgrundes der Welt und transzendenter Entitäten gibt es keine vernünftigen Argumente.
– Das Bewusstsein ist ein Produkt des Gehirns und es gibt keine Belege dafür, dass es wie ein Transmitter für ein eigenständiges Bewusstsein wirke. Ebenso wenig gibt es Belege für eine Trennbarkeit des Bewusstseins vom physischen Körper und für eine postmortale Kontinuität des Bewusstseins.
– Schließlich hat die Aufklärung gezeigt, dass die Annahme einer unsterbli­chen Seele irrational ist.4

Diese Zurückweisung der Unsterblichkeitshypothese lässt sich darauf zurückführen, dass die genannten Grundannahmen im Verlauf des 20. Jahrhunderts allgemein akzeptiert wurden. Die Entwicklung dieser Annahmen begann mit dem spezifischen Gedanken eines René Descartes (1596 –1650), dass die physischen Körper der Lebewesen für sich und aus sich selbst heraus zu existieren vermögen und somit keines Lebens-, Organisations-, Wahrnehmungs- und Bewegungsprinzips bedürften. Sie sollten also fähig sein, ohne Seelen zu existieren, auch die menschlichen Körper. Die geistige Substanz, die Seele, könne keineswegs aus den bewegenden Kräften der Materie abgeleitet werden. Sie sei daher vollkommen unabhängig vom Leib und somit unzerstörbar.5
Diese These beurteilte der Staats- und Sozialphilosoph Thomas Hobbes (1588 –1679) als selbstwidersprüchlich und so entwickelte er, unter Bezugnahme auf Descartes, das erste in sich geschlossene neuzeitliche materialistische System, beschränkt auf den dreidimensionalen Raum. Der Glaube an ein Weiterleben der Seele nach dem Tode sei nichts anderes als ein heidnischesRelikt. Dennoch hielt Hobbes an der Lehre der Kirche fest, nach der Gott die Gläubigen beim Jüngsten Gericht als strahlende Geist-Körper auferstehen lasse, denn:

"Kann nicht Gott, der durch sein Wort den unbeseelten Staub und Lehm als lebendiges Wesen aufstehen ließ, ebenso leicht einen toten Kadaver aufs Neue zum Leben erwecken?" 6

Diesen Widerspruch sieht Lier darin begründet, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts viele philosophische Werke nur anonym oder postum veröffentlich werden konnten. Schließlich wurde das 1559 eingeführte Bücherverbot erst 1965 bzw. 1966 von Paul vi. abgeschafft. Dieses Verbot betraf auch die Werke von Baruch de Spinoza (1632 –1677), für den der Staat vor allem die Freiheit zu schützen habe. Auch für ihn gibt es nur eine Substanz, allerdings nicht die wahrnehmbare Materie der physischen Körper, sondern die unteilbare, ewige und unbeschränkte Substanz. Sie setzt er mit Gott und der hervorbringenden Natur, nicht aber mit der hervorgebrachten Natur gleich:

"In Gott gibt es notwendig eine Idee, die die Wesenheit dieses und jenes menschlichen Körpers unter einer Art Ewigkeit ausdrückt." 7

Zu dieser Auffassung kam er aus eigener Erfahrung, zumal "wir empfinden und erfahren" können, dass wir ewig sind, und zwar durch die "Liebe zu Gott" 8.

Für Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 –1716) liegt das eigentliche Wesen der Körper nicht in der Ausdehnung, Größe, Bewegung und Gestalt, sondern in der Kraft, welche die innerste Natur der Körper konstituiert, in individuellen seelenartigen Substanzen, die er Monaden nennt. Dabei ist für Leibniz eine Substanz ein Sein, das der Handlung fähig ist.

"Daher nehme ich an, dass die Seelen, die von Anbeginn der Dinge an in den Samentierchen verborgen liegen, nicht vernünftig sind, bis sie durch die Empfängnis zum menschlichen Leben bestimmt werden. Sind sie aber einmal vernünftig gemacht und des Bewusstseins und der Gemeinschaft mit Gott fähig geworden, so legen sie meiner Meinung nach nie den Charakter eines Bürgers des Staates Gottes ab, und da dieser Staat auf die schönste und gerechteste Weise regiert wird, so ist es nur vernunftgemäß, dass die Seele wegen des Parallelismus zwi­schen den Reichen der Natur und der Gnade durch die Naturgesetze selbst kraft ihrer eigenen Handlungen zur Belohnung und Züchtigung passender gemacht wird. Und in
diesem Sinne kann man allerdings sa­gen, dass die Tugend ihren Lohn, das Laster seine Strafe in sich trage, weil durch eine gewisse Folge sich für den letzten natürlichen Zustand der Seele, je nachdem dieselbe entsühnt oder nicht entsühnt abschei­det, eine Art Scheidewand erhebt, die von Gott im voraus in der Natur eingerichtet ist und den göttlichen Verheißungen und Drohungen, also der Gnade und der Gerechtigkeit entspricht, wozu auch noch, je nach dem wir uns einem von beiden zugesellt haben, die Vermittlung durch die guten und bösen Handlungen der Genien kommt, deren Tätigkeit durchaus natürlich ist, wenn auch ihre Natur durchaus erhabener ist als die unsere." 9

Für Francis Bacon (1561–1626), einen der Mitbegründer der modernen Naturwissenschaft, ist die experimentelle Wissenschaft von göttlicher Hilfe begleitet, weshalb ihre Aufgabe darin besteht, die "pneumatische", "geistige Materie" zu untersuchen, wobei die Frage der "Unsterblichkeit keine Frage der Wahrnehmung" sei, sondern der Offenbarung:

"Glaube mir, das allersüßeste Lied ist, nunc dimittis, wenn ein Mensch würdige Ziele und Hoffnungen erreicht hat." 10

Auch für Isaac Newton (1643 –1727), den Begründer der klassischen Mechanik, gibt es "geistige" Entitäten. In seinem Hauptwerk Philosophiae naturalis 11 spricht er von einem äußerst feinen, die groben Körper durchdringenden und ihnen verborgenen spiritus, durch den die Gliedmaßen der Lebewesen entsprechend ihrem Willen bewegt werden.

Demgegenüber behaupten Julien Offray de La Mettrie (1709 – 1751)12 und seine materialistischen Nachfolger, dass es keine unkörperlichen geistigen Substanzen gebe, sondern dass sich alles aus dem physischen Körper entwickelt habe. Auch das Denken sei lediglich eine Eigenschaft der Materie, deren Wesen allerdings unbekannt sei.
Noch radikaler drückt sich Paul-Henri Thiry d'Holbach (1723 –1789) in seinem System de la Nature aus:

"Wenn wir unsere Seele oder die Triebfeder, die in uns selbst wirkt, ohne Vorurteile betrachten, so werden wir zu der Überzeugung gelan­gen, dass sie zu unserem Körper gehört, dass sie von ihm nur durch Abstraktion unterschieden werden kann, dass sie nur der Körper selbst ist, betrachtet im Hinblick auf einige seiner Funktionen, die er seiner besonderen Natur und Gestaltung verdankt." 13

Es mag überraschen, dass sich die großen französischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie Voltaire (1694 –1778) und d'Alembert (1717–1783) von einem solchen atheistischen Materialismus distanzierten. Wie ihnen ging es auch den anderen großen Aufklärern in Europa nicht um die Propagierung des Materialismus und die Verneinung der Unsterblichkeit, sondern um Toleranz, Liberalität, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit und eine generelle Befreiung "des Denkens der Bevormundung".

Immanuel Kant (1724 –1804) zeigt in seiner Kritik der Reinen Vernunft, dass sich die Existenz einer "intellektuellen" Substanz, einer unsterblichen Seele, einer transzendenten Wirklichkeit und eines göttlichen Wesens nicht zwingend beweisen lässt, sah sich aber in seiner Kritik der Praktischen Vernunft genötigt, eine transzendente geistige Welt unter einem weisen Urheber und Regenten anzunehmen, samt dem Leben in einer solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen:

"Die völlige Angemessenheit des Willens aber zum moralischen Geset­ze ist Heiligkeit, eine Vollkommenheit, deren kein vernünftiges Wesen der Sinnenwelt in keinem Zeitpunkt seines Daseins fähig ist. Da sie in­dessen gleichwohl als praktisch notwendig gefordert wird, so kann sie nur in einem ins Unendliche gehenden Progressus zu jener völligen An­gemessenheit angetroffen werden, und es ist nach Prinzipien der rei­nen praktischen Vernunft notwendig, eine solche praktische Fort­schreitung als das reale Objekt unseres Willens anzunehmen." 14

Diese Gewissheit wurde Mitte des 19. Jahrhunderts radikal in Frage gestellt, als der Mensch definitiv als ein bloßes Zufallsprodukt rein mechanischer Geschehnisse hingestellt wurde.


Anmerkungen

1 G. Lier: Das Unsterblichkeitsproblem (2010).
2 Plato: Phaidon (2007); Platon: Von der Unsterblichkeit der Seele (2010).
3 Plotins Schriften (1956 –1971), IV 7,85,47-9,13.
4 G. Lier: Das Unsterblichkeitsproblem, S. 8.
5 R. Descartes: Discours de la méthode (2001); ders.: Die Prinzipien der Philosophie (2007).
6 Th. Hobbes: Naturrecht und allgemeines Staatsrecht (1976); ders.: Leviathan. IV. In: The English Works of Thomas Hobbes (1839–1845), B. III, S. 614f.
7 B. de Spinoza: Die Ethik (2010), 23. Lehrsatz.
8 B. de Spinoza: Tractatus theologico-politicus (1991); ders.: Die Ethik.
9 G. W. Leibniz: Monadologie (2008); ders.: Brief an Christian Wagner (1920), S. 97f.
10 F. Bacon. Neues Organ der Wissenschaften (1990); ders.: Über den Tod (1940), S. 9.
11 I. Newton: Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie (2007).
12 J. O. de La Mettrie: Die Maschine Mensch (2009).
13 P.-H. Thiry d'Holbach: System der Natur (1960), S. 76.
14 I. Kant: Kritik der Reinen Vernunft, Bd. III, S. 271; ders.: Kritik der Praktischen Vernunft, Bd. V., S. 122. In: Kants gesammelte Schriften (1902–1935).

 

Aus: Grenzgebiete der Wissenschaft 60 (2011) 1, S. 59-83, ganzer Artikel in PDF über Shop