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A. Resch

A. Resch

Andreas Resch: Ludwig Kondor (1928-2009): Ein Leben für Fatima

P. LUDWIG KONDOR
(1928 – 2009)

Ein Leben für Fatima

Am 28. Oktober 2009 starb in Fatima, Portugal, P. Ludwig Kondor, Steyler Missionar (SVD) und langjähriger Vizepostulator für die Seligsprechung der Seher von Fatima, Francisco und Jacinta Marto.

Ludwig Kondor
   Abb. 1: P. Luddwig Kondor SVD 2009

Ludwig Kondor (Abb. 1) wurde am 22. Juni 1928 in Csikvánd, Komitat Györ-Moson-Sopron, Ungarn, geboren. Nach der Grundausbildung studierte er ab 1940 im Internat der Benediktiner-Abtei von Györ, später im Internat der Zisterzienser in Székes-fehérvár. 1946 trat er in die Kongregation der Steyler Missionare ein und legte die ersten Gelübde ab. Ab 1948 studierte er in Ungarn Philosophie, musste aber auf Anordnung des Generaloberen seines Ordens vor der kommunistischen Christenverfolgung nach Österreich flüchten, zuerst nach Mödling und später nach Salzburg. 1950 wurde er vom Orden nach St. Augustin bei Bonn versetzt, wo er seine theologische Ausbildung abschloss und am 28. August 1953 zum Priester geweiht wurde. 1954 wurde er zum Vizepräfekt des Ordensseminars in Fatima ernannt. In Portugal förderte er u. a. auch den Aufbau zahlreicher kirchlicher Einrichtungen.

 1961/62 wurde P. Kondor zum Vizepostulator im Seligsprechungsverfahren der Seherkinder von Fatima, Francisco und Jacinta Marto1, bestimmt, das am 13. Mai 2000 mit deren Seligsprechung durch Papst Johannes Paul ii. in Fatima abgeschlossen wurde.

  Kondor galt weltweit als Experte für die Marienerscheinungen von Fatima, was ich dort bei meiner Begegnung mit ihm persönlich erfahren konnte. Er war ein Mann von hohem Wissen, großer Hilfsbereitschaft und beeindruckender priesterlicher Echtheit. 1963 errichtete er das Büro „Secretariado dos Pastorinhos, das als „Büro der Hirtenkinder“ bekannt wurde, und gab von da an einen Newsletter in sieben Sprachen mit Informationen über Fatima heraus. Mit dem Werk Schwester Lucia spricht über Fatima 2 legte er eine viel beachtete Schrift vor. Zudem engagierte er sich für die frühere „Blaue Armee Mariens“ und später für das Fatima-Weltapostolat.

Die Gottesmutter von Kazan und Unsere Liebe Frau von Soufanieh

Gottesmutter von Kazan

  Abb. 2: Gottesmutter von Kazan

Die „Blaue Armee“ kaufte 1970 auf dem Ikonenmarkt in den USA für drei Millionen Dollar die 1904 aus der Kasaner Kathedrale in St. Petersburg verschwundene Ikone der „Gottesmutter von Kazan“ (Abb. 2) und brachte diese am 21. Juli 1970, nach dem Julianischen Kalender der Jahrestag der Gottesmutter von Kazan, nach Fatima. 1993 wurde die Ikone Papst Johannes Paul II. geschenkt. Der Papst wollte die Ikone später gerne persönlich nach Russland bringen, allerdings nicht ohne Zustimmung des damaligen Patriarchen Aleksej II.. von Moskau. Dieser befürwortete zwar die Rückkehr der Ikone, lehnte einen Besuch des Papstes jedoch ab. Rom gab schließlich nach und so überbrachte am 25. August 2004 Kardinal Walter Kasper die Ikone dem Patriarchen von Moskau und damit der gesamten Russisch-Orthodoxen Kirche zur Verehrung durch das russische Volk. Am 21. Juli 2005 brachte Aleksej ii. anlässlich der Einweihung der renovierten Kathedrale Maria Verkündigung die in ganz Russland verehrte, auf Lindenholz gemalte Ikone im Ausmaß von 31.5 x 26.1 cm schließlich nach Kazan.

 1982 hatte ein Andachtsbildchen der Gottesmutter von Kazan in Sufanieh in Damaskus Öl abgesondert und wurde im Zusammenhang mit den Visionen und Stigmen von Myrna Nazzour zur Botschaft für die Wiedervereinigung der Orthodoxie mit der katholischen Kirche.3

  Damit wurde Fatima als Stätte der Botschaft für die Bekehrung Russlands auch zum Schauplatz der Vermittlung der Ikone von Kazan, die durch die Ereignisse von Sufanieh zum Symbol und Auftrag für die Wiedervereinigung der orthodoxen mit der römisch-katholischen Kirche geworden ist.

P. Ludwig Kondor 2009 im Gespräch mit Michael Mayr

In dieses Heilsgewebe ist auch das Leben von P. Ludwig Kondor einbezogen. Das verspürte wohl nicht zuletzt der Filmproduzent Michael Mayr von der Filmgruppe München, als er 2009 ein ausführliches Gespräch mit P. Kondor (Abb. 3) aufzeichnete und unter dem Titel „Leben für Fatima“ 4 als Video herausgab. Dieses Gespräch, das inzwischen bereits historische Bedeutung erlangt hat, habe ich daher für diesen Nachruf im Einverständnis mit Michael Mayr in die folgende Fassung umgesetzt und mit Überschriften versehen, ohne dabei den Inhalt zu verändern.

<Ludwig Kondor und Michael Mayr
       Abb. 3: Ludwig Kondor und Michael Mayr

„Die Mulde, wo die eigentliche Erscheinung stattfand, ist die kleine Kapelle hier [Fatima], die schon 1918 errichtet wurde, weil die Erscheinung sagte, dass „hier zu meiner Ehre eine Kapelle gebaut werden“ solle. Die Botschaft enthält zudem eine Besonderheit: nicht nur Gott, sondern auch das Unbefleckte Herz Marias wird zutiefst verletzt. Das war für mich eine Überraschung. Das habe ich in meinem Leben weder in theologischen Büchern noch im Leben von Heiligen gelesen, dass jemand aufgefordert wurde, Marias Unbeflecktes Herz zu sühnen.

Secretariado dos Pastorinhos

Zu Beginn meiner Arbeit habe ich sofort eine Offsetmaschine in das Büro gestellt. Wir begannen mit einem kleinen Mitteilungsblatt. In unserem Büro haben wir alles vorbereitet und an alle Bischöfe der Welt versandt. So haben wir das Leben der Seherkinder bekannt gemacht. Die ganze Welt hat darauf unheimlich reagiert.

  Ich habe dieses Ereignis natürlich nicht nur in Schriften studiert – an erster Stelle, auf Anordnung des Bischofs, in der Beschreibung von Schwester Lucia –, sondern auch im persönlichen Gespräch mit ihr. 1961/62 wurde ich ja auch zum Vizepostulator für die beiden Seherkinder ernannt. Von da an konnte ich mit Schwester Lucia sprechen, wann immer es notwendig war.

Sonnenwunder

Es kam der letzte Erscheinungstag, der 13. Oktober 1917. Es wurde bekannt gemacht, dass an diesem Tage die Erscheinung sei, wie sie drei Monate, zwei Monate, einen Monat vorher versprochen wurde, also dreimal: „Ich werde ein Wunder wirken, damit alle glauben können.“ Lucia, die mit der Erscheinung sprach, sagte: „Die Leute glauben uns nicht. Wirke ein Wunder, damit alle glauben.“ Und so ist es gekommen.

Sonnenwunder Fatima 1917
Abb. 4: Sonnenwunder, 13. Oktober 1917

  An diesem Tag war sehr schlechtes, regnerisches Wetter, alle waren nass und einige waren so nass, schrieben die Zeitungen, als ob sie gerade aus der Badewanne gestiegen wären. Das hier sind die Bilder, dreizehn insgesamt, die an jenem Tag fotografiert wurden. An dem Tag ereignete sich etwas Verblüffendes. Zu Mittag „tanzte“ die Sonne, wie die Leute sich ausdrückten (Abb. 4). Das war die Bestätigung, damit alle glauben.

Schwester Lucia dos Santos

Da sie [Lucia] eines Tages nicht mehr unter uns sein würde, stellte ich mir die Frage: Wie ist das alles gewesen? Mit diesem Gedanken habe ich sie so weit gebracht, dass sie einverstanden war, die Ereignisse, die Erlebnisse der Seher und die sechs Erscheinungen der Mutter Gottes von einer sehr guten Malerin, einer Schwester in Fatima, malen zu lassen. Ich besorgte dazu die nötigen Vollmachten.

Lucia dos Sanotos
             Abb. 5:Lucia dos Santos

Die Malerin, vom gleichen Orden wie Lucia, brachte ich zu ihr nach Coimbra. Dort fertigte sie nach Lucias Vorgaben Skizzen an. Ich legte Fotos von den betreffenden Stellen vor, damit alles wahrheitsgetreu gemacht werde. Um aber sagen zu

Maria mit Rosenkranz Fatima
  Abb. 6: Maria mit Rosenkranz und Herz (Gemälde)

können, dass diese Arbeit unter den Augen Lucias (Abb. 5) entstand, musste ich nochmals die Erlaubnis einholen. Ich brachte dann Schwester Lucia im Geheimen nach Fatima. Dort weilte sie zwei Wochen lang bei der Malerin und hat alles korrigiert.

 Wie Sie wissen, sind das hier Ölgemälde. Wenn man etwas nicht in Ordnung findet, kann man darüberstreichen. So sind diese Bilder mit vielen Korrekturen zustande gekommen. Ich kann Ihnen sagen, es wäre wirklich schade, wenn wir das nicht gemacht hätten. Es genügt, ein Bild zu zeigen. Da rückwärts haben wir das Bild mit der Mutter Gottes, in ihrer Hand ein Herz, vor ihr drei Kinder (Abb. 6). Im Juli hat sie den drei Kindern bekannt gegeben, dass Francisco und Jacinta bald sterben würden, Lucia aber hier bleiben müsse, weil sich Gott ihrer bedienen wolle, um die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens bekannt zu machen und zu verbreiten.

Jacinta unsersehrt

  Abb. 7: Jacinta unversehrt

Das Gesicht Jacintas und ihr ganzer Körper sind unversehrt. An dem Tag aber, 1935, 15 Jahre nach dem Tod, hat man nur das Gesicht freigestellt. Da durfte man nicht den ganzen Körper zeigen. Erst beim Seligsprechungsverfahren hat man den ganzen Körper für unversehrt befunden (Abb. 7). Der Postulator, der später Bischof wurde und von dem ich die Arbeit übernommen habe, war sowohl bei der Öffnung [des Gesichtes] als auch bei der Identifikation [des ganzen Körpers im Rahmen des Seligsprechungsverfahrens] dabei und hat festgestellt, dass das Gesicht identisch war.

Schwester Lucias Bericht
und Pius XII.

Wie ich schon gesagt habe, musste Schwester Lucia auf Anordnung des Bischofs alles niederschreiben, was sie wusste. Das ist der Anfang dieser Schrift... Dann kam alles in die Hände des Bischofs. Das wurde vom Bischof bekannt gegeben. Ich habe hier Originalschriften.

 Im Marianischen Jahr 1950 wurde auf diesem Platz [vor der Basilika] bekannt gegeben [vom päpstlichen Delegaten, Kardinal Todeschini], dass nicht nur die Pilger 1917 das Sonnenwunder gesehen haben, sondern auch ein anderer, Pius XII., vor der Verkündigung [des Dogmas am 1. November 1950] der Aufnahme Marias mit Leib und Seele in den Himmel.

 Gott wollte die Botschaft von Fatima durch Pius XII. dadurch bestätigen, dass er das Sonnenwunder von Fatima im Vatikanischen Garten sehen durfte, und zwar dreimal.

Seligsprechung von Jacinta und Francisco (13. Mai 2000)

  Abb. 8: Jacinta und Francisco Marto

Die ganze Welt und vor allem die Bischöfe haben sich für Fatima interessiert. Ich konnte als Vizepostulator 300 Briefe nach Rom bringen, wo Bischöfe, sogar aus China, sich dafür aussprachen, dass die Kinder würdig seien, seliggesprochen zu werden. Das sei wichtig für die Welt der Kinder und für die pastorale Arbeit insgesamt (Abb. 8).

Es gibt zwei Wege zur Seligsprechung: das Martyrium und die Heroizität der Tugenden. Märtyrer sind jene Kinder, die in den Familien gestorben sind, die unschuldigen Kinder. Bei jenen, die das christliche Leben auf heroische Weise geführt haben, wie die Seher, besagt das, dass sie für die Kirche gelebt haben. In diesem Fall waren Wunder notwendig, die wir als auf ihre Fürbitte hin gewirkt bestätigen konnten.

Das Attentat auf Papst Johannes Paul II.

Ich glaube, [das Attentat auf den Papst] am 13. Mai 1981 war die Mahnung an den Papst, auf Fatima zu schauen. Er hat dann den Weihetext verfasst und kam schließlich 1982 nach Fatima, um die Weihe selbst vorzunehmen.

  Stellen Sie sich vor: Der Papst steht im Zentrum des Geheimnisses. Die Kinder sehen den Berg, wo Christus gekreuzigt wird. Die Leute kommen aus den zerstörten Städten dorthin und werden alle niedergeschossen, als sie sich dem Kreuz nähern. Das sind die Märtyrer der Zeit. Dann kommt der weiß gekleidete Bischof, von dem die Kinder wussten, dass es der Heilige Vater ist. Die Kinder sehen, wie der Papst zum Kreuz hinkommt, niedergeschossen wird und tot zusammenbricht.

  Der Papst sagte, dass eine Hand die Waffe und die Kugel geleitet habe und er so gerettet wurde. So kam Fatima durch die Kirche in die Öffentlichkeit.

Die Botschaft von Fatima und Russland

Wichtig war für mich die spezielle Aussage Marias: „Russland verbreitet seine Irrlehren, aber Russland wird sich zum Schluss bekehren.“ Ich habe diese Sache sehr genau verfolgt und mit Schwester Lucia darüber gesprochen. Auch sie achtete mit großer Spannung darauf, wann dies geschehen wird. Ich habe ebenso mit Kardinälen gesprochen und auch der Papst fragte sich: Wann wird das geschehen? Wir wussten, dass die Voraussetzung dafür die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Marias war.

  Die Weihe wurde 1917 vorausgesagt. Damals sagte die Erscheinung: „Ich komme wieder.“ Sie kam 1929. Lucia schrieb an Papst Pius xii. Papst Pius xii. versuchte, die Weihe vorzunehmen, allein während des Zweiten Weltkrieges fehlten die Bischöfe. Dann kam das II. Vatikanische Konzil. Ich war mit dem Bischof dabei und hatte die Aufgabe, diese Forderung Marias in Rom unter den Bischöfen bekannt zu machen. Sie haben sich bereit erklärt – es waren 800 Bischöfe, welche die Bitte, er möge mit ihnen zusammen diese Weihe vorschlagen, direkt an den Papst herangetragen haben.

 Lucia schreibt in ihrem Büchlein [Wie sehe ich die Botschaft...5], dass Gorbatschow, der Chef der Kommunistischen Partei Russlands, am 1. Dezember 1990 zum Papst gegangen ist. Und Gorbatschow, so Schwester Lucia, hat den Papst um Entschuldigung und Verzeihung gebeten für das, was er und seine Partei gegen ihn und die Kirche gemacht haben. Ich wollte diese Sachen natürlich veröffentlichen, wurde jedoch ermahnt, dies nicht zu tun, denn ich habe das aus dem Tagebuch des Papstes erfahren.“

Dank

Dieses kurze und freie Gespräch mit Michael Mayr unmittelbar vor P. Kondors Tod, zeigt, wie sehr auch er selbst in die Botschaft von Fatima eingeplant war. Kondor hat seinen Auftrag, dessen Bedeutung erst jetzt, nach seinem Tod, offensichtlich wird, aus innerer Berufung mit letzter Hingabe erfüllt, wie ich im Gespräch mit ihm zutiefst erfahren konnte. So gilt ihm unser Dank für seinen selbstlosen Einsatz in den Grenzbereichen des Lebens und der Heilsgeschichte.

 

Andreas Resch: Das Paranormale in Bibel und Mystik

Andreas Resch

Das Paranormale in Bibel und Mystik

Zur Betrachtung des Paranormalen gehören nicht zuletzt die Themen, die  in Bibel und Mystik zur Sprache kommen. Daher sollen hier als Schlussbeitrag zu GW in Kurzform der Großteil der diesbezüglichen Themen in der Bibel und einige Beispiele aus der Mystik angeführt werden

I. BIBEL

Bibel (griech. biblos bzw. biblion, plur. biblia, Buch), eine Sammlung von Büchern des Alten und Neuen Testaments. Seit Johannes Chrysostomus (349 – 407; hom. in Col.9,1: PG 62, 361) sind unter tά biblίa („die Bücher“) die kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testaments in ihrer Gesamtheit zu verstehen.

1. Die kanonischen Bücher

Was die sog. kanonischen Bücher betrifft, so ergibt sich für das Alte Testament hinsichtlich Umfang, Anordnung und Benennung der Bücher ein verwirrendes Bild. Die hebräische Bibel zählt 39 Bücher, die katholische 46, da sie gemäß der an der Vulgata orientierten definitiven Entscheidung des Konzils von Trient vom 8.04.1546 (DH 1502-04) auch die als deuterokanonische Schriften bezeichneten sieben griechisch verfassten bzw. überlieferten Bücher Judith, Tobit, Baruch, Weisheit Salomos, Jesus Sirach, 1 und 2 Makkabäer sowie die griechischen Zusätze zu Daniel und Ester hinzuzählte. Diese Entscheidung wurde notwendig, weil die Reformatoren ihre neue Bibelübersetzung nach der hebräischen Bibel mit 39 Büchern erstellten.

 Das Neue Testament umfasst evangelisch wie katholisch 27 Schriften.

2. Die Apokryphen

Von diesen Schriften sind die sog. Apokryphen (griech. apokryphos, verborgen), verborgene Geheimlehren, die dem Uneingeweihten unzugänglich sind, zu unterscheiden. Im christlichen Sprachgebrauch bezeichnet man als Apokryphen die im hebräischen Kanon fehlenden, ursprünglich zum Alten Testament gehörenden Bücher, die in der griechischen Übersetzung des AT, der sogenannten Septuaginta (70 Bücher), enthalten sind und von Hieronymus in die lateinische Übersetzung, die Vulgata, übernommen wurden. Dazu gehören, wie oben genannt, die Schriften Judith, Tobit, Baruch, Weisheit Salomos, Jesus Sirach sowie 1 und 2 Makkabäer, die beim Konzil von Trient in der vierten Sitzung, am 8. April 1546, in den für die katholische Kirche verbindlichen Kanon aufgenommen wurden.

 Luther hat sich bei seiner Übersetzung der Bibel an den hebräischen Texten orientiert, weshalb sich für die evangelischen Kirchen der Umfang der Bücher auf den Kanon des Judentums reduziert.

 Weniger scharf umrissen ist der Begriff der neutestamentlichten Apokryphen, die in der Regel griechisch, später lateinisch und in anderen Sprachen verfasst wurden und den literarischen Gattungen des NT folgen: Evangelien, Apostelgeschichten, Briefe und Apokalypsen. Diese werden heute u.a. von verschiedenen religiösen Bewegungen aus dem Bedürfnis heraus aufgegriffen, mehr über Gottes Offenbarung zu erfahren, wobei sehr oft nicht nur die kritische Zurückhaltung fehlt, sondern sogar eigene Formulierungen als ältere Texte ausgegeben werden. So entstand im 19. und 20. Jh. eine Reihe neuer Apokryphen, die den Anspruch erheben, das wahre Christentum zu verkünden, welches von der Kirche durch Verfälschung von Bibeltexten verdunkelt worden sei. Jesus wird zum esoterischen Eingeweihten, der gnostische Lehren und Praktiken vertrat, Reisen nach Ägypten, Indien und Tibet machte und schließlich seine letzte Ruhestätte im „Jesusgrab“ in Kaschmir fand. Von diesen sog. Neo-Apokryphen seien hier jedoch nur einige Titel genannt: „Das fünfte Evangelium“ (Clemens); „Das Evangelium der Essener“ (Székely); „Das Evangelium des vollkommenen Lebens“ (Ouseley); „Das mystische Leben Jesu“ (Lewis); „Das Wassermann-Evangelium über Jesus den Chri­stus“ (Dowling); „Thomas-Evangelium“ (Nordsieck).

3. Paranormologische Themen im AT und NT

Zur allgemeinen Übersicht seien hier die 46 Bücher des AT und die 27 des NT nach Abkürzung und Namen aufgelistet und die in der Hebräischen Bibel fehlenden Bücher mit * gekennzeichnet:

Aus paranormologischer Sicht finden sich in diesen Schriften der Bibel Hinweise bis ausführliche Beschreibungen zu fast allen Themen der Paranormologie, die sich auf das Leben und den Erfahrungsbereich des Menschen, seinen Bezug zu Gott und Welt beziehen. Da es in diesem Rahmen nicht möglich ist, alle angesprochenen Begriffe aufzulisten, sei nur eine Auswahl von Themen in alphabetischer Abfolge und mit Stellenangaben genannt:

> Aloe – Ps 45,9; Hld 4,14; Joh 19,39.

> Amulette – 2 Mkk 12,40; Jes 3,20.

> Apokalypse, Apokalyptik – s. A Jes 24,1 - 27,13;  s. Einl. Dan.; Einl. Offb.

> Arche – Gen 6,13-8,19; Mt 24,38; Lk 17,27; Hebr 11,7; 1 Petr 3,20.

> Aschera – 1 Kön 14,23; 2 Chr 33,7.

> Astarte – Ri 2,11.13; 1 Kön 14,23; 2 Makk 12,26; Jer 7,18.

> Auferstehung (Auferweckung allgemein) – 2 Kön 4,32-37; 13,21; 2 Makk 7,9.23; Ijob 14,12; 19,26; Ps 49,16; 73,23-26; Spr 4,23; Koh 3,21; 12,7; Weish 3,4; 16,13; Sir 46,12; 48,11; Jes 26,19; Dan 12,2f; Mt 10,8; 11,5; 14,2; 22,23-33; 27,52; Mk 6,14.16; 9,10; 12,18-27; Lk 7,22; 9,7f.19; 14,14; 16,31; 20,27-38; Joh 5,21.25-29; 6,39f.44.54; 11,1-44; 12,9-17; Apg 4,2; 9,36-42; 17,18.32; 20,9-12; 23,6.8; 24,15.21; 26,8; Röm 6,5; 1 Kor 6,14; 15,12-58; 2 Kor 1,9; 4,14; Eph 2,6; Phil 3,11; Kol 2,12; 3,1; 1 Thess 4,16f; 2 Tim 2,18; Hebr 6,2; 11,19.35; Offb 20,5f; s. A 2 Kor 5,1-10; 2 Tim 2,18.

> Baal – Ri 10,6.10; 1 Sam 7,4; 12,10; 1 Kön 16,31f; 18,18-40; 19,18; 22,54; 2 Kön 10,18-28; 11,18; 17,16; 21,3; 23,4f; 2 Chr 23,17; Jer 2,8.23; 7,9; 9,13; 11,13.17; 12,16; 19,5; 23,13; Hos 2,10.18; s. A Ex 32,35; Lev 18,21; Ri 2,11.13; 2 Kön 1.2; 16.3; Hos 1.2; Röm 11.4.

> Baum der Erkenntnis – Gen 2,9.17.

> Baum des Lebens – Gen 2,9; 3,24; Gen 3,1-24.

> Besessener – Mt 4,24;  8,16.28.33; 9,32; 12,22;  15,22;  Mk 1,32; 5,15-18; Lk 8,36; Joh 10,21.

> Bet-El – Gen 12,8; 13,3; 28,19; 31,13; 35,1-16; 1 Kön 12,29.32f; 13,1.4.10f.32; 16,34; 2 Kön  2,2f.23; 10,29, 17,28; 23,4.15.19; > Hos 12,5; Am 3,14; s. A Jer 31,6; Hos 4,15.

> Bileam – Num 22,5 - 24,25; 31,8.16; 2 Petr 2,15; Jud 11; Offb 2,14.

> Blut – Lev 17,1-16; Ijob 16,18; Jes 26,21.

> Blut des Bundes – Ex 24,6-8; Mt 26,28; Mk 14,24; Lk 22,20; 1 Kor 11,25.

> Charisma – wörtlich: Gnadengabe (von cha­ris, Gnade); Röm 1,11; 6,23; 11,29; 12,6; 1 Kor 1,7; 7,7; 12,4.9. 28-31; 2 Kor 1,11; l Tim 4,14; 2 Tim 1,6; 1 Petr 4,10.

> Dämonen – böse Geister – Tob 6,15-17; 8,3; Mt 7,22; 10,8; 11,18; 12,24-28; 17,18; Mk 1,34.39; 3,15.22; 6,13; 7,26-30; 9,38; 16,9.17; Lk 4,33.35.41; 7,33; 8,2.27-38; 9,1.42.49; 10,17; 11,14-20; 13,32; Joh 7,20; 8,48-52; 10,20f; 1 Kor 10,20f; 1 Tim 4,1; Jak 2,19; Offb 9,20; 16.14; 18,2.

> Drache – s. A Jes 51,9; Offb 12,3.

> Eden – Gen 2,8.10.15; 3,23f; 4,16; Jes 51,3; Ez 28,13; 36,35; s. A Gen 3,24.

> Efod – Ex 25,7; Ri 8,27; Hos 3,4.

> Endgericht – Weish 4,20 - 5,23.

> Engel – Gen 6,1-4; 16,7; 21,17; 32,25-33; Ri 6,11; Tob 5,4; 12,15; Sir 17,32; Mt 1,20.24; 2,13.19; 4,6.11; 11,10; 13,39.41.49; 16,27; 18,10; 22,30; 24,31.36; 25,31.41; 26,53; 28,2.5; Mk 1,2.13; 8,38; 12,25; 13,27.32; Lk 1,11-38; 2,9-21; 4,10; 7,24.27; 9,26.52; 12,8f; 15,10; 16,22; 22,43; 24,23; Joh 1,51; 5,4; 12,29; 20,12; Apg 5,19; 6,15; 7,30-38.53; 8,26; 10,3.7.22; 11,13; 12,7-23; 23,8f; 27,23; Röm 8,38; 1 Kor 4,9; 6,3; 11,10; 2 Kor 11,14; Gal 1,8; 1 Tim 3,16; Hebr 1,4; 2 Petr 2,4; Jud 6; Offb 1,1.20.

> Entrückung in den Himmel – Gen 5,24; 2 Kön 2,1-18.

> Erwählung – Gen 18,19; Ex 3,7; 4,22; 8,18; 9,4.26; 10,23; 11,7; 19,5; 33,16; Dtn 7,6-8; 12,5.11.21; 14,23; 16,2.6.11; 26,2; 1 Kön 8,16; 11,36; 2 Kön 23,27; Sir 24,8; Jes 5,1-7; 41,8f; Jer 2,2f; Ez 16,16; Hos 11,1; 13,5; Am 9,7; Mt 22,14; Lk 9,35; 23,35; Joh 6,44.65; 13,18: 15,16; Apg 9,15; 13,17; 15,7; Röm 8,28-30; 9,6-29; 11,2-32; 1 Kor 1,27-31; Eph 1,3-14; 2,8-10; 1 Thess 1,4; Tit 1,1-3; 2 Petr 1,1-11.

> Ewiges Leben – Weish 3,1-9; Mt 19,16.29; 25,46; Mk 10,17.30; Lk 10,25; 18,18.30; Joh 3,15f.36; 4,14.36; 5,24.39; 6,27.40.47.54.68; 10,28; 12,25.50; 17,2f; Apg 13,46.48; Röm 2,7; 5,21; 6,22f; Gal 6,8; 1 Tim 1,16; 6,12; Tit 1,2; 3,7; 1 Joh 1,2; 2,25; 3,15; 5,11.13.20; Jud 21.

> Fluch – s. A Lev 5,1; Num 5,23; Ri 17,2; 1 Kön 2,8f; Ps 109,1-31; Mt 25,41; 26,74; Mk 11,21; 14,71; Lk 6,28; Joh 7,49; Röm 3,14; 9,3; 12,14; 1 Kor 12,3; 16,22; Gal 1,8f; 3,10.13; Hebr 6,8; Jak 3.9f: Offb 16.9.11.21.

> Gebetsriemen (Phylakterien) – Ex 13,9.16; Dtn 6,8; 11,18; Mt 23,5.

> Gehenna – Mt 18,8f;  Offb 19,20.

> Gesalbter – Ex 28,41; 29,7; 30,25; Lev 4,5; Dtn 18,15; 1 Sam 2,10; 10,1; 16,13; 2 Sam 2,4; 5,3; 1 Kön 19,16; Ps 105,15; Sir 46,13; Jes 45,1; 61,1; Ez 34,23; Mi 5,2; Hab 3,13; Hag 2,6f.23; Sach 3,8; vgl. auch Messias.

> Gnade, Huld – Gen 6,8; Ex 20,6; 34,6f; Ps 13,6; 25,10; 36,6-11; 63,4; 103,8-18; 118,1-4.29; 136,1-26; Jona 4,2; Lk 1,30; 2,40; Joh 1,14.16f; Apg 4,33; 6,8; 11,23; 13,43; 14,3.26; 15,11; 20,24.32; Röm 1,5.7; 3,24; 4,4.16; 5,2.15.17.20f; 6,1.14f; 11,5f; 16,20.24; 1 Kor 1,3f; 3,10; 15,10; 16,23; 2 Kor 1,2.12.15; 4,15; 6,1; 9,14; 12,9; 13,13; Gal 1,3.6.15; 2,9.21; 5,4; 6,18; Eph 1,2.6f; 2,5.7f; 3,2.7f; 4,7; 6,24; Phil 1,2.7; 4,23; Kol 1,2.6; 3,16; 4,18; 1 Thess 1,1; 5,28; 2 Thess 1,2.12; 2,16; 3,18; 1 Tim 1,2.14; 6,21; 2 Tim 1,2.9; 2,1; 4,23; Hebr 2,9; 4,16; 10,29; 12,15; 13,9.25; Jak 4,6; 1 Petr 1,2.10.13; 2,19f; 3,7; 4,10; 5,5.10.12; 2 Petr 1,2; 3,18; 2 Joh 3; Jud 4; Offb 1,4; 22,21.

> Handauflegung – 1 Tim 1,18; 4,14; 5,22; Hebr 6.2; auch Apg 13,3; 14,27.

> Heilung – Num 12,13; 1 Kön 17,22; 2 Kön 4,35; 5,10; 20,5-11; 2 Chr 30,20; Mt 4,23f; 8,16; 9,35; 10,1.8; 12,10.15.22; 14,14; 15,30; 17,16.18; 19,2; 21,14; Mk 1,54; 3,2.10; 6,5.13; Lk 4,23.40; 5,15; 6,7.18; 7,21; 8,2.43; 9,6; 10,9; 13,14; 14,3; Joh 5,10; Apg 4,14; 5,16; 8,7; 28,9; Offb 13,3.12.

> Hermes – Apg 14,12; griechischer Gott. Bote der Götter und Begleiter der Menschen.

> Heuschrecke – Ex 10,4-19; Lev 11,22; Dtn 28,38; Joel 1,4; Mt 3,4; Mk 1,6; Offb 9,3.7.

> Himmel – Gen 1,6; 7,11; 8,2; Dtn 10,14; 2 Kön 7,2; Mt 3,16f; 5,12.16.18.34.45; 6,1.9f.20.26: 7,11; 10,32f; 11,25; 12,50; 14,19; 16,1-3.17.19; 18,10.18; 21,25; 22,30; 23,22; 24,29-36; 26,64; 28,2.18; Mk 7,34; 10,21; 11,25f.30; 16,19; Lk 2,15; 3,21f; 4,25; 6,23; 9,54; 10,15.18.20f; 11,13; 12,33.56; 15,7.18.21; 16,17; 17,24.29; 18,13.22; 19,38; 21,11.26.33; 22,43; 24,51; Joh 1,32.51; 8,13.27.31; 6,31-33.38.41f.50f.58; 12,28; 17,1; Apg 1,l0f; 2,2.5.19.34; 3,21; 4,24; 9,3; 10,11.16; 11,9; 14,15.17; 17,24; 22,6; 26,13; Röm 1,18; 10,6; 1 Kor 8,5; 15,47-49; 2 Kor 5,1; 12,2; Gal 1,8; Eph 1,10; 3,15; 4,10; 6,9; Phil 2,10; 3,20; Kol 1,5.16.20.23; 1 Thess 1,10; 4,16; 2 Thess 1,7; Hebr 4,14; 7,26; 8,1; 9,24: 12,23.25f; 1 Petr 1,4.12; 3,22: 2 Petr 1,18; 3.5.7.10.12f: Offb 3,12; 4,lf; 5,13; 8,1; 10,1.4-8; 11,12-15.19; 12,3.7-12: 13,13; 14,13; 15,1.5; 19.1.11-14; 21,1f.10.

> Hölle – Mt 5,22.29f; 10,28; 18,9; 23,15.23; Mk 9,43.45.47; Lk 12,5; Jak 3,6; Mt 16.18; 18,8f; Offb 9,1f; 19,20.

> Jairus – Mk 5,22; Lk 8,41.

> Jubeljahr – Lev 25,8-31; 27,17-24.

> Lazarus (aus Betanien) – Joh 11,1-44; 12,1f.9f.17.

> Lebensbuch – Ps 69,29; Phil 4,3; Offb 3,5„ 13,8; 17,8; 20,12.15; 21,27.

> Legion – Mt 26,53; Mk 5,9.15; Lk 8,30.

> Manna – Ex 16,31.35; Num 11,7.9; Dtn 8,3.16; Jos 5,12; Neh 9,20; Ps 78,24; s. A Ex 16,31; Joh 6,31.49; Hebr 9,4; Offb 2,17.

> Menetekel – Dan 5.25-28.

> Myrrhe – Ex 30,23-33; Ps 45,8f; Spr 7,17; Hld 1,13; 4,14; 5,5.13; Mt 2,11; Mk 15,23; Joh 19,39.

> Naaman (Feldherr) – 2 Kön 5,1-27.

> Neujahrsfest – Lev 23,23-25; Num 29,1-6­.

> Neumond – s. A 1 Sam 20,5.

> Noach – Gen 5,19f.32; 6,8 - 10,1; 10,32; 1 Chr 1,4; Tob 4,12; Sir 44,17; Jes 54,9; Ez 14,14.20; Mt 24,37f.

> Offenbarung – Gen 12,1-3; 15,1-21; 28,12-15; 35,6f; Ex 3,4-6; 19,9; Dtn 4,10-14; 1 Sam 3,21; 9,15f; 2 Sam 7,5-17; 1 Chr 17,1-15; Ps 2,7; 85,9; 98,2; 147,19; Spr 29,18; Weish 1,2; Sir 45,5; Jes 40,5; 53,1; 66,15f; Jer 33,6; Bar 3,37f; Dan 2,19.29f.47; Mt 10,26; 11,25.27; 16,17; Mk 3,12; Lk 2,26.32.35; 10,21f; 12,2; 17,30; Joh 1,31; 12,38; 21,1.14; Röm 1,17f; 2,5; 8,18; 16,25; 1 Kor 1,7; 2,10; 3,13; 14,6.26.30; 2 Kor 7,12; 12,1.7; Gal 1,12.16; 2,2; 3,23; Eph 1,17; 3,3.5; 2 Thess 1,7; 2,3.6.8; 1 Petr 1,5.7.12f; 4,13; 5,1.4; 1 Joh 1,2; 3,5.8; 4,9; Offb 1,1; 15,4; > Pro­phet.

> Ofir – 1 Kön 9,28.

> Öl – Ex 27,20; Dtn 7,13; 28,40; Ijob 24,11; Ps 23,5; 45,8; 104,15; Sir 39,26; Jes 1,6; 61,3; Mt 6,17; 25,3f; Mk 6,13; Lk 7,46; 10,34; Hebr 1,9; Jak 5,14.

> Orakel – Ez 12,24; 13,6-9; 13,23; 21,26; 21,28; 21,34; 22,28.

> Paradies – s. Eden. Das Neue Testament be­zeichnet mit Paradies den jenseitigen Be­reich, wo sich die Seligen aufhalten; vgl. Lk 23,43; 2 Kor 12,4; Offb 2,7.

> Paulus (Saulus) – Apg 9.

> Plage – Ex 7,1 - 11,10; 2 Sam 24,21-25; 1 Kön 8,37; Ps 78,43-51; 105,28-36; 106,29f; Offb 9,18.20; 11,6; 15,1.6.8;’16,9.21; 18,4.8; 21,9; 22,18.

> Prophet – Gen 20,7; Ex 4,15f; 7,1; 15,20; Num 11,25-29; Dtn 13,2-6; 18,15-22; 34,10; Ri 4,4; 6,8; 1 Sam 9,9; 10,9-12; 19,20-24; 28,6.15; 1 Kön 22,6-28; 2 Kön 22,14; 2 Chr 9,29; 15,8; 34,22; Neh 6,12.14; 1 Makk 14,41; Ps 74,9; Spr 29,18; Jes 8,3; 30,10; Jer 1,5; 5,31; 11,21; 14,13-18; 23,9-32; 27,9f.14-18; 28,8-17; Klgl 2,9.20; Ez 13,1-23; 33,1-9; Hos 9,7; 12,11; Joel 3,1; Am 2,11f; 3,8; 7,14f; Mi 3,5-8; Sach 13,2-6; s. A Sir 49,10; s. Einl. Propheten; Mt 1,22; 2,5.15.17.23; 3,3; 4,14; 5,12.17; 7,12; 8,17; 10,41; 11,9.13; 12,17.39; 13,17.35.57; 14,5; 16,14; 21,4.26.46; 22,40; 23,29-31.34.37; 24,15; Mt 26,56; 27,9; Mk 1,2; 6,4.15; 8,28; 11,32; Lk 1,70.76; 2,36; 3,4; 4,17.24.27; 6,23; 7,16.26.28.39; 9,8.19; 10,24; 11,47.49f; 13,28.33f; 16,16.29.31; 18,31; 20,6; 24,19.25.27.44; Joh 1,21.23.25.45; 4,19.44; 6,14.45; 7,40.52; 8,52f; 9,17; 12,38; Apg 2,16.30; 3,18.21-25; 7.37.42.48.52; 8,28.30.34; 10,43; 11,27; 13,1.15.20.27.40; 15,15.32; 21,10; 24,14; 26,22.27; 28,23.25; Röm 1,2; 3,21; 11,3; 16,26; 1 Kor 12,28f; 14,29.32.37; Eph 2,20; 3,5; 4,11; 1 Thess 2,15; Tit 1,12; Hebr 1,1; 11,32; Jak 5,10; 1 Petr 1,10; 2 Petr 1,19; 2,16; 3,2; Offb 2,20; 10,7; 11,10.18; 16,6; 18,20.24; 22,6.9.

> Purim (Los) – Est 3,7; 9,20-32.

> Salbung – Ex 28,36; 29,7; 30,25; 39,30; Lev 4,3; 1 Sam 10,1.6; 1 Kön 1,34; 19,16; Ps 45,8; 92,11; 133,2; Jes 45,1; Hab 3,13; Mt 26,7; Lk 7,37.

> Satan – 1 Chr 21,1; Ijob 1,6-9.12; 2,1f.4.6f; Sach 3,lf; Mt 4,1-11; 12,26; 13,39; 16,23; 25,41; Mk 1,13; 3,23.26; 4,15; 8,33; Lk 4,1-13; 8,12; 10,18; 11,18; 13,16; 22,3.31; Joh 6,70; 8,44; 13,2.27; Apg 5,3; 10,38; 13,10; 26,18; Röm 16,20; 1 Kor 5,5; 7,5; 2 Kor 2,11; 11,14; 12,7; Eph 4,27; 6,11; 1 Thess 2,18; 2 Thess 2,9; 1 Tim 1,20; 3,6f; 5,15; 2 Tim 2,26; Tit 2,3; Hebr 2,14; Jak 4,7; 1 Petr 5,8; 1 Joh 3,8.10; Jud 9; Offb 2,9f.13.24; 3,9; 12,9.12; 20.2.7.10.

> Schlange – Gen 3,1-15; Ex 4,3f; 7,9-12; Num 21,6-9; 2 Kön 18,4; Ps 91,13; Sir 21,2; Jes 27,1; Mt 7,10; 10,16; 23,33; Mk 16,18; Lk 10,19; 11,11; Joh 3,14; 1 Kor 10,9; 2 Kor 11,3; Offb 9,19; 12,9.14f; 20,2.

> Segen – Gen 1,22.28; 2,3; 5,2; 12,2f; 17,16; 22,17f; 26,24; 27,4.27-40; 47,7; 48,14 - 49,27; Ex 18,10; Num 6,22-27; 23,20; 24,1-3; Dtn 7,13f; 10,8; 11,26f; 28,1-14; 1 Kön 8,56; 1 Chr 4,10; Ps 72,17; 115,12-15; 118,26; 128,1-6; 134,3; Jer 4,2; Mt 25,34; Mk 8,7; Lk 1,42; 2,34; 6,28; 9,16; 24,50f; Apg 3,25f; Röm 12,14; 15,29; 1 Kor 4,12; 10,16; Gal 3,9.14; Eph 1,3; Hebr 6,7.14; 7,1.6f; 11,20f; 12,17; 1 Petr 3,9.

> Simson – Ri 13,24 - 16,31; Hebr 11,32.

> Sintflut – Gen 6,5 - 9,29; Weish 10,4; 14,6; Sir 44,17f; Jes 54,9; Mt 24,38f; Lk 17,27; 1 Petr 3,20f; 2 Petr 2,5; 3,6.

> Sündenbock – Lev 16,5-28.

> Tabita – Apg 9,36.40.

> Tempelvorhang – Mt 27.51.

> Terafim – 1 Sam 19,13; Hos 3,4.

> Totenerweckung – 1 Kön 17,17-24; 2 Kön 4,32-37; Sir 48,5; Mt 9,18-26; 10,8; 11,5; 14,2; 27,52; Mk 5,21-43; 6,14.16; Lk 7,11-17.22; 8,40-56; 9,7f.19; Joh 5,21; 11,1-44.

> Traum – Gen 28,12f; 31,l 0f; 37,5-11.19; 40,1-41,36; Dtn 13,2-6; Ri 7,13-15; 1 Kön 3,5-15; Ijob 33,15; Ps 73,20; Sir 34,1-7; Jer 23,25-32; Dan 2,1-49; 3,98 - 4,34; 7,1-28; Joel 3,1; Mt 1,20f; 2,12f.19.22; 27,19.

> Tummim (Lossteine) – Ex 28,30; Lev 8,8; Dtn 33,8; Esra 2,63; Neh 7.65.

> Unreine Geister – Mt 10,1; 12,43; Mk 1,23.26f 3,11.30; 5,2.8.13; 6,7; 7,25; 9,25; Lk 4,33.36; 6,18 8,29; 9,42; 11,24; Apg 5,16; 8,7; Offb 16,13; 18,2  > Dämonen.

> Unsterblichkeit – Dtn 32,40; Weish 1,15; 3,4 8,13.17; 15,3; Sir 17,30; 1 Kor 15,53f; 1 Tin 6,16.

> Untergang weihen, dem (Bann) - Num 21,1-3; Dtr 13,13-19; Jos 6,17-21; 1 Sam 15,20f.

> Unterwelt (Totenwelt) – Ijob 10,21f; 26,5f 38,17; Ps 6,6; 9,14; 18,6; 30,10; 63,10; 88,6.12 95,4; 115,17; Spr 1,12; 27,20; Weish 16,13; Jes 5,14; 14,9; 26,19; 28,15; 38,10; Mt 11,23; 12,40 16,18; Lk 8,31; 10,15; 16,22-26; Apg 2,24.27.31; Röm 8,36; 10,7; Eph 4,9; 1 Petr 3,19; 4,6; 2 Petr 2,4; Offb 1,18; 5,3.13; 6,8; 9,1f.11; 11,7 17,8; 20,1.3.13f.

> Unvergänglichkeit – Weish 2,23f; 6,19; 12,1 Röm 1,23; 2,7; 1 Kor 9,25; 15,42.50.52-54; Eph 6,24; 1 Tim 1,17; 2 Tim 1,10; 1 Petr 1,4.23 3,4.

> Urim (Lossteine, > Tummim) – Ex 28,30; Lev 8,8; Num 27,21; Dtn 33,8; 1 Sam 28,6; Esra 2,63; Neh 7,65.

> Wahrsagerei – Gen 44,5; Ex 4,4; Lev 3,4; 19,19.26; 20,6; Num 23,23; Ri 17,5; 1 Sam 28,3; Spr 17,8; Sir 34,5f; Jes 3,16; 5,18; 65,4; Ez 13,18; 21,26; Dan 5,12; Hos 4,12; Apg 16,16.

> Weisheit, Weisheitsliteratur, Weise – Ijob; Einl. Spr; Einl. Weish; s. A Sir 24,30-34; 37,19-26; Mt 11,19; 12,42; 13,54; 23,34; Lk 11,49; 1 Kor 19,31; 2,5-13; 12,8; Kol 2,3.

> Wunder – Ex 3,20;4,21;7,9; 15,11; Dtn 6,22; 7,19; Jos 3,5; 1 Kön 17,1 - 19,18; 2 Kön 1,3-25; 4,1 - 8,6; Ps 9,2; 40,6; 72,18; 78,11.43; 111,4; Mt 4,23f; 8,1 - 9,8.18-34; 12,9-15.22; 13,58; 14,13-36; 15,21-39; 17,14-20.27; 19,2; 20,29-34; 21,14.18-22; 24,24; Mk 1,23-34. 40-45; 2,1-12; 3,1-6; 4,35-41; 5,1-43; 6,5.35-56; 7,24-37; 8,1-10.22-26; 9,14-29; 10,46-52; 11,12-14; 13,22; Lk 4,33-41; 5,1-26; 6,6-11.18f; 7,1-21; 8,22-56; 9,12-17.37-43; 11,14; 13,10-17; 14,1-6; 17,11-19; 18,35-43; 22,49-51; Joh 2,23; 3,2; 4,46-54; 5,1-9; 6,1-21; 9,1-7; 11,1-44; 12,37; 20,30; 21,1-14.25; Apg 2,19.22.43; 4,30; 5,12; 6,8; 7,36; 8,12; 10,38; 14,3; 15,12; 19,11; Röm 15,19; 1 Kor 12,10.28f; 2 Kor 12,12; Gal 3,5; 2 Thess 2,9; Hebr 2,4; s. Zeichen.

> Zahlenwert, Zahlensymbolik – Ex 12,37; Mt 1,17; Joh 21,11; Offb 1,4; 7,4-17; 9,16; 11,2; 13,18; 14,20.

> Zeichen – Gen 9,12-17; 17,11; Ex 7,3f; 10,lf; 12,13; 31,13.17; Num 14,11.22; Ps 78,43; Jes 7,11-14; 55,13; 66,19; Ez 14,8; Dan 4,4; Mt 12,38f; 16,1.3f; 24,3.24.30; 26,48; Mk 8,llf; 13,4.22; 16,17.20; Lk 2,12.34; 11,16.29f; 21,7. 11.25; Joh 2,11.18.23; 3,2; 4,48.54; 6,2.14.26.30; 7,31; 9,16; 10,41; 11,47; 12,18.37; 20,30; Apg 2,19.22.43; 4,16.22.30; 5,12; 6,8; 7,36; 8,6.13; 14,3; 15,12; Röm 4,11; 15,19; 1 Kor 1,22; 14,22; 2 Kor 12,12; 2 Thess 2,9; 3,17; Hebr 2,4; Offb 12,1.3; 13,13f; 15,1; 16, 14; 19,20.

> Zungenreden – Apg 2.4; 1 Kor 12,10; 14,22.

II. MYSTIK

Die oben genannten paranormologischen Themen der Bibel sollen hier unter dem Aspekt der Mystik mit Texten aus der Bibel und dem Bericht über Mollie Francher veranschaulicht werden

1. Begriff

Der Ausdruck Mystik stammt vom griechischen mystikos, geheimnisvoll, im Sinne von myo, Mund und Augen schließen, um sich in die Innenwelt zu versenken. Damit wird ganz allgemein eine Innenschau angesprochen, wie sie auch im oben erwähnten Themenspektrum der Bibel anklingt, die sich von der Welt der Sinneserfahrung abhebt oder diese zumindest in verschiedenen Phasen des mystischen Erlebens übersteigt. So werden mit dem Begriff Mystik Berichte und Aussagen über Erfahrungen einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit wie auch das Bemühen um solche Erfahrungen bezeichnet. Dieses Bemühen ist so zu verstehen, dass die verschiedenen Formen der Sinneswahrnehmung vor der endgültigen Gotteserfahrung punkthaft unterbrochen oder graduell überlagert werden.

 Dabei ist grundsätzlich zwischen der unpersönlichen und der persönlichen Transzendenzerfahrung zu unterscheinen. Dies kann nur anhand von Erfahrungsberichten veranschaulicht werden. Zudem darf nicht vergessen werden, dass jede mystische Erfahrungsform von einem konkreten Menschen erlebt wird. Dieses Erlebnis kann seinerseits von verschiedenen Bewusstseinsformen mit ihren körperlichen und umweltbedingten Eigenheiten bestimmt sein, aber auch von außerkörperlichen Erfahrungen getragen werden.

 Dies soll hier durch Aussagen zur Mystik in Neuen Testament und dem Bericht über das Rätsel von Brooklyn, USA, der Mollie Fancher, dargelegt werden.

2. Aussagen der Bibel

Dem Propheten und Mystiker ist es, als schaue er alles ganz deutlich. Diese Art von Erkennen gehört zur Eigenart der Propheten und zu jener Gnade, die der hl. Paulus als Gabe der Unter­scheidung der Geister bezeichnet. Dabei ist die die Seele von der Wahrheit dessen, was sie erkennt, unerschütter­lich überzeugt, und zwar mehr auf dem Weg des Glaubens als des Verstehens, wie es schon im Buch der Weisheit steht:

17 Er verlieh mir untrügliche Kenntnis der Dinge,

so dass ich den Aufbau der Welt und das Wirken der Ele­mente verstehe,

18 Anfang und Ende und Mitte der Zeiten,

die Abfolge der Sonnenwenden und den Wandel der Jah­reszeiten,

19 den Kreislauf der Jahre und die Stellung der Sterne,

20 die Natur der Tiere und die Wildheit der Raubtiere,

die Gewalt der Geister und die Gedanken der Menschen, die Verschiedenheit der Pflanzen und die Kräfte der Wurzeln.

21 Alles Verborgene und alles Offenbare habe ich erkannt; denn es lehrte mich die Weisheit, die aller Dinge Meisterin ist. (Weish 7,17-21)

Hier spricht die begnadete Person von einer Kenntnis, die ihr Gott über alles Geschaffene verliehen hat. Diese Kenntnis fußt nach Paulus auf verschiedenen Gnadengaben:

4 Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur einen Geist.

5 Es gibt verschiedene Dienste, aber nur einen Herrn.

6 Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur einen Gott: er wirkt alles in allem.
7 Jedem aber wird die Offenba­rung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.

8 Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln,

9 dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern – immer in dem einen Geist – Heilungsgaben,

10 einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden,* einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterschei­den, wieder einem andern verschiedene Arten verzückter Rede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten.

11 Das alles bewirkt der eine und gleiche Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.“(1 Kor 12, 4-11)

All diese Kenntnisse sind  blei­bende Zustände, eingegossen von Gott aus reiner Gnade, bald auf natürlichem, bald auf übernatürlichem Weg. So hat er z.B. auf natürlichem Weg dem Balaam und anderen heidnischen Propheten sowie vielen Sibyllen den Geist der Weissagung verliehen. Das Gleiche hat er auf übernatürlichem Weg an den Aposteln, Propheten und anderen Heiligen bewirkt.

 Menschen in der Nachfolge Gottes können auch von den Taten und Ge­schicken abwesender Menschen Kenntnis haben, wie im 2. Buch der Könige zu lesen ist. Als nämlich Gehasi, der Diener des Elischa, diesem das Geld verheimlichen wollte, das er von Naaman, dem Syrer, empfangen hatte, sagte Elischa zu ihm:

26 War nicht mein Geist zugegen, als sich jemand von seinem Wagen aus dir zuwandte? Ist es denn Zeit, Geld anzunehmen und Kleider, Ölgärten, Weinberge, Schafe und Rinder, Knechte und Mägde zu erwerben?

27 Der Aussatz Naamans aber soll für immer an dir und deinen Nachkommen haften. Gehasi ging hinaus und war vom Aussatz weiß wie Schnee.“ (2 Kg 5, 26-27)

Wir haben es hier mit einer Erfahrung der Luzidität zu tun. Elischa sah nämlich in seiner Vision, als wenn er zugegen gewesen wäre. So bekam der König von Aram auf die Frage, wer von den Seinen zum König von Israel hält, von seinen Obersten die Antwort:

12 Niemand, mein Herr und König, sondern Elischa, der Prophet in Israel, verrät dem König von Israel, was du in deinem Schlafzimmer sprichst. (2 Kg 6, 12)

In diesen zwei Fällen werden die Kenntnisse von Dingen dem Propheten passiv mitgeteilt, ohne dass er selbst das Geringste dazu tut. So kann es vorkommen, dass jemand nicht im mindesten daran denkt und sich seinem Geist doch ein klares Verständnis dessen einprägt, was jemand gerade liest oder hört, so dass er es viel besser versteht, als es ihm der Wortlaut beibringen könnte. Ja, es kann sogar sein, dass jemand die betreffende Sprache, eta Latein, gar nicht versteht und dennoch den Sinn der Worte vollkommen erfasst.

3. Mollie Fancher

In diesem Zusammenhang sei von den vielen Beispielen aus der Paranormologie das schon völlig vergessene „Rätsel von Brooklyn“ angeführt. Damit wird das durch viele außergewöhnliche Ereignisse gekennzeichnete Lebensschicksal von Mary J. Fancher  beschrieben, das bis heute an Bedeutung nicht verloren hat. Da davon im deutschen Sprachraum nach dem Bericht in der Monatszeitschrift Psychische Studien von 1881 kaum noch die Rede war, halten wir es für angebracht, diesen Fall anhand des Augenzeugenberichts von J. Charles E. West der Vergessenheit zu entreißen und hier neben den Beispielen aus der Bibel als ein Beispiel aus der Geschichte der Neuzeit anzuführen.

a) Leben

Mary J. Fancher, genannt Mollie, wurde am 16. August 1848 in Attleborough im Staat Massachusetts, USA, als Tochter von James und  Elizabeth Fancher geboren. 1850 übersiedelte die Familie nach Brooklyn, New York. Dort wurde Mollie in eine Privatschule aufgenommen. Der Tod der Mutter 1855 und die neuerliche Heirat des Vaters, der sich um die Kinder nicht kümmerte, belasteten sie sehr. Die Sorge für die Kinder übernahm die Tante, Susan Crosby. War Mollie bis dahin ein fröhliches Kind, so verlor sie nun ihre Heiterkeit und wurde psychologisch betreut. 1864 wurde sie in das Brooklyn-Height-Seminar aufgenommen, dem J. Charles E. West vorstand.

Mollie Fancher

West beschreibt Mollie im Buffalo Courier von 1878 als liebes Mädchen von zarter Konstitution und nervösem Temperament. Wegen ihrer angenehmen Manieren und sanften Gemütsstimmung wurde sie zudem hoch geschätzt. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin, die sich vor allem in schöner Literatur bewandert zeigte. Ihre delikate Gesundheit führte jedoch im Jahre 1864, kurz vor Abschluss der Schule, zu ihrer Entfernung. Sie litt an Kopfschmerzen und verschiedenen psychischen Beschwerden. Der Arzt verschrieb ihr, wie es damals bei derartigen Störungen üblich war, eine Reittherapie, um ihre Verdauungsstörungen zu beheben und Ruhe zu finden. Dabei fiel sie so unglücklich vom Pferd, dass sie mit dem Kopf aufschlug, sich mehrere Rippen brach und bewusstlos liegen blieb.

 In der Folge litt Mollie an einer Reihe von Beschwerden, die alle ihrem Unfall zugeschrieben wurden. Sie erholte sich jedoch so weit, dass sie an eine Heirat dachte. Nach einem Einkauf für die kommende Hochzeit stieg sie auf dem Heimweg am 8. Juni 1865 aus einer Straßenbahn. Der Schaffner wies den Fahrer an, weiterzufahren. Als der Wagen sich fortbewegte, verlor Mollie das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Ihr Kleid wurde  von einem Haken des Wagens erfasst und so wurde sie eine Station mitgeschliffen, ohne dass es jemand bemerkte. Als man auf sie aufmerksam wurde, war sie bewusstlos und ihre Rippen waren gebrochen. Zu Hause wurde sie zur Heilung in das Bett gelegt, wo sie fortan den Rest ihres Lebens verbrachte (Abb.).

 In dieser Zeit kam es zu einer Reihe von Vorfällen, weshalb sich ihre Tante an J. Charles E. West, den Vorstand des Brooklyn-Height-Seminars, das Mollie einst besucht hatte, wandte. Dieser hatte Mollie völlig aus den Augen verloren, bis er aus einer Brooklyner Zeitung von ihrem sonderbaren Zustand erfuhr, der als Folge eines merkwürdigen Unfalls beschrieben wurde. Auf diese Nachricht hin suchte West Mollies Tante auf, die ihn zu einem Besuch der Kranken einlud, worüber West den folgenden Bericht verfasste.

b) Augenzeugenbericht von J. West

„ Ich ging am 4. März 1867 das erste Mal zu ihr, und von dieser Zeit an bis jetzt bin ich ein intimer Freund und steter Besucher der Familie geblieben. Ich habe ein Tagebuch über meine Visiten ge­führt und alles Wichtige notiert, das unter meine Beob­achtung kam. Ich habe allen Scharfsinn aufgewendet, den ich besitze, um einen Betrug oder eine Täuschung zu ent­decken; habe aber niemals etwas wahrgenommen, was meinen Verdacht erregen oder mein Vertrauen auf ihre Redlichkeit hätte erschüttern können. Sie ist ein liebens­würdiges, christlich erzogenes Mädchen und scheut sich vor jeder öffentlichen Bloßstellung ihrer Person.

 Ich will jetzt von ihrem geistigen und körperlichen Zustande reden. Am 10. Mai 1864 wurde sie von einem Pferde abgeworfen und stark verletzt. Was zuerst ihren körperlichen Zustand betrifft, so hat sie zwölf Jahre, wenn nicht länger, in einer Lage auf ihrer rechten Seite geruht. Neun Jahre lang war sie paralysiert, da ihre Muskeln nur unter dem Einfluss von Chloroform nachgiebig wurden. Während der letzten drei Jahre hat sie sich in einem neuen  Zustande befunden – im lahmen –  anstatt im starren. Ihre Muskeln sind so nachgiebig, dass sie ihre Glieder ohne die Hülfe von Chloroform bewegen kann. Während sie in diesen Zustand überging, litt sie große Schmerzen. Tage­lang stand ihr Leben auf dem Spiele. Ihre Augen standen offen und starr. Neun Jahre lang waren sie geschlossen gewesen. Jetzt stehen sie offen und schließen sich weder Tag noch Nacht. Sie erblickten nichts. Sie konnte schlucken, aber keine feste Nahrung zu sich nehmen, selbst der Ge­ruch derselben war ihr widerwärtig. Während dieser zwölfjährigen Krankheit gab es Zeiten, wo sie gar keinen Gebrauch ihrer Sinne hatte. Durch viele Tage lang ist sie allem Anschein nach tot gewesen. Der leiseste Pulsschlag konnte nicht an ihr entdeckt werden – sie verriet auch kein Zeichen von Atmung. Ihre Glieder waren kalt wie Eis, und wäre nicht etwas Wärme um ihr Herz gewesen, so würde sie begraben worden sein. Während dieser ganzen Jahre hat sie tatsächlich ohne feste Nahrung gelebt. Wasser, Fruchtsäfte und andere Flüssigkeiten wurden ihr zwar eingeflößt, aber kaum eine derselben hat ihren Weg zum Magen genommen. Dieses Organ war so sensitiv ge­worden, dass es nicht das Geringste in sich behalten wollte. Im ersten Teil ihrer Krankheit fiel er zusammen, so dass er, wenn man die Hand in die Biegung ihrer Rückensäule legte, zu fühlen war. Es war in ihm kein Raum für Nahrung vorhanden. Ihr Schlund war starr wie ein Stecken. Schlingen konnte sie gar nicht. Ihr Herz war stark vergrößert. Heftige Schmerzen gingen von ihm aus durch ihre linke Seite und deren Schulter. Mit wenigen Ausnahmen ist sie blind ge­wesen. Als ich sie zum ersten Male sah, hatte sie nur einen Sinn – den des Tastens. Mit diesem konnte sie manchmal schneller lesen als einer mit sehenden Augen. Sie tat dies, indem sie ihre Finger über die gedruckte Seite mit gleicher Leichtigkeit bei Licht wie bei Finsternis hingleiten ließ. Mit den Fingern konnte sie so die Photographien der Personen, die Gesichter ihrer Besucher etc. unterscheiden. Sie schläft niemals, den übrigen Teil ihres Lebens verbringt sie in Verzückungen (Trance-Zuständen). Die zarteste Arbeit wird von ihr bei Nacht verrichtet. Sie übt keine der gewöhnlichen Funktionen des Lebens aus, sie atmet nur. Die Zirkulation ist träge, und in Folge davon hat sie nur sehr geringe körperliche Wärme. Sie sehnt sich zu sterben, aber sie sagt, sie könne es nicht, weil es nichts zu sterben giebt. Dieses ist die kurze Dar­stellung ihres körperlichen Zustandes.

 Zweitens. Für mich ist ihr geistiger Zustand noch weit außergewöhnlicher. Ihre Gabe des Hellsehens oder ihr zweites Gesicht ist wunderbar entwickelt Alle Orte, an denen sie Interesse nimmt, liegen ihren geistigen Blicken offen. Entfernung ist für sie kein Hinderniss. Keine noch so abgeschlossene Verborgenheit entgeht ihrem durchdringenden Blicke. Sie diktiert den Inhalt versiegelter Briefe, welche niemals in ihre Hände gelegt worden sind, ohne den ge­ringsten Irrtum. Sie besucht die Familien-Zirkel ihrer  Verwandten und Bekannten an entfernten Orten und be­schreibt ihren Anzug und ihre Beschäftigungen. Sie weist jede Ungehörigkeit an einem Kleide nach, und wäre sie noch so gering, wie z.B. die Heftfäden in einem Ärmel, welcher dem gewöhnlichen Blicke durch den Arm verborgen ist. Jeden Artikel, der verlegt worden, sieht sie und sagt, wo er zu finden ist. Sie unterscheidet im Finstern zarteste Farb-Nuancen mit einer Genauigkeit, welche niemals irrt. Sie arbeitet in Stickereien und Wachs ohne Muster. Sie ersinnt die schönsten Formen und Kombinationen. Sie hat niemals Botanik studiert, noch eine Stunde in Wachs-Arbeit genommen, und doch verfehlt sie weder die Formen der Blätter noch der Blumen. Die Blätter mit ihren Rippen und Adern, die Blüten und Blumen mit ihren Kelchen, Staubgefäßen und Stempeln stellt sie mit der größten Naturtreue her. Indem sie den Bleistift oder die Feder in ihrer linken Hand hält, schreibt sie mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Ihre Schrift ist hübsch und bar. Sie schrieb einst ein Gedicht von zehn Versen in ebenso vielen Minuten – da ihr die Gedanken mit Blitzgeschwindigkeit zufließen. Beim Ausschneiden von Blättern mit samtenen Feder-Kissen von der Art der Ihnen übersendeten hielt sie die Schere mit dem Daumenknöchel und Zeigefinger der linken Hand, und indem sie den Sammet mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zu­brachte, schnitt sie die Blätter ebenso formenschön und ohne Versehen aus, als ob sie mit einer Bunze ausgeschlagen worden wären. Diese Blätter unterscheiden sich an Größe und Gestalt nicht im Geringsten von den an Bäumen oder Sträuchern wachsenden. Im ersten Stadium ihrer Krank­heit schnitt sie mehr als 2000 solcher Blätter. Im April 1875 arbeitete sie 2500 Unzen Wollwaren. Bis zum Dezember 1875 hatte sie 6500 Notizen und Briefe ge­schrieben. Sie hat während ihrer Krankheit ein Ausgaben­buch über alle Familien-Unkosten geführt. Sie hält ein Tagebuch, ausgenommen für die Zeit, wo sie länger als 24 Stunden in Trance liegt. Als sie vor drei Jahren in den neuen Zustand einging, von dem ich gesprochen habe, vergaß sie Alles, was in den vorhergehenden neun Jahren vorgefallen war. Als sie wieder zu sprechen fähig war, fragte sie nach Dingen, welche im Anfange ihrer Krankheit sich ereignet hatten, – die neun dazwischen liegenden Jahre waren völlig ihrem Gedächtnisse entschwunden.

 Doch ich muss diesen interessanten Gegenstand ver­lassen. Die Ungläubigen werden ihn schwerlich für wahr halten – und es ist das auch nicht überraschend. Miss Fancher ist nicht nach gewöhnlichen Gesetzen zu beur­teilen. Ihr Zustand ist ein normaler – eine Art von modifizierter Katalepsie, welche die gewöhnliche Tätigkeit des Körpers und Geistes zerrüttet hat. Er ist eine reiche Fundgrube für Forschungen der Physiologen und Psycho­logen; und mit ihnen verlasse ich diesen Fall.“1

J. Marks, E. Wogt

(Im „Buffalo Courier“ 1878)

III. ZUSAMMENFASSUNG

Die in der Bibel und vor allem die von J. West beschriebenen Erfahrungen mit Mollie Fancher haben zu zahlreichen Interpretationen geführt, welche von hysterischen Reaktionen bis zur Paragnosie reichen. An der Echtheit der biblischen Aussagen und der Ehrlichkeit von J. West ist jedoch nicht zu rütteln. Dies ist auch deshalb besonders zu erwähnen, weil gerade unter Wissenschaftlern die Meinung vorherrscht, das alles, was nach Spiritualismus, außersinnlicher Wahrnehmung oder dem Okkulten riecht – wie die angeführten Aussagen der Bibel und insbesondere das Phänomen „Mollie Fancher“ – keiner Beachtung wert sei. So ist es bei den angeführten historischen Fällen aufgrund des Mangels an den geforderten Untersuchungen und vor allem wegen der Komplexität der genannten Phänomene nicht mehr möglich, auf Einzelheiten einzugehen. Wir können aber neben den biblischen Berichten die Schlussaussage von West voll bestätigen, dass der Fall „Mollie Fancher“ hinsichtlich der Phänomene von Körper und Geist für Mediziner und Paranormologen nach wie vor eine Anregung und Fundgrube für die Forschung darstellt.

L i t e r a t u r

 

Das Evangelium der Essener: Gesamtausg. Buch 1 bis 4 / Die Originaltexte aus d. Aramäischen u. Hebr. übers. von Edmond Bordeaux Székely. Südergellersen: Martin, 1988.

Dowling, Levi H.: Das Wassermann-Evangelium von Jesus dem Christus. Aus dem Amerikan. von Walter Ohr. Darmstadt: Schirner, 2004.

Gerke, Friedrich Clemens: Das fünfte Evangelium. Crossen: [s. n.], 1879 (Bibliothek der deutschen Literatur).

Mollie Fancher. Psychische Studien, VIII (Juli 1881) 7, 289 – 293.

Mollie Fancher, the Brooklyn enigma. An authentic statement of facts in the life of Mary J. Fancher, the psychological marvel of the nineteenth century / Dailey, Abram Hoagland. Brooklyn, New York, 1894.

Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung / hg. v. Wilhelm Schneemelcher. 5. Aufl. der von Edgar Hennecke begr. Sammlung. Tübingen: Mohr, 1987.

Nordsieck, Reinhard: Das Thomas-Evangelium: Einleitung – Zur Frage des historischen Jesus – Kommentierung aller 114 Logien. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verl., 2004.

Two old cases reviewed (C. B. Sanders and Mollie Fancher). Bulletin XI, Boston Society for Psychic Research, 1929.

Walsh, Anthony A.: Molly Fancher, the Brooklyn Enigma: The Psychological Marvel of the Nineteenth Century. Faculty and Staff, Salve Regina University, 1978.

Andreas Resch: Der Rauchenalm-Spuk

 

Andreas Resch

DER RAUCHENALM-SPUK

Mautern 1923/24

Von Oktober 1923 bis März 1924 ereigneten sich auf der Rauchenalm in Mautern in der Steiermark, Österreich, spukhafte Ereignisse, die mit dem 14-jährigen Mädchen Maria Schnabel in Zusammenhang standen. Dieses wurde von einer Nachbarsfamilie in die Familie des Bauern Franz Moisi aufgenommen und wie ein eigenes Kind aufgezogen. Als im Oktober 1923 spukhafte Erscheinungen auftraten, fand man bald heraus, dass diese vornehmlich mit Schnabel in Verbindung standen. Das Spukgeschehen wurde auch gleich P. Dr. Anton Schön aus dem Redemptoristenkloster in Mautern bekannt. Dr. Dörfler aus Graz, P. Dr. Schön, P. Sadleder und ein weitere Mitbruder des Klosters, der als Chronist diente, führten eine eingehende Befragung der Familie am Rauchenhof durch, deren Originaltext hier erstmals in voller Länge als bleibende Dokumentation mit den beigefügten Fotos angeführt werden soll. Die sehr sachliche Befragung der gesamten Familie, mit den dabei zusätzlich gemachten Beobachtungen, ergibt ein fachlich abgewogenes Bild vom damaligen Geschehen.

Da es sich bei diesem Bericht um eine gemeinsame Arbeit der oben genannten Personen handelt und der Chronist seinen Namen bewusst nicht nennt, veröffentliche ich den Bericht unter meinem Namen, um so für die Echtheit der 45 von Hand geschriebenen Seiten des mir vorliegenden Originals zu bürgen. Zum Original gehören auch die sechs angeführten Fotos, die zudem bezeugen, wie fachlich die Berichterstatter zur damaligen Zeit schon gearbeitet haben.
Schließlich sei noch darauf verwiesen, dass „IV. NACHTRÄGE“ Ergänzungen zweiter Hand und daher auch als solche zu werten sind.

„I. DER ERSTE BESUCH IM SPUKHAUS

Wir hatten von P. Sozius, Dr. Anton Schön, von den sonderbaren Spukerscheinungen im Rauchenhause gehört. Wie gerne hätten wir Genau­eres erfahren – doch wie wäre das einem Studenten möglich!
Da kam Dr. Dörfler aus Graz und hielt uns am Samstagabend, (Licht­messtag!), 2.11.1924, einen Vortrag über Okkultismus, Hypnotismus, Spiritismus und verwandte Erscheinungen, und  am 3.11. einen Lichtbilder­vortrag mit anschließender sehr interessanter Debatte.
Nachmittags wollte er trotz des heftigen Schneesturms das Rau­chenhaus besuchen. Mit P. Sadleder sollte ich im Rauchenhaus einige photogra­phische Aufnahmen machen. So bot sich uns die willkom­mene Gelegenheit den ganzen Hergang der Spukerscheinungen von den Hauptzeugen der Ereignisse selbst zu erfragen.

Das Rauchenhaus

Am Federweißbergwerk der Commune vorbei geht man links in die Magdwiese hinein. Gleich am Eingang des Tales führt ein schmaler Fahrweg rechts hinauf zum Rauchenhof (Magdwiese Nr. 7), dessen mächti­ger Stall und Stadel und schmuckes Bauernhaus einen wohlhabenden Be­sitzer verraten (Abb. 1).

Rauchenalm
       Abb.1: Das Rauchenhaus

Die Rauchenfamilie

Franz Moisi, vulgo „der Rauchen“, ist ein großer, ruhiger, christlicher Mann in den 50ern, ein echter steirischer Bauer, bieder, aufrich­tig und furchtlos (Abb. 2).

Rauchenfamilie
      Abb. 2: Rauchenfamilie
Maria Moisi, die älteste Tochter (= 20 Jahre).
Kathl Moisi, 14 Jahre, lebhaft und sehr geweckt, mit einem sehr treuen Gedächtnis ausgerüstet. Sie war die Hauptberichterstat­terin, deren Erzählung von den übrigen Familienmitgliedern und Dienstleuten bestätigt und ergänzt wurde.
Hansl  Moisi, 17 Jahre alt, groß und kräftig.
Anna Moisi, 13 Jahre alt, kränklich.


Maria Schnabel, uneheliche Tochter der Frau Weigandt, 14 Jahre alt, sehr kräftig, von ganz gesundem Aussehen. Von ihren Lehrern als begabtes und gewecktes Kind bezeichnet. Mit 10 Jahren wurde sie von einer Mitschülerin erschreckt und leidet seither an Epilepsie. Sie wurde vor 8 Jahren von der Familie Moisi ins Haus genommen und mit den Kindern des Hauses zusammen aufgezogen und wird wie ein Kind des Hauses behandelt (Abb. 3).


      Abb. 3: Stube der Rauchenfamilie

Die „Friederin“ ist die Schwester des Herrn Moisi, die Bäuerin des Hofes oberhalb des Rauchen, Mutter von 9 Kindern; eine sehr tüchtige und auch recht christliche Frau.

Der Bericht der Rauchenleute

Kathl erzählt, der Raucher und der Hansel, die Annerl und die Dienst­leute ergänzen den Bericht. (Gute 2 Stunden dauerte das „Verhör“; bald fragte Dr. Dörfler, bald Dr. Schön, bald P. Sadleder und ich um diesen und jenen Umstand.)

1. Die beleidigte Bettlerin

Als die Rauchenmutter gestorben war, kam die alte Thekla, eine Bettlerin, die sich alle Wochen ihr Almosen holte, und bat um einen „Kittel von der Mutter.“ Da gerade die Abschätzer da wa­ren, sagte Maria (Moisi), heute geht das nicht, weil noch nicht alles abgeschätzt sei, sie werde schon etwas bekommen, und lud sie ein, zum Mittagessen dazubleiben.

Maria Schnabel stellte ihr eine Schüssel hin mit dem Essen, wie es die Hausleute bekommen, und daneben für die „Abschätzer“ ein besseres Gericht. Die Thekla griff nach dem besseren Essen; da sagte ihr die Schnabel: „Na du bist aber keck! Du weißt wohl, was gut ist! Wird wohl das auch gut genug für dich sein!“ Die Bettlerin zeigte sich schwer beleidigt und seither kam sie nicht mehr auf den Rauchenhof, redete aber dem Schnabelmädchen übel nach. „Ob nicht de Olte dös Madl verhext hat?“ meinte der Rauchen und erzählte von einem analogen Falle einer Verwünschung durch Zigeuner im Wald vor 35 Jahren, wo der „Geist Gottfried“ bei Tisch mit aß und trank und versprach, in 35 Jahren wiederzukommen (tatsächlich erneuerte sich der Spuk im Herbst 1923).

Der alten Thekla redete man nach, sie sei eine Hexe, denn als Sennerin sei ihr immer das Vieh beisammen geblieben und obwohl sie nichts arbeitete, habe sie mehr Milch und Butter gehabt als andere Schwägerinnen.
Sie wohnt in der Nähe des Bergwerkes und sagte einem Pater, sie habe immer fleißig zum Schutzengel gebetet, da sei ihr das Vieh nie davongelaufen und es habe nie ein Unglück gegeben.
Dort wo der Steig zu ihrem Häuschen von der Straße abbiegt, bleiben jedesmal beim Holzführen die Ochsen des Rauchen von selber stehen, stecken den Kopf zwischen die Füße und schnuppern am Boden herum. Sollte ein Maleficium vorliegen?

2. Das Tischrücken

Im Oktober 1923 waren eines Abends der Rauchen und die älteste Tochter Maria nicht zuhause, die Kathl und die Schnabel liehen sich von der Friederin ein kleines 15 cm hohes Tischchen aus. „Das iss so viel lusti“, meinten die Kinder. Wenn nur zwei Hände auf dem Tischerl lagen, bliebs unbeweglich, wenn 3 oder mehr drauflagen, begann es zu tanzen, wenn man sagte“Tischl tanz!“ In den Armen verspürte man ein starkes Ziehen. Ein Fuß des Tisches hatte einen Bleistift, darauf (damit Red.) schrieb das Tischchen die Antworten auf viele Fragen der Tischrücker nie­der in schöner lateinischer Schrift (kein Teilnehmer konnte so schön schreiben), mehrmals auch in „schiacher“ Schrift. Es wurde gefragt, wie alt der und die sei, wie viel Geld die oder der habe – und stets erfolgte die rechte Antwort. „Wieviel Geld hat die Friederin im Tascherl?“ Diese war nicht anwesend, hin­terher zeigte es sich, dass die Antwort stimmte. Dann wurde z.B. auch gefragt, was die Friederin den Dienstleuten zu Weihnachten geben werde; für jeden wurde das aufgeschrieben, was sich die Friederin einmal gedacht hatte, ohne es jemandem mitzuteilen!!!, diesen zu schenken. Auf diese Weise wurde auch zur größten allgemeinen Überraschung das gänzlich geheime Liebesverhältnis eines anwesenden Burschen aufgedeckt. „Tischerl, wo bist du denn her?“– Es schrieb einen Ort im Mürztal – kein Teilnehmer wusste davon und man glaubte es nicht, als man bei der Friederin erfuhr, dass eine Magd das Tischchen von dort mitgebracht hatte. „Tischerl, wer spricht denn aus Dir?“ – Antwort: „Der Teufel.“ Darauf­hin wurde das Tischchen in Weihwasser gebadet. Dann hats woll a Weile bockt, aber wia mers dann gfragt ham: „Tischerl, macht dir das Weihwasser was?“ Da hats geschriebn: „Nein“

Was die Kathl mit klugem Stillschweigen überging, fasste Maria Moisi in die klassischen Worte: „Wie i ghört hab, was se ‚trieben haben, hob ich ihr schon a poor tüchtige zunden.“

3. Die ersten Spukerscheinungen

9. – 10. Dezember 1923:  
In der Nacht wacht Maria Schnabel auf, da kommen ihr plötzlich mehrere leere Zündholzschachteln zugeflogen, die in der Mägdekammer nebenan in der Schublade ihren Platz gehabt hatten. Das Bett der Schnabel steht im selben Zimmer, wo der Rauchen und die Kinder schlafen (Abb. 4).


Abb. 4:Schlafzimmer der Schnabel

Abb.5. Saustall in Nebengebäude

10. Dezember (Montag) 1923:
Die Schnabel und Kathl tun in der Saukuchel (einen Vorraum zum Saustall, der in einem Nebengebäude liegt, Abb. 5) „Knull oba treiben“ (mit der Maschine Rüben schneiden). Da machts hinter ihnen „an Tuscher“ und ein Holzscheitel liegt da. Die Mädchen halten es für den Schabernack eines Knechtes und schließen die Tür, die auf den Hof hinaus führt, und arbeiten weiter, da hats wieder „getuscht“ und wieder liegt ein Holzscheit da. Jetzt fliegen auch noch gleichzeitig 6 Türchen der einzelnen Schweinstallungen auf, die Tiere flüchten ängstlich aus den offenen Türen davon und drücken sich scheu an die Mauer. Kathi hat noch den Mut, die Türchen zu schließen, und läuft dann schnell ins Haus.

Dort wurden am Montag noch ein schwerer Schürhaken vom Herd weg­geschleudert und Messer und Riemenzieher geworfen.
11. Dezember 1923 (Dienstag): nichts geschehen.
12. Dezember 1923 (Mittwoch): nur weniges flog. Es kommt der Herr Klammer zum Holzmessen. Man erzählt ihm den Spuk. Er lacht sie fürchterlich aus, muss aber hören, wenn er selbst es sehen und füh­len würde, dann sollte ihm der Spaß wohl vergehen.

4. Der Großspuktag

13. Dezember 1923 (Donnerstag)
„Am sölbigen Vurmittag habn mer grad schaugn müaßn, daß mer mitn Aufklaubn ferti worn san“, meinte lachend der Rauchenbauer und schob die Pfeife wieder in den Mund, da Kathl wieder zu erzählen anfing. Sie erklärte gleich, dass es rein unmöglich sei, alles aufzuzählen, was geflogen sei und auch ebenso unmöglich, genau die

Reihenfolge der Erscheinungen anzugeben. Aus ihren ausführlichen Angaben nur einiges (nach den stenographischen Notizen des Dr. Schön, die wir 2 sofort nach der Heimkehr aus unserem Gedächtnis ergänzten).
Draußen im Hausflur hats mit einemmal „getuscht“ – ein Holzschei­tel war aus der Küche herausgeflogen. Öfters machte es auch einen „Tuscher“, als wenn ein Holzscheitel geflogen wäre, aber als man nachsah, war nichts da. Ein Holzrahmen wurde geworfen und, da man ihn aufhob, war er ganz heiß (wovon sich mehrere Personen über­zeugt haben).

„Haben Sie die Gegenstände auch durch die Luft fliegen sehen?“ fragten wir. Man habe nur immer gesehen, dass bei dem Geräusch die Sache jetzt da sei, erklärte Kathl. „Amol wull hob i a Haferl a so(u) a Stück (1/2 m ca.) daherfahren gsegn, bevors aufgflogn is“, ergänzte der Rauchen.

Ein paar Ledergamaschen flogen aus der Kammer im l. Stock herunter ins Erdgeschoß. Man brachte sie wieder hinauf, da flogen sie ein zweites Mal herunter. Kathl trug sie wieder hinauf und wollte zu­schauen, wie sie wieder davonfliegen würden. Doch sie wartete um­sonst, da wurde es ihr „zu dumm“, besonders als sie hörte, wies drunten in der Küche fuhrwerkte, wo Haferl, Teller und Besteck heruntergeworfen wurden. Der Kathl flog ein ansehnliches Holz­scheitl auf die Schulter. „‚Hats weh tan, Kathl?“ „O – hat wull weh toan!“ Die in der Stube hängende Petroleumlampe wurde herabgewor­fen, dass der Zylinder in Scherben ging. Eine zweite Stehlampe wurde vom Ofensims herabgeworfen. Ein ganzes Bündel Schafscheren wurden in die Stube geschleudert. Ein Hemd hats an die Tür hinpickt. Des Rauchenvaters Missionskreuzchen (ca 15 cm hoch) wurde in der oberen Stube vom Platz geworfen. Messer und der Riemenzieher flogen bei geschlossenen Türen und Fenstern ins Neben­zimmer. Das Melissengeistflascherl wurde samt einem Schnapsstamperl vom Wandbrett herabgeschleudert und „hin i(st)s gwest“. Ein halber Wetzstein fährt zum Fenster hinaus, das in Scherben geht.

Im Stall fallen zum Schrecken der Schwägerin 4 Kühen die Ketten ab, sodass sie frei herumspazieren. Da man die Ketten aufhebt, um das Vieh wieder anzuhängen, sieht man mit Staunen, dass die Ketten noch ebenso geschlossen sind, wie sie das Vieh umhatte. Als dann die Schnabel in den Stall kommt, wiederholt sich das Kettenabfal­len bei 3 anderen Kühen. Aus der Knechtkammer im getrennt stehenden Nebengebäude kommt Bürste und Schuhpasta ins Haus geflogen. Ein Trankschafferl fliegt so gewaltig gegen die Tür, dass es in die einzelnen Dauben zerfliegt. Der Weihbrunn­kessel fliegt aus der Stube ins Vorhaus und wird zerschlagen. 2 Blumentöpfe, davon einer voll Erde, werden geworfen.
Da die Schnabel etwas ins Freie geht, fliegt ihr ein Stein auf den Rücken und einer ins Gesicht, sodass sie eine kleine Wunde davonträgt. Sie erschrickt so stark, dass sie einen „Anfall“ bekommt – (hysterisch? epileptisch?? Trance??). Sie wird ins Zimmer geführt. Da sieht sie „a kloans Paunzerl mit eindrahte Krallen“ unter der Bank herumlaufen. „Jetzt greifts dös an! – im selben Augenblick fliegts auch schon – „jetzt dös – dös – dös –“ schon fliegts. „Jetzt greifts dös – na, jetzt hats es wieder auslossen, weil ich’s gsagt hob.“ Mit einem Male greift die Schnabel nach einem spitzen, scharfen Messer, hält es stichbereit und läuft an der Wandbank hin und her: „Da läufts – da – da – etz stich ichs ob!“ Da bleibt das Mädchen plötzlich starr stehen, sie wird leichenblass, das Messer entsinkt ihr, im Krebsgang weicht sie dann zurück und. stanmelt: „I trau mi net, etz hat sichs (selbiges Paunzerl) überpurzelt
.
Die „Beten“ (Rosenkranz) mit Perlen von l cm Durchmesser wird von dem Hirschgeweih herabgeworfen, an dem sie hing. Von einem anderen kleineren Rosenkranz ging das Kreuzchen verloren und war nicht wiederzufinden.
Beim Essen wurde ein großer Hafen von 15 lt. geworfen, Brot fliegt davon, beim Abspülen wird der Magd das Geschirr direkt aus der Hand gerissen und fliegt davon. Dem kleinen 3-jährigen Ferdl wirfts ein Haferl ins Geeicht und er weinte.
Der Rauchenbauer wurde schon langsam bös, weil viel Gerät zer­brach, doch alles Schimpfen steigerte nur das Übel. Kathl schimpfte einmal herzhaft, da fuhr all ihr Geschirr durcheinander. Eine Kaffeemühle wurde so gewaltig zu Boden geschleudert „dass sies jetzt nimmer recht tun will“. Eine Karbidlampe wurde so in den Keller geschleudert, dass sie unbrauchbar wurde. Ein Weidling mit Mehl (Rührschüssel mit Henkel) wurde vom Herd auf den Küchenfußboden geworfen. Man raffte das Mehl wieder zusammen und stellte den Weidling auf den Herd zurück. Bald flog der Weidling zum zweiten Male herunter, und zwar so gewaltig, dass das Mehl über den Küchenboden weithin zerstreut und nimmer zu brauchen war. Teller, Besteck, Schöpflöffel fliegen. Der Rauchen wird wild, weil so viel zerschlagen wurde, und beschließt, die Schnabel nachmittags mitzunehmen in die Mühle in der Reitingau.
Aus einer geschlossenen Schultasche fliegt der Katechismus heraus.

5. Der Gang zur Mühle und weitere Ereignisse

Donnerstag,13. Dez.1923
Nachmittags geht der Rauchen mit Kathl und Maria Schnabel zu seiner Mühle in der Reitingau, ein Weg von 1/2 Stunde. Zuerst den sonnseitigen Hang des Magdwiesengrabens hinab, an Ellenbogens Bergwerk vorüber bis zum Losacher, dann links hinein in die Reitingau.

Als die 3 kaum 50 Schritt vom Rauchen-Hause entfernt sind, fliegt vor ihnen ein Messer in den Schnee. Man hebt es auf und geht weiter. Bald steckt sich vor ihnen der versilberte Löffel in den Schnee, mit welchem der Rauchenbauer schon an die 30 Jahre isst und der in der Stube an der Wand seinen Platz hatte. Es folgen nacheinander in ziemlich gleichen Zeitabschnitten 3 weitere Löffel, die man alle aus dem Schnee zieht und mitnimmt. Dann fliegen mehrmals große kompakte Schneeklumpen neben den 3 Wanderern nieder und der Rauchen betonte noch ausdrücklich, dass dies auf ganz freiem Felde war (wohl hinter dem Losacher). „Es wor doch ka Bam und ka Stauden net do, doß leicht hätt obafollen kinna.“ Und rundum kein Mensch zu sehen, der den Schnee hätte werfen können. Weiters flogen neben ihnen in 3 Schritt Entfernung 3 mal (faust-)große Steine  nieder, und zwar mit solcher Wucht, dass es ihnen unheimlich zu Mute wurde. Kurz vor der Mühle kommt ein Strähn roter Wolle dahergeflogen, bald ein zweiter. Kathl konstatiert mit Staunen, dass es die Wolle zum Wäschezeichnen ist, die sie daheim in ihrem Nähkästchen verschlos­sen gehalten hat. Außerdem kommen noch einige Stricknadeln da­hergeflogen.

6. In der Mühle

Der Rauchenbauer rüstet zum Mahlen, da ging auch hier der Tanz los. Holzstücke flogen gegen die Tür, ein Kerzenleuchter wurde 2 mal vom Platz geschleudert. Der Knecht, Josef Wagner, schnitzte gerade Quirle, da flog sein Werkzeug (2 Messer) davon. Da brummte der Knecht verdrießlich: „Jetzt fahlt grod no, dass mir a die Holzklötzln davonfliegen!“ – schwupp dich, fuhren im selben Augenblick auch schon die Klötzl davon. Unter dem Bett standen Strohpatschen, in denen Socken steckten; plötzlich fliegen die Socken und die Patschen in entgegengesetzte Winkel auseinander. Da es nun hier mit dem Spuk nicht besser war, sagte die Schnabel: „Jetzt verdrießt mich aber schon alles.“ Mit Kathl ging sie jetzt zur Stürzenbacherin, einer Schneiderin (in der Nähe der Mühle), bei der die Kathl das Nähen lernt. Als Kathl und Maria Schnabel in die Stube treten, fängt sogleich die Nähmaschine an ganz wütend zu laufen, als ob einer sie in rasendem Tempo treten würde – zu sehen war an der Maschine rein gar nichts, sie lief ganz von selbst. Die Schnabel sagte bald: „Geh ma furt, es leidt mi do a net!“ Sie erlitt wie­der einen jener sonderbaren „Anfälle“ (die Dr. Dörfler als Trance­zustände ansieht) wie am Vormittag. Auf dem Rückweg zur Mühle sagte die Schnabel in ihrem „Anfall“: „Schau da läuft das Paunzerl zwischen uns – ...jetzt bleibts a wengerl hint… o, du mein  liabs Paunzerl!“ Kathl schaute wohl – sah aber rein gar nichts. Im Laufe des Gespräches sagte die Schnabel noch wörtlich: „Glaubst, es (das Paunzerl) tut etwas, wenn i’s net drum bitt’ u. wenn i’s net wüll?“

Inzwischen kommen auf einen Spaziergang in die Reitingau Patres mit Rektor P. Dr. Schön CSsR an der Mühle vorbei und sie wurden vom Rau­chenbauer zu einem kurzen Besuch eingeladen. Kathl hatte die Pa­tres schon daherkommen sehen und die Schnabel auf ihr Kommen auf­merksam gemacht, worauf diese sagte: „Wenn die Patres kommen, do tu i net.“ –

Anfangs wollte der gute Bauer nicht recht mit der Sprache heraus, schließlich aber erzählte er den Patres ausführlich von den son­derbaren Vorgängen in seinem Haus und in der Mühle, wie von einem neuen Unglück, dass seine Familie getroffen hätte. (Im Sept. 1923 war nämlich seine Frau gestorben, eine vorzügliche Hausmutter und Musterchristin.) Solange unsere Patres anwesend waren, geschah nichts. Kaum waren sie aber ein Stück vom Hause fort, be­gannen die Wer-Erscheinungen von Neuem.
Man brachte daher die Schnabel für die Nacht zu ihrer Mutter, Frau Weigandt, die ca. 5 Minuten vom Rauchenhof entfernt in einem kleinen Häuschen wohnt. Hier flog ein einziges Mal ein Holzscheit; das war die einzige Erscheinung, welche in diesem Hause beobachtet wurde.

7. Übersiedlung zum Edlinger

14. Dezember 1923 (Freitag)
Früh ging die Schnabel auf den Rauchenhof, um Milch zu holen. Gleich gings  wieder an. Der Rauchenhansl hält im Hosensack drin sein Feuerzeug in der Hand, mit einem Mal fliegt es gegen die Türe. Messer und anderes Essbesteck flog aus der festen, geschlossenen Schublade heraus, ohne dass sie geöffnet worden wäre, ebenso das Salzhäferl, „das es so kräftig zum Ofen hinpickt hat, dass es hätt’ müssen hin sein“. Ein Häferl flog aus der Küche hinauf in den oberen Stock, auch mehrere andere Gegenstände wanderten vom Erdgeschoß hinauf in den 1. Stock. Das Mädchen wurde sofort zur Mutter zurückgebracht. Doch da wegen der zahlreichen Kinder und der großen Armut in dem kleinen Häuschen ein längerer Aufenthalt nicht gut möglich war, wurde beschlossen, das Mädchen für eine Zeit zum Edlinger im Geisgraben zu schicken; der Edlinger ist vom Rauchen­hof eine gute Stunde entfernt im Geisgraben, einem Seitental (des rechten Liesingsufers) gelegen.

Die Schnabel kam also zuerst ins Rauchenhaus zurück, um rasch ihre Wäsche und Kleider zusammenzupacken. Gleich flog wieder alles Mögliche, z.B. eine Flöte, die in ein Tuch eingewickelt war, wurde so heftig aus der Tischlade heraus gegen die Tür geschleudert, dass sie 2 Sprünge bekam; ein „Flickpinkel“ wurde „vom Tische wegpickt“. Der Frau Weigandt fliegen aus einem geschlossenen Kästchen (aus dem 5 Min. entfernten Hause!) 12 Haarnadeln davon, die sie für ihre Tochter kürzlich gekauft hatte, und diese Nadeln fallen in der Rauchenstube nieder. Eine Medaille, welche die Schnabel an einem Bande um den Hals hängen hat, fliegt ihr mehrmals davon, ohne dass das Band gerissen oder das Ringlein der Medaille aufgegangen wäre. Ein paar Messer fliegen auch wieder. Plötzlich fallen 5 Nüsse auf den Tisch. Die Kinder sind hocherfreut, dass ihnen der Spuk endlich auch einmal etwas bringt, nachdem er bisher doch nur davongetragen hat, und verzehren die gespenstigen Nüsse mit bestem Appetit, doch die Schnabel wollte nichts davon essen. (Als man der Frau Weigandt nachher von dem Nussengeschenk erzählte, sagte sie: „Dös werde do net eppa gor de Nussen sein, die i im Kittelsack drein hab.“ Sie schaute nach – die Nüsse sind aus ihrer Rocktasche verschwunden). Als eben wieder alles Mögliche herumflog, begann Kathl kräf­tig zu schimpfen über diese Wirtschaft, doch sofort wurden ihre Geschirrsachen so heftig herumgeworfen, dass viel hin war.

Die Kleider der Schnabel hatte man inzwischen in eine Handtasche eingepackt. Als Kathl mit der Schnabel fortgehen will, ist die Tasche samt Kleidern verschwunden, doch bald nach einigen Suchen wiedergefunden. Da die beiden sich wieder zum Gehen anschicken, ist die Tasche ein zweites Mal davon und erst nach 20 Min. sorg­samen Suchens findet man sie ganz versteckt in einem Winkel hin­ter einem Kasten im Oberstock.
Auf dem Wege zum Edlinger flogen den beiden Mädchen wiederholt die eingepackten Kleider davon; Kathl meinte, sie hätten auf dem ganzen Wege „olleweil Kleider zsomsuachn müaßn“. Als sie das Rauchenhaus verließen, trug die Schnabel die Tasche mit den Kleidern. Schließ­lich sagte die Schnabel: „Nimm du die Kleider“, und übergab Kathl die Tasche. Bald flog auch ihr die Tasche davon. Kathl holte sie wieder, schob den Arm durch den Tragring und schloss die Hände fest vor der Brust zusammen, damit ihr die Tasche – wie sie glaubte – ja nimmer „auskummen“ könnte. Doch siehe da – mit einem Male hat sie schon wieder keine Tasche. „Bei dir ists ja auch nicht besser“, sagte die Schnabel, die nun wieder das Tragen der Tasche übernahm. Ebenso seltsam wie mit der Kleidertasche ging es ihnen mit den Haarnadeln. Der Schnabel flogen plötzlich 12 Haarnadeln davon. Nach langem Suchen fanden sie nur 8 Stück; bald fliegen auch diese wieder weg; jetzt findet man nach langem Suchen 10 Nadeln; auch diese sind nach einer Weile wieder verschwunden, und  jetzt findet man beim Suchen alle 12 Stück
.
Das „Breverl“, die Medaille, flog der Schnabel 9 mal davon. Sie sagte zur Kathl: „Nimm du das Breverl, mir leidt’s es net.“ Kathl nahm die Medaille in die eine Hand und presst mit der anderen Hand fest zu, damit die Medaille ja nicht verschwinden könne. Nach einer Weile wollte sie sehen, ob die Medaille noch da sei. Vorsichtig öffnete Kathl Finger um Finger – die Hand war leer, die Medaille fort. Dr. Dörfler meinte, vielleicht sei der Erzäh­lerin die Medaille unbemerkt entfallen. „Net um die Burg! (= auf keinen Fall) so hab i’s g’haltn!“ und Kathl hielt uns die festge­schlossene Faust hin, die von der zweiten Hand zugepresst wurde.

Nach diesem abenteuerreichen Wege kam Kathl mit der Schnabel glücklich im Geisgraben an beim Edlinger. Hier geschah nichts mehr. Kathl verabschiedete sich von der Schnabel und kehrte auf dem Heim­weg bei ihrer Nählehrmeisterin, Frau Stürzenbacher, ein. Die gab dem Mädchen „an guaden Strudl“, den Kathl mit Freuden annahm; sie führt ihn zum Munde, doch da sie abbeißen will, „geht der Strudl davon“. Immer wieder versucht sie, den „guaden Strudel“ zu essen, doch jedesmal wird sie von unsichtbarer Kraft daran gehindert. „Dann is mer z’dumm wordn,“ sagte die Kathl.
Während die Schnabel beim Edlinger weilte, geschah dort nichts Außerordentliches; auf dem Rauchenhof aber flog noch einmal ein Scheit und außerdem wurde der feine Zigarettentabak des Bauern aus einem verschlossenen Kästchen herausgeworfen und in der Stube ausgestreut.
Soweit der Bericht der Rauchenfamilie am 3. Februar 1924. Maria Schnabel selbst konnten wir leider selbst nicht sprechen, da sie seit 7.1.1924 in Knittelfeld im Sanatorium weilte, wo sie auf Epilepsie und Hysterie hin behandelt wurde.


II.ABERMALIGER BESUCH IM SPUKHAUS

Anfang März war Maria Schnabel aus Knittelfeld in die Rauchenfamilie zurückgekehrt. Doch schon am 3. Tage nach ihrer Ankunft ging der Spuk von Neuem los. Bald wurde es so arg, dass das Mädchen wieder zur Mutter übersiedeln musste; und so oft sie dann auf den Hof kam, gab es auffällige Erscheinungen. Ein Beispiel: Die kleine Rauchen-Annerl war krank (sie leidet öfters an Krämpfen, ist viel­leicht auch etwas epileptisch, dabei sehr schwächlich und 2 mal stark herzkrank) und lag im Bett, das ihr jeden Tag gründlich aufgeschüttelt und neu gerichtet wurde. Sie klagte mit einem Mal, dass sie je­mand an den Waden kratze oder steche. Man redet ihrs aus, doch sie behauptet immer fester, dass etwas steche und kratze. Man sieht nach und findet mehrere Stecknadeln in der Decke drin zu aller Ver­wunderung, da es ausgeschlossen war, dass diese versehentlich in die Decke gesteckt worden wären.
Ein anderes Faktum: Dem Rauchenbauer verschwindet eines Tages die Tabakpfeife. Umsonst sucht man sie im ganzen Haus. Am dritten Tage findet man die schmerzlich vermisste Pfeife unter dem Kopfkissen der kranken Annerl, der doch zweimal täglich das Bett gemacht worden war, wobei man die Pfeife hätte finden müssen, wenn sie gleich nach ihrem Verschwinden dorthin gebracht worden wäre.
Diese Geschichtchen erzählte uns aber der Rauchenbauer erst bei unserem Abschied nach dem Erlebnis vom 8.III.1924.

Es war dies der erste Fastensonntag. Der Rauchenbauer hatte uns, d.h. dem P. Sadleder und mir, die Rückkunft der Schnabel melden lassen und die nötigen Vorkehrungen getroffen, dass wir die photographischen Aufnahmen machen könnten. Um 1/2 5 Uhr abends gingen wir im Kloster fort. Wir hatten die Ansicht, das Mädchen sei ge­sund aus dem Sanatorium entlassen worden, und wussten auch nicht, dass schon wieder der alte Spuk von neuem aufgetreten war. Die

Maria Scnabel
Abb. 6: Maria Schnabel

Rauchenleute erwarteten uns schon. Maria Schnabel hatte ein kleid­sames Steirergewandl angelegt zum Photographieren. Wir staunten, als wir statt eines „hysterischen Frauenzimmers“ ein kräftiges rotwangiges Mädchen fanden, das jeder eher für 18- als für 14-jäh­rig gehalten hätte. Ihr ganzes Benehmen war ruhig und sicher, zu­rückhaltend und bescheiden, doch dabei ganz natürlich, ungezwungen und durchaus nicht zimperlich, aber doch so höflich und gewandt, wie es einem bei einem Bauernmädchen selten begegnet. Erst machten wir die Aufnahme von der ganzen Familie, dann von M. Schnabel allein (beim Brunnen, Abb. 6). Im Zimmer photographierten wir dann bei Blitz­licht eine Anzahl der „geflogenen“ Gegenstände, die M. Schnabel mit herbeitragen half. Während das Blitzlicht abgebrannt wurde, hielt sich M. Schnabel im Nebenzimmer auf. Sie war recht munter und heiter. Da Kathl schimpfte, da sie wohl bereitwilligst die Sachen her­beigetragen hatten, aber nicht halfen beim Wegtragen, nahm sie gleich so viel auf einmal, dass Kathl neckte: „Ja, ja die Faulen schleppen sich zu Tode“ – „Und die Fleißigen laufen sich zu Tode“, gab M. Schnabel lachend zurück und ging mit Kathl hinaus. Kaum waren beide draußen, hörten wir im Vorhause einen gewaltigen „Tuscher“. Wir eilen hinaus: „Schauns Hochwürden!“ sagte die Magd und wies auf ein großes schweres Holzschaff hin, „dös Schaff hots von dort (neben der Stubentür unter der Stiege) da auf den Tisch (neben der Haustür) gsetzt“. Gleich darauf kommt schon der Rauchenhansl und zeigt uns eine Bürste, ein Seifenstück und mehrere andere kleine Gegenstände, die in den Schnee hinausgeflogen waren. P. Sadleder hatte mehrmals das Geräusch gehört, aber sich nicht zu deuten gewusst. Ich selber hörte das Geräusch der fliegenden oder auffallenden Gegenstände nicht. Der Bauer hieß die Schnabel sich gleich umziehen gehen, dass sie schnell zu ihrer Mutter gehn könne, bevor es wieder ärger werde. Wir gingen ins Zimmer zurück, um den Apparat zu holen, inzwischen flog ein Holzstück auf den Wandschrank hinaus. Wir treten ins Vorhaus mit dem Bauern, da tut es oben einen schweren Rumperer (wie wenn eine große Kiste irgendwo herabgestürzt wäre). Wir eilen dem Bauern nach, die Stiege hinauf. In einer niedrigen Stube liegt links eine alte kranke Magd im Bett, rechts an einem Bett steht neben Kathl die Schnabel und schaut mit dem Ausdruck eines geschreckten Kindes auf den Stuhl, der mitten im Zimmer mit der Lehne am Boden liegt. Er hatte mit Kleidern und anderen Sachen belegt neben dem Bett der kranken Magd gestanden und war von dort mitten ins Zimmer geworfen worden, Lehne am Boden, wobei alle daraufliegenden Gegenstände verstreut wurden. Kathl sagte, was geschehen war, und M. Schnabel begann heftig zu weinen. Die Rauchen-­Kathl tröstete: „Därfst net weinen, Miazerl, därfst dir nichts draus machen, Miazerl, lachen musst, Miazerl, über so a duma Gschicht!“ So gut wir konnten, suchten auch wir zu trösten. Schnabel gab auf alles weinend Antwort und ich konnte nichts Außergewöhnliches an ihr bemerken. Kathl aber sagte jetzt: „Sie bekommt wieder an Anfall.“ Der Bauer aber drängte: „Schnell fort mit ihr, sonst wirds noch ärger!“

M. Schnabel geht begleitet von Kathl und Hansl, ein Medizinfläsch­chen flog ihnen nach. Unterwegs musste man sie tragen, so stark wurde der Anfall.
Als wir am Heimweg am Weigandthäuschen vorbeigingen, kam Herr W. heraus und bat uns, hineinzukommen, der Anfall sei so stark, als ob sie sterben tät. Das Mädchen lag angekleidet auf dem Bett, ganz eisig kalt und starr und steif und blass wie ein Toter. Man wollte ihr die Füße mit heißen Wasserflaschen wärmen, doch es war unmöglich, die Schuhe abzuziehen, da der Fuß ganz steif rechtwinkelig war. Man deckte das Mädchen mit warmen Decken zu, rieb ihr die Stirne mit Hoffmannstropfen ein, hielt ihr ein Riechfläschchen vor und Mutter und Kathl riefen immer wieder: „Miazerl, hörst? Miazerl, wie ist dir denn?“ Nach einer guten Weile ging ein mehrmaliges, heftiges Zucken durch den ganzen Körper des Mädchens, die Starre war gebrochen, allmählich erwachte das Mädchen. Auf all die Beweise und Worte hilfsbereiter Liebe der treubesorgten Kathl anwortete nur ein tiefer Seufzer und ein stilles und bitterliches Weinen. „Net amal an Nach­mittag lässt er mi drobn (im Rauchenhaus nämlich)“, klagte das Mäd­chen und weinte wieder so bitterlich, wie eben jemand weinen kann, der sich von unbekannter Gewalt aus seinem Vaterhause, aus seiner Heimat verdrängt sieht. (Da M. Schnabel seit 8 Jahren auf dem Rauchenhof mit den Rauchenkindern zusammen aufgewachsen ist und wie ein Kind des Hauses gehalten wurde, ist für sie der Rauchenhof wirklich das Vaterhaus.)
So gut wir konnten, suchten wir das arme Mädchen zu beruhigen und zu trösten, und sie war dankbar für jedes gute freundliche Wort. Sie grämte sich sehr, dass sie bei den Leuten überall als „Hexe“ verschrien wird, und es freute sie, als wir ihr versicherten, dass das höchstens die Dummen glauben; wir alle wüssten, dass sie keine Hexe sei und gar nichts dafür könne für den Spuk.


III. CHRONIK DER WEITEREN EREIGNISSE

27. März 1924
Bei der Rückkehr vom nachmittägigen Ausgang trafen. P. Sadleder und ich den Rauchenbauern, der sich für die Photographien bedankte, die ich ihm geschickt hatte, und uns eine Reihe interessan­ter Neuigkeiten berichtete, wovon ich mir gleich am selben Nachmittag entsprechende Notizen machte

Sooft M. Schnabel auf den Rauchenhof kam, um Milch zu holen, ging dort der Spuk wieder an.
Am 19. März war M. Schnabel beim Hochamt in der Klosterkirche. Vor ihr auf der Bank liegt das aufgeschlagene Gebetbuch – plötzlich ist es verschwunden. Ebenso vermisst sie plötzlich das Taschentuch. Als sie nach dem Gottesdienst heimgeht, kommt ihr bei der „Seif Marianne“, dem Geschäft des Frl. Marianne Stradner, das Sacktuch durch die Luft entgegengeflogen und fällt ihr auf den Kopf. Sie geht weiter und kommt über den Hauptplatz und über den Magdwiesenbach bis zu dem großen neuen Hause des Lederhändlers Mascheck. Da fällt vor ihren Füßen das Gebetbuch auf die Erde nieder. (Die Stelle wird von der Klosterkirche ca. 5 Min. entfernt sein.)
In der folgenden Woche wollte die Schnabel einmal abends beim Rauchenbauer auskehren. Sie kehrt erst ganz ruhig, doch bald regiert nicht mehr sie, sondern der Besen. Sie kann ihn nicht mehr loslassen, ihre Hände und Arme sind ganz blass und steif und der Besen fegt hin und her in der Küche, in der Stube, im Vorhaus, überall hin wird das Mädchen mitgezogen, auch vor das Haus hinaus zieht sie der Besen, wo sie in Schmutz und Schnee kehrt. Bei der Kapelle be­ginnt sie mit dem schmutzigen Besen die Kapellenwände abzukehreg, immer auf und ab, auf und ab, bis man sie von dort wegriss. Als sie das ganze Haus bis in alle Winkel hinein ausgekehrt hatte, setzte sie sich ganz erschöpft nieder und klagte über große Müdigkeit. Kaum 3 Minuten mochte sie gerastet haben, da sprang sie auf und sagte: „Jetzt muss ich in die Küche gehen, ich muss, ich muss.“ Sie lief in die Küche und legte sich der Länge nach auf die Bank. Sie liegt ein oder 2 Minuten regungslos, springt auf und eilt ins Vorhaus, wo sie sich an der Stiege niederlegt. Und so geht es eine halbe Stunde lang, sie läuft in den Keller und legt sich oben auf ein Mostfassl, dann stürmt sie über die Stiege hinauf in die Stube, in die Kammer, auf den Dachboden, überall legt sie sich für 1 – 2 Minuten nieder und wird dann wieder an einen neuen Ort gehetzt. Der Rauchenbauer wollte dem armen Mädchen helfen un hielt sie einmal eine Weile fest. Sie konnte nichts sprechen, sagte aber nachher, das Halten sei das Schrecklichste und Schmerzlichste von allem gewesen. Als der Rauchen­bauer sie losließ, ging die Jagerei wieder weiter. Der Rauchenbauer ging dem Mädchen während der ganzen halben Stunde, welche diese seltsame Erscheinung anhielt, überall hin mit dem Lichte nach, damit ihr und dem Hause kein Unheil zustoße. Der Anblick des Mäd­chens hatte während dieses Herumhastens etwas Unheimliches und Schauderhaftes an sich, so dass sich alle nicht wenig fürchteten. Das Mädchen hatte nach diesen Vorgängen keinen „Anfall“!! Sie klagte über große Ermüdung und vollständige Appetitlosigkeit; sie wusste auch fast alle Orte, wo sie hingetrieben worden war und was mit ihr geschehen war, richtig anzugeben.
M. Schnabel hatte von der Frau, die im Spital zu Knittelfeld neben ihr lag, ein „Sympathiemittel“ angeraten bekommen. Wir wollten es gerne kennenlernen, doch der Bauer sagte, „es dürfens nur wenige wissen, sonst hilft es nicht. Schlechtes ists nichts! Zweimal hats schon für 3 Tage geholfen. Morgen ists das 3. Mal, dann muss der Spuk ganz verschwinden.“ Wir warnten dringend vor abergläubischen Mitteln und gingen.

28. März 1924:  „Der Hexentanz“
Der Rauchenbauer hatte den Gendarm eingeladen, sich den Spuk ein­mal anzusehen, und der Gendarm Fellinger gedachte mit den „Waffen der Gerechtigkeit“ diesen „Unfug“ abzustellen. Doch schon unter­wegs zum Rauchenhof hinauf flogen ihm immer wieder aufs Neue Schneeballen ins Gesicht, ohne dass ein Werfer zu sehen gewesen wäre. Im Rauchenhof sollen dem Gendarmen Kartoffeln recht unsanft ins Gesicht geworfen worden sein. Die Gegenstände flogen so zahl­reich wie nie zuvor und ich sehe von der Aufzählung jeder Einzelheit ab, weil ich nur aus zweiter Hand mein Material beschaffen konnte, ohne Gelegenheit zu finden, die Richtigkeit durch die Rauchenleute bestätigt zu erhalten.
Als sicher feststehend kann das Folgende gelten. Am Abend des 28. März trieb es die Schnabel mehrmals hinauf zum Friederer (dem Schwager des Rauchenbauern), dessen Hof 3 – 5 Min. oberhalb des Rauchenhofs liegt, und wieder zurück. Einige Male wurde das Mädchen mehr geschleift, als dass es selbst gegangen wäre. Mit einem Male beginnt die Schnabel zu laufen, zu springen und zu tanzen, erst im Haus – und zum größten Schrecken aller beginnt bald die kleine, schwächliche, stark herzkranke und etwas epileptische Rauchenannerl mitzuspringen und mitzutanzen. Dem Tanz im Hause folgt der im Freien. Beide tanzen in die stockdunkle, regnerische Nacht hinaus – es war gegen 9 h abends, sie tanzten den steilen Hang hinab, über Stock und Stein  bis zum Pulverturm, wo die alte Thekla wohnt. Die ältere Rauchentochter Maria ist den beiden nachge­eilt bis zum Pulverturm. Der Schnabel schwinden die Kräfte, sie erleidet einen heftigen Anfall und wird sofort zum Mauterner Orts­arzt, Dr. Heim, gebracht. Der erklärt, ohne viele Zeremonien zu machen, die Schnabel für hochgradig hysterisch und entlässt die „3 Nacht­schmetterlinge“. Maria Moisi geht mit der Annerl und der Schnabel zu unserem Wirtschaftshof, dem Schwarzenberger, wo sie mit ihnen übernachtet, da es bereits 10 h nachts war. – Hier geschah gar nichts.
29. März 1924
Die alte Thekla kam heute weinend zum P. Mair und klagte ihm, Herr Weigandt sei mit einigen Rauchenleuten zum Pulverturm, ihrer Wohnung, gekommen und habe ihr einen Tanz ge­macht. Herr Weigandt meint nämlich, die alte Thekla habe seine Stieftochter verwünscht und verhext. Auch der Rauchenbauer scheine dieser Meinung nicht ganz abgeneigt zu sein, zumal seine Ochsen jedes Mal, wenn er in der Magdwiese Holz fährt, regelmäßig an dem Punkte stehen bleiben, den Kopf zwischen die Beine stecken und her­umschnuppern, wo der Fußsteig zu Theklas Häuschen von der Fahrstraße über den Bach hinüberführt. Dass Thekla sich überall nach dem Schnabelmädchen erkundigte und über sie schimpfte, mag wohl den Verdacht ebenso gesteigert haben wie der Umstand, dass die beiden „tanzenden“ Mädchen gerade zu Theklas Häuschen strebten.
Die alte Thekla wurde bei dem „Überfall“ als „Hexe“ beschimpft und die Fenster wurden ihr eingeschlagen und mit „Totschlagen“ und Haus-Anzünden gedroht. Zum Glück machte die Dazwischenkunft des Herrn Gemeindesekretärs Eckhart der Szene ein Ende. Er sorgte dafür, dass Thekla inzwischen eine gesicherte Zufluchtsstätte fand und dass M. Schnabel nach Graz in eine Nervenklinik gebracht werde.
Dort sollen nach Angabe der Frau Weigandt 6 Fachärzte das Mädchen genau untersucht und für vollkommen gesund erklärt haben. Sie verstanden nicht, wie man das Mädchen habe als „nervenkrank“ bezeichnen können.


IV. NACHTRÄGE

1) Im April kam M. Schnabel in einen Dienst in Seitz (bei Kammern), seither ist beim Rauchen vollkommene Ruhe.
2) Drücken im Strumpf (Bericht aus 2. Hand)
M. Schnabel ist beim Fiederer oben helfen. Mit einem Male sagt sie: „Ich weiß nicht, mich drückts im Strumpf ?!“ Sie schaut nach und zieht ein Geldtäschchen heraus; das gehört einer Magd, die dies Täschchen in ihrem wohlverschlossenen Kasten aufbewahrt hatte, zu dem die Magd den Schlüssel in der Rocktasche bei sich trug. –
Gleich darauf sagte die Schnabel wieder: „Jetzt drückts mich auch im anderen Strumpf“; aus diesem zog sie einen Wollknäuel. Die Friederin aber soll gesagt haben: „Ich mag das Mädchen nimmer auf den Hof lassen, denn ich weiß ja nicht, ob sie nicht auch mein Börsel einmal im Strumpf hat.“
3) Der Spinnrocken
Frau Weigandt erzählt dem P. Dr. Schön, wie sie einmal beim Rauchen oben war in der Stube, wo gerade gesponnen wurde. Plötzlich hob sich das Spinnrad und schwebte langsam bis zur Decke hinauf, dann senkte es sich wieder langsam. Ein zweites Mal hob sich das Spinnrad und fährt dann mit solcher Wucht auf den Boden auf, dass alle Teile des Spinnrades auseinanderfliegen und das Werg in alle Winkel auseinanderstiebt,
4) Der „Gottfried“-Spuk in Wald
Am 3.II. und am 27.III. erzählte uns Herr Moisi dies Faktum. Vor 35 Jahren sah man in Wald (Ob.Steiemark) bei einem protestantischen Bauern, wie sich Löffel und Gabel und Glas so bewegten, wie es beim Essen gesch[ieht] – doch sah man keinen Esser, hörte aber das Schlucken und Schlingen. Man fragte, wer da sei. Antwort: „Gottfried“. „Wo bist du denn her?“ „Von Italien bin ich hierher verbannt.“ So erhielt man Auskunft auf alle gestellten Fragen. Bevor der Spuk verschwand, versicherte er noch, dass er in 35 Jahren wieder kommen werde.
Im Herbst 1923 traten wieder dieselben Erscheinungen auf, verschwan­den aber bald wieder.“

 

Andreas Resch: Hexenverfolgung

 

Andreas Resch

HEXENVERFOLGUNG

Hexenverfolgung

   I Geschichte
   II Christentum
   III Inquisition
   IV Carolina
   V Reformation
  VI Heiliges Officium
  VII Hexenprozesse
  VIII Fälle
  IX Schlussbemerkung
  Literatur

Hexenverfolgung besagt das Aufspüren von Personen, denen man Schaden durch Zauberei oder Teufelspakt zuschrieb. Bei Verhaftung wurden im Prozess zum Geständnis neben Befragungen auch Foltern eingesetzt. Die Bestrafung erfolgte durch Verwarnung, Gefängnis und im Extremfall durch Hinrichtung mit Enthauptung oder Verbrennung. Hinzu kam kirchlicherseits noch der Vorwurf der Apostasie und Häresie.

 Das Interesse an der Verfolgung von Personen, die angeblich durch undurchschaubare Praktiken persönlichen oder regionalen Schaden verursachen, gehört zu den Grundreaktionen des Selbstschutzes von Personen und Systemen. Diese Reaktionen treten in wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Krisenzeiten vermehrt und mit besonderer Heftigkeit auf. Dabei kommen immer die am wenigsten mit Macht ausgestatteten Personen zum Handkuss. Bei den allgemeinen Hexenprozessen in Mitteleuropa waren es vor allem die Frauen, zumal sie nicht nur weniger Macht hatten, sondern sich auch gegenseitig denunzierten, insbesondere dort, wo es um Liebe ging. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

 Überblickt man das Thema Hexen in der Weltliteratur, so  lässt sich zusammenfassend folgende Beschreibung geben: Hexen reiten auf Besen, treffen sich beim Hexentanz, schließen einen Pakt mit dem Teufel, verkehren mit ihm. Mit ihren Zauberkräften können sie Menschen Tieren, Pflanzen und der Natur Schaden zufügen. Im Grunde handelt es sich dabei um die von vielfältigen Formen der Angst erzeugten Vorstellungen, die zumeist auf ältere, undurchsichtige Frauen, aber auch auf Männer und  Kinder übertragen wurden.

I. GESCHICHTE

Es ist nicht verwunderlich, dass solch undurchschaubare Machenschaften oder Zaubereien bis tief in die Menschheitsgeschichte reichen und schon frühzeitig bekämpft wurden. Magische (undurchschaubare) Praktiken wurden nämlich oft als Schwarze Magie gefürchtet und bestraft. Laut dem Babylonischen Codex Hammurapi (Wasserprobe!) wie auch in Ägypten wurden Zauberer bestraft. Auch die vorchristlichen Germanen kannten die Verbrennung von Schadenzauberern.

1. Begriff

Die Bezeichnung Hexe geht zurück 1. auf ahd. hag(h)a-zus(a), mhd. hesce, häxe, zusammengesetzt aus hag „Zaun“, zu(sa), kontrovers abgeleitet von germ. tusjo, westf. dus „Teufel“, galloromanisch dusius „unreiner Geist, skr. dasyu; 2. ital. strega, lat. strigs, strigis „Eulenvogel“, „vampirartiger Naturdämon“; 3. frz. sorcière von lat. sors „Los“; 4. engl. witch, altengl. wicca „Zauberin“; 5. span. bruja, unbekannte vorspanische Wurzel.1

 Eine Hexe bzw. ein Hexer ist nach dem Volksglauben eine mit Zauberkräften ausgestattete Heil oder Unheil bringende weibliche oder männliche Person.


2. Hexen und Hexer

Die ersten Belege für den deutschen Begriff „Hexe“ finden sich in den Frevelbüchern der Stadt Schaffhausen aus dem späten 14. Jahrhundert.2 Der Glaube an Zauberinnen und Zauberer, die Schaden anrichten können und die wir heute als Hexen und Hexer bezeichnen, findet sich, wie erwähnt, schon in den antiken Hochkulturen Ägyptens, Babyloniens oder Assyriens. Es ist der Glaube an sog. Zwischenwesen. Auch das ursprüngliche Wort „Hexe“ im Deutschen bezeichnet ein weibliches Zwischenwesen auf dem Zaun einer Einhegung.

 Der europäische Hexenglaube wurde, mit Ausnahme des Teufelspaktes, vor allem von griechischer und römischer Tradition geprägt.

a) Griechen

Die epische Tradition der Griechen berichtet von Frauen, die magische Kräfte besitzen und diese  unheilvoll einsetzen. Es sind mythische Figuren, oft von göttlicher Abstammung wie Kirke (lat. Circe; daher „bezirzen“). Sie lebt tief im Wald in einem einfachen Haus, um das von ihr in Tiere umgewandelte Menschen streunen. So werden die Gefährten des Odysseus bei der Begegnung mit ihr in Schweine verwandelt, weshalb der Gott Hermes Odysseus rät, das Zauberkraut Moly zu verwenden, welches gegen die Magie der Kirke wirke. Auf diese Weise vermag er  Kirke zu zwingen, seine Männer zurückzuverwandeln (Odyssee, 10. Gesang).

b) Römer

In der lateinischen Literatur der frühen Kaiserzeit gehört zum festen Figurenrepertoire die böse Hexe als Übeltäterin (malefica) im Sinne von Schadenzauber. Sie ist eine asoziale Einzelgängerin, eventuell mit einer oder zwei Kolleginnen. Ihre Zeit ist die Nacht, ihr Orte sind, wie bei Kirke, der Wald, der einsame Berg, die Höhle, der Friedhof, die Richtstätte und der Bereich der Toten. Mit ihren Zauberkräutern, Salben und Tinkturen bewegt sie sich an der Grenze zur Giftmischerin. Sie kennt geheime und mächtige Zaubersprüche und Lieder („carmina“), steht in Verbindung mit Unterweltgöttern, der großen Zaubergöttin Hekate.

 Horaz (65 – 8. v. Chr.) schildert in seiner 5. Epode das grausame Werk der Hexe Canidia. Mit ihren Hexen Sagana, Veia und Folia entführt sie einen Jungen, um aus seiner Leber und seinen Knochen einen Liebestrank zur Rückgewinnung ihres Geliebten Varus zu machen. Der Junge wird bis zum Haupt eingegraben und dem Hungertod preisgegeben, um ihm so seine Lebensenergie zu rauben. Er spricht jedoch einen massiven Fluch gegen sie aus. Damit endet das Gedicht.3 Eine andere Hexe der lateinischen Literatur ist Erichtho, die nach Lucan (39 – 65 n. Chr.) in seinem epischen Gedicht Bellum civile 4 eine Nekromantie, eine Totenbeschwörung, an einem toten Soldaten vollzieht. In Apuleius’ (125 –180 n. Chr.) Roman Metamorphosen (3, 21)5 ist die Rede von den Salben der Hexe Pamphile sowie von der Verwandlung in Tiere und vom Hexenflug.

 Im Rahmen der Umstrukturierung des römischen Imperiums im 4. Jh. kommt es zu den ersten Prozessen wegen Magie,6 bei denen nach Ammianus Marcellinus (um 330 –395) eher Männer als Frauen betroffen waren. Er äußert sich entsetzt  über die Leichtigkeit, mit der  Magieanschuldigungen Glauben geschenkt wird (16, 8, 1; 19, 12, 14). Unter Kaiser Valentinian I. (364 –375) nahmen die Verdächtigungen gegen Frauen zu. Es kam zu systematischen Hausdurchsuchungen nach Zauberbüchern und deren öffentlicher Verbrennung. Marcellinus (16, 8, 1) spricht auch von der Angst der Bevölkerung und dass viele der Beschuldigten nicht einmal erfuhren, wer sie angeklagt hatte.

c) Bibel

Dieses Bild der Hexen wäre nicht vollständig, würde man nicht auch Aussagen des Alten Testaments in die Bewertung einbeziehen. So steht in Ex 22,17 der unheilvolle Satz „Eine Hexe sollst Du nicht am Leben lassen.“ Und bei Ez 13,18 –21:

18„Sag: So spricht der Herr: Wehe den Frauen, die Zauberbinden für alle Handgelenke nähen und Zaubermützen in allen Größen anfertigen, um damit auf Menschenjagd zu gehen! Meint ihr, ihr könnt in meinem Volk Menschen jagen und Menschen verschonen, je nachdem, wie es euch passt? 19Ihr habt mich entweiht in meinem Volk für ein paar Hände voll Gerste und ein paar Bissen Brot: Ihr habt Menschen getötet, die nicht sterben sollten, und Menschen verschont, die nicht am Leben bleiben sollten; ihr habt mein Volk belogen, das so gern auf Lügen hört…

21Ich reiße die Zauberbinden, die ihr gemacht habt, herunter und befreie mein Volk aus eurer Gewalt.“

Auch allgemeine Magieverbote sind im AT nicht selten (z.B. Dtn 18,10 –12; Lev 19,26; 2 Kön 21,5; 1 Sam 28).

 In der Spätantike wurde zuweilen versucht, zwischen höheren und niederen Formen der Magie zu unterschieden. Es ist daher völlig irrig, dass das Hexenbild eine christliche Erfindung sei, finden sich doch fast alle Elemente von Hexe und Hexer bereits in vorchristlicher Zeit.


II. CHRISTENTUM

Mit dem Erstarken der christlichen Religion im 4. Jh. wird die Frage von Magie und Zauberei zum Thema, wenngleich die frühen Christen nicht an die Wirksamkeit von Zauberei glaubten.

1. Aurelius Augustinus

Als Erster setzte sich Aurelius Augustinus (354 – 430) ausführlich mit Magie und Zauberei auseinander. So schreibt er in De Civitate Dei:

„Auch ich habe mir, als ich in Italien war, erzählen lassen, dass in einer gewissen Gegend des Landes Stallmägde, die in diesen schweren Künsten eingeweiht waren, Wanderern in Käse etwas einzugeben pflegten, wodurch sie sie, wenn sie es wollten und fertigbrachten, sogleich in Lasttiere verwandelten.“7

Dazu bemerkt Augustinus, dass er gegenüber der physischen Möglichkeit derartiger Metamorphosen sehr skeptisch sei, gibt aber keine Anleitung zur Bestrafung der Zauberer. Er vertritt vielmehr die Ansicht, dass  der Teufel diejenigen,  die an eine Verwandlung glauben, in ein Traumzustand versetze, wo ihnen gewisse Verwandlungen als echt vorkommen, und erklärt dies mit einem Fall, den ihm ein gewisser Prestantius erzählt hatte. Sein eigener Vater habe einen solchen verhexten Käse gegessen und sei sodann in einen tiefen Schlaf gefallen, von dem er erst nach mehreren Tagen wieder erwacht sei. Im Traum hätte er sich in ein Pferd verwandelt und Lebensmittel transportiert.

 Augustinus zweifelt zwar nicht daran, dass Hexen (veneficae) Krankheiten hervorrufen und kurieren können, glaubt aber weder an die Wirklichkeit der Metamorphose noch daran, dass Hexen mittels Zauber Tote anrufen können, um das zu erreichen, was sie wollen.

2. Canon Episcopi

Diese Aussagen des Augustinus wirkten sich auf das gesamte Früh- und Hochmittealter (500 –1250) aus, besonders auch auf die Rechtssammlung Canon Episcopi 8. Diese Sammlung erschien erstmals um 906 in den in Trier verfassten Libri duo de synodalibus causis et ecclesiasticis disciplinis, dem Sendhandbuch des Abtes Reginus von Prüm (um 840 – 915). Dort wird der Text fälschlicherweise einem Konzil von Ancyra im 4. Jh. zugeschrieben. Über mögliche Vorlagen des Abtes kann allerdings nur spekuliert werden.

 Von besonderer Bedeutung ist jedenfalls die große Rezeption des Textes. So fand dieser über Bischof Burchard von Worms († 1025) und der Sammlung des Ivo von Chartres († 1115/1116) Aufnahme in die große Kirchenrechtssammlung des Gratian (Decretum Gratiani, 1142) und damit in das Corpus Juris Canonici, das bis 1918 gültig blieb. Vermutlich diente der Canon in der Karolinger- und Ottonenzeit der Bekämpfung verbliebener heidnischer Glaubensvorstellungen, die als Aberglauben und Teufelswerk beurteilt wurden. Er konnte auch bei der kirchlichen Bekämpfung von Zauberei und  Hexerei in sehr unterschiedlicher Weise eingesetzt werden.

 Inhaltlich wendet sich der Canon an die Bischöfe, Archidiakone und Archipresbyter. Er verurteilt die Wahrsage- und Zauberkunst (sortilegam und malificam artem) wie auch die Vorstellungen einer nächtlichen Ausfahrt der Frauen als eine vom Teufel vorgegebene Täuschung:

„Auch dies darf nicht übergangen werden, dass einige verruchte, wieder zum Satan bekehrte Frauen von den Vorspiegelungen und Hirngespinsten böser Geister verführt sind und glauben und behaupten, sie ritten zu nächtlicher Stunde mit Diana, der Göttin der Heiden, und einer unzähligen Menge von Frauen auf gewissen Tieren und legten in der Stille der tiefen Nacht weite Landstrecken zurück und gehorchten ihren (Dianas) Befehlen wie denen einer Herrin und würden in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst herbeigerufen. Aber wären doch nur diese Frauen allein in ihrem Unglauben zugrunde gegangen, und hätten sie nicht viele Menschen mit sich in den Untergang des Unglaubens hineingezogen! Denn eine unzählige Menge wird von dieser falschen Anschauung getäuscht und glaubt, diese Dinge seien wahr, und indem sie dies glaubt, weicht sie vom rechten Glauben ab und verwickelt sich wieder in den Irrtum der Heiden, weil sie meint, dass es irgendeine Gottheit oder etwas Göttliches neben dem einen Gott gebe.“ 9

3. Zusammenarbeit von Kirche und Staat

Diese Zurückführung des Hexenfluges auf eine Täuschung durch den Teufel wurde von den  Hexenverfolgern, die ab dem 15. Jh. an die Echtheit des Hexenfluges glaubten, nicht angenommen, während sich die Gegner der Hexenprozesse wie Johann Weyer und gemäßigte Theologen als ein Element der frühneuzeitlichen Hexenlehre darauf berufen konnten.

 Es überrascht, dass für das Früh- und Hochmittelalter Stellungnahmen der Päpste zu Hexen noch sehr spärlich sind. Dies hängt damit zusammen, dass die Bekämpfung der heidnischen Magie fast ausschließlich zur Aufgabe der Bischöfe gehörte. Die Päpste traten erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts im Kampf gegen die neuen Ketzerbewegungen wie Katharer und Waldenser vermehrt in Erscheinung. Dabei zeigte sich, dass diese neuen Lehren mit Kirchenstrafen und Seelsorge allein nicht zu unterdrücken waren. So kam es zur Zusammenarbeit von Kirche und Staat. 1177 söhnten sich  Papst Alexander III. und Kaiser Friedrich Barbarossa aus und vereinbarten den gemeinsamen Kampf gegen die Glaubensfeinde. Die Strafen wurden verschärft. Und nachdem weltliche Gerichte bereits mit der Todesstrafe gegen Ketzer vorgegangen waren, führte 1231 auch Papst Gregor IX. (1227–1241) diese Form der Bestrafung für hartnäckige und rückfällige Ketzer ein und beschritt damit erstmals einen neuen Weg in der Ketzerbekämpfung.

III. PÄPSTLICHE INQUISITION

An Stelle der eigentlich zuständigen Bischöfe, die ihrer Aufgabe nur mangelhaft nachkamen und daher von ihrer diesbezüglichen Pflicht entbunden wurden, berief Gregor IX. bereits 1227 eigene päpstliche Sonderbeauftragte, darunter Konrad von Marburg, als Inquisitoren ein, die in Deutschland nach Ketzern fahnden sollten. Diese Vorgehensweise des Heiligen Stuhls wird auch als päpstliche Inquisition bezeichnet.

1. Inquisition

Der Begriff Inquisition beinhaltet dabei nicht nur eine neue kirchliche Institution, sondern auch ein neues Prozessverfahren. Ab 1231 wurden zunehmend direkt vom Papst oder dem Generaloberen der Franziskaner oder Dominikaner Inquisitoren berufen und mit der inquisitio, der Nachforschung nach Ketzern, betraut. Innozenz IV. (1243 –1254) führte 1252 mit der Bulle Ad exstirpanda Kommissionen aus einem Priester und drei Laien ein, die in ihrer Umgebung gegen Häretiker vorgehen sollten, ohne Verhaftung und Prozesse, was Aufgabe der Bischöfe blieb. Alexander IV. ( 1254 –1261)  legte 1258/1260 kirchenrechtlich nur fest, dass sich die Inquisitoren mit den Delikten divinationibus et sortilegiis, Hellsehereien und Wahrsagereien, nur befassen sollten, wenn sie häretisch wären.10 Praktiken wie Handlinienlesen oder anderes, um die Zukunft zu deuten, fanden nämlich bis in höchste Kirchenkreise Anklang. Klemens IV. (1265 –1268) suchte zweimal Wahrsager auf.11

 Besonders im weltlichen Recht herrschte im Früh- und Hochmittelalter das Akkusations- und Anklageprinzip vor. Hexen wurden der Wasserprobe unterzogen. Die neuen Inquisitoren legten beim Aufspüren von Ketzern neben den Fremdanklagen großen Wert auf Selbstanklagen, indem sie am Anfang meist eine Frist angaben. Für die Verhaftungen und schweren Strafen „waren sie auf den weltlichen Arm“ angewiesen, vor allem, was die Todes-strafe betraf. Hier galt der alte Rechtsgrundsatz ecclesia non sitit sanguinem (Die Kirche lechzt nicht nach Blut).

 Im 13. und 14. Jh. befassten sich die Inquisitoren nur in geringem Umfang mit der vom Volk vertretenen Magie. Im Fragenkatalog des Bernard Gui (ca. 1261–1331)12 stehen hier an letzter Stelle – hinter Katharern, Waldensern und anderen Ketzern – auch die Wahrsager, Hellseher und Dämonenbeschwörer. Die Fragen kreisen dabei um die Themen Liebeszauber, Erntesegen, Heilung von Krankheiten, Schwängerung Unfruchtbarer mit Beigaben von Haaren, Finger- und Fußnägeln zum Essen, Vorhersagen künftiger Ereignisse und Aussagen über die Lage der Seelen von Verstorbenen.

 Im 14. Jahrhundert, als die Kirche, wie erwähnt, zunehmend erstarkte und  Papst Clemens V. (1305 –1314) nach Avignon übersiedeln musste (1309), wurde die Angst vor einer Verschwörung durch den berühmten Prozess gegen den Ritterorden der Templer (1308 –1313) noch verschärft. Sein Nachfolger Johannes XXII. (1316 –1334) wurde selbst mit einer Verschwörung durch einen Bischof, den er hinrichten ließ, konfrontiert. Berühmt ist vor allem seine Bulle Super illius specula (Über dessen Spiegel) von 1326, wo der Teufelspakt an erster Stelle rangiert:

„Wie wir zu unserem Schmerz feststellen, schließen nicht wenige – nur dem Namen nach – Christen  mit dem Tod ein Bündnis und mit der Hölle einen Pakt, denn sie opfern den Dämonen, beten sie an, fertigen auf  magische Weise Bilder, einen Ring, Spiegel oder Glas oder etwas anderes an oder lassen sie anfertigen, um darin die Dämonen zu beschwören. Sie verlangen und erhalten von ihnen Antworten und fordern zur Erfüllung ihrer bösen Absichten Hilfe, für die abscheulichsten Dinge leisten sie einen abscheulichen Dienst, wehe! Diese pestbringende Krankheit hat nach und nach immer mehr die Herde Christi befallen.“13

Er trieb die Inquisitoren an, gegen alle Formen von Magie vorzugehen, und ordnete an, dass Schadenzauber nach den Strafbestimmungen für Ketzer zu ahnden sei. Sein Nachfolger Benedikt XII. (1334 –1342) wurde sogar mit magischen Praktiken von Mönchen konfrontiert.14  Dies waren für Jahrhunderte die letzten Fälle von Magie, bei denen der Papst persönlich die Verfolgung in die Hand nahm.

 Es war nun wiederum die Aufgabe der Inquisitoren, für die der Dominikaner Nikolaus Eymerich (ca. 1320 –1399) zum Generalinquisitor bestellt wurde, der 1376 in seinem Directorium Inquisitorum den Stand der theologischen Forschung und die kirchenrechtliche Praxis darstellte. Das Werk war das wichtigste spätmittelalterliche Inquisitionshandbuch, umfassend und sachlich, sodass es nach 1500 mehrfach nachgedruckt wurde.15 Nach Darlegung der theologischen Lehre im ersten Teil befasst sich Eymerich im zweiten Teil mit Magie, wobei er zwischen sortilegi und divinatores (Wahrsager und Hellseher) wie invocantes daemones (Dämonenanrufer) unterscheidet und besonders auch auf die Frage eingeht, die schon Johannes XXII. stellte, nämlich, ob Aberglaube überhaupt in die Kompetenz päpstlicher Inquisitoren falle. Nach dem Dekret Alexanders IV. trifft dies nur im Falle der Häresie zu.

2. Hexenverfolgung

Dieser Häresieverdacht gegenüber Ketzern schlug dann in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im nordwestlich von Mailand gelegenen Alpenraum in die Hexenverfolgung um, was im französischen Sprachraum durch Begriffe wie vaudoiserie und vauderie – Waldensertum, verallgemeinert als Ketzertum – ab 1430 nahtlos in die Bedeutung Hexerei überging16, wodurch über die Schweiz die Wörter „Zauber“ und „Zauberin“ in Deutschland langsam durch „Hexe“ ersetzt und mit der ursprünglichen Tätigkeit der hagzissa verbunden wurden.

 Diese neue „Hexengeburt“ war das Denkprodukt von Juristen und Theologen. Die fünf grundlegenden Traktate erschienen auffälligerweise innerhalb von etwa 15 Jahren zwischen 1428 und 1446.17 Allen Veröffentlichungen gemeinsam ist der Glaube an eine Hexensekte.

 Wie schon erwähnt, griffen die Päpste nicht mehr direkt in diese Fragen ein, sondern reagierten nur mehr auf Ersuchen von Inquisitoren vor Ort. 1409 ermächtigte Papst Alexander V. (1409 –1410) den Inquisitor in Südfrankreich zusammen mit den Ortsbischöfen, gegen die „neuen Sekten“ vorzugehen, was 1418 von Papst Martin V. (1417–1431) und 1434 von Papst Eugen IV. (1431– 1447) mit der formelhaften Wendung Summis desiderantis affectibus (In unserem sehnlichsten Wunsche) beschrieben wurde, die 1445 dazu diente, den Inquisitor von Carcassonne mit einer entsprechenden Vollmacht auszustatten:

„Zu unserer großen Bestürzung haben wir vernommen, dass der Fürst der Finsternis sehr viele durch Christi Blut Erkaufte, um sie an seiner Verdammnis und seinem Fall zu betei­ligen, mit Tücke verhext hat, dass sie selbst, von schlimmer Blindheit geschlagen, seinen und seiner Satelliten abscheulichen Einflüsterungen und Vorspiegelungen folgend, den Dämo­nen opfern, sie anbeten, von ihnen Antworten erwarten und annehmen, ihnen die Treue geloben und zum Zeichen dafür ein Schriftstück oder etwas anderes übergeben, mit der Verpflichtung, dass sie mit einem Wort, einer Berührung oder einem Zeichen jedem, wo sie das wollen, Schaden (maleficium) zufügen oder beseitigen, Krankheiten heilen, Unwetter herbeiführen und über andere Frevel Pakte schließen, oder was sie sonst noch planen. Bilder und anderes legen sie fest und lassen es herstellen, damit ihnen dadurch die Dämo­nen verpflichtet werden, unter deren Anruf sie Schadenzauber (maleficia) verüben. Sie schrecken nicht davor zurück, die Taufe, die Eucharistie und andere Sakramente und man­che der dazu gehörigen Materien für ihre Hellseherei und Zauberei (sortilegiis et maleficiis) zu missbrauchen, Wachs- oder andere Bilder, die unter solchen Beschwörungen hergestellt worden sind, zu taufen oder taufen zu lassen. Des Weiteren: Ohne Scheu vor dem Geheim­nis des heiligsten Kreuzes, an dem für uns alle der Hirte selbst gehangen hat, beleidigen sie mit Fluch würdigen Bewegungen das Kreuz, in Form einer Skulptur oder anderer Gestalt, und sie wagen es, die Sakramente, die keinesfalls nachgeahmt werden dürfen, nachzu­ahmen.“18

Wie frühere Bullen verbietet dieser Text auch Praktiken weißer Magie und Hellseherei unter Einschluss von Sakramentenmissbrauch. Die in Rom erfolgte erste Hexenverbrennung einer Frau fand jedoch (wahrscheinlich 1426) unter dem Eindruck der Predigten des Bernhard von Siena (1380 –1444) statt, der durch seine Erfahrungen in Savoyen-Piemont die Schreckensbilder unter das Volk zu bringen suchte: Pakt mit dem Teufel, Tötung von Kindern, um aus deren Fett Salben herzustellen, Flug zum Sabbat. Der Frau wurde vorgeworfen, sich mit Hilfe des Teufels in eine Katze verwandelt und in dieser Gestalt viele Kinder getötet zu haben. Bernhard war allerdings gegenüber Tierverwandlungen kritisch eingestellt.

 Dieser Einzelfall wurde jedoch noch Mitte des 15. Jahrhunderts in gelehrten Traktaten in der Schweiz und in Bayern weitererzählt. Dabei hätten die Päpste die Hexenverbrennung vielleicht mehr unterstützt, wenn sich der auf dem Konzil von Basel (1431–1437 bzw. 1448) ernannte Gegenpapst Felix V. durgesetzt hätte, der als Herzog Amandus I. von Savoyen die diesbezügliche Hysterie seiner Juristen und Theologen unterstützte und das Land zur Hochburg der radikalen Hexenverfolgung machte. Eugen IV. (1431–1447) nannte ihn gar ein Geschöpf des Teufels, verführt von Hexen und Hexern seines Landes.

 Durch den Humanismus und die Frührenaissance erlebte Rom einen kulturellen Auftrieb, was den Glauben an Magie allerdings nicht ausschloss. Nikolaus V. (1447–1455) erweiterte 1451 die Vollmachten des Generalinquisitors in Frankreich auf die Hellseherei ohne Vorlage  eindeutiger Häresie und Calixtus III. (1455 –1458) ermächtigte 1457 seinen Nuntius in Verona, auch gegen abergläubische und magische Anrufungen vorzugehen. Der große Humanist Pius II. (1458 –1464, Enea Silvio Piccolomini) gab den Inquisitoren die Befugnis, auch die Bewanderten in den magischen Künsten unter die Lupe zu nehmen. Von sich aus waren die Päpste jedoch in diesen Belangen von Magie und Hexerei nicht aktiv.

3. Hexenhammer

Für den deutschen Sprachraum ist die berüchtigte Bulle Innozenz’ VIII. (1484 –1492), Summis desiderantes affectibus, von 1484 zugunsten der in Deutschland tätigen Inquisitoren Heinrich Institoris (Kramer) und Jakob Sprenger19 von Bedeutung.

 Heinrich Institoris wurde 1430 in Schlettstadt im Elsass geboren, trat in den Dominikanerorden ein und wurde 1474 von der Ordensleitung zum Inquisitor ernannt. Vier Jahre später präzisierte Sixtus IV. (1471–1484) seinen Kompetenzbereich für ganz Oberdeutschland (per totam Alemaniam superiorem).20 Durch seine Beziehungen in Rom erwirkte er einen Ablass für alle Besucher des Klosters Schlettstadt zur Unterstützung desselben und seiner Arbeit, die er vor allem auf Frauen und die Verteidigung der Kirche  konzentrierte. Bereits 1483 war er ein geachteter Inquisitor.

a) Kompetenzbereich

In der Liste seiner Kompetenzbereiche fehlen der Hexensabbat, der Hexenflug, die Tötung von Kindern zur Gewinnung von Hexensalben. Hingegen sind neben Frauen auch Hexer genannt.

 Institoris wollte für seine Arbeit eine Bruderschaft aus Klerikern und Laien gründen. Rom genehmigte die Gemeinschaft, stattete sie aber nach Institoris unzureichend aus. Für Rom war die Auseinandersetzung mit den Konziliaristen, die den Primat des Papstes bestritten und die Konzilien als gleichberechtigte Träger des kirchlichen Lehramtes betrachteten, wichtiger als die Hexen. Trotzdem startete Institoris im Herbst 1484 in Ravensburg eine Hexenverfolgung, die konkret so aussah: Anschlag einer Abschrift seiner päpstlichen Ernennungsurkunde zum päpstlichen Inquisitor an die Kirchentür; die in Predigten an alle Bürger unter Strafandrohung gerichtete Aufforderung, Verdächtige zu denunzieren, wobei Institoris die Verfolgung der Hexen der weltlichen Justiz überließ, was für die Angeklagten auf Dauer tödliche Konsequenzen hatte. Nach dem ehernen Rechtschutz der Kirche hatten reumütige Ersttäter Anspruch auf eine relativ milde Strafe, während das staatliche Recht in dieser Hinsicht keine Rücksicht kannte.

Nachdem die Verfolgung in Ravensburg nur teilweise erfolgreich war, erwirkte Institoris in Rom am 18. Juni 1485 von Innozenz VIII. drei Urkunden:

1. Durchführung der Inquisition im Auftrag des Mainzer Erzbischofs Bert-
 hold.

2.  Vorsprache des Abtes Johannes von Weingarten beim Erzherzog von
 Österreich.

3. Dank an den Erzherzog von Österreich und Grafen von Tirol für seinen
 Kampf gegen die Sekte der Häretiker und Hexer.

Mit diesen drei Urkunden erweiterte sich der Kompetenzbereich von Institoris auch auf den süddeutschen Raum.

b) Ende in Tirol

Am 23. Juli 1485 traf Institoris in der Grafschaft Tirol, im Bistum Brixen, ein. Tirol wählte er deshalb, weil bei der Hexenjagd in Bormio 1485 viele Angeklagte nach Tirol flüchteten. Hier fand sein Einsatz allerdings durch den entschlossen Widerstand des Bischofs Georg Golser von Brixen ein rasches Ende, zumal dieser Institoris für verrückt hielt (Ipse realiter mihi delirare videtur). Der Bischof nahm hier sein Mitspracherecht voll in Anspruch und befahl Institoris, die Diözese zu verlassen.21

c) Malleus Maleficarum

Diese Niederlage nahm Institoris jedoch nicht einfach hin. Er ging diesmal bewusst nicht nach Rom, weil er dort keine Hilfe mehr erwartete, sondern zog sich in ein Kloster zurück und schrieb das Handbuch für Hexenrichter, den Malleus Maleficarum (wörtlich „Hammer der Schadenstifterinnen“), für den sich im 18. Jh. die Bezeichnung „Hexenhammer“ durchsetze. Das Werk wurde 1486 in Speyer veröffentlicht, erschien bis ins 17. Jahrhundert hinein in 29 Auflagen und wird bis heute weiterhin aufgelegt. Trotz einiger sprachlicher und inhaltlicher Fehler war es eine enorme Leistung, ein Werk diesen Umfangs in nur wenigen Monaten zu schreiben, und zwar ohne Jakob Sprenger.22 Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass Institoris seine „Horror“-Darstellungen über besagte Frauen nicht einmal selbst zusammengetragen, sondern bereits zusammengestellt in der Summa theologica23 seines gelehrten Ordensbruders Antonio Pierozzi, des Erzbischofs von Florenz, gefunden und – nach einiger Umgruppierung – wörtlich übernommen hat. Doch wenngleich Institoris dieses frauenfeindliche Bild zustimmend anführt, so reicht es nicht aus, darin seine ureigensten Gedanken zu sehen und diese zu seiner Charakterisierung als „Psychopath“ zu verwenden. Er teilte hier die Ansichten vieler seiner Zeitgenossen. Dennoch bleibt sein Name mit diesem „horrenden“ Werk verbunden.

 Im Mai 1487 wandte sich Institoris bezüglich eines Gutachtens an die theologische Fakultät der Universität Köln. Von den acht Professoren reagierten aber nur vier. Diese schrieben, dass die ersten beiden Teile, die eher theoretischer Natur sind, den Ansichten von Philosophie und Theologie nicht widersprechen würden.

„Auch der dritte Teil ist, was die Bestrafung jener Ketzer, von denen er handelt, anlangt, jedenfalls für billigenswert zu halten, so ferne er den heiligen Kanones nicht entgegensteht.“24

Was die Form anbelangt, so handelt es sich beim „Hexenhammer“ um eine scholastische Abhandlung in drei Teilen.

 Im ersten Teil definiert Institoris, was unter einer Hexe zu verstehen ist. Gelegentlich spricht er auch von Zauberern, hauptsächlich aber von Frauen. Diese seien nämlich für Schwarze Magie anfälliger als Männer, von Natur aus ein Übel, voller Defizite im Glauben und sexuell unersättlich.25 Der Teufelspakt bilde die Grundlage des gefürchteten Phänomens der Hexen, auf das die Männer hereinfielen.

 Im zweiten Teil dominieren die magischen Praktiken, die sich auf den Geschlechtsverkehr und die männliche Impotenz durch Wegzaubern des Gliedes beziehen. Die Differenz der Geschlechter zeige sich auch darin, dass Männer auf Wissen bauten, die Frauen hingegen auf Magie und Schadenzauber (Maleficium).

 Im dritten Teil stellt Institoris die von Friedrich von Spee kritisierten detaillierten Regeln für die Hexenprozesse vor und beschreibt verschiedene Fälle mit einer sehr langen Auflistung von sadistischen Folterpraktiken, wie das Strecken des Körpers, bis das Licht einer Kerze hinter dem Rücken der Gefolterten durch die Bauchdecke sichtbar wird.

d) Betonung der weltlichen Gerichtsbarkeit

Wie schon erwähnt, betonte Institoris die weltliche Seite des Gerichts mehr als die geistliche, da bei den kirchlichen Gerichten die Überlebenschancen weit größer waren. In dieser Haltung zeigt er Züge fanatischer, frauenfeindlicher Einstellungsformen, die ihn dazu antrieben, seinen Auftrag zu einem persönlichen Feldzug der Befreiung zu machen, wenn möglich mit Hilfe der weltlichen Gerichtsbarkeit. So spricht er von der ersten bis zur letzten Zeile mehr von Satan als von Christus dem Auferstandenen.26 

 Mit der Veröffentlichung seines Werkes betraute er eine Druckerei in Speyer. Um dem Buch auch eine amtliche Note zu verleihen, stellte er dem Text die Bulle Innozenz’ VIII., Summis desiderantes affectibus, von 1484 voran. Dies sollte den Eindruck erwecken, dass der Papst die Veröffentlichung abgesegnet habe, was jedoch in keiner Weise zutraf.

 Auf diese Weise hörte die päpstliche Inquisition in Deutschland mit Institoris auf, da die deutschen Fürsten die Übertragung der Inquisition von Italien oder Spanien in das Reich ablehnten und auch der katholische Kaiser Karl V. (1500 –1558) von solch unpopulären Maßnahmen absah. Formell wurde zwar bis in das 18. Jh. ein Dominikaner von Köln zum Inquisitor ernannt. Dieser konnte aber keine Verhaftungen und Prozesse durchführen, sondern lediglich Bücherzensuren.

 Dennoch konnte Institoris zufrieden sein, denn wenn die Bischöfe, oder  noch besser, die strengen weltlichen Gerichte die Hexen verfolgten, entsprach dies ganz seinen Vorstellungen, dass Kaiser, Fürsten und Städte die Verfolgung in die Hand nahmen. Im Innersten fühlte er sich verpflichtet, Kirche und Land gegen alle Widerstände von Magie und Zauberei zu befreien. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, warum der Hexenhammer besonders in letzter Zeit vermehrt neu aufgelegt wird.

4. Italien

In Italien suchte die in den französischen und italienischsprachigen Westalpen entstandene Massenverfolgung auch Norditalien heim. Nach dem gescheiterten Versuch in Brixen griff die Verfolgungswelle auf die dazwischenliegende Diözese Brescia über. Im September 1486 schaltete sich der Bischof von Brescia, Paolo Zane, ein und pochte auf seine Beteiligung bei der Fällung der Urteile. Dies forderten auch die venezianischen Verwaltungsspitzen von Brescia, was der Inquisitor ablehnte. Ende September 1486 erwirkte der Inquisitor von Innozenz VIII. ein entsprechendes Mandat, durch das den Beamten für diesen Eingriff in geistliche Belange die Exkommunikation angedroht wurde.27Auf dieser Linie lag es auch, dass Julius II. (1503 –1513) dem Inquisitor in Cremona (Herzogtum Mailand), Georg von Casale, gegen Laien und Geistliche den Rücken stärkte, was in voller Schärfe 1518/21 im Valcamonica28 zutage trat, bei der letzten großen Hexenverfolgung durch kirchliche Gerichte in Italien, wo allerdings nicht der päpstliche Beauftragte, sondern der schon genannte Bischof von Brescia und seine vier Vertreter die treibende Kraft waren. Im Valcamonica wurden an vier Orten ca. 64 Frauen und Männer hingerichtet und bei 500 waren in Haft, wie ein Beamter aus Brescia berichtet.29

 Nach einem Zeitzeugen, dem Comer Chronisten Dr. jur. Francesco Muralto, zum Jahr 1514 ist von ungefähr 300 durch die Inquisition hingerichteten Frauen „in territorio Como“ die Rede. Es dürfte sich hier um die größte durch die Inquisition durchgeführte Hexenverfolgung handeln. Allerdings sind die Daten sehr unsicher, weil Kaiser Josef II. 1782 mit der Aufhebung der Inquisition im Herzogtum Mailand auch ihre Archive verbrannte.30

 

IV. CAROLINA

In der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532, der Constitutio Criminalis Carolina, auch einfach Carolina31 genannt, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation für mehrere Jahrhunderte bestimmend sein sollte, beginnt der Artikel 109 mit dem Satz: „Item so jemand den Leuten durch Zauberei Schaden oder Nachteil zufügt, soll man Strafen vom Leben zum Tod. Und man soll solche Straf mit dem Feuer tun.“

 Zauberei ohne Schadensfolge sollte anders bestraft werden können, nämlich nach „Sachlage“. Die Artikel 106, 116 und 120 beschäftigen sich mit der Urteilsfindung in den Hexenprozessen, wo ein Prozess in drei Teile gegliedert war: Denunziation, eigentlicher Prozess, Vollstreckung des Urteils.

V. DIE REFORMATION

Auch die Reformation wurde mit dem Phänomen der Hexenverfolgung konfrontiert und hat diesbezüglich durch ihre Protagonisten Martin Luther und Johannes Calvin den Magie- und Hexenwahn mit Aussagen bis zu Tötungsbefehlen verschärft.

1. Martin Luther

Martin Luther (1483 –1546) war überzeugt von der Möglichkeit des Teufelspaktes, der Teufelsbuhlschaft und des Schadenzaubers. Er befürwortete daher die gerichtliche Verfolgung von Zauberern und Hexen.32

 Im 13. Kapitel seines Kommentars an die Galater spricht er von der Herrschaft des Teufels über die Welt. Alles, was wir wissen und trinken, Kleider, die wir tragen, Luft, die wir atmen, sind in seiner Macht. Er kann durch Malefizien große Schäden unter Menschen, Kindern und Tieren anrichten, Unwetter hervorrufen usw.33

 Zum Fall eines Mädchens, das „blutige Tränen“ vergoss, wenn ein bestimmtes „Weib“ anwesend war, bemerkt er:

„Da sollte man mit solchen zum Gericht/zur Strafe eilen. Die Juristen wollen zu viele Zeugnisse haben, verachten diese offenbaren [Tatsachen]. Ich, sprach er, habe in diesen Tagen einen Ehefall gehabt, wo die Frau ihren Mann vergiften wollte, also, dass er Eidechsen hat ausgebrochen, und sie, peinlich [d.h. unter Folter] befragt, hat nichts geantwortet, weil solche Hexen stumm sind, verachten die Martern; der Teufel läßt sie nicht reden. Diese Thatsachen geben Zeugnis genug, daß ein Exempel an ihnen gegeben werden möchte, anderen zum Schrecken“ (Tischreden, Kap. 25, 20. August 1538).

Daher war für ihn auch die Aussage des Alten Testaments „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ (Ex 22,17) gültig, wie er sich in einer Hexenpredigt ausdrückt:

„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen... Sie können ein Kind verzaubern... Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird... Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann ... Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder ... Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein, weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben“ (Predigt vom 6. Mai 1526, WA = Weimarer Ausgabe 16, 551f.).

Wenn Luther auch die Hexenverfolgung und die Hexenprozesse grundsätzlich befürwortete und sich für sie aussprach, so ging er doch nicht so weit, dass er, wie viele Menschen zur damaligen Zeit, zahlreiche Personen als Hexen oder Zauberer ansah und jeden potentiell Verdächtigen anzuklagen und zu vernichten suchte. Trotzdem war sein Einfluss auf die Hexenverfolgung in Deutschland  enorm, beriefen sich doch auch zahlreiche lutherische Theologen, Prediger, Juristen und Landesherren, zum Beispiel Heinrich Julius (Braunschweig-Wolfenbüttel), später auf einschlägige Aussagen Luthers.

2. Johannes Calvin und die Hexenprozesse

Genau wie Luther befürwortete auch Johannes Calvin (1509 –1564) die Verfolgung und Hinrichtung von Hexen. Mit Berufung auf die Bibelstelle Exodus 22,17 – „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen“ – erklärte Calvin sogar, dass Gott selbst die Todesstrafe für Hexen festgesetzt habe. In Predigten tadelte er darum jene, welche die Verbrennung von Hexen ablehnten, und wollte sie als Verächter des göttlichen Wortes aus der Gesellschaft ausstoßen.

Als in Genf zwischen 1542 bis 1545 die Pest die Menschen in Panik versetze, wurden bald auch die Schuldigen gefunden. Unter Anwendung von Folter wurden 34 Personen überführt, Türschlösser mit Pestgift bestrichen zu haben. Sie wurden 1545 ohne direkte Mitwirkung Calvins wegen Pestverbreitung zum Tod verurteilt. Doch schenkte auch Calvin den Vorwürfen der Pestverbreitung durchaus Glauben, wie ein Brief Calvins an Myconius vom 27.3.1545 belegt:

„Denn vor Kurzem wurde eine Verschwörung von Männern und Weibern entdeckt, die seit drei Jahren die Pest in der Stadt verbreiteten, durch, ich weiß nicht, welche Giftmischerei. Obwohl fünfzehn Weiber verbrannt, einige Männer noch grausamer hingerichtet worden sind, einige im Kerker selbst den Tod suchten, noch fünfundzwanzig gefangen gehalten werden, hören sie doch nicht auf, jeden Tag die Haustürschlösser mit ihren Salben zu bestreichen. Sieh, in welcher Gefahr wir schweben. Gott hat bisher unser Haus unversehrt erhalten, obwohl es schon mehrmals angegriffen wurde. Gut ist nur, dass wir uns in seinem Schutze wissen.“ (Calvin, Briefe I, 299)34

Im Gegensatz zu Luther und Calvin sind in Zwinglis Schriften Hexen und Hexenprozesse kein Thema.

VI. DAS HEILIGE OFFIZIUM

1542 gründete Paul III. (1534 –1549) mit der Bulle „Licet ab initio“ die Sacra congregatio Romanae et universalis Inquisitionis seu Santi Officii (Die Heilige Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition oder das Heilige Officium) mit einer Kommission aus Kardinälen zum Kampf gegen Ketzer.35 Die Kompetenzen der Inquisition wurden unter Paul IV. (1555 –1559) sogar auf die Astrologen ausgeweitet:

„Wir sind der Meinung, dass kein Tribunal ehrlicher und mit größerem Eifer für die Ehre Gottes arbeitet als die Inquisition, und wir haben uns deshalb entschlossen, ihr alles zu überweisen, was mit den Glaubensartikeln in Verbindung steht oder darauf gezogen werden kann.“36

Nach dem Tod Pauls IV. 1559 folgte Pius IV. (1559 –1565), der einen moderateren Kurs einleitete. Fortan gab es bis in das 17. Jahrhundert hinein Päpste, die mit aller Härte gegen Ketzer vorgingen, und Gemäßigte.

In den 1590er Jahren  hatte sich in der römischen Inquisition die Besagung geständiger Hexen, also deren Denunzierung anderer Frauen, als juristisch wertlos herausgestellt, was im Ausland noch nicht galt. Im 17. Jh. schwenkte dann auch das Herzogtum Bayern auf eine vorsichtigere Haltung hinsichtlich der Hexenverfolgung um.

1. Die Instruktion

1657 wurde  eine römische Hexenprozess-Instruktion veröffentlicht, die im Vorwort sehr nüchterne Töne anschlägt:

„Die Erfahrung, Lehrmeisterin der Dinge, zeigt deutlich, dass täglich bei der Führung von Prozessen gegen Hexen, Unholdinnen und Zauberinnen von verschiedenen Diözesan­bischöfen, Vikaren und Inquisitoren sehr schlimme Fehler begangen werden, zum höchsten Schaden sowohl der Gerechtigkeit als auch der angeklagten Frauen, so dass in der Kon­gregation der Heiligen, Römischen und Universalen Inquisition gegen die ketzerische Verderbtheit seit langem beobachtet wurde, dass kaum jemals ein Prozess richtig und recht­mäßig ablief, sondern dass es meistens notwendig war, zahlreiche Richter zu tadeln wegen ungebührlicher Quälereien, Nachforschungen und Verhaftungen sowie verschiedener schlechter und unerträglicher Methoden bei der Anlage der Prozesse, der Befragung der Angeklagten, exzessiven Folterungen, so dass bisweilen ungerechte und unangemessene Ur­teile gefällt wurden, sogar bis zur Todesstrafe und der Überlassung an den weltlichen Arm, und die Sache ergab, dass viele Richter so leichtfertig und leichtgläubig waren, schon wegen eines äußerst schwachen Indizes anzunehmen, eine Frau sei eine Hexe.“37

Die Verfasser der Instruktion verneinen nicht, dass es Hexen gib, sie müssen aber deshalb nicht auch schon in einem Pakt mit dem Teufel stehen.

„Obwohl das weibliche Geschlecht sehr abergläubisch ist und sich Zaubereien hin­gibt, besonders Liebeszauber, folgt dennoch daraus nicht, dass, wenn eine Frau Zaubereien oder Beschwörungen anwendet, um Schadenzauber zu heilen, den Willen der Menschen zu zwingen oder etwas anderes zu erreichen, sie eine förmliche Hexe (strix) oder Zauberin (sortilega) sei, denn eine Zauberei kann ohne förmlichen Abfall von Gott geschehen, wenn­gleich sie dafür ein schweres oder leichtes Indiz ist, je nach dem Zauber ... Viele Richter las­sen sich dabei täuschen, indem sie fälschlich glauben, solche Zaubereien könnten nur durch förmlichen Abfall von Gott hin zum Teufel geschehen. Und daraus entsteht den Frauen, gegen die deswegen inquiriert wird, ein sehr großer Nachteil. Denn Richter, die wenig Er­fahrung haben oder die, auch wenn sie sonst nicht leichtgläubig sind, durch die Lektüre gewisser Bücher über Zauberinnen und Hexen aufgrund dieser falschen Annahme sich täuschen lassen, halten an diesem unerlaubten Vorgehen fest, indem sie so ein Geständnis aus den Frauen herausfoltern, sodass diese aufgrund ihrer Leiden und der verbotenen Pro­zeduren schließlich dazu gebracht werden, etwas zu bekennen, was ihnen vielleicht niemals in den Sinn gekommen ist.“38

Mit dieser Unterweisung kommen Menschenwürde und Gerechtigkeit gleichermaßen zur Sprache. Um zudem Prozesswiederholungen zu vermeiden, wurden folgende Grundsätze eingeschärft:

1.  Klärung durch Ärzte, ob ein Todesfall durch natürliche Ursachen statt
 vermeint­licher Zauberei erfolgte.

2.  Ermittlung des Corpus delicti (Gegenstand des angeblichen Verbre-
 chens) durch eingehende Hausdurchsuchung bei Verdächtigen nach Be-
 lastendem wie Puppen oder Nadeln. Doch selbst bei einem Fund ist Vor-
 sicht geboten, denn: „Wo Frauen sind, dort sind auch Nadeln.“

3.  Ablehnung des Vorwurfs gegen Dritte, am Hexensabbat teilgenommen
 zu haben, auch nicht im Zusammenhang mit anderen Indizien.

4.  Äußerste Vorsicht bei Exorzismen, vor allem wenn der angebliche Teu-
 fel Personen belastet.

5.  Anspruch des Angeklagten auf Verteidigung und ein faires Verfahren
 durch:

   a)  Verbot von Suggestivfragen,

   b)  Aushändigung einer Anklageschrift,

   c)  Heranziehung eines Verteidigers, bei mittellosen Angeklagten auf
    Kosten des Gerichts,

   d) Verbot demütigender Untersuchungen des Körpers durch Rasur aller
    Haare zur Ermittlung eines Teufelsmals.

Den nach diesen Anordnungen verlaufenden Hexenprozess veranschaulicht Tab. 139.

Die Folter wurde allerdings, wie in allen Inquisitionsprozessen, zugelassen, jedoch nur durch Hochziehen an Seilen.

Die Instruktion in lateinischer Sprache wurde erst 1625 auf Italienisch veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung steht bis heute aus.

2. Kritik der Hexenprozesse

Den Höhepunkt erreichte die europäische Hexenverfolgung zwischen 1626 und 1631 während des Dreißigjährigen Krieges, und zwar in Deutschland trotz der  römischen Instruktion und der Kritik der Hexenprozesse, die praktisch sofort mit dem Einsetzen der neuzeitlichen Verfolgung begann. So gelang es beispielsweise 1519 Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486 –1535) in Metz eine wegen Hexerei angeklagte Frau vor dem Inquisitor Claudius Salini erfolgreich zu verteidigen. Die Kritik kam besonders auch von dem Arzt Johann Weyer (1515 –1588) in seinem Buch De praestigiis daemonum (1563)40  sowie von der Cautio Criminalis (1631, dt. 1648)41 des Jesuiten Friedrich Spee (1591–1635) und anderer. Anfangs gab es vor allem von juristischer und Verwaltungsseite Bedenken gegen das Entstehen einer Sondergerichtsbarkeit neben den staatlichen Justizorganen. Grundsätzliche Kritik am Hexenaberglauben setzte erst später ein.

 Die deprimierenden Erfahrungen mit der weltlichen Hexenjustiz veranlasste das Heilige Offizium sogar, das oben genannte Vorwort der Instruktion in der Formulierung „dass täglich bei der Führung von Prozessen gegen Hexen, Unholdinnen und Zauberinnen von verschiedenen Diözesanbischöfen, Vikaren und Inquisitoren sehr schlimme Fehler begangen werden“ durch „aber besonders von weltlichen Richtern, die sich entgegen dem Recht in diese Dinge einmischen“42 zu ergänzen. Das bedeutete für die staatlichen Juristen eine sensible Einschränkung und so kam ihnen Gregor XV. (1621–1623) mit der Bulle „Ommnipotentis Dei“ von 1623 etwas entgegen:

„Wenn jemand erwiesenermaßen einen Bund mit dem Teufel gemacht und unter sol­chem Abfall vom christlichen Glauben eine oder mehrere Personen durch Zauberkünste derart beschädigt hat, dass dadurch der Tod eingetreten ist, soll der Betreffende schon beim ersten Mal dem weltlichen Arm zur gebührenden Strafe (d.h. Todesstrafe) ausgeliefert wer­den; derjenige aber, der im Bunde mit dem Teufel nur Krankheiten oder eine erhebliche Be­schädigung von Tieren und Saaten hervorgerufen hätte, soll zu Einmauerung oder zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt werden.“43

Die Bulle hatte jedoch weitgehend keinen Einfluss, da die Sicherungen in der Instructio zum Nachweis von Schadenzauber mit tödlichem Ausgang bereits voll wirkten. So verurteilten  das Heilige Offizium und seine Richter im 17. Jahrhundert faktisch überhaupt keine Hexen zum Tode. Nach Kardinal Francesco Albizzi (1593 –1684), der ab 1635 Assessor des Heiligen Offiziums war, gab es keinen Fall, den die Ärzte nicht klären konnten, sodass sich die Frage Teufel und Hexen nicht stellte.

3. Nördlich der Alpen

Während in Rom die Hexenprozesse im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts aufhörten, wurden sie nördlich der Alpen massenhaft geführt. So zeigte der Versuch Roms, die Justiz in Graubünden von ihrem harten Kurs abzubringen, kaum Wirkung. In einem Brief des Nuntius in Luzern, Carlo Carafa, wurde dem Offizium im Mai 1654 nämlich mitgeteilt, dass die „weltliche Obrigkeit der Räter“ (magistratum saecularem Rethorum) viele Jungen und Mädchen im Alter zwischen 8 und 12 Jahren als angebliche Hexen bzw. Hexer zum Tode verurteilen wollten, weshalb sie  nach Mailand gebracht wurden, worauf auch Kardinal Albizzi in seinem Buch De Inconstantia in jura admittenda vel non (1683) zu sprechen kommt:

„Ich erinnere mich auch, dass einige Jungen und Mädchen aus Rätien nach Mailand gebracht wurden, deren Eltern man als Hexen verbrannt hatte und die selbst besagt worden waren, am Hexensabbat teilgenommen zu haben. Nichtsdestoweniger wurden sie freigelassen und von klugen Seelsorgern unterwiesen.“ 44

Die Übersiedlung nach Mailand erfolgte durch Vermittlung des Heiligen Offiziums, was besagt, dass man in Rom bei der Beurteilung des Phänomens „Hexen“ die Würde des Menschen miteinbezog, wie in der Instruktion zu lesen ist. Diese wurde 1659 an die Räter und die Inquisitoren in Köln, Besançon und Toulouse geschickt.45 In diesen Städten befanden sich die einzigen Außenstellen der römischen Inquisition.

 Das grausame Verhalten selbst unter Familienmitgliedern, wo Eltern die eigene Tochter vergiften ließen, zeugt von dem immer noch in den Köpfen der Richter und im Volk spukenden Hexenwahn, der zur Verteufelung und Vernichtung sogar der leiblichen Kinder führte, wogegen nicht einmal die geistliche Obrigkeit etwas ausrichten konnte.

 

VII. DIE HEXENPROZESSE

Zum Hexenprozess gehört, wie schon erwähnt, wesentlich das Denunziantentum. Denunzianten mussten dem Angeklagten nicht offengelegt werden, was für den Erfolg der Prozesse bedeutsam war. Darin wurden Appelle an weitere Zeugen des Verbrechens gerichtet. Im Falle einer Verurteilung erhielt der Denunziant zum Teil ein Drittel des Vermögens des Angeklagten oder mindestens zwei Gulden.

 Ein bekannter Fall ist Katharina Kepler, die Mutter des Astronomen Johannes Kepler. Sie wurde 1615 in Württemberg aufgrund eines Streits von ihrer Nachbarin als Hexe bezeichnet, über ein Jahr gefangen gehalten, gefoltert und schließlich auf Betreiben ihres Sohnes freigelassen.

 Umfeld und Verlauf der Hexenprozesse der Frühen Neuzeit werden von verschiedenen Seiten beschrieben.

1. Weihe an den Teufel

Dazu gehört neben dem schon genannten Formicarius von Joseph Nider (um 1476)46 und dem Malleus maleficarum von Heinrich Institoris vor allem auch das Compendium Maleficarum47, das Hexenbuch, verfasst von Francesco Maria Guazzo (um 1570 –1640), einem Priester aus Mailand. Er zitiert darin Experten auf dem Gebiet der Hexen, darunter auch Nichlas Remy (1530 –1616)48, beschreibt die elf Formeln und Zeremonien vor der Weihe an den Teufel, die Voraussetzung für die Teilnahme am Sabbat ist, gibt detaillierte Beschreibungen der sexuellen Beziehungen zwischen Männern und incubi sowie zwischen Frauen und  succubi und stellt in Anlehnung an Michael Psellos (1017/1018 –1096)49 eine Klassifikation der Dämonen auf. Das Werk, das erstmals 1608 erschien, gilt als außergewöhnliches Dokument des Denkens aller Schichten der Bevölkerung zum Thema Hexen und okkulte Mächte, zu den verschiedenen Schutzmaßnahmen sowie den angeblichen Praktiken und Wirkungen der Hexen im 17. Jahrhundert.

2. Anklagepunkte

Das Werk des französischen Rechtsgelehrten, Philosophen, Mitbegründers der modernen Staatsrechtstheorie und Hexenverfolgers Jean Bodin
(1529/30 –1596), De la démonomanie des sorciers50, von 1580 stellt einen Markstein in der Entwicklung des Hexenwahns des 16. und 17. Jahrhunderts dar. Als Richter hatte Bodin bei einigen  Hexenprozessen den Vorsitz geführt und sich mit großem Eifer in die Literatur über Zauberei und Hexenwesen eingearbeitet. So ist die enge intertextuelle Beziehung zwischen seinem Werk, De prestigiis daemonum (1560) von Weyer und dem Malleus maleficarum (1486) von Institoris so auffällig, dass diese Texte als Trilogie gelesen werden können. Dabei ist Bodins Buch eine echte Breitseite gegen Weyer. In seinem ausführlichen Vorwort sagt er auch, dass der Grund seiner Abhandlung eine Antwort auf Weyer sei, der sich als Beschützer der Hexen ausgebe.

 Er selbst zählt hingegen folgende fünfzehn Einzelverbrechen auf, aus denen sich Zauberei zusammensetze, und folgert daraus eine fünfzehnfache Todeswürdigkeit: 

1. Gott abschwören.
2. Gott verleumden und blasphemieren.
3. Dem Teufel huldigen, indem man ihn anbetet und ihm opfert.
4. Dem Teufel Kinder widmen.
5. Kinder töten, ehe sie getauft werden.
6. Kinder dem Teufel weihen, die noch im Mutterleib sind.
7. Propaganda für die Sekte machen.
8. Im Namen des Teufels schwören als Zeichen der Ehre.
9. Inzest begehen.
10.  Menschen, auch kleine Kinder, töten, um einen Absud zu machen.
11. Menschliches Fleisch essen, indem man die Toten ausgräbt, und Blut trinken.
12. Durch Gift und Zaubersprüche töten.
13. Vieh töten.
14. Unfruchtbarkeit auf dem Felde und Hunger in den Ländern verursachen.
15. Geschlechtsverkehr mit dem Teufel haben (Bodin, Bl. 199b).

Für die Auflistung dieser Verbrechen verwendete Bodin ein umfangreiches Material.

3. Befragung

1. Anklage: Die Anklage erfolgte in der Regel aufgrund einer Denunziation, auch von einer bereits inhaftierten Hexe und meist nach einer Folter. Eine Verteidigung gestand man im rechtlichen Bereich einer vermeintlichen Hexe selten zu.

2. Inhaftierung: Da es in der Frühen Neuzeit noch keine Gefängnisse gab, hielt man die Angeklagte in Kellern oder Türmen gefangen. Zu Prozessbeginn wurde sie vollständig entkleidet und rasiert (Depilation), damit sie kein Zaubermittel verstecken und sie nach einem Hexenmal untersucht werden konnte. Bei diesem Verfahren kamen auch Vergewaltigungen durch die Henker vor. 51

3. Verhör: Beim Verhören unterschied man in der Regel drei Phasen:

a)  Gütliche Befragung: Die detaillierte Befragung durch die Richter mit Fragen nach Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, nach „Teufelsbuhlschaft“ und nach Absprachen bzw. Verabredungen mit ihm.

b)  Territion (Erschrecken): Bei keinem „Geständnis“ der Angeklagten folgte zur Abschreckung das Zeigen der Folterwerkzeuge mit genauer Erklärung.

c)  Peinliche Befragung: Verhör unter Folter, was häufig zu einem „Geständnis“ führte. Dabei wurden eventuelle „Schutzvorschriften“, wie die Begrenzung der Folter auf eine Stunde, meist unterlassen, da man in solchen Fällen von einem crime exceptum (Ausnahmeverbrechen) sprach, das eine besondere Härte verlangte, wie Daumenschraube und Streckbank. Auch die sonst übliche Regel, dass man eine angeklagte Person nur dreimal der Folter unterwerfen dürfe und, falls dies zu keinem Geständnis führe, diese freizulassen sei, wurde bei Hexenprozessen häufig nicht beachtet. Im Hexenhammer wurde dazu geraten, die verbotene Wiederaufnahme der Folter ohne neue Beweise als Fortsetzung zu deklarieren.52

4. Hexenproben

Das offizielle Gerichtsverfahren sah keine Hexenprobe vor, dennoch griffen viele Gerichte im Heiligen Römischen Reiches auf sie zurück. Die bekanntesten Verfahren waren:

Wasserprobe (auch Hexenbad) mit Heiß- oder Kaltwasser:

Bei der Heißwasserprobe musste die Beschuldigte einem Kessel mit siedendem Wasser einen Ring o.Ä. entnehmen. Verheilten die Wunden rasch, galt dies als Beweis ihrer Unschuld.

Bei der Kaltwasserprobe wurde die Verdächtige in kaltes Wasser versenkt, schwamm sie oben, galt sie als überführt; ging sie unter, war sie unschuldig.

Feuerprobe (selten angewendet) erfolgte in drei verschiedenen Varianten:

Barfußgehen über sechs oder zwölf rotglühende Pflugscharen;

Tragen eines glühenden Eisens über eine Distanz von 3m oder mehr;

Strecken der Hand in ein Feuer.

Blieb der/die Angeklagte unverletzt oder heilte die Verletzung binnen etwa drei Tagen bzw. eiterte sie nicht, galt dies als Unschuldsbeweis.

Nadelprobe: Stich mit einer Nadel  in das aufgefundene Hexenmal. Spürte die

angeklagte Person dabei nichts und floss auch kein Blut, galt das Hexenmal als echt und der/die Betreffende als schuldig.

Tränenprobe: Diese fußte auf der Annahme, dass Hexen nicht weinen kön-
       nen. Also wurde die Angeklagte aufgefordert, zu weinen. Weinte sie, war
       sie unschuldig.

Wiegeprobe: Dabei wurde von der Überzeugung ausgegangen, dass Hexen
        leichter seien, weil sie fliegen können. Man legte daher ein bestimmtes
         Gewicht  auf die Waage. Unterbot es die Hexe, war sie schuldig.

3. Geständnis

In der Frühen Neuzeit durfte niemand ohne Geständnis verurteilt werden. Aufgrund der Regeln bei der Anwendung von Folter waren jedoch vor allem bei Hexenprozessverfahren die Geständnisse um ein Vielfaches höher als bei anderen Prozessen.

4. Zweite Verhörphase

Da Hexen auf den Hexensabbaten ihre Mitgenossen treffen sollten, mussten sie diese auch kennen. In einer zweiten Verhörphase wurden die Angeklagten daher nach den Namen der anderen Hexen bzw. Hexenmeister befragt, eventuell auch unter erneuter Anwendung von Folter. Dadurch konnte die Liste der Verdächtigen unter Umständen verlängert werden, zumal bei Folter immer neue Menschen beschuldigt wurden, ebenfalls Hexen zu sein. Dies führte zu regelrechten Kettenprozessen.

5. Verurteilung

Die Verurteilung reichte schließlich von einer Verwarnung bis zur Hinrichtung.

6. Hinrichtung

Auf Hexerei stand der Feuertod durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, und zwar bei lebendigem Leib, um die Seele zu reinigen. Die Hexe wurde inmitten eines Reisighaufens an einen Pfahl gebunden und der Reisighaufen dann angezündet. Als Akt der Gnade galten die vorherige Enthauptung, Erdrosselung oder das Umhängen eines Schwarzpulversäckchens um den Hals.53

 

VII. HISTORISCHE FÄLLE

Was die konkrete Durchführung von Hexenprozessen betrifft, so seien hier, auf  Europa und Amerika verteilt, einige historische Hexenprozesse angeführt, um zugleich auch das Ausmaß der Hexenepidemie im 16. und 17. Jh. aufzuzeigen.

1. Die Hexen von Chelmsford

Im 16./17. Jh. fanden vor den Schwurgerichten in Chelmsford, Essex, England, vier bedeutende  Hexenprozesse statt.

 1563 wurde von Königin Elisabeth I. (1558 –1603) ein Statut erlassen, das für Hexen und Zauberer die Todesstrafe befahl. Die Betreffenden wurden nach zivilem, nicht kirchlichem, Recht angeklagt und im Falle einer Verurteilung erhängt. 

 Im ersten Hexenprozess von Chelmsford 1566 waren drei Frauen angeklagt: Elizabeth FrancisAgnes Waterhouse und deren Tochter Joan. Agnes Waterhouse wurde für schuldig befunden und als erste Frau, die in England hingerichtet wurde, am 29. Juli 1566 erhängt.

 Beim zweiten und dritten Prozess von Chelmsford 1579 wurden vier Frauen der Hexerei bezichtigt, unter ihnen wiederum Elizabeth Francis, die wegen Verhexung eines Menschen, eines Wallachs und einer Kuh, jeweils mit Todesfolge, angeklagt und schließlich mit zwei der vier Hexen erhängt wurde.

 Der vierte Prozess wurde 1645 von dem gefürchteten „Hexensucher“ und Puritaner Matthew Hopkins angeregt. Es ist zwar nicht bekannt, wie viele er zur Anklage brachte, doch listeten der Gefängniskalender und die nach den Prozessen verbreiteten Flugschriften 38 Männer und Frauen auf, von denen laut Hopkins 29 verurteilt wurden. 

 Insgesamt 1000 Hexen landeten im oben genannten Zeitraum in England am Galgen.

2. Die Hexen von Bamberg

Das Fürstentum Bamberg war Schauplatz einiger der grausamsten Hexenprozesse. Unter der Herrschaft der Fürstbischöfe Johann Gottfried I. von Aschhausen (1609 –1622) und Johann Georg II. Fuchs Freihr. von Dornheim (1623 –1633) kam es zu einem wahren „Krieg gegen die Hexen“. Die Motive waren vielfältig. Neben der Angst vor dem Bösen und dem Fanatismus einzelner Machthaber förderte auch die wirtschaftliche Situation Anfang des 17. Jahrhunderts den zeitgenössischen Hexenwahn. Ernteeinbußen und Missernten als Folge der sog. Kleinen Eiszeit lösten wiederholt Wellen von Hexenprozessen aus. Die genannten Gründe führten unter Johann Gottfried I. 1612/13 und 1617/18 im Hochstift Bamberg und ab 1617 auch im Hochstift Würzburg zu einer ersten großen Verfolgungswelle gegen angebliche Hexen. An die 300 Personen, Männer wie Frauen, starben auf sein Geheiß in den Flammen der Scheiterhaufen. Allein 1617 wurden im Hochstift Bamberg 102 Menschen als Hexen hingerichtet. Johann Gottfried I. erhielt dabei tatkräftige Unterstützung durch seinen Generalvikar Friedrich Förner

 Dieser trieb dann unter Johann Gottfrieds Nachfolger in Bamberg, Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs, Freiherr von Dornheim, auch „Hexenbrenner“ genannt, die Hexenverfolgung auf die Spitze. Die Verfolgung unter Johann Georg II. zwischen 1626 –1631 zeichnete sich durch ein noch planmäßigeres und deutlich brutaleres Vorgehen aus. Er beauftragte den Eichstätter Hexenkommissar Dr. Johann Schwarzkonz gemeinsam mit dem bisherigen Bamberger Hexenkommissar Ernst Vasolt, einen Rat von Rechtsgelehrten zu leiten, der die Prozesse durchführen sollte. In seinem Generalvikar und Weihbischof Friedrich Förner, den er vom Vorgänger übernahm, hatte er einen erfahrenen und fanatischen Propagator des Hexenwahns zur Seite. Auf Förner gehen auch Konzeption und Bau eines eigenen Drudenhauses (= Hexengefängnis) in Bamberg zurück, das 1627 fertiggestellt wurde und Platz für 30 bis 40 Gefangene bot. Kleinere Drudenhäuser entstanden auch in anderen Städten des Hochstiftes wie etwa in Zeil, Hallstadt und Kronach. Selbst der bischöfliche Kanzler, Dr. Georg Haan, blieb vom Hexenwahn nicht verschont. Da er versuchte, die Prozesse wenigstens ein Stück weit zu kontrollieren, geriet er bald in Verdacht, ein Hexenfreund zu sein. Sein Einsatz für die vermeintlichen Hexen kostete ihn sowie seine Frau und Tochter 1628 das Leben – dies trotz kaiserlicher Anordnung, ihn freizulassen. 

 Neben dem bischöflichen Kanzler fielen auch zahlreiche Bürgermeister und Magistrate Bambergs dem Hexenwahn zum Opfer, so Johannes Junius, dessen Abschiedsbrief an seine Tochter erhalten ist und der Einblick in eine zutiefst gequälte Seele gibt. Neben der Denunziation wurden vor allem durch die Anwendung von Folter Namen anderer angeblicher Hexen erpresst, so dass sich die Verfolgung wie von selbst fortsetzte. 

 Bekannt ist auch, dass Johann Georg II. an der Verfolgung gut verdiente, denn der konfiszierte Besitz der Opfer füllte die Taschen des Fürstbischofs. Wie der Fall Georg Haan zeigt, kümmerte sich J. Georg II. wenig um die Eingaben des Kaisers. Bamberg wurde zum Synonym für Folter. Selbst auf dem Weg zur Hinrichtung wurden die verurteilten „Hexen“ noch gequält. Manchen wurde kurz vor ihrem Flammentod noch die rechte Hand abgeschlagen oder es wurden glühende Eisennadeln durch die Brüste getrieben. Diese extreme Brutalität rief zunehmend Befremden und Entsetzen hervor, sodass der Kaiser zum Handeln gezwungen war, wollte er nicht unglaubwürdig werden. 

 1630 verfügte Kaiser Ferdinand II. daher in einem Mandat, alle Gerichtsakten der Hexenprozesse dem Reichskammergericht in Regensburg zur Prüfung vorzulegen und die Anklagen öffentlich zu machen, um Diffamierungen und üble Nachrede als die häufigsten Anklagegründe besser ausschließen zu können. Jeder und jedem der Hexerei Angeklagten war Rechtsbeistand zu gewähren und die Konfiszierung von Besitz hatte zu unterbleiben, um die nicht angeklagten Angehörigen und Verwandten in keine Notlage zu bringen. Die Folter als Mittel zur Urteilsfindung wurde allerdings nicht verboten. 

 Dieses energische Eingreifen des Kaisers und der Tod von Weihbischof Förner im Dezember 1630 bewirkten einen merklichen Rückgang des Terrors. Der Hauptgrund für das Ende des Hexenwahns in Bamberg waren jedoch die Schwedengefahr und der Tod von Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs Freihr. von Dornheim, dessen Hexenwahn in der Stadt Bamberg unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, allein 900 im gesamten Hochstift. 

 Ähnlich massive Verfolgungen lassen sich in Süddeutschland nur noch in den Hexenprozessen der Hochstifte Würzburg und Eichstätt sowie in Kurmainz und Ellwangen nachweisen, wobei Deutschland mit 25.000 die weitaus höchste Zahl an Hinrichtungen aufweist, während in Italien „nur“ 1000 zu verzeichnen sind.54

3. Baskische Hexen

Das Baskenland, geografisch abgelegen von den Kulturen Spaniens und Frankreichs, rief nicht nur in beiden Ländern den Argwohn der Obrigkeiten gegenüber seinen Bewohnern hervor, sondern stigmatisierte diese auch als undurchschaubar und gefährlich. Die Basken waren sowohl von der in Spanien und Frankreich 3000 Jahre zuvor herrschenden keltischen Kultur als auch von der römischen Invasion relativ unberührt geblieben und konnten so eine eigene Sprache und das eigene Volksbrauchtum bewahren. Als schließlich das Christentum zu ihnen gelangte, verbanden die Basken den neuen Glauben mit dem alten. Darin nahm das Hexenwesen eine besondere Stellung ein, wenngleich davon vielleicht weniger bekannt ist als von anderen Ländern.

 So wurde die Region bereits im 14. Jh. als ein Zentrum des Hexenwesens erwähnt. 1466 schickte die Provinz von Guipúzcoa ein Gesuch an Heinrich IV. von Kastilien, in dem die vielen Schäden, welche die Hexen dort angeblich verursachten, aufgezeigt und ihre Vernichtung daher als unabdingbar bezeichnet wurden. Die jeweiligen Bürgermeister verhielten sich nachlässig: die einen aus Scham, die anderen aus Angst, wiederum andere aus Gründen der Verwandtschaft, Freundschaft, Partei oder Zuneigung. Andererseits sprachen die gesetzlichen Verordnungen nirgendwo von Hexen. Daher sollte der König den örtlichen Bürgermeistern das Recht geben, in Fällen von Hexerei Urteile ohne Revision vollstrecken zu können. Am 15. August 1466 wurde dies von Heinrich IV. in Valladolid ordnungsgemäß in einer Charta bestätigt. Das ganze Land wurde daraufhin nach Hexen durchsucht. Der Kanonikus Martín de Arles verfasste einen Traktat über den Aberglauben, der 1510 veröffentlicht wurde. Er bezeichnete die Hexen als gewöhnliche Personen, glaubte aber, dass sie Schaden verursachten und vom Teufel angeführt würden; ein Fliegen durch die Lüfte wurde von ihm allerdings verneint. Demgegenüber gelangten die Richter des Rates von Navarra zu der Überzeugung, dass die Hexen sehr wohl durch die Lüfte fliegen und sich zu Versammlungen treffen würden. Sie ernannten einen Inquisitor namens Avellaneda, der im Verlauf seiner Nachforschungen bis zu drei Versammlungen von Hexenmeistern und Hexen entdeckte: eine mit 120, eine andere mit 100, von denen mehr als 80 verurteilt wurden, und eine dritte mit mehr als 200. Das Land sei völlig infiziert, wie Avellaneda behauptete. Bei den Versammlungen würden Hexen und Hexenmeister Gott und Seinem Gesetz, der Jungfrau und den Heiligen abschwören; dafür böte ihnen der Teufel große Reichtümer und Genüsse. Zuweilen würde die Verführung unter einem gewissen Zwang erfolgen und die Frauen hätten Angst, getötet zu werden, wenn sie sich nicht darauf einließen.

 Das Buch von Fray Martín de Castañega, das 1529 erschien, beschreibt das Hexenwesen als reine Umkehrung des katholischen Glaubens und dessen Riten. Die Hexenrituale würden stets den Riten der Kirche folgen, an die Stelle der Sakramente jedoch die Exkremente treten.

 Die vertrauteste Figur bei den Basken ist somit die sorgiña, die Hexe, was auch damit zusammenhängt, dass es mehr Hexen als Hexenmeister gab.

 Zudem zeigte sich bei den Hexenprozessen im Baskenland, dass die weltlichen Behörden exemplarische Strafen für die Hexen verlangten, während sich die kirchlichen weigerten, übermäßige Strenge anzuwenden.55

4. Die Hexen von Connecticut, USA

Zwischen 1647 und 1672 wurden im nordöstlichen Amerika neun bis elf Menschen wegen Hexerei hingerichtet.

 1642 wurden in Connecticut Gesetze gegen das Hexenwesen erlassen. Am 26. Mai 1647 wurde dann die erste verurteilte Hexe, Alice (oder Alse) Young, am Galgen hingerichtet. Mary Johnson aus Wethersfield wurde nach dem Geständnis, dass sie mit dem Teufel Geschlechtsverkehr gehabt und ein Kind ermordet habe, gehängt. Mary Parsons, die in einem der zahlreichen Prozesse, welche von der Stadt Springfield (Massachusetts) ausgingen, zugab, verschiedene Arten von Hexerei betrieben zu haben, wurde 1651 von einem Gericht in Boston wegen des Mordes an ihrem Kind zum Tod verurteilt, später aber begnadigt. Weitere Opfer der Verfolgung waren Goodwife Bassett, die 1651 in Stratford der Hexerei für schuldig befunden wurde, und zwei Frauen, die um 1653 in New Haven als Hexen gehängt wurden. 
1662 wurde die Stadt Hartford (Connecticut) zum Schauplatz mehrerer Hexenprozesse, die durch die scheinbare dämonische Besessenheit eines Mädchens mit Namen Ann Cole ausgelöst wurden. Die von Cole beschuldigte Rebecca Greensmith z.B. gab unter Druck zu, vertrauten Umgang mit dem Teufel zu haben, der ihr das erste Mal als Hirsch erschienen sei und später mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt habe. Ferner behauptete sie, dass in der Nähe ihres Hauses regelmäßig ein Hexenzirkel stattfinden würde, dessen Mitglieder in Gestalt von Krähen und anderen Tieren erschienen. Rebecca Greensmith wurde daraufhin zusammen mit ihrem Ehemann Nathaniel getötet. In der Folge suchte man nach den Mitgliedern des Greensmithschen Hexenzirkels und verhaftete Andrew Sandford sowie dessen Frau und Tochter, William Ayres und dessen Ehefrau, zwei verheiratete Frauen mit Namen Grant und Palmer, Elizabeth Seager, ein älteres Fräulein namens Judith Varlet und James Walkley. Einige von ihnen wurden gehängt. 

 1669 wurde Katherine Harrison aus Wetherfield als Hexe zum Tod verurteilt. Da das Urteil aber nicht vollstreckt wurde, landete sie in der Verbannung.

 1671 zog Elizabeth Knap aus Groton (Long Island) durch Anfälle die Aufmerksamkeit auf sich. Als diese nachließen, gab sie schließlich zu, vom Teufel verleitet worden zu sein, und wurde gehängt.56

 

IX. SHLUSSBEMERKUNG

Die angeführten Fälle von Hinrichtungen nach Verurteilung als Hexer oder Hexe konfrontieren uns am Schluss noch mit einer Reihe von Allgemeinplätzen, die es zu korrigieren gilt:

1. Die meisten Hexenverbrennungen fanden in Europa nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit statt. In Deutschland wurde die letzte Hexe 1775 verbrannt.

2. Die Aufklärung hätte die Hexenverfolgung gestoppt. Die Aufklärung wird in Deutschland zwischen 1720 und 1800 anberaumt,  also zu einer Zeit, in der die Hexenverfolgung schon zum Erliegen kam, und zwar durch Theologen und Juristen, die sich als Christen verstanden, so der Jesuit Friedrich von Spee und andere, wie oben angeführt. Die Aufklärung hat jedoch ihrerseits geduldet, dass während der Französischen Revolution Tausende von völlig Unschuldigen hingerichtet wurden, wie allein schon die 3.000 Opfer in der Diözese Angers bezeugen, von denen man mindestens 2000 mit Namen kennt.57

3. Die Opfer der Hexenverfolgung beliefen sich nicht auf 8 bis 9 Millionen Personen, wie die NS-Propaganda vermutete, sondern auf ca. 50.000 auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in den 350 Jahren europäischer Hexenverfolgung (1430 –1780). Dabei waren die Opfer zwischen protestantischen und katholischen Gebieten ungleich verteilt, mit etwa 10.000 Opfern auf katholischer Seite.

4. Die Opfer waren nur in Deutschland mehrheitlich Frauen. Sonst war das Geschlechterverhältnis zahlenmäßig zumindest ausgeglichen. In Estland waren sogar 60 Prozent und in Island 90 Prozent Männer.

5. Die Inquisition war lediglich an einigen hundert der über drei Millionen Hexenprozesse (Schuldspruchquote: 1,5 Prozent) beteiligt. Diese fanden zudem vor weltlichen Gerichten statt. Die Inquisition interessierte sich hauptsächlich für Ketzer, nicht für Hexen. Im katholischen Spanien gab es wegen der Inquisition keine Hexenverfolgung und in Italien sorgte die Inquisition dafür, dass so gut wie keine Hexe verbrannt wurde, denn  die Katholische Kirche hat die Hexenverfolgung niemals offiziell bejaht, im Gegensatz zu Luther und Calvin. Vielmehr hat sie wegen lokaler Vorgangsweisen von Bischöfen deren Vollmachten auf ein Mitspracherecht reduziert und die Inquisitoren als Informanten eingeschaltet. Diese hatten den Auftrag, verdächtige Personen ernsthaft zu prüfen, zurechtzuweisen, zu inhaftieren und zu bestrafen, nicht aber sie zu verbrennen. In der Praxis hat dies den Hexenwahn eher gemindert als befördert.

6. Schließlich ist darauf zu verweisen, dass es sich bei der Hexenverfolgung um kein rein zeitgeschichtliches Phänomen handelt, sondern letztlich um Verhaltensformen des Menschen, die weltweit bei vermeintlichem Schadenzauber zum Selbstschutz dienen. Von Personen, die angeblich Schadenzauber ausführen, ist heute noch in vielen Ländern und Kulturen, wie in Lateinamerika, Südostasien und vor allem in Afrika, die Rede.58 In Westafrika wurden z.B. in den 1970er Jahren Hexen für eine Epidemie verantwortlich gemacht. Im Radio ließ die Regierung Geständnisse alter Frauen verbreiten, dass sie die Gestalt von Waldkäuzen angenommen hätten, um die Seelen der kranken Kinder zu stehlen. Wer in Kenia, Malawi oder Burkina Faso alt wurde, galt einst als weise und als Hüter von Traditionen. Nun werden die Alten immer häufiger als Hexen oder Zauberer verfolgt. Hinzu kommen in Afrika noch Berichte aus Nigeria, Benin und auch Angola über Kinder als Verursacher von AIDS.

 Die „Realität der Hexerei“ ist in manchen Ländern selbst für die Aufklärungsarbeit ein besonderes Problem. Von Reichen und Mächtigen wird nämlich grundsätzlich angenommen, dass sie ihre Macht durch Ritualmorde und Hexerei erlangt hätten – sehen doch einige in Ritualmorden tatsächlich ein Mittel, zu Macht zu gelangen. Außerdem wird menschlichen Körperteilen und Blut eine immense heilende, aber auch destruktive Macht zugeschrieben. Weitere Berichte von epidemischen Hexenjagden kommen aus Indonesien, Indien, Südamerika und den arabischen Staaten.

 Inzwischen wird Hexenverfolgung vom UNHCR der UNO kontinuierlich als massivste Missachtung der Menschenrechte kritisiert. Betroffen sind nach den Reports des UNHCR die sozial Schwächsten in der Gesellschaft, vor allem Frauen und Kinder sowie Alte und Außenseitergruppen.59

7. Hexenverfolgungen im Sinne von Denunziation gibt es schließlich auch in den sogenannten hoch entwickelten Ländern, wo Anklagen bei Aussicht auf eine mögliche Vergütung epidemieartige Ausmaße annehmen können. Hier ist nicht zuletzt auch auf Anschuldigungen ehemals Schutzbefohlener über angeblich erfahrene schlechte Behandlung zu verweisen, wo selbst längst verstorbene Personen, die sich nicht mehr verteidigen können, zur Zielscheibe werden, nur um sich zu bereichern. Schließlich können allein schon gewisse verbale Äußerungen zu Denunzierung und Haft führen. „Hexenverfolgung“ wird es daher immer geben.

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Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch, Institut für Grenzgebiete der Wissenschaft (IGW),
Maximilianstraße 8, Pf. 8, A-6010 Innsbruck
info@igw-resch-verlag.at

 

 

Andreas Resch: Gabiele Amorth

 

ANDREAS RESCH

GABRIELE AMORTH

(1925 –2016)

Am 16. September 2016 starb in Rom im Alter von 93 Jahren der weltbekannte Exorzist P. Gabriele Amorth. Er gehörte mit dem Passionistenpater Candido Amantini, seinem Lehrer, zu den Pionieren des Exorzismus der letzten Jahrzehnte. Dabei hat vor allem Amorth seine persönlichen Vorstellungen und Erfahrungen zum Exorzismus in zahlreichen Veröffentlichungen  festgehalten, weshalb hier ausführlicher darauf eingegangen werden soll.


I. LEBEN UND AUSBILLDUNG

Um den internationalen Ruf von P. Gabriele Amorth richtig einordnen zu können, ist es notwendig, sein Leben, seine Ausbildung und seine Berufung kurz zu beleuchten, um dann auf seine Ausführungen zum Exorzismus und seine Erfahrungen als Exorzist näher einzugehen.

1. Leben

Gabriele Amorth wurde am 1. Mai 1925 in Modena, Italien, in einer sehr gläubigen Familie mit starker Bindung an die Katholische Aktion, geboren. Er hatte fünf Brüder. Als Kind wurde er der Großmutter väterlicherseits anvertraut. Mit fünf

Giacomo Alberione
Abb.1: Don Giacamo Alberione

Jahren empfing er die Erstkommunion und diente von da an als Ministrant in der Pfarrkirche. Von der Familie und der Katholischen Aktion der Pfarrgemeinde erhielt er seine religiöse Bildung. Bereits mit 14 Jahren begann er über den Priesterberuf nachzudenken. Dabei verschaffte ihm ein glücklicher Zufall  die Gelegenheit, mit Don Giacomo Alberione (Abb. 1), dem Gründer der Gesellschaft vom Heiligen Paulus, zusammenzutreffen, der ihm gleich den Eintritt in die Gesellschaft empfahl, was jedoch noch etwas dauern sollte.
Es kam der Krieg und Gabriele wurde mit seinen vier Brüdern zum Heer einberufen. Dort wurde er Hauptmann, kämpfte als Partisan in der Widerstandsbewegung und erhielt für seine soldatische Leistung die Tapferkeitsmedaille. Nach dem Krieg wollte er seine Eltern nicht im Stich lassen und entschied sich für das Studium der Jurisprudenz, nachdem zwei Brüder darin schon promoviert hatten.

2. Politik

Mit 22 Jahren erhielt Amorth das Doktorat, trat in die christliche Partei Democrazia Cristiana ein und gründete in seinem Umfeld mehrere Sektionen. Er stand dabei in Verbindung mit der politischen Gruppe von Giorgio La Pira, Giuseppe Dossetti, Amintore Fanfani und Giuseppe Lazzati. Sehr bald wurde er Vizedelegierter der Christlich-Demokratischen Jugend und kam als solcher nach Rom, wo er mit Giulio Andreotti zusammenarbeitete. Da sich dieser ganz De Gasperi widmete, musste Amorth die ganze Arbeit des Sekretariats verrichten, sodass er die Jugendgruppen vernachlässigte. Als Andreotti als Untersekretär des Präsidentenamtes in die Regierung eintrat und er als sein Nachfolger nationaler Delegierter werden sollte, trat er von seinem Amt zurück und verließ die Politik.

3. Paulist

Da die Verbindung mit Don Alberione nie unterbrochen wurde, griff Amorth dessen Einladung wieder auf und trat der Gesellschaft vom Heiligen Paulus bei. Nach Absolvierung der vorgeschriebenen Studien wurde er 1954 zum Priester geweiht. Nach der Priesterweihe arbeite Amorth als Journalist und wurde Herausgeber der marianischen Monatsschrift Madre di Dio.

4. Berufung zum Exorzisten

P. Amantini Candido
Abb.2: P. Amantini Cndido CP

1986 wurde Pater Amorth zum Exorzisten von Rom ernannt. Diese Ernennung kam für ihn völlig überraschend. Es begann bei einer Zusammenkunft mit dem damaligen Vikar des Papstes für die Stadt Rom, Kardinal Ugo Poletti. Der Kardinal kam dabei auch auf einen gemeinsamen Bekannten, den Passionistenpater  zu sprechen. P.

 

Candido  (Abb. 2) war damals der berühmteste Exorzist in Rom und hatte eine 36-jährige Erfahrung. Kardinal Poletti packte die Gelegenheit gleich beim Schopf und sagte zu P. Amorth: ,,Sie sind ein Freund von P. Candido und wissen gewiss, dass er alt ist und einer Hilfe bedarf. Ich verleihe Ihnen daher das Recht zu exorzieren.“


II. EXORZIST

So wurde Pater Amorth nach einer Ausbildung bei dem langjährigen Exorzisten der Heiligen Stiege in Rom, P. Candido Amantini, zum ständigen Exorzisten von Rom.

1. Eine schwierige Aufgabe

Amorth war sich nämlich wohl bewusst, dass für das moderne Denken die biblischen Aussagen vom Teufel und der Teufelsaustreibung (= Exorzismus, von griech. orkos = Eid, Schwur) kaum mehr gelten. Zudem stellten Berichte über selbsternannte Exorzisten die katholische Kirche in ein schiefes Licht, hatte doch die okkulte Welle reichen Zulauf. So wenden  sich ca. 12 Millionen Italiener an Kartenleser, Zauberer, Hexer, satanische Sekten usw., zahlen bis zu 100 Euro für eine Beratung und über 1000 Euro für eine Behexung. Das ist ein Riesengeschäft, das nach Amorth damit zusammenhängt, dass wenn der echte Glaube abnimmt, der Aberglaube auch unter gebildeten Leuten zunimmt. Heute existieren in Rom über 100 satanische Sekten.
Auf kirchlicher Seite wurden die Exorzismen in den letzten 200 Jahren auf ein absolutes Minimum reduziert. So gibt es nach Amorth Bischöfe und Priester, welche die Traktate über die Dämonologie nicht studiert haben und sich folglich in der Materie auch nicht auskennen. Viele von ihnen sind nie mit Besessenen oder mit Exorzismen in Kontakt gekommen. Außerdem sind sie von Theorien gewisser Exegeten und Theologen beeinflusst, die sogar die im Evangelium berichteten Teufelsaustreibungen Christi bezweifeln. Sie glauben zwar theoretisch an den Teufel, verneinen aber seine praktische Wirksamkeit.
Amorth schätzte, dass 99% der Bischöfe nicht mehr an das außerordentliche Wirken des Teufels glauben. Ihm zufolge verbietet das neue Rituale den Exorzismus im Fall von Verfluchung. Diese Fälle betreffen jedoch mehr als 90% aller Fälle teuflischer Verseuchung. Nach dem neuen Rituale also dürfte man bei solchen Fällen nie einen Exorzismus durchführen! Diese liturgischen Neuregelungen gehen laut Amorth von der Auffassung aus, dass die Kirche sich für viele Jahrhunderte getäuscht hat. Satan ist nach Amorth jedoch überall und er kann ungehindert arbeiten, denn die ihn am wenigsten daran hindern, seien gerade die Priester.

2. Das Wirkungsfeld Satans

Die vorrangige Aktivität Satans besteht nach Amorth darin, den Menschen zum Bösen zu verführen, mit der Absicht, ihn von Gott zu entfernen. Deshalb genügt es nicht, nur „an Gott zu glauben“ – wie es in der Tat 90% der Italiener tun – , sondern es ist notwendig, den Willen Gottes zu erfüllen. Im Einzelnen führt Amorth folgende Hauptaktivitäten Satans an:
Besitzergreifung:
Der Teufel kommt in den menschlichen Körper und äußert sich durch Gesten und Worte. Er kann aber nicht die Seele in Besitz nehmen.
Schikanen:
Der Teufel fügt einer Person Leiden und Flüche zu, wirkt auf deren Gesundheit, Zärtlichkeit und Arbeit ein. Solche Fälle sind nicht leicht zu erkennen, da solche Übel auf indirekte Weise von Satan kommen, nicht offensichtlich, so dass man glaubt, sie haben natürlichen Ursprung. Deswegen wenden sich betroffene Personen, die von Priestern und Bischöfen oft nicht verstanden werden, an Zauberer.
Besessenheit:
Bei der Besessenheit handelt es sich um Störungen, die dem Menschen zugefügt werden, seine innere Ausgeglichenheit, sein emotionales Gleichgewicht beeinträchtigen. Satan greift an und verursacht Verwirrung, Kummer und innere Qualen.
Verseuchung:
Unter Verseuchung versteht Amorth jene Bösartigkeiten, die Sachen und Tiere treffen. Der Katechismus der katholischen Kirche erklärt, dass man auch Exorzismen über Dinge (Nr. 1673) ausführen kann. In der Tat kommt es vor, dass man Häuser und Orte exorzieren muss. All diese besonderen Bösartigkeiten, die jedoch keine Macht über die Seele besitzen, empfängt man laut Amorth aus vier Gründen:
a) Aus freier Initiative des Teufels. Infolge der den Geschöpfen geschenkten Freiheit, lässt Gott zu, dass Satan das Böse wirkt, auch wenn das Böse nicht der Wille Gottes ist. Viele Heilige waren von Besitzergreifung, Schikanen und Besessenheit betroffen, und haben sich durch diese Prüfungen hindurch geheiligt, wie Pater Pio, der Pfarrer von Ars, die hl. Gemma Galgani.
b) Besuche gefährlicher Orte: Zauberer, Kartenleser, satanische Gruppen, spiritistische Sitzungen.
c) Verharren in schwerer Sünde. Mit der Zeit „verhärtet“ man sich in der Sünde und das Böse schlägt in uns tiefe Wurzeln.
d) Verfluchungen: Diese betreffen 90% der Fälle und hängen nicht von dem ab, den die Flüche treffen. „Verfluchung“ bedeutet Unheilbehaftung mit Hilfe des Teufels.

3. Vollmacht zur Teufelsaustreibung

Jesus hat die Macht der Teufelsaustreibung den Zwölf, dann 72 Jüngern verliehen; schließlich hat er diese auf alle Gläubigen ausgedehnt: „In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben“ (vgl. Mk 16,17).
Heute kann der sog. feierliche Exorzismus nur von einem durch seinen Bischof autorisierten Priester und nach Genehmigung des Ortsbischofs ausgeführt werden. Befreiungsgebete kann hingegen jeder Gläubige sprechen, für sich und für andere, ohne Erlaubnis des Bischofs, der nur die öffentliche Form verbieten kann oder den Ort, wo diese Gebete gesprochen werden.
Der Zweck der Befreiungsgebete kommt jenem des Exorzismus gleich, d.h., Satan zu vertreiben. Während jedoch der Exorzismus das offizielle und öffentliche Gebet im Namen der Kirche ist – und deshalb an sich wirksamer – , bleibt das Befreiungsgebet immer ein privates Gebet, das jedenfalls in einigen Fällen große Wirksamkeit hat. So ist es zurzeit der hl. Katharina von Siena vorgekommen, dass ihr die schwierigsten Fälle von Besessenheit überlassen wurden. Katharina, die kein Priester war, sondern eine Heilige, hat die Befreiung erwirkt.
1990 stellte der Vatikan allen Bischofskonferenzen ein Dokument zu, worin die künftige Handhabung des Exorzismus beschrieben ist. Von einem Exorzisten wird vor allem verlangt, dass er zwischen Krankheit, Umsessenheit und Besessenheit unterscheiden kann.

4. Fragen an Amorth

Aufgrund seiner weltweiten Bekanntheit und seines sicheren Auftretens wurde Amorth vor allem in seinen letzten Jahren mit zahlreichen Fragen zu seiner Arbeit als Exorzist befragt. So wurde auch  die Frage an ihn gestellt, warum in Italien über 300 Exorzisten operieren und sich z.B. in der Schweiz niemand darüber zu sprechen getraut. Darauf antwortete Amorth, dass nach den Hexenverfolgungen drei Jahrhunderte lang niemand mehr gewagt habe, einen Exorzismus zu praktizieren. Deutschsprachige Theologen hätten sogar angefangen, die von Jesus Christus berichteten Exorzismen zu leugnen, was Bischöfe und Priester zusätzlich entmutigt habe. In Italien habe dann 1972 die Rede von Papst Paul VI. zur Frage des Teufels das Eis gebrochen. Außerdem hätten seine, also Amorths, Bücher, Interviews und Fernsehauftritte viel bewegt. Die Hauptschwierigkeit bestehe darin, ein dämonisches von einem psychischen Leiden zu unterscheiden. Hier müsste man weit ausholen. In einigen Fällen könne beides im Spiel sein. Das bedeute, dass die Person sowohl den Exorzisten als auch den Psychiater brauche.

5. Der Exorzist Amorth

Das Leben als Exorzist hat Gabriele Amorth (Abb. 3), den ich persönlich als energischen und aufgeschlossenen, vielseitig begabten und tiefgläubigen Ordensmann auf Tagungen und im Briefkontakt kennenlernte, in stets großer Verantwortung gestaltet.

Gabriele Amorth
Abb.3:P. Gabriele Amorth (1925-2016)

Bei den konkreten Behandlungen befasste er sich zunächst mit der Person selbst, suchte dann nach verdächtigen Anzeichen von Besessenheit und fragte nach der Ursache der Beschwerden. Erzählte jemand, die Symptome seien nach einer spiritistischen Sitzung, nach dem Besuch bei einer satanischen Sekte, bei einem Magier oder Kartenleser aufgetreten, wurde er hellhörig. Auf Besessenheit deutet nach ihm auch, wenn jemand auf heilige Symbole allergisch reagiert, nicht mehr zur Messe gehen kann oder wenn er sich wütend auf dem Boden wälzt, sobald er gesegnet wird.
Ob jemand tatsächlich besessen ist, kann erst im Verlauf des Exorzismus herausgefunden werden. Vereinfachend können wir nach Amorth sagen, dass das offensichtlichste Symptom der Besessenheit die Abneigung gegen das Heilige ist. Wenn eine Person, obwohl sie es möchte, nicht zur HI. Messe gehen kann, wenn jemand auf heilige Bilder aggressiv reagiert, sind das erste Hinweise. Man kann eine Person laut Amorth auch testen, indem man ihr, ohne dass sie es weiß, einen Kaffee oder eine Suppe mit exorziertem Wasser zubereitet. Wenn die Person aufspringt oder die Speise ablehnt, besteht Verdacht auf Besessenheit. Oder man bereitet den Salat mit exorziertem Salz oder exorziertem Öl und prüft, ob die Person ausfällig wird und das Essen ablehnt. Ein anderer Hinweis kann eine medizinisch nicht diagnostizierbare Krankheit sein. Es kommt vor, dass bei einer Person nicht einmal der unmittelbare Effekt eines Medikaments eintritt. Man versucht z.B. einen Kranken mit hohen Dosen von Schlaftabletten zu beruhigen, ohne dass sich bei ihm eine Wirkung zeigt.
Ein Besessener hat nach Amorth nämlich eine doppelte Persönlichkeit. Die Normalpersönlichkeit schläft während des Exorzismus, weshalb sich ein Patient im Nachhinein an nichts erinnern kann. Den Dämon selbst lockte er mit Gebeten aus dem Patienten, der sich dessen Stimme und Körper bediente, und sprach mit ihm. Er fragte nach seinem Namen, wann und wie er in den Menschen geschlüpft sei und wann er wieder gehen wolle. Hat er das Opfer etwa auf Grund einer Verfluchung heimgesucht? All diese Fragen nützen der Befreiung. Er stellte sie jedoch nicht aus Neugier. Das war verboten.
Nach dem 1999 vom Vatikan herausgegebenen neuen Ritual für Teufelsaustreibungen sollen auch Psychiater hinzugezogen werden. Amorth befürwortete, wie gesagt, das Hinzuziehen eines Psychiaters, stand dem neuen Rituale aus den oben genannten Gründen jedoch ablehnend gegenüber und verwendete das alte Rituale aus dem Jahr 1614, was mit Erlaubnis des Bischofs gestattet ist.
Dennoch ist festzuhalten, dass der Exorzismus als Instrument zur Befreiung eines Menschen erst an siebter Stelle steht. Folgende Maßnahmen gehen ihm im Kampf gegen den Teufel voraus: Beichte, hl. Messe, Kommunion, eucharistische Anbetung, Psalmen und Rosenkranz.
Bei den Gebeten bediente sich Amorth, wie erwähnt, der lateinischen Gebete aus dem römischen Rituale von 1614, die alle darauf abzielen, Satan im Namen Christi zu vertreiben. Dabei reagierte der Leidende manchmal überhaupt nicht auf diese Gebete. In schwierigeren Fällen fiel er in Trance, sobald Amorth ihm die Hände auflegte. Danach erinnerte er sich nicht mehr an das, was sich zugetragen hatte. In anderen Fällen begann der Klient zu heulen und zu schreien, wehrte sich und schäumte. Dann brauchte es Gehilfen, die ihn festhielten. Oft traten seltsame Symptome, wie merkwürdige Formen von Epilepsie, auf, weil sich der Teufel zu verstecken suchte.
Letztlich kann aber nur der Exorzismus eine eindeutige Diagnose liefern. Deshalb ist es wichtig, die Reaktion einer Person während und nach dem Exorzismus zu beobachten. Der Exorzismus kann nach einigen Tagen gewalttätige Reaktionen, Augenrollen oder Trancezustände auslösen. Oder es kann einer Person für einen Tag schlecht gehen und anschließend wieder gut, bis das Übel nach einigen Tagen erneut eintritt. Um eine mögliche Einbildung auszuschalten, ist es wichtig, die Verhaltensweisen des Bedrängten während einer Reihe von Exorzismen aufzuzeichnen. Erst dann kann festgestellt werden, ob tatsächlich eine Besessenheit vorliegt oder nicht.
Was die Wirkung des Exorzismus betrifft, so geht es selten schnell. Im Allgemeinen braucht es 5 – 6 Monate (manchmal bis zu 12 oder 14 Jahren).
Als äußere Mittel verwendete Amorth Kruzifix, Weihwasser und Katechumenen-Öl. Zudem legte er dem Leidenden die Hände auf das Haupt und ließ die Enden seiner langen violetten Stola über seine Schultern fallen.
In den neuen Kodex sind auch Vorstellungen von deutschen und Schweizer Bischöfen eingeflossen, sodass es jetzt im Falle einer Verfluchung verboten ist, zu exorzieren. Das sind nach Amorth aber die häufigsten Fälle. Ferner sind Austreibungen nur erlaubt, wenn die Präsenz des Dämons sicher ist. Gewissheit darüber zu erlangen, ist laut Amorth aber erst im Verlauf des Exorzismus möglich. So werde die Arbeit der Exorzisten durch das neue Rituale fast verhindert.  
Auf die Frage, ob er vor dem Teufel, der Geist und ein gefallener Engel ist, Angst habe, antwortete Amorth hingegen: „Niemals. Er hat Angst vor uns.“

6. Mitarbeit von Ärzten

Was die Mitarbeit von Ärzten betrifft, so ist folgender Bericht eines Psychiaters aufschlussreich:
„Ich hielt Exorzismus für Hokuspokus“, berichtet der Psychiater Dr. Vincenzo M., der in einem Fall 1993 mit Amorth zusammenarbeitete. „Ich glaubte weder an den Satan noch an Gott, aber ich akzeptierte die Mitarbeit. Die Patientin war eine junge Frau, sie kam in mein Behandlungszimmer, und ich schwöre, die nächste halbe Stunde war die schlimmste meines Lebens. Ich spürte sofort, dass etwas ganz Seltsames geschah, denn ich hatte vor einer Patientin panische Angst. Ich wollte nur, dass sie wieder geht, ich wollte, dass sie so schnell wie möglich mein Zimmer verlässt. Ich schrieb das Rezept auf und hoffte, dass sie gehen würde.“
Was dann geschah, erzählte der Arzt vor einer Untersuchungskommission unter Eid: „Ihre Arme verlängerten sich, von ihrem Stuhl aus wuchs ein Arm blitzschnell um etwa zwei Meter, ihre Hand war eine Kralle, sie zerfetzte meinen Rezeptblock, und die junge, attraktive Frau sagte mit der tiefen Stimme eines alten Mannes: ,Solchen Unsinn brauche ich nicht.‘ Dann schrumpfte der Arm wieder, ich rannte in Panik aus dem Raum.“1
Amorth bekam aber nicht nur Unterstützung von Gläubigen und Ärzten, sondern auch von Atheisten. Das Sprachwissenschaftliche Institut der Universität Rom bestätigte Amorth 1998 einen wissenschaftlich nicht erklärbaren Fall. Eine junge Bäuerin, die schlecht Italienisch sprach, fluchte während eines Exorzismus stundenlang grammatikalisch korrekt in acht Sprachen, darunter in der nahezu ausgestorbenen Sprache der Zeit Jesu Christi, die nur ein paar Dutzend Menschen auf dem Globus beherrschen: Alt-Aramäisch. In dem Gutachten heißt es: „Es ist unerklärlich, wie die Frau diese Sprachen erlernen konnte.“2

 

III. TEXTE AUS DEN MEMOIREN AMORTHS

In diesem Abschnitt sollen aus den Memoiren eines Exorzisten von Gabriele Amorth3 ausgewählte Beschreibungen zu folgenden Themen und Fällen mit genauer Quellenangabe wiedergegeben werden: Die Streitkräfte des Feindes – Ein seit der Kindheit Besessener – Eine befreite Magierin – Satanische Riten auf dem Friedhof. Diese Originaltexte vermitteln einen anschaulichen Einblick in die Arbeit des Exorzisten Amorth und bezeugen seine Kompetenz und seinen unerschrockenen Einsatz.

1. Die Streitkräfte des Feindes

„Sehen Sie, die Macht des Feindes ist immer die gleiche geblieben, denn der Teufel hat immer dieselbe Macht. Was aber enorm zugenommen hat, ist etwas anderes, nämlich die Zahl der Türen, die sich seinem Eindringen geöffnet haben. Früher gab man sich viel weniger okkultistischen Praktiken hin als heute. Unter Okkultismus verstehe ich Magie, spiri­tistische Sitzungen, satanische Sekten usw. Früher, als man noch zur Kirche ging, betete und die Familien noch einträch­tig und intakt waren, war die Situation anders ... Sie sehen doch, wie heutzutage die Gesellschaft aussieht. Die jungen Leute leben ohne Trauschein zusammen, sie pfeifen auf die standesamtliche Trauung ... und die Schwulen, die die Anerkennung ihrer gleichgeschlechtlichen ,Ehe‘ fordern und dazu noch, dass sie Kinder adoptieren können. Wo sind wir denn eigentlich gelandet! Bei Absurditäten, die zur Zeit meiner Jugend völlig undenkbar gewesen wären.
All dies – Magie, Okkultismus, Spiritismus – trägt dazu bei, die Eingangstüren zu öffnen. Sind die Türen einmal geöffnet, hat Satan freie Hand. Nicht dass er machtvoller wäre als früher, sondern dass er von seiner Macht frei Gebrauch machen kann. Denken Sie etwa an all die vielen Fälle von Personen, die sich dem Satan weihen!
Sie sind sehr zahlreich. Wie viele jener Zettel habe ich doch schon verbrannt, auf denen Sätze geschrieben standen wie etwa diese: ,Satan, du bist mein Gott, ich will Satan, ich will immer mit dir sein, ich verehre dich, ich bete dich an.‘ Und dann: ,Gib mir, gib mir, gib mir.‘ Gib mir Reichtum, gib mir Vergnügen, gib mir Erfolg. Und der Teufel gibt es ihm und raubt ihm dafür die Seele. Es handelt sich hier nicht um eine Besessenheit, denn in diesen Fällen besitzt der Teufel bereits die Seele, da diese Personen bereits beschlossen haben, sie ihm auszuliefern. Man muss bedenken, dass der Teufel von sich aus nicht zur Seele gelangt. Er kann körperliche Beschwerden hervorrufen, aber die Seele erreicht er nicht. Er dringt bis zur Seele vor, wenn der Mensch sie ihm ausliefert und ihm erlaubt, von ihr Besitz zu ergreifen, sich ihrer zu bemächtigen.
Die Zettel, die ich eben erwähnte, sind mir von Personen zugetragen worden, die sich dem Satan geweiht hatten, dann aber von Furcht ergriffen wurden, weil es sehr schwierig ist, aus einer Sekte auszutreten. Es gibt Zeugnisse, laut denen es in Amerika vorkommt, dass wer aus einer satanischen Sekte austritt, getötet werden darf. Daher haben auch die Mitglieder selbst viel Angst.“4

2. Ein seit der Kindheit Besessener

„Der folgende Fall betrifft einen Knaben, der in der frühen Kindheit in die Obhut seiner Großmutter väterlicherseits gegeben wurde. Diese, so scheint es, habe das Kind den bösen Geistern anvertraut. Mit fünf Jahren machte der Knabe die Erstkommunion und von da an ging er regelmäßig als Messdiener und als junger Sakristan und Vertrauensperson des Pfarrers in die Kirche. So ging es weiter bis ungefähr zu seinem vierzehnten Lebensjahr.
Am Ostermontag hat der Knabe die Vision von einem leuchtenden Kreuz und vernimmt eine Stimme, die ihm sagt: ,Du wirst viel leiden.‘ Von da an erlebt er an seinem Körper seltsame Phänomene: Geißelungen, Schrammen in der Rippengegend, ikonographische Zeichen an Händen und Füßen. Dann erfolgen Erscheinungen Jesu und der Madonna.
Der Tränenfluss auf einem Herz Jesu-Gemälde erregt die Aufmerksamkeit vieler Menschen, die sich um das Bild und den jungen Sakristan scharen. Das Phänomen wird allgemein bekannt, die Lokalzeitungen schreiben darüber. Schließlich interveniert die bischöfliche Kurie. Ein reguläres Untersu­chungsverfahren über dieses außergewöhnliche Ereignis wird eingeleitet. Doch bald wird das Ganze zu den Akten gelegt, weil anscheinend Anzeichen von Unglaubwürdigkeit auftauchen. Doch die Phänomene von tropfenden blutroten Tränen ereignen sich weiterhin und der Jüngling bleibt im Brennpunkt der Aufmerksamkeit eines Freundeskreises.
Im darauf folgenden Jahr nimmt das Szenario der Ereignisse eine weitere Wendung. Der Jüngling trifft sich mit einem Pseudocharismatiker, der über ihn Gebete spricht.
Am Jüngling geschehen Levitationen und die Leute, die ihn aufsuchen, fallen während des Gebetes manchmal in eine Art von Einschlafen im Geiste. Der Jüngling wendet sich ab vom regelmäßigen Empfang der Sakramente und bricht auch jeden Kontakt mit dem Pseudocharismatiker ab.
Eines Tages – ich erinnere mich nicht mehr an das genaue Datum – bringen ihn einige seiner Freunde zu mir. Sie wollten sich über den Ursprung der außergewöhnlichen Phänomene Klarheit verschaffen sowie auch meinen Rat hinsichtlich des weiteren Verhaltens einholen. Der Junge sieht arglos aus, er lächelt, er ist reinlich, ruhig und heiter. Er erzählt das Geschehen um den Tränenfluss auf den Gemälden. Er zeigt mir das Herz Jesu-Bild, wobei er mir erklärt, dass er es jeweils aus dem Kasten herausholt und es den Leuten zur Schau stellt, während er seine Andacht verrichtet. Das Gemälde zeigt auffällige Spuren von blutigen Tränen, das auf dem Glas geronnen war. Ich frage seine Freunde nach der Meinung der bischöflichen Kurie. Sie sagen mir, dass diese Vorbehalte gegen den übernatürlichen Ursprung der Phäno­mene habe. Ich bitte den Jüngling, diesen Ereignissen keine große Bedeutung beizumessen, das Gemälde nicht mehr aus­zustellen, nicht in der Öffentlichkeit zu beten und große Vorsicht walten zu lassen in Erwartung, dass der Herr dies­bezüglich seinen Willen offenbart.
Im folgenden Jahr betreten der Pfarrer und der Pfarrvikar die Szene. An diese hatte sich nämlich der Vater des Jungen gewandt und sie um Hilfe ersucht, da es seinem Sohn schlecht ging und sein Pfarrer sich nicht mehr um ihn küm­merte. Die beiden Priester nahmen sich nun des Jünglings an. Sie nahmen an ihm Befreiungsgebete vor, denn er schien vom Teufel belästigt zu sein. Das ging so weiter, bis sie eines Tages den Jungen zu mir brachten. Sie waren überzeugt, dass dieser mit Exorzismen behandelt werden müsse.
Seit dem Dezember jenes Jahres habe ich fünf Exorzismen vollzogen.
Erster Exorzismus: Anwesend sind die zwei Priester, die den Jüngling begleiten, zusammen mit anderen Personen, die mit diesen hierher gekommen sind. Auch eine kleine Gruppe Charismatiker ist zugegen. Zu Beginn des Gesprächs ist das Gesicht des Jungen fröhlich und unbeschwert. Einige Minuten später ein paar Rülpser und Anzeichen von Unbe­hagen. Er sagt mir, die seltsamen Phänomene hätten bei ihm seit der frühen Kindheit begonnen, wenige Jahre vor der Erstkommunion, die er mit kaum fünf Jahre Jahren empfing. Die Hostie habe fast immer den Geschmack von ,faulem Fleisch‘ gehabt. Während der Wandlung kamen stets Gotteslästerungen in ihm hoch und während der Wandlung bedrängten unzüchtige Phantasien seinen Geist.
Die seltsamen Phänomene nahmen ihren Anfang im Alter von dreizehn Jahren: Levitationen (freies Schweben), Stig­mata (Wundmale), ikonographische Zeichen auf dem Körper, ferner Statuen, die zerbrachen und aus denen Blut tröpfelte, Zerrungen in den Gliedern, Lähmungen, Visionen, Blüten­blätter und Knospen von Rosen, die aus seinem Munde tra­ten.
Ich beginne vorsichtig mit einem sondierenden (,diagnos­tischen‘) Exorzismus. Der Junge fällt zu Boden, er wälzt sich hin und her, schlägt heftig aus, knirscht mit den Zähnen, spuckt mich an und versucht, mich anzugreifen. Seine Stimme klingt rau, seine Augen sind rot und hasserfüllt. Nach diesem Sondierungs-Exorzismus fahre ich fort mit dem imperativen Exorzismus, wobei dem Teufel bestimmte Befehle gegeben werden. Das Weihwasser, mit dem der Patient besprengt wird, brennt ihn. Nur mit Mühe wird er von vier Personen auf dem Boden festgehalten. Die Reaktionen wurden noch heftiger, als ich beim Exorzismusgebet die Jungfrau Maria eines einheimischen Marienheiligtums erwähnte. Nach einer Viertelstunde tritt Ruhe ein. In dieser Phase der Erholung unternimmt der Jüngling plötzlich einen neuen Angriff und schlägt überraschend zu. Er wird aber mit Leichtigkeit gebändigt. Und er schafft es sogar, mit dem Exorzisten zu beten. Er ist aber sehr müde. Als ich ihm auf Wiedersehen sage, zeigt er sich zufrieden, aber rülpst einige Male.
Zweiter Exorzismus: Anwesend sind die gleichen Personen wie beim ersten Mal. Es wiederholten sich die gleichen Phä­nomene. Ein unerwarteter Fußtritt trifft mein Bein.
Dritter Exorzismus im Februar des folgenden Jahres: Der ihn begleitende Pfarrer bringt mir sechs oder sieben Gemälde in verschiedener Größe, die das Herz Jesu oder die Madonna darstellen. Sie sind entsetzlich verunstaltet und mit geronne­nem Blut verschmiert. Ich empfehle ihm, sie wieder in ihre Behälter einzuschließen und außer Sichtweite der Neugierigen zu verwahren. Während des Exorzismus sind die Reaktionen des Jünglings weniger heftig als bei den vorangehenden. Doch der Patient bleibt sehr gefährlich und es braucht starke Männer, um den Rasenden festzuhalten. Etwas ist neu: Er spricht in verschiedenen Sprachen.
Vierter Exorzismus im März desselben Jahres, in Anwe­senheit von ungefähr fünfzehn Priestern, die zu einem Pasto­ralkurs über Dämonologie zusammengekommen sind: Der Teufel offenbart sich mit den Worten: ,Er gehört mir, seit langem schon gehört er mir, jeder Exorzismus ist erfolglos. Er ist an mich gebunden.‘ Die Reaktionen sind weniger hef­tig. Er erholt sich schneller. Der Junge erinnert sich nicht an all das, was vorgefallen ist. Er hat nur den Eindruck, als ob er mit einem Ring am Fußknöchel angebunden sei.
Fünfter Exorzismus am folgenden Monat Mai: Anwesend sind fast alle Priester und einige Laien, die am Kurs über Dämonologie teilnehmen. Die Reaktionen des Knaben sind noch weniger heftig. Ich führe ein Zwiegespräch mit dem Dämon, der geltend macht, dass der Knabe seit dessen Kindheit ihm gehöre und dass er ihn nicht loslassen werde.
Ich habe den Pfarrer, der den Jungen begleitet, gebeten, einen kurzen Bericht abzufassen. Hier ist er:
,Der Unterzeichner ist Augenzeuge vieler selt­samen Phänomene. Ich bin zu seinem Krankenbett gerufen worden, um ihm die Kommunion zu bringen. Von Schmerzen gepeinigt wälzte er sich im Bett hin und her, auf dem Rücken hatte er Kratzwunden. Er kommunizierte. Später wurde ich wegen nächtlicher Geräusche zum Hause eines seiner Freunde gerufen. Ich sah, wie eine Tür in Stücke zerfiel. Das Zimmer war in völliger Unordnung. Der Junge duldete nie­manden in seinem Zimmer. Wenn alles zu Ende ist, liegt er unter dem Bett völlig erschöpft und am Ende seiner Kräfte. In diesem Haus gab es sechs solch furchtbarer Nächte. Ende Juli weitere solche Nächte in einem anderen Haus, wo eine Frau wohnt, die an Besessenheitsqualen leidet.
Die Phänomene während dieser Zeit sind: fliegende Gegenstände, Zerstörung von Möbeln, Kratzspuren an den Wänden, scharfer Geruch von Schwefel. Der Junge leidet unter einer Anziehungskraft, wie wenn sein Körper von einer unsichtbaren Macht bewegt und getrieben würde. Seine Freunde müssen ihn mit viel Kraftaufwendung auf dem Bett festhalten. Es kommt zu einem konfliktgeladenen Dialog zwischen ihm und einem unsichtbaren, jedoch präsenten Wesen. Er sagt: < Nein, ich will es nicht, ich werde es nie tun; geh weg, Satan. > Ich wohnte blumigen Huldigungen bei: Blütenblätter und Knospen von Rosen kamen aus seinem Munde heraus. Auf seinem Körper lassen sich ikonographi­sche Zeichen erkennen wie zum Beispiel das Monogramm der Hostie (IHS) und das skizzierte Gesicht eines Menschen … Sein christliches Leben ist sporadisch, kommt nur noch gelegentlich zum Vorschein. Sein Betragen überzeugt mich nicht ... Nun, nach dem ersten Treffen mit dem Exorzisten und dank der Befreiungsgebete scheinen die Reaktionen schwächer geworden zu sein. Es dauern weiterhin fort: die nächtlichen Störungen, Schüttelfrost, das Gefühl, von etwas Schleimigen umhüllt zu sein, das zu ihm sagt: < Du gehörst uns >‘.“5

3. Eine befreite Magierin

„Ich befand mich im Pfarramt, als zwei Frauen mein Büro betraten. Die erste kannte ich gut, die zweite hatte ich noch nie gesehen. Jene, die ich gut kannte, sagte zu mir: ‚Herr Pater, diese Frau braucht Ihre Hilfe.‘ Ich wandte mich an die mir unbekannte Frau und fragte sie, aus welchem Grund sie sich an mich wende. Ich schaute ihr fest ins Gesicht. Mit ihren Augen und mit den Händen machte sie merkwürdige Zeichen. Und schon war mir klar, mit wem ich es zu tun hatte, und sagte zu ihr: ‚Signora, vor wem haben Sie Angst? Hier gibt es keinen Teufel, hier ist Christus der Herr.‘ Und ich zeigte ihr das Kruzifix, das ich immer auf dem Schreibtisch habe.
In diesem Moment geriet die Frau in noch stärkere Aufregung. Ich war auf das Schlimmste gefasst und schrie sie an: ‚Du bist eine Hexe! Was willst du von Gott?‘ Zunächst war sie ganz verblüfft, dann sagte sie: ‚Ich will vom Dämon befreit werden, denn mein Mann liegt im Sterben.‘ Ich antwortete ihr in einem entschiedenen Ton: ‚An was stirbt dein Mann? Hast du ihn etwa behext oder verwünscht?‘ Mit Tränen in den Augen gestand sie mir, dass sie ihn voll Bosheit angeschrien habe: ‚Ein Krebsgeschwür soll dich packen!‘ Die Verwünschung hatte ihr Ziel erreicht. Ihr Mann befand sich im Spital auf der Intensivstation und lag im Sterben.
Mit ernster Stimme sagte ich ihr: ‚Ich bin kein Heiliger und mache keine Wunder. Ich bin Exorzist, der mit der Hilfe und im Namen Gottes die Dämonen austreibt. Deinem Mann kann ich das Leben nicht zurückgeben.‘ Da sprang die Frau mit einem Satz, die Knie voran, auf meinen Schreibtisch, streckte die Arme aus und wollte mich am Hals packen. Ich war auf eine solche Reaktion des Teufels gefasst. Rechtzeitig schaffte ich es, sie anzuschreien: ‚Satan, im Namen Gottes, hör auf!‘ Mit aufgerissenen Augen und aufgesperrtem Mund rührte sie sich nicht von der Stelle, ihre Arme immer noch gegen meinen Hals gestreckt. Gott hat mich beschützt. Dann wies ich mit lauter Stimme den Dämon zurecht: ‚Satan, im Namen Gottes befehle ich dir, dich nicht von dieser Stellung wegzubewegen.‘
Dann ging ich in die Kirche, legte eine geweihte Hostie in das Ziborium und dieses auf meine Brust. Als ich ins Pfarramt zurückkehrte, war die Frau immer noch in dersel­ben Stellung, in der ich sie verlassen hatte. Ich befahl ihr, vom Schreibtisch herunterzusteigen, Platz zu nehmen und ja nicht zu versuchen, den Sitzplatz zu verlassen, um mir näher zu kommen.
Mit der geweihten Hostie war ich ruhiger geworden. Mit resoluter Stimme sagte ich ihr: ,Statt wegen deines Mannes zu weinen, solltest du wegen der vielen Menschen weinen, denen du während zwanzig Jahren Böses zugefügt hast.‘ Da schrie sie mich an: ‚Wenn mein Mann stirbt, werde ich der ganzen Stadt Böses zufügen.‘ Mit einem Ruck erhob ich mich, packte sie an den Schultern und stieß sie aus dem Arbeitszimmer und aus der Kirche, wobei ich ihr nachrief: ‚Mit dem Hass, den du im Herzen hast, bist du nicht würdig, hierzubleiben.‘
Da sagte mir die Frau, die sie begleitete: ‚Herr Pater, Sie behandeln doch alle mit großer Freundlichkeit und schicken jene, die vom Dämon besessen sind, nicht weg. Warum haben Sie diese da auf unhöfliche Weise fortgejagt?‘ Ich gab ihr zur Antwort: ‚Wir Exorzisten können nur jenen helfen, sich von der dämonischen Besessenheit zu befreien, die dies wünschen. Wer aber Hass im Herzen hat, wünscht nicht, befreit zu werden. Übrigens können sie sicher sein, dass die Hexe noch vor Ablauf einer Stunde wieder hier sein wird.‘
In der Tat ist sie kurz darauf zurückgekehrt. Ich sagte ihr, wenn sie wirklich wünsche, dass ich an ihr den Exorzismus vollziehe, dann müsse sie mir zuerst beweisen, dass sie befreit werden wolle, indem sie mir alles, was sie an magi­schen Zaubermitteln besitze, hierher bringe.
Um drei Uhr öffnete ich die Kirche und ich sah, dass die beiden Frauen dort standen und mich erwarteten. Sie trugen zwei große vollgestopfte Plastiktaschen. Der Anblick der Dinge, die sich darin befanden, ließ mich vor Entsetzen erschauern. Außer kleinen Instrumenten wie Tabletten zum Verbrennen von Weihrauch waren da rote und schwarze Kerzen, Nägel, Nadeln, Zitronen, Fotografien, aus welchen jeweils das Portrait einer Person herausgerissen war. Sehen wir einmal ab von den Dutzenden bereits vollzogener Verwünschungen, so gab es hier viele Bücher über Magie, Zauberei, Verwünschungen, ferner Bücher über schwarze Messen, satanische Orgien und über viele andere Dinge. Nachdem ich das Ganze mit Weihwasser besprengt und Gott angerufen hatte mit der Bitte, jegliche Verwünschung zu annullieren, schloss ich das ganze Zeug in einen Schrank ein, so dass es niemand finden konnte.
Dann habe ich die Magierin aufgefordert, am Abend, wenn die Kirche abgeschlossen wird, mit vier Männern hier­her zurückzukommen. Es war mir klar geworden, dass es nicht nötig war, einen Psychiater beizuziehen, so eindeutig war hier die Präsenz des Dämonischen wahrzunehmen. Ich zog die liturgischen Gewänder an und begann mit dem Exorzismus. Ich befahl sogleich dem Dämon, keinem der hier Anwesenden ein Leid anzutun, sich keinem zu nähern und mindestens einen Abstand von einem halben Meter zu wahren. Dann begann ich mit dem Ritus. Mehrmals sprang die Magierin auf, schrie und lästerte. Ich tat so, als ob ich sie nicht hörte. Sie streckte die Hände nach allen Seiten aus, berührte aber niemanden, so dass der Teufel schrie: ‚Was habt ihr da hingestellt, da vor mir? Ich komme ja hier nicht durch!‘
Oft unterbrach der Dämon das Gebet. Er sagte, sie seien zu dreizehn gekommen, ich aber ganz allein sei, und dass es mir nie gelingen werde, sie auszutreiben. Im Namen Gottes befahl ich ihm zu schweigen. Bei diesem Befehl geriet er in Wut und schrie mich auf einmal an: ‚Was hast du denn da in die Mitte zwischen dir und mir gestellt? Eine kristallene Platte?‘ Schließlich schrie er: ‚Hör auf damit! Sie will nicht befreit werden, sonst hätte sie dir alles hierher gebracht. Im Schrank ihres Zimmers hat sie nämlich noch zwei Taschen von vorbereiteten und <versandfertigen> Behexungen.‘ Da erklärte die Frau, sie sei müde und dass sie es nicht mehr aushalte. Ich nutzte die Gelegenheit, um den Exorzismus zu unterbrechen, und sagte: ‚Mit müden Dämonen kämpfe ich nicht. Wir werden morgen weitermachen, aber nur unter der Bedingung, dass du mir morgen die beiden Taschen mit den Behexungen, die du, wie mir der Dämon verraten hat, im Schrank versteckt hast, bringst. Ich erwarte dich morgen um sieben Uhr.‘
Am darauf folgenden Tag stand sie um sieben Uhr mit den zwei Taschen vor der Kirchentür. Weinend sagte sie zu mir: ‚Mein Mann liegt im Sterben. Man hat ihn in die eiserne Lunge gelegt.‘ Ich antwortete: ‚Geh jetzt gleich ins Spital. Besuche deinen Mann. Gott wird an ihn denken. Komm heute abends um acht Uhr zurück, und zwar zusammen mit den Männern, die dich gestern begleitet haben.‘ Bereits um sieben Uhr waren alle in der Kirche. Ich schloss die Türen, zog das liturgische Gewand an und bereitete mich innerlich auf den Kampf vor. Die Magierin wiederholte ständig, ich solle schnell machen, denn die Ärzte hätten ihrem Mann nur noch eine Stunde zu leben gegeben.
Ich sprach einige wenige Gebete und begann dann sogleich mit dem Befehls-Exorzismus. Auf einmal begann die Frau unter lautem Schreien zu erbrechen. Aus ihrem Mund trat ein mit Speichel vermischter Klumpen kastanien­brauner Erde heraus. Während ich diesen mit Weihwasser besprengte, zählte ich: Dies ist der erste Dämon. Ich fuhr fort zu beten und Befehle zu geben. Zwölf weitere Dämonen sind einer nach dem anderen herausgekommen. Darauf schrie mich eine dunkle, raue Stimme an: ,Ich bin Satan, es wird dir nicht gelingen, mich auszutreiben.‘ Ich schaute auf die Uhr und sah, dass Mitternacht seit einigen Minuten schon vorbei war. Ich sagte: ,Wir sind am Festtag der Unbefleckten Empfängnis. Satan, im Namen der Allerhei­ligsten Jungfrau Maria befehle ich dir, aus dieser Frau aus­zuziehen und dorthin zu gehen, wohin dir Gott zu gehen befohlen hat.‘ Diesen Befehl habe ich ungefähr zehn Mal wiederholt, bis sich schließlich die raue Stimme wieder bemerkbar machte: ‚Schluss mit diesem Namen, ich will ihn nicht mehr hören!‘
Ich antwortete ihm: ‚Teufel, ich werde dir diesen Namen die ganze Nacht über wiederholen, Wenn du den Namen der Unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter Maria nicht hören willst, dann verlasse diese Frau und verschwinde.‘ Dann begann die Magierin wieder zu erbrechen und nach einem lauten Schrei fiel sie ohnmächtig zu Boden. Sie war endlich von allen ihren Dämonen befreit. Während die Magierin schlief, begannen wir, das Zimmer aufzuräumen und zu rei­nigen. Ich benutzte dazu gesegnetes Wasser und schüttete viel Alkohol in den Eimer. Dann zündete ich ein Blatt Papier an und warf es auf das beim Auszug der dreizehn Dämonen Erbrochene. Erst nachdem alles gereinigt war, befahl ich der Magierin aufzustehen. Sie erhob sich sehr langsam, wie wenn der Teufel sie in Stücke zerrissen hätte. Ich teilte ihr mit, dass ich sie an diesem Morgen in der Kirche erwarte, sie müsse beichten und kommunizieren.
So geschah es denn auch. Wenige Tage später, als ich mich anlässlich eines Befreiungsgebetes in einem Haus befand, läutete das Telefon. Die Hausfrau ging ans Telefon und kam dann eilends zu mir, um mir zu berichten: ‚Jene Frau (die eine Zauberin war) hat mir eben gesagt, ich solle Ihnen mit­teilen, dass es ihrem Gemahl gut gehe. Am Tag der Unbefleckten Empfängnis seien die Ärzte erstaunt gewesen; sie glaubten, sie würden einen toten Patienten vorfinden, stattdessen sahen sie einen, dem es besser ging und der zu essen wünschte. Man habe ihn dann in den Krankensaal gebracht; es gehe ihm zusehends besser und er esse regelmä­ßig. Vor Weihnachten noch könne er geheilt nach Hause gehen.‘
Am Weihnachtstag waren Gatte und Gattin in der Kirche. Nachher kamen sie ins Pfarreibüro, um mir zu danken. Sie haben gebeichtet und kommuniziert. Wie groß ist doch Gott!“6

4. Satanische Riten auf dem Friedhof

„Die Person, um die es sich im folgenden Bericht handelt, ist ein zwanzigjähriger Jüngling.
Er kam zu mir in Begleitung seiner Eltern. Er klagte über qualvolle Schmerzen an den Hoden und am ganzen Körper. Er schreit wirklich wie ein Besessener. Er durfte das Spital, in das er eingeliefert worden war, für ganz kurze Zeit verlas­sen, um an einem Befreiungsgebet teilzunehmen. Die Ärzte konnten die Ursache von so viel Leiden nicht eruieren. Es war der Jüngling selbst, der unser Eingreifen wünschte.
Er erzählt mir seine Geschichte mit großer Mühe zwischen furchtbaren Krämpfen, wobei er sich den Unterleib hielt.
‚Vor ungefähr drei Jahren hatte ich die Gelegenheit, an satanischen Riten teilzunehmen. Ich wurde dazu von Freun­den in meinem Alter eingeladen. Ich glaubte nicht an solche Dinge, doch aus Neugier machte ich mit. Die Riten wurden auf einem Friedhof vollzogen. Wir waren etwa zehn Jugend­liche und einer von uns war der Chef. Für den Opferritus und die schwarze Messe setzten wir uns alle eine Kapuze auf. Die Opferriten wurden in einem unterirdischen Gang des Friedhofgebäudes auf der Steinplatte eines offenen Grabes durchgeführt. Sie fanden unregelmäßig nach jeweils einigen Monaten Unterbrechung statt. Das Tieropfer bestand in der Tötung einer Katze, eines Vogels, einer Schlange. Das Fleisch dieser Tiere wurde vermischt mit den aus dem Beinhaus entwendeten zerriebenen Knochen von Toten. Wir aßen das Fleisch des Vogels oder Katze, nachdem man es über ein Feuer gehalten und dann mit dem Blut der Schlange und den zerriebenen Knochen vermischt hatte. Man muss vermerken, dass die Schlange das Symbol der Sekte ist. Hernach bestand das Ritual in einem Geschlechtsverkehr mit einem jungfräulichen Mädchen, das wir verführt hatten. Im Ganzen dauerte das rituelle Geschehen im Durchschnitt etwa drei Stunden. Das Opfer wurde dem Gott Abu Katabu, des­sen Präsenz wir spürten, sowie auch dem indischen Gott Zei dargebracht. Das letzte Mal fand das Ritual am vergangenen Sonntag statt. Ich bin allein dorthin gegangen, ohne dass ein Freund mich abholen kam. Ich fühlte, dass sie mich riefen. Ich habe jedoch erfahren, dass ich zum Opfer ausersehen war. Ich habe Angst.‘
Ich stellte dem jungen Mann folgende Frage: ‚Wie hast du es angestellt, um in das unterirdische Geschoss einzudringen, das Beinhaus zu öffnen und die Rituale zu vollziehen, ohne dass die Wächter es bemerkten?‘ Er antwortete mir, er selber habe den Schlüssel gestohlen, da er den Ort gut kannte und wusste, wie man das Gitter des Ganges, der zum unterirdi­schen Geschoss führt, öffnet. Nach Beendigung des Rituals, das nachts vollzogen wurde, habe er alles wieder an seinen Platz gestellt.
Ich fragte ihn auch, wie sie es machten, um die Mädchen zu ködern, die sie entjungfern wollten. Meistens, so erklärte er mir, gewinnen sie diese unter dem Vorwand, sie zu einem Gebet in der Kirche oder auf dem Friedhof am Grabe eines Bekannten einzuladen. Jedes Mal bringen sie eines oder zwei mit, lassen sie am Ritual teilnehmen und hernach paaren sie sich mit ihnen. Sie geben ihnen Geld als Entschädigung und um ihnen Stillschweigen aufzuerlegen. Es komme vor, dass die Mädchen wiederkommen; doch diese Jugendlichen wol­len für das Ritual immer unberührte Mädchen, die anderen nehmen sie nur, wenn sie keine jungfräulichen finden.
Ich stellte ihm noch Fragen über den Namen der Sekte, wie man in sie hineinkomme und ob zwischen den Mitgliedern ein Pakt bestehe. Es sei die Sekte der Schwarzen Schlange, antwortet er mir. Der Gott, den sie anbeten, heiße Abu Kata­bu. Er sagt mir auch, dass wenn man einmal in die Sekte eingetreten ist, es schwierig sei, aus ihr auszutreten. Zwei Jugendliche seien ausgetreten, daraufhin seien sie von den anderen während eines Ritus verflucht worden. Nach kaum zwei Tagen sei einer der beiden bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, der andere erlitt einen Schädelbruch. Der Chef der Sekte sei vierundzwanzig Jahre alt.
Ich wollte wissen, wie sie die schwarzen Messen zelebrie­ren. Er sagte mir, dass sie gestohlene Hostien benutzen. Er selber habe solche in seiner Kirche, wo er Messdiener gewe­sen war, gestohlen. Er wusste daher, wo sich die Schlüssel befanden. Er habe die Hostien direkt dem Tabernakel ent­nommen. In letzter Zeit sei das aber komplizierter geworden. Da habe er sich jeweils bei einer heiligen Messe der Reihe der Kommunizierenden angeschlossen und habe die Hostie in die Tasche gesteckt.
Die schwarze Messe werde von einem ehemaligen Mönch zelebriert, wobei er für diesen Anlass ein rotes Gewand trägt. Sie spucken alle auf die Hostie und verbrennen sie. Sie benutzen auch Gebeine von Toten und rufen dann Ver­wünschungen über ihre Feinde herab. Er selber habe solche gegen seine eigenen Angehörigen ausgestoßen. Nach seiner Aussage haben solche Verfluchungen stets die gewünschte Wirkung erzielt.
Nach diesem Vorgespräch beginne ich mit dem Exorzismus. Beim Anhören der Allerheiligenlitanei bäumt sich der Jüng­ling auf, schlägt aus, brüllt und wird gefährlich. Er ruft Abu Katabu an. Ich nehme die Präsenz von Dämonen wahr und besprenge den Patienten mit Weihwasser. Er schreit auf und ruft wiederum seine Götter an: Abu Katabu, Zei und andere. Wegen der Schmerzen an den Hoden fängt er zu heulen an. Er ergeht sich in Beschimpfungen gegen seine Großmutter und seine Mutter, die beim Exorzismus anwesend ist. Sie sagt zu ihrem Sohn, dass die Großmutter und die Tante ihn immer geliebt haben. Darauf erwidert er, dass er Liebe nicht von der Großmutter noch von der Tante wollte, sondern von der Mutter.
Nun sehe ich ein, dass im Verhalten des Patienten eine starke psychologische Komponente zu berücksichtigen ist, die dazu geführt hat, dass er aus Liebesentzug auf diese Weise reagierte. Infolge der Verwünschungen musste sich die Großmutter wegen eines Tumors an der Brust einer Operation unterziehen, die Mutter wurde am Blinddarm operiert und der Vater hatte eine lebensbedrohende Verbrennung durch elektrischen Strom erlitten. Diese unheilvollen Ereignisse hat der Sohn selber seinen Verfluchungen zugeschrieben.
Dann auf einmal wird er blind, spricht in verschiedenen Sprachen und verspottet mich, indem er die Zeigefinger über den Kopf hält. Dann erbricht er, ein Zeichen, dass seine Befreiung beginnt. Er fühlt sich leichter, weint, bittet um Hilfe und macht sogar ein Kreuzzeichen.
Einer meiner Assistenten, ein Freund des Friedhofwächters, begab sich zum Friedhof und besichtigte dort den Ort, wo die Sekte ihren Kult durchführte, und machte fotografische Aufnahmen. Die vom jungen Mann erzählten Einzelheiten entsprechen der Wahrheit.
Wir kommen zum zweiten Exorzismus. Markerschütternde Schreie und unerträgliche Schmerzen im Unterleib. Der Jüngling ruft wieder seine Götter um Hilfe an. Während des ganzen Exorzismus fühlt er sich von Flammen umzingelt, die ihn brennen. Er schreit aus voller Kehle und bittet, dass man ihm Wasser über Brust und Schultern schüttet. Doch das Weihwasser verstärkt die Schmerzen. Dann beginnt er auszu­packen, um all dem, was ihn belastet, Luft zu machen. Er ist voller Schuldgefühle und hat Gewissensbisse. Einmal mehr stelle ich fest, dass all seinen Qualen eine starke psychologi­sche Komponente zugrunde liegt. Er sagt auch, dass es seine Freundin gewesen war, die ihm bei der sexuellen Verge­waltigung einen Fußtritt in den Unterleib versetzt hat. Dieses Mädchen, das nach dem satanischen Ritual ins Spital einge­liefert werden musste, befindet sich immer noch im Koma.
Wiederum erbricht der Jüngling. Damit er noch mehr erbricht, gebe ich ihm Weihwasser zu trinken. Er beruhigt sich, kommt wieder zu vollem Bewusstsein. Er bittet, dass man ihn rette. Er will den Vater, die Mutter, die Großmutter und seinen Bruder sehen. Die Szene ist ergreifend. Er bittet alle um Verzeihung; mit Tränen in den Augen umarmt er sie. Auch mich umarmt er. Und er ruft den Namen des Herrn an und betet mit uns.
Er fürchtet immer noch, von der Sekte getötet zu werden, da er von dieser zum Opfer ausersehen war. Der junge Mann braucht nun eine besondere Pflege und ganz besondere Schutzmaßnahmen.“7

IV. FORMEN UND METHODEN DES BÖSEN

Die Frage,  in welcher Form und mit welchen Mitteln das Böse den Menschen befallen kann, beantwortete Amorth mit einer von verschiedenen Autoren und seinen eigenen Überlegungen angeregten schematischen Darstellung der Behexung, die auch als Leitfaden seiner Tätigkeit verstanden werden kann.

1. Formen der Behexung

„Die ‚Behexung‘ ist ein Übel, das durch die Tätigkeit des Teufels herbeigeführt wird.
In Bezug auf das Ziel und den Zweck gibt es verschiedene Modalitäten, die folgendermaßen näher bezeichnet werden:
– ,Liebes‘-Behexung, die darauf abzielt, eine Liebes­beziehung zu einer Person zu fördern oder zu zerstören.
– Vergiftende Behexung, die darauf abzielt, ein körperli­ches, psychisches, wirtschaftliches oder familiäres Übel herbeizuführen.
– Bindungs-Behexung, die zum Ziel hat, Unternehmungen, Bewegungen oder Beziehungen zu behindern oder zu verei­teln.
–  Übertragungs-Behexung, die darauf abzielt, auf jeman­den die Qualen, die man einer Puppe oder dem Foto der zutreffenden Person symbolhaft bereitet hat, zu übertragen.
– ,Verwesungs‘-Behexung, die zum Ziele hat, eine tödli­che Krankheit hervorzurufen, indem man einen verweslichen Stoff verfaulen lässt.
– ,Besessenheits‘-Behexung, die darauf abzielt, eine teuf­lische Präsenz in das Opfer einzuführen und dieses in den Zustand einer eigentlichen Besessenheit zu stürzen.“8

2. Art und Weise der Behexung

„In Bezug auf die Art und Weise kann die Behexung bezeichnet werden als
– ,Direkte‘, wenn es einen Kontakt gibt zwischen dem Opfer und dem Gegenstand als dem Träger des Bösen, z.B. wenn man dem Opfer etwas Verhextes zu essen oder zu trinken gibt.
– ,Indirekte‘, wenn sie durch die Behexung eines Gegenstandes, der das Opfer repräsentiert, vorgenommen wird.“9

3. Vorgangsweise bei der Behexung

„– Durch Einschlagen und Quälen mit Nadeln, Nägeln, Hammer, Stichen, Feuer, Eis.
– Durch Fesselung oder Bindung mit Schnüren, Knoten, Riemen, Bändern, Gürteln, Reifen.
– Durch Verwesung, wenn man den Gegenstand oder das Tier-Symbol, nachdem man es zerbrochen hat, begräbt.
– Durch Verfluchung, direkt ausgesprochen über die Per­son, über eine Fotografie der Person oder ein Symbol von ihr.
– Durch ein satanisches Ritual wie zum Beispiel der Satanskult oder eine schwarze Messe, die mit der Absicht, jemanden zu schädigen, zelebriert wird.“10

4. Verwendete Mittel

„– Bei Verwünschungen: Puppen oder mit Nadeln, Gebeinen von Toten und Blut vermischtes Fleisch, Kröten, Hühnchen.
– Mit behexten Objekten, z.B. Geschenke, Pflanzen, Kopfkissen, Puppen, Bänder, Talismane.
– Mit dem Blick (,böser Blick‘), Kontakt mit der Hand, Umarmung.
– Per Telefon: sei es ohne Worte, sei es durch den Atem oder auf andere Weise.“11

5. Die für die Befreiung erforderliche Zeit

Die Zeit, die für die Befreiung durch Exorzismen erforderlich ist, dauert heute länger als in der Vergangenheit.
„Meiner Meinung nach trifft dies zu, weil der Glaube weni­ger stark ist, auch auf Seiten der Exorzisten. Er ist auch weniger stark bei den Personen, die sich exorzieren lassen, und auch bei deren Angehörigen.
Denken Sie an jene Stelle im Evangelium (Mt 17,14-21), wo berichtet wird, dass es den neun Aposteln nicht gelang, einen „fallsüchtigen“ Knaben zu befreien, obwohl sie – wie sie zu ihrer Verteidigung sagten – im Namen Christi handel­ten. Da fragten sie Jesus: ‚Warum konnten wir den Dämon nicht austreiben?‘ Und Jesus gab ihnen zur Antwort: ‚Wegen eures Kleinglaubens‘...
Die Dauer der Befreiung hängt auch ab von der kurzen oder längeren Zeit der Verwurzelung des Dämonischen…12

6. Das Amt des Exorzisten

Was das Amt des Exorzisten betrifft, so ist dieses nach Amorth schwierig und wird verkannt, selbst in der eigenen Gemeinschaft und bei vielen Vertretern der Kirche.
„Was mich betrifft, so liebt man mich so sehr, dass man mich schon dreiundzwanzig Mal vom Ort, wo ich Exorzismen vornehme, vertrieben hat ... Man vertreibt mich, man hat mich immer wieder von meiner Arbeitsstätte vertrieben! Denn die Leute wollen das Geschrei nicht hören. Man hat mich hier in Rom von allen Orten, wo ich arbeitete, weggejagt…
Man gewöhnt sich daran...“13
„Ich habe viele Exorzismen vollzogen und mache immer noch viele. Sie haben meinen Terminkalender gese­hen ... Jetzt sind es etwas weniger, weil ich alt werde. Aber nicht allzu sehr. Tatsächlich verbringe ich meine Tage mit der Durchführung von Exorzismen, morgens und nachmittags, und zwar jeden Tag, sogar an Weihnachten und Ostern. Immer. Mit Ausnahme der Zeit, die den Predigten oder mei­nen Fernsehsendungen gewidmet ist – Tätigkeiten also, die mit meinem Amt in Zusammenhang stehen.
Ich habe, grob berechnet, mehr als siebzigtausend Exorzismen durchgeführt. Selbstverständlich habe ich nicht siebzigtausend Personen exorziert. Die Zahl der exorzierten Personen kann ich nicht berechnen. Ich kann nur die Sitzungen zählen. Es sind heute ungefähr achtzehn täglich, früher waren es mehr. Der Vormittag ist für die schwereren Fälle bestimmt; ich behandle also nicht mehr als fünf Personen; wer sich ohne Verabredung vorstellt, hat keine Chance, empfangen zu werden. Ich würde sonst verrückt.“14

V. DIE INTERNATIONALE VEREINIGUNG DER EXORZISTEN (Aie)

Bei seiner Arbeit als Exorzist von Rom machte sich Gabriele Amorth auch daran, die Exorzisten Italiens in einen Verein einzubinden, um so die Begegnung zu fördern, die verschiedenen Erfahrungen und Vorstellungen abzustimmen, Richtlinien einer einheitlichen Leitung zu erarbeiten, Übereinstimmung in der Ausführung des Berufes zu erreichen und schließlich eine konkretere und wirksamere Hilfestellung für all jene zu gewährleisten, die bei ihrer Tätigkeit einer solchen bedürfen.
So gründete er am 4. September 1991 die Italienische Vereinigung der Exorzisten, um den Priestern die Möglichkeit zu bieten, den Gläubigen, die sich in Besessenheitsfragen an sie wenden, konkreter helfen zu können.
1993 nahm er  mit  anderen italienischen Exorzisten an einer internationalen Tagung über Exorzismus teil, die von dem französischen Exorzisten René Chenessau und dem Theologen René Lauréntin organisiert wurde. Vom 27. Juni bis 1. Juli 1994 fand dann im Haus „Divino Amore“ in Ariccia bei Rom eine weitere Tagung statt, an der 81 Exorzisten aus verschiedenen Ländern teilnahmen. Amorth wurde einstimmig zum Präsidenten der Internationalen Vereinigung der Exorzisten (AIE) gewählt. In dieser Funktion entfaltete er weitreichende Aktivitäten, berief Tagungen ein, verfasste Rundschreiben und förderte die Ausbildung und die Verbindungen unter den Mitgliedern. Er führte den Vorsitz bis zum Jahre 2000 und war dann Ehrenvorsitzender bis zu seinem Tod.
Am 23. Juni 2014 anerkannte schließlich der Heilige Stuhl durch die Kongregation für den Klerus mit Zustimmung von Papst Franziskus die Internationale Vereinigung der Exorzisten als Rechtspersönlichkeit.15


VI. SCHLUSSBEMERKUNG

Der hier vorgelegte Nachruf auf den weltbekannten Exorzisten Gabriele Amorth bot gleichzeitig die Gelegenheit, anhand seiner Aussagen und seiner Veröffentlichungen einen Einblick in die Arbeit eines Exorzisten schlechthin und in die Vielfalt der zu betreuenden Fälle zu geben. Daraus wird deutlich, dass der Exorzismus bei der Behandlung von Ratsuchenden in Sonderfällen nur durch einen bewährten Exorzisten die notwendige Hilfe leisten kann.

1 Artikel vom 16. September 2004 im Hamburger Abendblatt

2 Ebenda

3 Amorth, Gabriele:  Memoiren eines Exorzisten. - Kisslegg-Immenried : Christiana-Verl. im Fe-Medienverl., 2016, 4. Aufl

4 Derselbe, ebd. S. 76-77

5 Derselbe, ebd. S. 79-84

6 Derselbe, ebd. S. 85-90

7 Derselbe, ebd. S. 97-101

8 Derselbe, ebd. S. 112

9 Derselbe, ebd. S. 113

10 Derselbe, ebd.

11 Derselbe, ebd.

12 Derselbe, ebd. S. 117

13 Derselbe, ebd. S. 168

14 Derselbe, ebd. S. 169

15 RESCH, ANDREAS: Die Exorzisten. Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 64 (2015) 1, 67 – 79

 

Andreas Resch: 100 Jahre Fatima

 

ANDREAS RESCH

100 JAHRE Fátima

Die Hundertjahrfeier der Marienerscheinungen von Fátima 1917 im Zentrum Portugals, gegen Ende des 1. Weltkrieges, ist uns ein besonderer Anlass, die Ereignisse von damals, welche bis heute nachwirken, in Erinnerung zu rufen. Dabei wollen wir uns der im Auftrag des Bischofs von Leiria, José II. Alves Correia da Silva (Abb. 1), im Gehorsam angeforderten Niederschrift der Erinnerungen der Seherin Lucia dos Santos bedienen, die von P. Luis Kondor SVD (Abb. 2), dem Leiter der Seligsprechungsprozesse von Francisco und Jacinta, übersetzt wurden.1

Alves Correia da Silva
     Abb.1: Bischof  Alves Correa da Silva      
Ludwig Kondor
       Abb. 2:  P.  Ludwig Kondor

Nach Kondor stellen diese „Erinnerungen“ von Schwester Lucia das reichste, umfassendste und lebendigste Zeugnis der Geschehnisse in der Cova da Iria dar. War sie es doch, die nicht nur die Gruppe der Seher beim Gespräch mit Unserer Lieben Frau von Fátima anführte, sondern auch alles miterlebte. Die Bilder entstammen dem Archiv des IGW.

DIE SEHER VON FÁTIMA

Zu den Sehern von Fátima gehören Lucia dos Santos sowie Jacinta und Francisco Marto (Abb. 3).

Seher von Fatima: Lucia, Francisco und Jacinta
             Abb. 3: Die Seher von Fatima: Lucia , Francisco, Jacinta

Lucia dos Santos

Lucia dos Santos (Abb. 4) wurde am 22. März 1907 als Tochter von Antonio dos Santos und Maria Rosa in Aljustrel, einem Weiler in der Pfarre Fátima, geboren und am 30 März 1907 auf dem Namen Lucia getauft.

Lucia dos Santos
           Abb. 4:  Lucia dos Santos (1907-2005)

Als jüngstes von sieben Kindern, sechs Mädchen und einem Jungen, wurde sie in ihrer Kindheit von Zärtlichkeit umgeben. Im Alter von sechs Jahren empfing sie die erste heilige Kommunion. Entsprechend den Erfordernissen der häuslichen Verhältnisse wurde sie Hirtin. Laut Gefährten aus dem Ort wurden 1917 ihre Kusine Jacinta und ihr Vetter Francisco Marto ihre ausschließlichen Begleiter. Im Rahmen der im Folgenden beschriebenen Erscheinungen wurde Lucia aufgefordert, lesen und schreiben zu lernen. Als Seherin war sie besonderen Anforderungen ausgesetzt. So kam sie am 17. Juni 1921 mit 14 Jahren und drei Monaten in das Kolleg der Schwestern von der Hl. Dorothea in Vilar bei Porto, wo sie eine hervorragende Ausbildung erhielt. Am 24. Oktober 1925 trat sie, wenngleich ihr die Karmelitinnen besser entsprachen, bei den Dorotheerinnen in Pontevedra in Spanien, direkt an der Grenze Portugals, als Postulantin ein, wo sie bis zum 20. Juli 1926 weilte. Anschließend kehrte sie nach Tuy ins Kloster zurück, wo sie am 3. Oktober 1928 die zeitlichen und am 3. Oktober 1934 die ewigen Gelübde ablegte. Nur wenige Tage später wurde sie erneut nach Pontevedra versetzt. Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs wurde sie 1936 in das Colégio do Sardão bei Porto (Portugal) geschickt. Im Mai 1937 kehrte sie nach Tuy zurück, wo sie auch ihre Erinnerungen niederschrieb. Ende Mai 1946 ging sie wieder nach Portugal. Am 25. März 1948 trat sie mit dem Gunsterweis Pius XII. zu den Karmelitinnen von Coimbra über, um sich ihren Wunsch nach Einsamkeit zu erfüllen. Bei der Einkleidung erhielt sie den Ordensnamen Sr. Maria Lucia vom Unbefleckten Herzen. Am 31. Mai 1949 legte sie die feierliche  Profess ab. Am 13. Februar 2005 verstarb die Seherin im Karmel von Coimbra knapp 98-jährig.
Der Tag ihres Begräbnisses, der 15. Februar 2005, wurde in Portugal zum nationalen Trauertag erklärt. Am 19. Februar 2006, am Vorabend des liturgischen Festes der beiden seligen Seherkinder Francisco und Jacinta, wurde ihr Sarg aus Coimbra in die Basilika von Fátima überführt und neben dem Grab von Jacinta beigesetzt. An ihrem dritten Todestag 2008 erteilte Papst Benedikt XVI. sein Einverständnis für die Einleitung des Seligsprechungsprozesses von Sr. Lucia.

Francisco Marto

Abb. 5:Frrancisco Marto (1908-1919)

Francisco Marto (Abb. 5) wurde am 11. Juni 1908 in der Pfarrei Fátima, Bezirk Villa Nova de Qurém, geboren und neun Tage später auf den Namen Francisco getauft. Er war das sechste Kind von Manuel Pedro Marto und Olimpia de Jesus, der Schwester von Lucias Vater. Francisco war ein wortkarger Junge und legte schon früh eine erstaunliche Liebe zur Natur an den Tag. Am liebsten hütete er seine Schafe zwischen abgelegenen Felsen, wo er sich verstecken konnte. Dort spielte er auf seiner Mundharmonika, sang selbst gedichtete Lieder dazu oder betete. Bei dieser Tätigkeit erlebte er gemeinsam mit seiner Schwester Jacinta und seiner Kusine Lucia dos Santos 1916 drei Erscheinungen eines Engels und 1917 die Erscheinungen der Gottesmutter, die er jedoch nie sprechen hörte, sodass er immer fragen musste, was sie gesagt hatte. Bei der Erscheinung am 13. Juni 1917 wurde ihm sein baldiger Tod angekündigt. Nach den Entbehrungen im Gefängnis und den Anforderungen als Seher erkrankte Francisco im Dezember 1918 an der Spanischen Grippe. Wenn Lucia auf dem Weg zur Schule am Haus vorbeiging, ersuchte er sie, in die Kirche zu gehen und Jesus viele Grüße von ihm auszurichten. Während seiner halbjährigen Krankheit wurde er von Jung und Alt besucht, besonders aber von Lucia und Jacinta.
Nach Ablegen der Beichte und Empfang der Kommunion starb Francisco gottergeben am 4. April 1919 um 22 Uhr und wurde am darauffolgenden Tag auf dem Friedhof von Fátima beerdigt. Am 13. März 1952 wurden seine Gebeine in die Basilika von Fátima überführt.
Anlässlich der Wallfahrt von Papst Johannes Paul II. nach Fátima wurde er am 13. Mai 2000 gemeinsam mit seiner Schwester seliggesprochen. Die Heiligsprechung von Francisco durch Papst Franziskus erfolgte am 13. Mai 2017 ebenfalls in Fátima Sein Gedenktag ist der 4. April.

Jacinta Marto

Abb. 6: Jacinta Marto (1910-1920)

Jacinta Marto (Abb.6) wurde am 11. März 1910 in der Pfarrei Fátima, Bezirk Villa Nova de Qurém, geboren und am 19. März auf den Namen Jacinta getauft. Sie war das jüngste Kind von Manuel Pedro Marto und Olimpia de Jesus, der Schwester von Lucias Vater. Olimpia war zweimal verheiratet – das erste Mal mit dem Bruder von Lucias Mutter, mit dem sie zwei Kinder hatte. Aus der zweiten Ehe gingen dann sieben Kinder hervor, von denen Francisco und Jacinta die jüngsten waren und als Hirten am liebsten in Gesellschaft mit ihrer Kusine Lucia die Schafe auf die Weide führten, wo sie 1916 gemeinsam die Erscheinungen des Engels und 1917 die Erscheinungen der Gottesmutter erlebten und dabei in Ekstase fielen. Bei der Erscheinung am 13. Juni 1917 wurde Jacintas baldiger Tod angekündigt. Nach den Entbehrungen im Gefängnis und den

Anforderungen als Seherin erkrankte Jacinta im Oktober 1918 an Lungenentzündung. Während ihrer Krankheit bekam sie Besuch von Unserer Lieben Frau, die ihr mitteilte, dass Francisco sie bald in den Himmel holen, sie vorher aber noch ins Krankenhaus kommen werde. Am 1. Juli 1919 wurde Jacinta in das Krankenhaus des hl. Augustinus in Vila Nova de Qurém eingeliefert. Am 21. Januar 1920 kam sie nach Lissabon in das Waisenhaus von Madre Godinho und dann in das Krankenhaus D. Estefania, wo ihr am 10. Februar zwei Rippen entfernt wurden. Eine Besserung trat jedoch nicht ein.

Jacinta starb gottergeben am 20. Februar 1920 um 22.30 Uhr, wie es ihr Unsere Liebe Frau auf Tag und Stunde vorausgesagt hatte. Ihr Leichnam wurde nach Vila Nova de Qurém überführt und in der Grabstätte des Barons von Alvaiázeres beigesetzt. Die Bedeckung des Leichnams mit einer dicken Kalkschicht und die Bestattung in einer Gruft hatte einen verzögerten Verwesungsprozess zur Folge. Als man am 12. September 1935 ihren Sarg öffnete und den Leichnam unversehrt vorfand (Abb. 7), wurde dieser noch am gleichen Tag in den Friedhof von Fátima übertragen.

Jacinta Martp unversehrt Jacinta Marto Identifikation 1951
Abb.7: Inspektion, 12.September 1935 Abb. 8:  Inspektion, 30.April 1951

Im Rahmen des Seligsprechungsverfahrens wurde am 30. April 1951 bei der Identifikation des ganzen Körpers von Jacinta festgestellt, dass das Gesicht identisch war (Abb. 8). Daraufhin wurde sie am 1. Mai 1951 im Querschiff der Basilika auf der linken Seite beigesetzt.
Die Seligsprechung erfolgte anlässlich der Wallfahrt von Papst Johannes Paul II. nach Fátima am 13. Mai 2000 gemeinsam mit ihrem Bruder Francisco
    Abb. 9: Heiligsprechung. Fatima 13. Mai 1917

. Am 13. Mai 2017 wurde Jacinta von Papst Franziskus in Fátima heiliggesprochen (Abb. 9). Ihr Gedenktag ist der 20. Februar.

Jacinta und Marto Fatima 2017
     Abb. 10: Jacinta und Francisco Marto, Basilika von Fátima, Heiligsplrechung 2017

Mit Francisco und Jacinta wurden erstmals Kinder heiliggesprochen, die keine Märtyrer waren.

ENGELERSCHEINUNGEN

Den Marienerscheinungen von Fátima gingen bereits zwischen April und Oktober 1915 Licht- und Engelerscheinungen voraus. So berichtet Lucia:
„Als ich mit drei Gefährtinnen namens Theresa Matias, ihrer Schwester, Maria Rosa Matias, und Maria Justino aus dem Dorf Casa Velha am Südhang des Cabeço den Rosenkranz betete, gewahrte ich über den Bäumen im Tal zu unseren Füßen etwas wie eine Wolke, weißer als Schnee, durchsichtig und von menschlicher Gestalt. Meine Gefährtinnen fragten mich, was das sei. Ich erwiderte, ich wüsste es nicht. An ver­schiedenen Tagen wiederholte sich das noch zweimal.“ (L 142)
Wären nicht noch die folgenden Ereignisse geschehen, hätte Lucia dies wohl vergessen, weil sie damals nicht einmal die Wochentage zählen konnte.

Erste Engelerscheinung

Die Erscheinungen, die als Engelerscheinungen bezeichnet werden, begannen dann 1916, wie Lucia berichtet.
„Es scheint mir jedoch, dass es im Frühjahr des Jahres 1916 war, als der Engel uns auf dem Loca do Cabeço zum ersten Mal erschien.“

Es war nach dem Mittagessen, als wir „in einiger Ent­fernung über den Bäumen gegen Osten ein Licht erblick

Erste Engelerscheinung Fatima Frühjahr 1916Abb.11: Erste Engelerscheinung,: Fatima Frühjahr 1916

, weißer als der Schnee, in der Form eines durchsichtigen Jünglings, strahlen­der als ein Kristall im Sonnenlicht. Je näher er kam, umso besser konnten wir seine Züge unterscheiden. Wir waren sehr überrascht und ganz hingerissen. Wir sagten kein Wort. Als er bei uns anlangte, sagte er:
Habt keine Angst, ich bin der Engel des Friedens! Betet mit mir.‘Er kniete sich auf die Erde und b eugte seine Stirn bis zum Boden (Abb. 11). Durch einen übernatürlichen Zwang mitgerissen, taten wir das Gleiche und wiederholten die Worte, die wir ihn sprechen hörten: ‚Mein Gott, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich und ich liebe Dich. Ich bitte um Verzeihung für jene, die nicht an Dich glauben, die Dich nicht anbeten, die auf Dich nicht hoffen und die Dich nicht lieben.‘
Nachdem wir das dreimal wiederholt hatten, erhob er sich und sagte:

 ‚So sollt ihr beten; die Herzen Jesu und Mariä hören auf eure Bitten‘. Und er verschwand.
Die Atmosphäre des Übernatürlichen, die uns umgab, war so intensiv, dass wir ziemlich lange kaum unseres eigenen Daseins inne wurden; wir blieben in der Haltung, in welcher der Engel uns zurückgelassen hatte, und wiederholten ständig dasselbe Gebet.
Wir fühlten die Gegenwart Gottes so gewaltig und innerlich, dass wir nicht einmal untereinander zu sprechen wagten. Noch am nächsten Tag war unser Geist in diese Atmosphäre gehüllt, die nur sehr langsam verschwand.“ (L 142)
Die Seher wurden bei dieser Vision geistig in einen ekstatischen Zustand versetzt, während sie körperlich bis in den Zustand der Biokömese2 versanken. Sie blieben unbeweglich und  geistig völlig vereinnahmt.

Zweite Engelerscheinung

Die zweite Engelerscheinung erfolgte im Hochsommer 1916, als sich die Seherkinder im Schatten der Bäume um einen Brunnen herum aufhielten, von dem noch die Rede sein wird. So sagt Lucia:
„Plötzlich sahen wir denselben Engel vor uns (Abb. 12):


Abb.12: Zwiete Engelerscheinung: Fatima, sommeer 1916

‚Was tut ihr? Betet! Betet viel! Die Herzen Jesu und Mariä haben mit euch Pläne der Barmherzigkeit‘. Sie sollen in allem Opfer bringen und so den Frieden auf ihr Vaterland herabziehen. ‚Ich bin sein Schutzengel, der Engel Portugals.‘
‚Vor allem, nehmt die Leiden, die euch der Herr senden wird, mit Ergebung an und ertragt sie geduldig‘.

Diese Worte des Engels prägten sich in unseren Geist ein wie ein Licht, das uns erkennen ließ, wer Gott ist, wie sehr Er uns liebt und von uns wieder geliebt sein will. Wir erkannten den Wert des Opfers und wie wohlgefällig es Ihm ist; und wie Er um des Opfers willen Sünder bekehrt.
Von dieser Zeit an begannen wir daher, dem Herrn alles aufzuopfern, was uns kränkte, doch suchten wir damals keine anderen Abtötungen oder Bußübungen, als stundenlang zur Erde niedergeworfen das Gebet des Engels zu wiederholen.“ (L 142 – 143)


Dritte Engelerscheinung

Dritte Engelerscheinung, Fatima:Herbst 196
Abb.13: Dritte Engeleerscheinung: Fatima,Heerst 1916

Die dritte Erscheinung des Engels muss nach Lucia Anfang Oktober oder Ende September 1916 stattgefunden haben, da die Kinder die Mittagspause schon nicht mehr zu Hause verbrachten, sondern in Lapa do Cabeça. Dort beteten sie zuerst den Rosenkranz und das Gebet, das sie der Engel bei seiner ersten Er­scheinung gelehrt hatte. Bei dieser dritten Erscheinung hielt der Engel (Abb. 13) „einen Kelch in der Hand, darüber eine Hostie, aus der Blutstropfen in den Kelch fielen.

Er ließ den Kelch und die Hostie in der Luft schweben (Abb. 14), kniete sich auf die Erde nieder und wiederholte dreimal das Gebet:

‚Allerheiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefster Demut bete ich Euch an, und opfere Euch auf den kostbare

n Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Unseres Herrn Jesus Christus, gegenwärtig in allen Tabernakeln der Welt, zur Sühne für alle Lästerungen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch welche Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Ver­dienste Seines Heiligen Herzens und des Unbefleckten Herzens Ma­riens erflehe ich von Euch die Bekehrung der armen Sünder.‘

Vierte engelerscheinung. Fatima, Herbst 1916
Abb.14: Vierte Engeleerscheinung: Fatima Herbst 1916

Dann erhob er sich und ergriff wieder Kelch und Hostie. Die Hostie reichte er mir, den Inhalt des Kelches gab er Jacinta und Francisco zu trinken mit den Worten:
‚Empfanget den Leib und trinkt das Blut Jesus Christi, der durch die Undankbarkeit der Menschen so schrecklich beleidigt wird; sühnt ihre Sünden, tröstet euren Gott.‘
1Dann kniete er sich erneut auf die Erde nieder und sprach mit uns dreimal dasselbe Gebet: Allerheiligste Dreifaltigkeit etc... und ver­schwand.
Bewegt von der Kraft des Übernatürlichen, das uns umhüllte, ahmten wir den Engel in allem nach, das heißt, wir knieten wie er nieder und wiederholten die Gebete, die er gesprochen hatte. Die Kraft der Gegenwart Gottes war so intensiv, dass sie uns fast gänzlich fesselte und vernichtete. Sie schien uns längere Zeit selbst des Gebrauches unserer körperlichen Sinne zu berauben. In diesen Tagen vollbrachten wir unsere äußeren Handlungen gleichsam getragen von demselben über­natürlichen Wesen, das uns dazu bewegte. Der Friede und das Glück, das wir fühlten, war sehr groß, aber rein innerlich und konzentrierte die Seele völlig auf Gott. Auch die körperliche Entkräftung, die uns niederwarf, war sehr groß.“ (L 143 – 44)
Die Erscheinung des Engels versetzte die Seherkinder seelisch in einen ekstatischen und körperlich in einen biokömetischen Zustand, der sich dann erst langsam auflöste.

Lucias Schweigen

Die Seher waren von diesen Engelerscheinungen so beeindruckt, dass sie ein völlig neues Lebensgefühl erwarben. So sagt Lucia:
„Ich weiß nicht, warum die Erscheinungen Unserer Lieben Frau in uns ganz andere Wirkungen hervorbrachten: dieselbe innere Freude, den­selben Frieden und dasselbe Glücksgefühl... Doch trotz dieser Gefühle spürte ich mich gedrängt zu schweigen, vor allem über einige Dinge. Ich spürte bei den Verhören eine innere Stimme, die mir die Antwor­ten eingab, welche ohne dabei gegen die Wahrheit zu verstoßen, nicht das offenbarte, was ich damals verschweigen musste. In dieser Hin­sicht bleibt mir nur ein Zweifel: ob ich nicht beim kanonischen Verhör hätte alles sagen müssen. Aber ich fühlte keine Skrupel, dass ich ge­schwiegen habe, weil ich zu dieser Zeit die Wichtigkeit dieses Verhörs noch nicht begriff. Ich betrachtete es daher als eines der vielen, an die ich gewöhnt war. Ich fand es nur merkwürdig, einen Eid ablegen zu müssen. Da es aber mein Beichtvater war, der mir den Eid auf die Wahrheit abverlangte, leistete ich ihn ohne Schwierigkeiten. Ich ahnte damals nicht, was der Teufel später daraus machen sollte, um mich mit endlosen Skrupeln zu quälen; aber Gott sei Dank ist das alles vorbei.“ (L 144)


MARIENERSCHEINUNGEN

Nach diesen Engelerscheinungen erfolgten von Mai bis Oktober 1917 sechs Erscheinungen Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, wie sich die Weiße Dame bei der Erscheinung am 13. Oktober zu erkennen gab.

Erste Erscheinung, 13. Mai 1917

Lucia,  Francisco und Jacinta befanden sich am 13. Mai 1917 auf dem Gipfel des Abhanges der Cova da Iria. Plötzlich gewahrten sie so etwas wie einen Blitz und versuchten, sich und die Herde nach Hause zu bringen. Als sie den Abhang hinunterstiegen, sahen sie neben einer großen Eiche wieder einen Blitz. Einige Schritte weiter erblickten sie über einer Steineiche eine Dame, ganz in Weiß gekleidet und strahlender als die Sonne. Völlig überrascht blieben sie innerhalb des Lichts, das sie ausstrahlte, etwa eineinhalb Meter vor der Dame, stehen (Abb. 15). Diese sagte zu den Sehern:

abb.15: Erste Marienerscheinung: Fatima, 13. Maai 1917

„Habt keine Angst! Ich tue euch nichts Böses!“
Woher kommen Sie, fragte Lucia.
„Ich bin vom Himmel!“
Und was wollen Sie, fragte Lucia weiter.
„Ich kam euch zu bitten, dass ihr in den folgenden sechs Monaten, jeweils am Dreizehnten zur selben Stunde hierher kommt. Dann werde ich euch sagen, wer ich bin und was ich will. Ich werde danach noch ein siebtes Mal hierher zurückkehren.“ (L 146 –147)
Ob sie auch in den Himmel komme, fragte Lucia und erhielt eine bejahende Antwort, ebenso Jacinta. Francisco müsse hingegen noch viele Rosenkränze beten.
Lucia fragte auch nach zwei unlängst verstorbenen Mädchen und bekam zur Antwort, dass Neves im Himmel sei, Amelia hingegen bis zum Ende der Welt, das heißt für lange Zeit, im Fegefeuer bleibe.
Zudem fragte die Dame:
„Wollt ihr euch Gott darbieten, um alle Leiden zu ertragen, die Er euch schicken wird, zur Sühne für alle Sünden, durch die Er be­leidigt wird und als Bitte um die Bekehrung der Sünder?“
Ja, wir wollen es, antworteten Lucia, Jacinta und Francisco.
„Ihr werdet also viel leiden müssen, aber die Gnade Gottes wird eure Stärke sein“, sagte die Dame. Zum ersten Mal öffnete sie die Hände und strahlte die Seher mit einem starken Licht an. Dieses drang bis in die tiefste Tiefe ihrer Seelen und ließ sie selbst viel klarer als im besten Spiegel Gott schauen, der dieses Licht war. Auf eine innere Anregung hin fielen die Seher auf die Knie und wie­derholten ganz innerlich:
„O Heiligste Dreifaltigkeit, ich bete Dich an; Mein Gott, mein Gott, ich liebe Dich im heiligsten Sakrament.“
Nach einigen Augenblicken fügte die Dame noch hinzu:
Betet täglich den Rosenkranz, um den Frieden der Welt und um das Ende des Krieges zu erlangen!“ (L 145 –147)
Dann erhob sie sich Richtung Sonnenaufgang, bis sie in der Unendlichkeit verschwand.
Auffallend ist, dass die Seher ganz ruhig blieben. Beim Anstrahlen mit Licht fielen sie allerdings in den veränderte Bewusstseinszustand der Ekstase mit einer Gottesschau.
Die mutige Sprecherin war Lucia, wobei zu bedenken ist, dass Francisco, wie oben gesagt, die Dame nur sah, aber nicht hörte.

Zweite Erscheinung, 13. Juni 1917

Zwite Marienerscheinung: Fatima 13. Juni1917
Abb.16: Zweite Marienerscheinung: Fatima, 13. Juni 1917

Juni 1917 begaben sich die drei Seher wieder zur vereinbarten Stelle und beteten mit einigen Anwesenden den Rosenkranz. Danach gewahrten sie von neuem den Lichtschein, der immer näher kam, bis die Dame, wie im Mai, über der Steineiche (Abb.16) erschien. Auf Lucias Fragen antwortete sie:

„Ich möchte, dass ihr am Dreizehnten des kommenden Monats hierherkommt, dass ihr alle Tage den Rosenkranz betet und lesen lernt. Später sage ich euch, was ich möchte.“
Lucia bat um die Heilung eines Kranken.
„Wenn er sich bekehrt, wird er in diesem Jahr gesund werden.“

Darauf bat Lucia die Dame, sie in den Himmel mitzunehmen, worauf die Dame eine einschneidende Aussage machte.
„Ja! Jacinta und Francisco werde ich bald holen. Du aber bleibst noch einige Zeit hier. Jesus möchte sich deiner bedienen, damit die Menschen mich erkennen und lieben. Er möchte auf Erden die Vereh­rung meines Unbefleckten Herzens begründen.“
Lucia, wurde traurig und fragte, ob sie allein zurückbleibe, worauf die Dame antwortete:
„Niemals werde ich dich verlassen, mein Unbeflecktes Herz wird deine Zuflucht sein und der Weg, der dich zu Gott führen wird.“ (L 149)
Während die Dame diese letzten Worte sagte, öffnete Sie die Hände und übermittelte den drei Kindern zum zweiten Mal den Widerschein, in dem sie sich wie in Gott versenkt fühlten.

Maria im Strahlenkranz, zweite Erscheinung
abb.17: Maria im Strahlenkranz mit einem Herz in der Hand

Jacinta und Francisco standen im Lichtstrahl, der sich zum Himmel erhob, Lucia hingegen in dem Teil, der sich über die Erde ergoss. Vor der rechten Handfläche der Dame befand sich ein Herz, umgeben von Dornen, die es zu durchbohren schienen (Abb. 17). Die Seher deuteten dies als Unbeflecktes Herz Mariä, verletzt durch die Sünden der Menschheit.

Dritte Erscheinung, 13. Juli 1917

Als die drei Seher in der Cova da Iria bei der Steineiche angekommen waren und mit einer großen Volksmenge den Rosenkranz beteten, sahen sie den gewohnten Lichtschein und bald darauf die weiße Dame über der Steineiche. Lucia stellte ihr wiederum die Frage, was sie wolle, worauf die Dame antwortete:
„Ich möchte, dass ihr am Dreizehnten des kommenden Monats wieder hierherkommt, dass ihr weiterhin jeden Tag den Rosenkranz zu Ehren Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz betet, um den Frieden für die Welt und das Ende des Krieges zu erlangen, denn nur sie allein kann es erreichen.“
Nun fragte Lucia zum ersten Mal, wer sie sei, und ersuchte um ein Wunder, damit auch die anderen an ihr Erscheinen glauben könnten, worauf  die Dame antwortete:

                                                                                                                                                                                                                                        
„Kommt weiterhin jeden Monat hierher. Im Oktober werde ich euch sagen, wer ich bin und was ich wünsche, und werde ein Wunder tun, damit alle glauben…
Opfert euch auf für die Sünder und sagt oft, besonders wenn ihr ein Opfer bringt: O Jesus, das tue ich aus Liebe zu Dir, für die Bekehrung der Sünder und zur Sühne für Sünden gegen das Unbefleckte Herz Mariä.“

Bei diesen letzten Worten, schreibt Lucia, öffnete die Dame neuerlich die Hände wie bei den vorhergehenden Erscheinungen:
„Der Strahl schien die Erde zu durchdringen, und wir sahen gleichsam ein Feuermeer und eingetaucht in dieses die Teufel und die Seelen, als ob sie durchscheinend und schwarz oder bronzefarbig glühende Kohlen in menschlicher Gestalt seien, die in diesem Feuer schwammen, emporgeschleudert von den Flammen, die unter Wolken von Rauch aus ihnen selbst hervorschlugen; sie fielen nach allen Seiten wie Funken bei gewaltigen Bränden, ohne Schwere und Gleichgewicht, unter Schreien und Heulen vor Schmerz und Verzweiflung, das vor Schrecken erbeben und erstarren ließ….
Die Teufel unterschieden sich durch die schreckliche und scheußliche Gestalt widerlicher, unbekannter Tiere. Sie waren aber durchscheinend wie schwarze, glühende Kohle.“
Vor Schreck blickten die Seher zur Dame um Hilfe auf, die voll Güte und Traurigkeit zu ihnen sprach:
Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbe­fleckten Herzen in der Welt begründen. Wenn man tut, was ich euch sage, werden viele gerettet werden, und es wird Friede sein. Der Krieg geht seinem Ende entgegen; wenn man aber nicht aufhört, Gott zu beleidigen, wird unter dem Pontifikat von Pius XI. ein anderer, schlim­merer Krieg beginnen. Wenn ihr eine Nacht erhellt sehen werdet durch ein unbekanntes Licht,3 dann wisset, dass dies das große Zeichen ist, das Gott euch gibt, dass er nun die Welt für ihre Missetaten durch Krieg, Hungersnot, Verfolgung der Kirche und des Heiligen Vaters strafen wird.
Um das zu verhüten, werde ich kommen, um die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Sams­tagen zu fordern.4 Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russ­land sich bekehren, und es wird Friede sein; 5 wenn nicht, dann wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Ver­folgungen der Kirche heraufbeschwören, die Guten werden gemartert werden und der Heilige Vater wird viel zu leiden haben; verschiedene Nationen werden vernichtet werden; am Ende aber wird mein Unbe­flecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und eine Zeit des Friedens wird der Welt ge­schenkt werden. In Portugal wird sich immer das Dogma des Glau­bens erhalten etc... Davon sagt niemandem etwas; Francisco könnt ihr es mitteilen.
Wenn ihr den Rosenkranz betet, dann sagt nach jedem Gesetz: O mein Jesus, verzeihe uns unsere Sünden; bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die Deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“ (L 151 –153)

Die drei Geheimnisse von Fátima

Diese Botschaften vom 13. Juli 1917 enthalten auch die sogenannten drei Geheimnisse von Fátima: 1. Vision der Hölle, 2. Voraussage des 2. Weltkrieges, der Bekehrung Russlands und der Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens, sowie das 3. Geheimnis, das lange  geheim gehalten wurde, weil darin von einem Attentat auf den Papst die Rede ist. Bevor nämlich Lucia den versiegelten Umschlag, der den dritten Teil des Geheimnisses enthält, dem damaligen Bischof von Leiria-Fátima übergab, hatte sie in eigener Entscheidung auf den äußeren Umschlag geschrieben, dass dieser erst nach 1960 entweder vom Patriarchen von Lissabon oder vom Bischof von Leiria geöffnet werden dürfe, weil man es vorher nicht verstehen würde.
Auch Johannes XXIII. und auch Paul VI. gaben die Veröffentlichung nicht frei. Johannes Paul II. ließ sich nach dem Attentat vom 13. Mai 1981 den im Heiligen Offizium aufbewahrten Text zukommen und dachte sofort daran, die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen, was am 7. Juni 1981, dem Pfingstfest, im Gedenken an die 1600 Jahre nach dem ersten Konzil von Konstantinopel und 1550 Jahre nach dem Konzil von Ephesus in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom in Abwesenheit des Papstes vollzogen wurde.
Ein Jahr später, am 13. Mai 1982, wurde diese  Weihe von Papst Johannes Paul II.  in Fátima persönlich wiederholt. Am 25. März 1984 erfolgte schließlich die Weihe aller Menschen und Völker an das Unbefleckte Herz Mariens.
Den dritten Teil des Geheimnisses beschreibt Lucia mit folgenden Worten:
„Nach den zwei Teilen, die ich schon dargestellt habe6, haben wir links von Unserer Lieben Frau etwas oberhalb einen Engel gesehen, der ein Feuerschwert in der linken Hand hielt; es sprühte Funken, und Flammen gingen von ihm aus, als sollten sie die Welt anzünden; doch die Flammen verlöschten, als sie mit dem Glanz in Berührung kamen, den Unsere Liebe Frau von ihrer rechten Hand auf ihn ausströmte: den Engel, der mit der rechten Hand auf die Erde zeigte und mit lauter Stimme rief: Buße, Buße, Buße! Und wir sahen in einem ungeheuren Licht, das Gott ist: ‚etwas, das aussieht wie Personen in einem Spiegel, wenn sie davor vorübergehen‘, einen in Weiß gekleideten Bischof ‚wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war‘ (Abb. 18). Verschiedene andere Bischöfe, Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen sah man einen steilen Berg hinaufsteigen, auf dessen Gipfel sich ein großes Kreuz befand aus rohen Stämmen wie aus Korkeiche mit Rinde. Bevor er dort ankam, ging der Heilige Vater durch eine große Stadt, die halb zerstört war, und halb zitternd mit wankendem Schritt, von Schmerz und Sorge gedrückt, betete er für die Seelen der Leichen, denen er auf seinem Weg begegnete.

Kreuzberg mit Papst. Vision bei der dritten Erscheinung
Abb. 18: Kreuzberg mit Papst, Vision bei der 3. Erscheinung, Gemälde in Fatima

Am Berg angekommen, kniete er zu Füßen des großen Kreuzes nieder. Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen. Genauso starben nach und nach die Bischöfe, Priester, Ordensleute und verschiedene weltliche Personen, Männer und Frauen unterschiedlicher Klassen und Positionen. Unter den beiden Armen des Kreuzes waren zwei Engel, ein jeder hatte eine Gießkanne aus Kristall in der Hand. Darin sammelten sie das Blut der Märtyrer auf und tränkten damit die Seelen, die sich Gott näherten. Tuy-3-1-1944.“6
Johannes Paul II. hat dieses Attentat auf sich bezogen. Er starb nur deshalb nicht, weil Maria die Kugel so gelenkt habe, dass sie nicht tödlich war.
Am Ende der Erscheinung erhob sich die Dame in gewohnter Weise in östlicher Richtung, bis sie in der unendlichen Ferne des Firmaments verschwand.
So enthält die Botschaft dieser dritten Erscheinung neben den drei genannten Voraussagen auch einen eindringlichen Aufruf  zur Bekehrung.

Vierte Erscheinung, 19. August 1917

Bereits  am Vorabend des 13. August kamen Leute von allen Seiten zum Erscheinungsort und bedrängten dann am darauffolgenden Morgen die Seher mit tausend Fragen. Mitten im diesem Gedränge wurde der Vater von Lucia aufgefordert, sie zum Haus ihrer Tante zu Francisco und Jacinta zu bringen. Inzwischen fingen nämlich auch die Tagesblätter an, sich für die Erscheinungen zu interessieren, und klagten die Verantwortlichen an, weil sie das „Narrenspiel von Cova da Iria“ nicht stoppen konnten.  Der Verwalter von Vila Nova de Ourém fühlte sich persönlich angegriffen und dachte, dem Ganzen mit List ein Ende setzen zu können. Er ließ die Seher unter dem Vorwand zusammenkommen, sie zum Erscheinungsort zu führen. Er lud sie ein, in seinem Wagen Platz zu nehmen, fuhr dann jedoch nicht Richtung Cova da Iria, sondern zum Kreisgebiet Vila Nova de Ourém. Dort versuchte er, die Kinder zusammen und einzeln zu verhören. Mit Quälereien und schließlich unter Drohungen, sie in einem Kessel mit siedendem Öl zu braten, wollte er ihnen das Versprechen abringen, nicht mehr zur Cova da Iria zu gehen und zuzugeben, dass alles von ihnen erfunden sei. Da er damit nichts erreichte, wurden sie vorerst ins Pfarrhaus und anschließend ins Gefängnis gebracht. Dabei war das Getrenntsein von den Eltern der größte Schmerz. Jacinta weinte, weil sie Angst hatte, sterben zu müssen, ohne die Eltern wiederzusehen. Am 18. August konnten sie das Gefängnis von Vila Nova de Ourém schließlich wieder verlassen.
Die für den 13. August  anberaumte Erscheinung erfolgte daraufhin am 19. August, wie Lucia berichtet:
„Als ich mit Francisco und seinem Bruder Johannes die Schafe an einen Ort trieb, der Valinhos heißt und etwas Übernatürliches verspürte, das sich näherte und uns umhüllte, ahnte ich, dass Unsere Liebe Frau uns erscheinen würde, und es tat mir leid, dass Jacinta sie nicht sehen konnte; ich bat daher ihren Bruder Johannes, sie zu holen. Da er nicht gehen wollte, bot ich ihm dafür 20 Cent an, da lief er schon. In­zwischen sah ich mit Francisco den Lichtschein, den wir Blitz nannten. Nach Jacintas Ankunft erblickten wir kurz darauf Unsere Liebe Frau über einer Steineiche.“
Lucia fragte, was Sie wünsche. Die Dame erwiderte:
„Ich will, dass ihr am Dreizehnten zur Cova da Iria kommt und dass ihr weiterhin täglich den Rosenkranz betet; ich werde im letzten Monat ein Wunder wirken, damit alle glauben.“
Lucia fragte weiter, was sie denn mit dem Geld machen sollten, das die Leute in der Cova da Iria ließen, worauf die Dame antwortete:
„Man soll zwei Traggestelle anfertigen lassen: Du wirst mit Jacinta und zwei weißgekleideten Mädchen das eine tragen, Francisco mit drei Jungen das andere. Das Geld auf den Gestellen ist für das Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz bestimmt, der Rest für die Kapelle, die man errichten wird.“
Lucia bat auch um die Heilung einiger Kranker, worauf die Dame sagte:
„Ja, ich werde im Laufe des Jahres einige gesund machen. Betet, betet viel und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet.“(L 155)
Dann erhob sich die Dame wie gewöhnlich in Richtung Osten.

Fünfte Erscheinung, 13. September 1917

Am 13. September gingen die Seher wieder zur Cova d’Iria. Als sich die Stunde der Erscheinung näherte, schreibt Lucia, „ging ich mit Jacinta und Francisco zwi­schen zahlreichen Personen hindurch, die uns kaum vorbeiließen. Die Wege waren voll von Leuten: alle wollten uns sehen und mit uns sprechen. Es gab dort keine Menschenfurcht. Zahlreiche Leute, sogar vornehme Damen und Herren, drängten sich durch die Menge hindurch, die uns umgab. Sie warfen sich vor uns auf Knie und baten uns, Un­serer Lieben Frau ihr Anliegen vorzutragen. Andere, die nicht bis zu uns gelangen konnten, riefen von weitem: ‚Um der Liebe Gottes willen, bittet Unsere Liebe Frau, sie möge meinen verkrüppelten Sohn heilen,‘ ein anderer rief: ‚Sie möge mein blindes Kind heilen;‘ wie­der  ein anderer: ‚und das meine, das taub ist;‘ ‚sie möge meinen Mann und meinen Sohn aus dem Krieg heimbringen;‘‚sie möge mir einen Sünder bekehren,‘ ‚sie möge mich von der Tuberkulose heilen‘ usw. usw. Dort zeigte sich all das Elend der armen Menschheit, und einige riefen von den Bäumen und Mauern herab, auf die sie gestiegen waren, um uns vorbeigehen zu sehen. Indem wir es einigen versprachen und an­deren die Hände reichten, um ihnen vom Boden aufzuhelfen, gingen wir weiter mit Hilfe einiger Männer, die uns einen Durchgang durch die Menge bahnten.“
Schließlich kamen sie in der Cova da Iria bei der Steineiche an und begannen mit dem Volk den Rosenkranz zu beten. Kurz darauf sahen sie den Lichtschein und danach die weiße Dame über der Steineiche, die aufrief, weiterhin den Rosenkranz zu beten, um das Ende des Krieges herbeizuführen. Sie fügte hinzu:
„Im Oktober wird auch Unser Herr kommen, Unsere Liebe Frau von den Schmerzen und vom Karmel, der Heilige Josef mit dem Jesuskind, um die Welt zu segnen.“ (L 157 –158)
Lucia bat wiederum um die Heilung verschiedener Krankheiten, worauf die Dame antwortete:
„Ja, einige werde ich heilen, andere nicht. Im Oktober werde ich das Wunder wirken, damit alle glauben.“ (L 157 –158)
Dann begann sie sich zu erheben und verschwand wie gewöhnlich.

Sechste Erscheinung, 13. Oktober 1917

Am 13. Oktober 1917 verließen die Seher schon ziemlich früh das Haus, da sie mit Verzögerungen auf dem Weg rechneten. Das Volk kam in Massen. Es regnete in Strö­men (Abb. 19 –20). Nicht einmal der Schlamm auf den Wegen konnte die Leute aufhalten, sich niederzuknien. Die Zahl der Teilnehmer wird meist mit 70.000 angegeben. Andere sprechen von 100.000 und mehr.Sechste Erscheinung, 13Oktober 1917
Abb.19: Cova da Iria, 23.Oktober 1917, Massenansammlung

Als sie  in der Cova da Iria bei der Steineiche ankamen, bat Lucia, einer inneren Eingebung folgend, das Volk, die Regenschirme zu schließen, um den Rosenkranz zu beten. Kurz darauf sahen die Seher den Lichtschein und die weiße Dame über der Steineiche.

Cova da Iria,13.Oktober 1917, bei strömenden Regen
Abb.20: Cova da Iria, 13. Oktober 2017, bei strömendem Regen

Auf Lucias Frage, was Sie denn wünsche, antwortete die Dame:
„Ich möchte dir sagen, dass hier eine Kapelle zu meiner Ehre ge­baut werden soll; ich bin Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz; man soll weiterhin täglich den Rosenkranz beten. Der Krieg geht zu Ende, und die Soldaten werden in Kürze nachhause zurückkehren.“
Lucia bat noch um die Heilung einiger Kranker und die Bekehrung einiger Sünder.
Unsere Liebe Frau antwortete:
„Einige ja, andere nicht. Sie müssen sich bessern und um Vergebung ihrer Sünden bitten.“ (L 158)
Dann öffnete sie die Hände und ließ sie im Sonnenschein erstrahlen; während sich die Dame erhob, strahlte ihr eigenes Licht von der Sonne wider.
Nachdem Unsere Liebe Frau in der unendlichen Ferne des Firmaments verschwunden war, erblickten die Seher, wie Lucia weiter ausführt, „zur Seite der Sonne den heiligen Josef mit dem Jesuskind und Unsere Liebe Frau in Weiß gekleidet mit einem blauen Mantel. Der heilige Josef mit dem Jesuskind schien die Welt mit einer Handbewegung in Kreuzesform zu segnen. Kurz darauf verschwand diese Erscheinung; dann sahen wir unsern Herrn und Unsere Liebe Frau; ich hatte den Eindruck, es sei Unsere Liebe Frau von den Schmerzen. Unser Herr schien die Welt in der gleichen Weise zu segnen wie der heilige Josef. Diese Erscheinung verschwand, und ich meine wohl, dass ich auch noch Unsere Liebe Frau vom Karmel gesehen habe.“ (L 159)

Das Sonnenwunder

Das Wunder war für 12 Uhr angesagt, in Portugal wegen der kriegsbedingten Sommerzeit 13.30 Uhr. Darüber informiert der wohl präziseste Augenzeugenbericht des Naturwissenschaftlers Prof. Dr. José Maria de Almeida Garrett von der Universität von Coimbra:
„Es muss etwa 1.30 Uhr gesetzlicher Zeit und 12.00 Uhr nach dem Sonnenstand gewesen sein, als sich an der Stelle, an der sich die Kinder befanden, eine feine, schlanke, bläuliche Rauchsäule in etwa 1,80 Metern über ihren Köpfen erhob und auf ihrer Höhe endete. Dieses Phänomen, das mit bloßem Auge klar zu erkennbar war, dauerte einige Sekunden. Da ich nicht auf die Uhr schaute, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es länger oder kürzer als eine Minute dauerte. Der Rauch verschwand plötzlich, um ein paar Augenblicke später zum zweiten und dritten Mal aufzutauchen.

Sonnenwunder, Menschen starren in den Himmel
Abb.21: Sonnenwunder, Menschen starren in den Himmel

Plötzlich hörte ich Schreie aus tausenden von Kehlen, und ich sah, wie sich die Menge von dem Punkt, dem bis jetzt ihre Aufmerksamkeit gegolten hatte, abwandte und in entgegengesetzter Richtung zum Himmel aufschaute (Abb. 21 - 22))... Wenige Augenblicke vorher hatte die Sonne die dichte Wolkendecke, hinter der sie sich bisher verborgen hatte, durch­brochen und schien klar und intensiv. Ich folgte mit meinem Blick allen jenen Augenpaaren und sah die Sonne als Scheibe, klar umrissen, strahlend, leuchtend, ohne dem Auge weh zu tun.

Sonnenwunder, Menschen starren in den Himmel
Abb.22: Sonn Menschen schauen direkt in die Sonnte

Ich stimmte mit dem Vergleich, den ich in Fátima hörte, wonach die Sonne wie eine matte Scheibe aus Silber aussah, nicht überein. Die Farbe war klarer, intensiver, leuchtender, sie hatte etwas vom Glanz einer Perle. Sie glich auch durchaus nicht dem Mond in einer klaren Nacht. Man spürte, dass sie ein lebender Körper war. Sie war weder sphärisch wie der Mond noch hatte sie die gleiche Farbe, den gleichen Ton oder die gleiche Schattierung. Sie sah aus wie ein glänzendes Rad aus Perlmutt. Man kann auch nicht sagen, dass man die Sonne durch Nebel sah (denn es gab keinen Nebel zu dieser Zeit).

Sonnenwundetr, Menschen sehen direkt in die Sonne
Abb.23:Sonnenwunder:  Menschen schaunen direkt in die Sonne

Bezeichnungen wie undurchsichtig, diffus oder verschleiert treffen auch nicht zu. Sie spendete Fátima Licht und Hitze und erschien in klaren Konturen mit deutlich sichtbarem Rand. Der Himmel war übersät von hellen Zirruswölkchen, die hie und da die Himmelsbläue freigaben, und manchmal stand die Sonne ganz auf blauem Hinter­grund. Die Wolken zogen von West nach Ost, aber sie verdunkelten das Licht der Sonne nicht. Man gewann den Eindruck, als wanderten sie hinter der Sonne vorbei, obgleich sie sich manchmal rosa getönt oder durchsichtig blau zeigten, als sie an der Sonne vorbeizogen. Es ist bemerkenswert, dass man seine Augen auf diesen Glutofen und sein Licht richten konnte, ohne Schmerz zu empfinden, mit Ausnahme von zwei Unterbrechungen, als die Sonne leuchtende Hitzestrahlen aus­sandte, die uns zwangen, den Blick abzuwenden (Abb. 23 und 24). Das Phänomen dau­erte zirka 10 Minuten.

Sonnenwunder, Menschen sehen direkt in die sonne
Abb.24: Sonnenwunder: Menschen sehen direkt in die Sonne

Die Sonnenscheibe blieb aber nicht ruhig am Himmel stehen, sie sandte nicht das Licht eines Himmelskörpers aus, sondern drehte sich in irrem Wirbel um sich selbst. Plötzlich ertönten Angstschreie aus der Menge. Die Sonne schien sich, wild drehend, vom Firmament zu lösen und auf die Erde zu stürzen, als wollte sie uns mit ihrer gigantischen Glut vernichten. Das Gefühl während dieser Augenblicke war entsetz­lich (Abb. 25)

Sonnenwunder, Polizist hält verängstige Jacinta in den Armen
Abb.25:Sonnenwunder: Polizist hälft verängstigte Jacinta in den Armen


Während des Sonnenphänomens, das ich jetzt in allen Einzelheiten beschrieben habe, wechselten die Farben in der Atmosphäre. Als ich zur Sonne schaute, stellte ich fest, dass sich rings um mich alles ver­dunkelt hatte. Ich richtete meine Augen zuerst auf die nächstgelegenen Objekte und dann weiter bis zum Horizont. Alle Gegenstände rings um mich hatten die Farbe von Amethysten angenommen. Eine Eiche neben mir warf einen Schatten in dieser Farbe auf die Erde.
Ich fürchtete, meine Netzhaut habe Schaden genommen, allerdings eine unwahrscheinliche Erklärung, denn in diesem Falle sähe man ja nicht alles purpurn gefärbt. Ich schloss die Augen und bedeckte sie mit den Händen, um den Lichteinfall

Sonnnen wunder, Menschen schauen direkt in die Sonne
Abb.26: Menschen besinnlich nach dem Sonnenwunder

zu unterbrechen. Nun stellte ich mich mit dem Rücken zur Sonne und öffnete die Augen. Die Land­schaft hatte jedoch die purpurne Farbe wie zuvor – eine Sonnenfin­sternis war das aber auch nicht! Während ich noch zur Sonne schaute, stellte ich fest, dass die Atmosphäre wieder klar geworden war. Kurz darauf hörte ich einen Bauern in meiner Nähe erstaunt ausrufen: Seht, diese Frau ist ganz gelb! Und wirklich, alles rings um mich, nah und fern, sah aus wie alter, gelber Damast. Die Leute sahen aus, als hätten sie die Gelbsucht, und ich erinnere mich noch, dass es mich etwas amüsierte, sie so wenig attraktiv zu sehen. Meine Hand hatte die gleiche Farbe. Dieses von mir hier beschriebene Phänomen habe ich in gesunder geistiger Verfassung und ohne emotionale Störungen erlebt. Ich überlasse es anderen, dies alles zu erklären.“7

 

FÁTIMA NACH DEN ERSCHEINUNGEN BIS HEUTE

Über das Geschehen von Fátima nach den Erscheinungen sprach ich mit P. Ludwig Kondor SVD (1928 –2009, Abb. 25), dem einst weltweit besten Kenner von Fátima, der zudem auch als großer Gestalter der  Entwicklung von Fátima und seiner Ausstrahlung bis heute gilt. Kondor errichtete 1963 das Büro „Secretariado dos Pastorinhos“, das als „Büro der Hirtenkinder“ bekannt wurde, und gab von da an einen Newsletter in sieben Sprachen mit Informationen über Fátima heraus. Zudem ließ er unter Anleitung von Schwester Lucia von einer Malerin, ebenfalls Karmelitin, die Szenen der Erscheinungen nachmalen.

Ludwig Kondor und Andreas Resch
Abb.27: P. Luis Kondor SVD und P. Andreas Resch CCSsR, 1981

Als Postulator der Seherkinder Francisco und Jacinta leitete er das Seligsprechungsverfahren bis zu deren Seligsprechung im Jahre 2000 durch Papst Johannes Paul II.


Die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens

Im Marianischen Jahr 1950 wurde auf dem Platz vor der Basilika in Fátima vom päpstlichen Delegaten, Kardinal Todeschini, bekannt gegeben, dass nicht nur die Pilger 1917 das Sonnenwunder gesehen haben, sondern auch Pius XII., vor der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Marias mit Leib und Seele in den Himmel, am 1. November 1950.
Gott wollte, nach Kondor, die Botschaft von Fátima durch Pius XII. dadurch bestätigen, dass dieser das Sonnenwunder von Fátima im Vatikanischen Garten sehen durfte, und zwar dreimal.

Lucia dos Santos und Papst johannes Paul II.
Abb.28: Lucia dos Santos und Papts Johannes Paul II.,1982

Für Papst Johannes Paul II. war das Attentat auf ihn am 13. Mai 1981 eine Mahnung, auf Fátima zu schauen. Er verfasste dann den Text zur Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens und nahm schließlich 1982 die Weihe in Fátima persönlich vor, wo er auch die Seherin Lucia dos Santos traf (Abb. 28). So kam Fátima durch die Kirche in die Öffentlichkeit.

Die Botschaft von Fátima und Russland

Wichtig war für Kondor die spezielle Aussage Marias: „Russland verbreitet seine Irrlehren, aber Russland wird sich zum Schluss bekehren.“ Kondor verfolgte diese Sache sehr genau und mit Schwester Lucia. Ebenso sprach er mit Kardinälen darüber. Auch der Papst fragte sich: Wann wird das geschehen? Man wusste, dass die Voraussetzung dafür die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Marias war.
Die Weihe wurde ja 1917 vorausgesagt. Damals sagte die Erscheinung: „Ich komme wieder.“ Sie kam 1929. Lucia schrieb an Papst Pius XII. Dieser versuchte die Weihe vorzunehmen, allein während des Zweiten Weltkrieges fehlten die Bischöfe. Dann kam das II. Vatikanische Konzil. Kondor war mit dem Bischof dabei und hatte die Aufgabe, diese Forderung Marias in Rom unter den Bischöfen bekannt zu machen. Sie erklärten sich bereit und trugen die Bitte direkt an den Papst heran.

In ihrem Büchlein [Wie sehe ich die Botschaft...8] schreibt Lucia, dass sich Gorbatschow, der Chef der Kommunistischen Partei Russlands, am 1. Dezember 1990 zum Papst begab. Und Gorbatschow, so Schwester Lucia, bat den Papst um Entschuldigung und Verzeihung für das, was er und seine Partei gegen ihn und die Kirche gemacht hatten. Kondor fügt hinzu: „Ich wollte diese Sachen natürlich veröffentlichen, wurde jedoch ermahnt, dies nicht zu tun, denn ich habe das aus dem Tagebuch des Papstes erfahren.“

L i t e r a t u r

Hesemann, Michael: Geheimsache Fátima. Vom Vatikan verschwiegen: Was offenbarte die Gottesmutter über die Zukunft der Menschheit? München: Bettendorf, 1997.
Kongregation für die Glaubenslehre: Die Botschaft von Fátima. Grenzgebiete der Wissenschaft 49 (2000) 3, 195 – 224.
Maria Lucia: Wie sehe ich die Botschaft durch die Zeit und durch die Ereignisse? Fátima: Carmelo de Coimbra, Secretariado dos Pastorinhos, 2006.
Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände, in: Ders.: Veränderte Bewusstseinszustände: Träume – Trance – Ekstase. Innsbruck: Resch, 1990, S. 135 –163.
Schwester Lucia spricht über Fátima. Erinnerungen der Schwester Lucia. Fátima: Postulação, 31977.

 

 

Andreas Resch: Inselbegabungen: rechneriische-sprachliche-visuelle

ANDREAS RESCH

INSELBEGABUNGEN

II. RECHNERISCHE INSELBEGABUNGEN

INSELBEGABUNGWEN

II. Rechnerische Inselbegabungen
  Buxton, Jedediach
  Gamm, Rudiger
  Padgett, Jason

III.Sprachliche Inselbegabungen
  Krebs, Emil
  Taylor, Christopher
  Merry Del Val, Raffale
  Mezzofanti, Giuseppe

IV. Visuelle inselbegabungen
  Grandin, Temple

I  Inselbeg.: Erinnerungen

V. Inselbeg.: Künstlerische

VI. Inselbeg.. Musikalische

In den folgenden Ausführungen sollen jene rechnerischen Inselbegabungen vorgestellt werden, die als Naturtalente in einer besonderen Weise beeindrucken und als solche allgemeine Anerkennung finden.

JEDEDIAH BUXTON

Jedediah Buxton (geb. am 20. März 1707 in Elmton, Derbyshire, England; gest. 1772), Landarbeiter und Rechengenie.
Biografisches

Jedediah Buxton, dritter Sohn des Bauern und Lehrers von Elmton, William  Buxton, und seiner Frau Sara, wuchs im Schoß der Familie auf, ohne je lesen und schreiben zu lernen. Er arbeitete vielmehr bis zu seinem Lebensende als Landarbeiter. Wie heute beurteilt werden kann, war Buxton von Geburt an Autist, den nur Zahlen interessierten und dem die soziale Kommunikation völlig fehlte.

Mit seiner außergewöhnlichen rechnerischen Begabung in Form von Kopfrechnen versetzte er die gesamte Umgebung in Staunen. Da er Analphabet war, stellte man sich die Frage, wie und wann er zur Unterscheidung der Zahlenverhältnisse und deren Benennung gekommen war. Die Antwort darauf blieb er schuldig, weil er es schlicht und einfach nicht wusste. Sicher ist jedenfalls, dass er von Kindheit an eine besondere Vorliebe für Zahlen hegte. Allem, was mit Zahlen zu tun hatte, galt seine Aufmerksamkeit in einem Ausmaß, dass er äußere Umstände und Gegenstände stets nur auf ihre Zahl hin bedachte. So begann er mit 12 Jahren zu addieren, multiplizieren und subtrahieren.

Erstmaliges Aufsehen erregte Buxton mit der Vermessung des Gebietes von Elmton in der Größe von 4 km2, indem er dieses, lediglich durchschreitend, penibel nach diversen Maßeinheiten gliederte. Sein Zahlengedächtnis war derart, dass er nach einer Woche oder sogar noch nach Monaten Berechnungen, die er unterbrochen hatte, an ein und derselben Stelle wiederholen und fortführen konnte. Seine ständige Beschäftigung mit Zahlen verhinderte zwar jeden anderen Wissenserwerb, nicht aber die persönliche Lebensplanung. So heiratete er Alice Eastwood, mit der er drei Kinder hatte, John, Susannah und Sara, deren Nachkommen bis heute in der Gegend ansässig sind.

Berechnungen
Anfangs waren Buxtons Berechnungen rein zweckbezogen. So durchschritt
er beispielsweise ein Feld, bestimmte dessen Ausmaße und dividierte dann das Ganze, um in etwa festzulegen, wie viele Brokkoli-Pflänzchen es brauchte, um das Feld zu füllen, wenn man diese im Abstand von soundsoviel Metern in soundsoviel Reihen zueinander setzte. Auch war er dafür bekannt, sich Anforderungen zu stellen, dann zum Arbeiten auf das Feld zu gehen, dort nachzusinnen und Berechnungen durchzuführen, um schließlich am Ende eines Arbeitstages in ein Gasthaus einzukehren und ein Freibier zu genießen.

Jedediah Buxton
Von seinen vielen mathematischen Meisterleistungen sei hier als Beispiel nur die Berechnung des Produkts eines 139-mal verdoppelten Farthing erwähnt (Viertelpenny, erste Prägung in Silber im 13. Jh., später in Kupfer und Bronze; gültiges Zahlungsmittel bis 1960). Das in Pfund berechnete Ergebnis ergab eine 39 Stellen umfassende Zahl, die sich bei Nachprüfung unter Verwendung von Logarithmen als korrekt erwies. Buxton multiplizierte diese enorme dann Zahl mit sich selbst. Es scheint, dass er dabei eine eigene Nomenklatur für große Zahlen kreierte. So stellte er eine Reihe neuer Zahlen auf, um mit dem Begriff „Millionen von Millionen von Millionen“ zurechtzukommen, wie „tribes“ (1018 = 1 Trilliarde) und „cramps“ (1039 = 1 Sextilliarde).

Pressestimmen
Buxtons außerordentliche mathematische Leistungen kamen schließlich dem Herausgeber des Gentleman’s Magazine zu Ohren, der einen Reporter für ein Gespräch zu ihm schickte. Dabei musste dieser feststellen, dass Buxton ein völlig unbelesener Mann war, wenngleich er sich mit Quadrat, Rechteck, Dreieck und Zirkel bestens auskannte. So sagte er in einer Beurteilung der Konzentrationsfähigkeit Buxtons, dieser habe überhaupt kein Interesse an dem Gespräch gezeigt, sei einfach nur teilnahmslos dagesessen und habe lediglich Augen für den Bierkrug vor sich gehabt. Der Bericht erschien im Juni 1754 im genannten Magazin.

Bei der Royal Society in London
Nachdem Buxtons Ehefrau Alice 1753 verstorben war, ergriff ihn, der bis dahin nur über einen lokalen Bekanntheitsgrad verfügte, plötzlich die Wanderlust, und er wollte seine Fähigkeiten einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. So machte er sich im darauffolgenden Jahr auf den Weg nach London, um dort u.a. auch König Georg II. zu treffen. Die gut 200 Meilen legte er zu Fuß zurück. Als er in London ankam, war der König allerdings verreist. Buxton ergriff daher ersatzweise die Gelegenheit, sich der Royal Society vorzustellen, wo er durch Rechenoperationen wie Multiplizieren und Wurzelziehen beeindruckte. Zudem wurde ihm erlaubt, zwei Personen anzuweisen, ihm nacheinander verschiedene Fragen zu stellen, die er jedes Mal richtig beantwortete. Auf Wunsch konnte er die Antworten ein, zwei Monate später wiederholen. Einige Mitglieder der Gesellschaft, die seine Fähigkeiten genauer unter die Lupe nehmen wollten, forderten ihn sogar auf,  eine Reihe von Berechnungen durchzuführen, die im Grunde für unlösbar gehalten wurden. Buxton war jedoch auch in der Lage, eine lange Rechenoperation auf halbem Weg zu unterbrechen, um sie dann erst nach einer gewissen Zeit zu Ende zu führen. Eine weitere Frage, die ihm gestellt wurde, war, wie viele Gerstenkörner, von denen das Einzelne den soundsovielten Bruchteil von einem Inch (2,54 cm) ausmachte, aneinandergereiht werden müssten, um auf eine Länge von acht Meilen zu kommen. Buxton gab innerhalb von eineinhalb Minuten die richtige Antwort: 1.520.640 (also drei Gerstenkörner pro Inch). Alle diese Aufgaben löste er im Kopf.
Die Royal Society bekundete ihre Anerkennung durch eine großzügige Spende und lud Buxton zur Aufführung der Tragödie von Richard III. in das Drury Lane Theatre, wo der damals berühmte Schauspieler David Garrick auftrat. Während die anderen beeindruckt dem Geschehen folgten, richtete Buxton seine Aufmerksamkeit einzig und allein auf die Anzahl der von Garrick rezitierten Worte. Das Gleiche galt für die Schritte der Tänzer. Anschließend erzählte er, dass ihn die unzähligen von Musikinstrumenten produzierten Töne dabei über die Maßen verwirrt hätten.
Buxton führte zudem die längsten nur denkbaren Berechnungen durch und löste die schwierigsten Aufgaben in Arithmetik durch bloße Gedächtnisanstrengung. Weder Lärm noch Gespräche konnten ihn aus dem Takt bringen. Er fuhr mit seiner Berechnung die ganze Zeit hindurch fort oder unterbrach in der Mitte, um sie später fortzusetzen, oder wiederholte sie auch noch Jahre danach.
Nach seinem Abstecher nach London kehrte er, reichlich unbeeindruckt,  wieder nach Elmton zurück und verbrachte dort den Rest seines Lebens als Bauer.

Die letzten Tage
Was seinen Tod betrifft, so kursiert hier u.a. folgende Geschichte: Als 1772 der Duke of Portland zu Besuch kam und anbot, am darauffolgenden Donnerstag wiederzukehren, teilte ihm Buxton zu seiner Verblüffung mit, dass sie sich wohl nicht wiedersehen würden, weil er, Buxton, an eben diesem Donnerstag sterben werde. Und seine Vorhersage sollte sich bewahrheiten. Er starb genau zum berechneten Zeitpunkt.
Buxtons Grab befindet sich in der Kirche von Elmton. Die Erinnerung an ihn ist ungebrochen. 2011 wurde dort auf dem Vorplatz ihm zu Ehren eine blaue Gedenktafel enthüllt.
Jedediah Buxton gehört zu den größten autistischen Inselbegabungen.
Lit.: Extract from the ‘Gentleman’s Magazine’, June 1754, relating to ‘The life of Jedediah Buxton’, together with a full page print.
 

RUDIGER GAMM

Rudigier Gamm (geb. am 10. Juli 1971 in Welzheim im Rems-Murr-Kreis, Deutschland), Gedächtnis- und Mentaltrainer.
Ausbildung
Gamm verbrachte seine Jugend in Rienharz und war schon von klein auf  wissbegierig. Was seine schulische Ausbildung anbelangt, so schloss er die mittlere Reife allerdings mit Durchschnittsnoten ab, da Mathematik und Physik seine Problemfächer waren. Dies hatte laut Gamm seinen Grund darin, dass das, was in der Schule gerade geboten wurde, nie zu seinem aktuellen Interesse gehörte. So war Mathematik für ihn völlig uninteressant, über Raumfahrt hingegen wollte er alles wissen. Die Eltern hatten Verständnis und kauften ihm die gewünschten Bücher.

Gamms besonderes mathematisches Interesse erwachte erst um das 21. Lebensjahr, als nach der Lektüre eines mathematischen Buches die Zahlen in seinem Leben einen größeren Platz einzunehmen begannen. Zunächst lernte er die Quadratzahlen zwischen 1 und 99 auswendig, weitere Potenzen und gelernte Zahlenprodukte kamen dazu. Bereits nach einer Woche machte er die Feststellung, dass er schneller im Kopf rechnen konnte als ein Rechenmeister, der im Radio auftrat.

Rudiger Gamm


Hirnphysiologische Untersuchungen
Bei den wissenschaftlichen Untersuchungen von Gamms Gehirn stellte man u.a. fest, dass der Verbindungsbalken zwischen den beiden Gehirnhälften um einiges stärker ausgeprägt ist. Auch an den Seiten ist sein Gehirn breiter. Gamm selbst ist der Ansicht, dass seine Begabungen nur zum Teil von der Anatomie abhängen, zum andern aber von seiner Verbissenheit, zu trainieren. Zu Beginn seiner Rechnerei habe er acht und mehr Stunden allein im Wald geübt und begab sich nur noch zum Duschen, Essen und Schlafen nach Hause. Die beim Rechnen zu beobachtenden Bewegungen der Hände dienten nicht als Gedankenstütze, sondern würden gewohnheitsmäßig helfen, die Lösungen leichter zu finden. Als Hauptmotivation für das Trainieren nennt Gamm sein Bestreben, auf rechnerischem Gebiet in dieser Form weltweit der Einzige und Beste zu sein. Der Erfolg habe nämlich seine Schüchternheit in Selbstbewusstsein verwandelt. Dafür sei es, nach Gamm, grundsätzlich wichtig, täglich danach zu streben, besser zu werden.

Art der Berechnungen
Was die Art von Gamms Berechnungen betrifft, so unterscheidet sich diese vom normalen Rechnen, bei dem mit dem Kurzzeitgedächtnis gearbeitet wird, durch die bei ihm gegebene Zusammenarbeit von Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis. Zudem entwickelt Gamm, wie auch andere begabte Rechner, jeder Zahl gegenüber ein Gefühl, allerdings nicht in Form von Musik oder Farben, sondern in Form von „geschriebenen“ Zahlen. So kann er z.B. für die Zahl Pi die ersten 200 Stellen nach dem Komma einfach abrufen. Dabei unterscheidet er zwischen „weichen“ und „spitzen“ Zahlen. 856 ist z.B. eine weiche, 791 eine spitze und die 7 eine sehr schöne Zahl. Wenn man nämlich eine Zahl durch sieben teilt, taucht nach dem Komma immer der Kehrwert der Sieben auf. Zudem visualisiert Gamm die Zahlen und stellt sie sich niedergeschrieben vor. Bei konkreten Rechenaufgaben schließt er die Augen und liest die Zahl im Innenraum ab, wie folgendes Beispiel erklären soll:

Bei der Frage: Wie viel ist 99 hoch 20? schließt Gamm die Augen, legt die Hände an seine Schläfen und sagt nach einigen Sekunden: „8 Sextilliarden, 179 Sextillionen, 69 Quintilliarden, 375 Quintillionen, 972 Quadrilliarden, 308 Quadrillionen, 708 Trilliarden, 891 Trillionen, 986 Billiarden, 605 Billionen, 443 Milliarden, 361 Millionen, 898 Tausend und 1, mathematisch ausgeschrieben: : 8 179 069 375 972 308 708 891 986 605 443 361 898 001.
Gamm kann aber auch ohne Taschenrechner oder Computer zurückrechnen und Wurzeln bis zu 20 ziehen sowie die Zahlen in elf Sprachen abrufen.

Kalenderdaten
Ebenso verblüfft Gamm in Kalenderangelegenheiten. So antwortete er etwa auf die Frage: Wie viele Mittwoche, den 13., gab es 1286? –  Das seien drei gewesen: im Februar, März und November. Zudem kann er Wochentage zurück bis in das Jahr 1 n. Chr. zuordnen.

Mangelerscheinungen
Trotz dieser Fähigkeiten schaffte Gamm nicht einmal das Abitur. Im Rechnen war er der Schlechteste. Er hatte meistens Fünfer und blieb sitzen. Das lag ihm zufolge aber an den Lehrern.
Seine mathematische Spitzenbegabung entdeckte Gamm, heute gelernter Versicherungskaufmann, erst  nach dem Abschluss der achten Klasse. Er hörte im Radio eine Sendung über den deutschen Meister im Kopfrechnen und bemerkte dabei, dass er schneller und besser rechnen konnte als dieser. Seitdem hat er nichts mehr außer Zahlen im Kopf.

Gamms Rechenvermögen sei eine Mischung aus Veranlagung und Training. Schon seine Mutter habe früher als Bankangestellte sämtliche Kontonummern der Kunden im Kopf gehabt. Sein Vater könne perfekt rückwärtssprechen.
Bei seinem erster Auftritt am 15. Januar 1994 löste Gamm in Thomas Gottschalks „Wetten, dass..?“-Sendung die Aufgaben mit hoch 12 blitzschnell.

Weltrekordler und Pokalsieger im Kopfrechnen
Der inzwischen zum Weltrekordler im Potenzieren und Weltpokalsieger im Kopfrechnen avancierte Rudigier Gamm wird international für Veranstaltungen gebucht. Dafür trainiert er sein Zahlengedächtnis und seinen Körper täglich mehrere Stunden. Seine Motivation schöpft das mit einem IQ von mehr als 200 ausgestattete Rechengenie aus der Liebe zur Zahl, verbunden mit dem Gefühl, eine Leistung zu erbringen wie sonst niemand auf der Welt.
Gamm arbeitet als Buchautor, trainiert Manager, Profisportler, Kreative sowie alle „Kopfarbeiter“.

Inselbegabter?
Da Gamm keine nennenswerten Verhaltensanomalien aufweist und für seine Leistungen schwer trainiert, stellt sich die Frage, ob er zu den Inselbegabungen (Savants) zu zählen ist. Die bei allem Ehrgeiz und Training gebotene Leistung reicht ohne eine besondere Begabung nicht aus, die jenseits von Fleiß und wissenschaftlicher Deutung liegt. Wenn auch kein Beleg für Autismus vorliegt, so lässt die überdimensionale Vorliebe für Zahlen, verbunden mit den Misserfolgen im normal-schulischen Bereich, an ein Asperger-Syndrom denken. Jedenfalls gehört Gamm zu den größten Rechengenies. Dabei geht es nicht nur um das Rechnen im herkömmlichen Sinn, sondern auch um das Behalten von Ergebnissen großer Zahlenmengen, die bei Bedarf selbst nach vielen Jahren noch abrufbar sind.
Lit.: Gamm, Rüdiger / Ehlert, Alexandra: Das Brain-Training: Fitness für Gedächtnis, Logik und Kreativität; [Neues vom Rechengenie]. München: Heyne, 2011.
http://www.ruediger-gamm.de

JASON PADGETT

Jason Padgett  (geb. am 7. Oktober 1972 in Oklahoma City, Oklahoma, USA, als Jason Henson Padgett), Autor, Produzent und Inselbegabter.
 
Jason Padgett verzeichnete in der Schule sowohl in Sprachen, in Naturwissenschaften und auch in Mathematik nur mäßigen Erfolg. Zahlen und Geometrie interessierten ihn überhaupt nicht und Algebra bereitete ihm sogar große Mühe. Er quälte sich durch die Klassen bis zum Abschluss und ging dann sogar aufs College. Im Grunde wollte er sich nur amüsieren und das 24 Stunden am Tag und 7 Tage in der Woche. So verließ er das College, kaufte sich von seinem Ersparten einen gebrauchten Camaro und zog mit seinen Kumpels von Kneipe zu Kneipe. Ein Job als  Matratzen-Verkäufer im Geschäft seines Vaters reichte ihm, um die Miete zu bezahlen, einzukaufen und seine Hobbys zu finanzieren. Er glaubte, dass das immer so weitergehen würde, doch kam es anders.

Überfall
Am 13. September 2002 lauerten ihm vor einer Karaoke-Bar in Tacoma im US-Bundesstaat Washington zwei Männer auf, die es auf seine 99 Dollar-Jacke abgesehen hatten, und schlugen auf ihn ein. Padgett erinnert sich nur noch an einen dumpfen Aufprall und dass ein weißes Licht in seinem Kopf aufblitzte. Er fiel in eine kurze Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, wurde er von allen Seiten attackiert. Die Angreifer schlugen ihm mehrmals auf den Hinterkopf und traten ihn. Später in der Nacht diagnostizierten die Ärzte eine schwere Gehirnerschütterung sowie eine Nierenblutung und schickten ihn anschließend mit Schmerzmitteln nach Hause.

Geometrische Muster
Als er am nächsten  Morgen in sein Badezimmer ging, nahm er plötzlich hochkomplexe geometrische Muster wahr. Das Wasser aus dem Wasserhahn floss in Linien in das Becken. Zunächst war Padgett schockiert und besorgt. Er dachte, er sei verrückt, doch sahen die Wasserlinien wunderschön aus und er begann zu malen, was er sah. Dabei wusste er noch nicht, dass er Muster malte, die man in der Mathematik Fraktale nennt. Mit einem Schlag war er von Geometrie und Physik fasziniert und die Zahlen, mit denen er zuvor nur in seinem Möbelladen und bei der Begleichung seiner Kneipenrechnungen zu tun hatte, wurden zu seinem Lebensinhalt. Er „sah“ die Formel hinter der Zahl Pi, begeisterte sich für Primzahlen und verstand auf einmal Einsteins Relativitätstheorie, konnte sich aber all das nicht erklären.
Jason padgett
Dann sah er eine von der BBC ausgestrahlte Dokumentation über den Inselbegabten Daniel Tammet, der mehr als 22.000 Stellen hinter dem Koma von Pi aufsagen konnte. Als Fachmann trat Dr. Darold Treffert aus Wisconsin auf. Padgett ließ sich daraufhin von Treffert untersuchen. Seine Diagnose war eindeutig: Padgett gehöre zu jener kleinen Gruppe von Inselbegabungen, die auf einem bestimmten Gebiet ein besonders ausgebildetes Talent aufweisen, in anderen Bereichen aber oft eher begrenzt bis sehr eingeschränkt sind.

Padgett fühlt sich zwar völlig normal, ist jedoch besessen von der Angst, krank zu werden, und wäscht sich pausenlos die Hände, leidet also an einer Zwangsneurose. Er geht kaum noch aus, verabscheut grelles Licht und verhängte aus diesem Grund die Fenster mit Decken. Auch Besucher empfängt er nur noch selten.

Wissenschaftliche Untersuchung
Was die wissenschaftliche Untersuchung betrifft, so wurde er im Broogard Lab for Multisensory Research in Miami, USA, einer Gehirntomographie unterzogen. Dabei stellte man fest, dass Padgetts linke Hirnhälfte, die für das mathematische Verständnis zuständig ist, deutlich aktiver war als seine rechte. Zudem vertrat man nach all den Analysen die Ansicht, dass gerade die Schläge auf den Hinterkopf das besondere Talent ausgelöst hätten. Trotz der an Padgett vorgenommenen wissenschaftlichen Untersuchungen lässt sich aber nicht sagen, ob seine Begabungen von Dauer sein werden.

Das Besondere an Padgetts Geschichte ist, dass er nicht als Inselbegabter geboren wurde. Er ist vielmehr einer von etwa 30 Inselbegabten weltweit, deren spezielles Talent plötzlich auftauchte. Bei Padgett geschah dies durch einen brutalen Überfall mit Körperverletzung und Schock, wie er in seinem 2014 zusammen mit Maureen Seaberg veröffentlichten Buch Struck by Genius schreibt. Zudem verfügen von den Personen, die sich durch „erworbene Inselbegabungen“ auszeichnen, nur wenige über mathematische Fähigkeiten. Padgett deutet dies dahingehend, dass in jedem Menschen eben verschiedene unentdeckte Stärken liegen.

Muster und Winkel
Wie erwähnt, sieht Padgett seit dem Überfall in der Natur überall Muster und Winkel. Er beschreibt seine Eindrücke als diskrete Bildrahmen, die in Realzeit von Linien getragen werden. Ein Rastereindruck entsteht. Mit dieser neuen Sicht verband sich eine überraschende mathematische Zeichner-Qualität. So begann Padgett mit dem Zeichnen von Kreisen mit überlagernden Dreiecken, was ihm das Verständnis der Zahl Pi ermöglichte. Er kennt die Zahl, weil er stets die Ecken eines Polygons sehen kann, das sich einem Kreis nähert. Daher gefällt ihm auch der Begriff Unendlichkeit nicht, weil er jedes Muster als eine endgültige Konstruktion von kleineren und kleinsten Einheiten wahrnimmt, was die Physiker als Planck-Länge oder Planck-Einheiten bezeichnen, da es die kürzeste messbare Länge ist.

Aktuelle Lebenssituation
Heute lebt Jason Padgett mit seiner russischstämmigen Frau Elena in einem Einfamilienhaus in Tacoma, Washington, USA. An den Wänden der Wohnung hängen hochkomplexe geometrische Zeichnungen, die er in den vergangenen Jahren in Handarbeit erstellt hat.

Ein normaler Tag beginnt laut eigenen Aussagen bei ihm damit, dass er ins Bad geht und den Wasserhahn aufdreht, da die Beobachtung des Wassers nach wie vor magisch auf ihn wirkt. Die Struktur des Wassers vibriere nämlich in spezifischen geometrischen Formen und Frequenzen, gleich Kristallen. Akribisch beobachtet Padgett den Tanz der Tropfen und versucht, sich diesen einzuprägen, um ihn später zu zeichnen. Vor dem Zähneputzen hält er die Zahnbürste 16-mal unter den Wasserstrahl, weil dies ein perfektes Quadrat ergebe, das perfekt zum dreidimensionalen runden Objekt des Mundes passe. Vielleicht ist dies, wie er sagt, auch nur seiner Zwangsstörung zuzuschreiben, unter der er seit dem Überfall leidet.

Da die meisten Menschen von seinem Wasserstrahl nicht übermäßig angetan sind, wünscht er sich, dass sie sehen könnten, was er sieht. Padgett legt über alles ein Raster, sieht so die Welt in Echtzeit und kann dabei vier bis fünf Phasenbilder gleichzeitig betrachten, denn alles sieht etwas verpixelt aus.

Die Bilder an seiner Wand würden, so Padgett, nur annähernd zeigen, wie er die Welt wahrnimmt, da die Zeichenstifte zur Darstellung der Feinheiten zu fett seien.
Was konkret die Wahrnehmung von bereits früher bekannten Umgebungen betrifft, so ist es für Padgett schwierig, sich daran zu erinnern, weil er jetzt alles in geometrischen Mustern sieht. Die Dreiecke der Blätter erinnern ihn an den Satz des Pythagoras. Sie sind offensichtlich Fraktale. Im Geiste legt er ein Raster zwischen sie. Wenn die Sonne scheint, ergibt das eine großartige Schau, denn er sieht, wie die Zweige das Licht in lauter kleinen Dreiecken reflektieren. Schon Galileo Galilei sagte, dass wir das Universum nicht verstehen können, so lange wir seine Sprache nicht gelernt haben. Nach Padgett sind Mathematik und Geometrie die Grundlagen dafür.

So ist er der Ansicht, dass alle Menschen die Umwelt so wahrnehmen könnten wie er. Denn nach den Ärzten sei sein Gehirn durch den Überfall nicht verändert, sondern es seien lediglich angeborene Fähigkeiten aktiviert worden. Das besagt, dass die Fähigkeiten nicht im Gehirn, sondern im geistigen Personträger des Einzelnen zu suchen sind, der nach meiner Darstellung mit der Anima Mundi (Weltgeist) kommuniziert. Das Gehirn sei vielmehr ein Flaschenhals unserer Fähigkeiten, der beim normalen Bewusstsein einen harmonisierenden Ausgleich zwischen den einzelnen Fähigkeiten bewirkt. Bei Sonderbegabungen ist dieser Flaschenhals, also das Gehirn, in dem betreffenden Bereich durchlässiger, was sich bei Jason Padgett im Interesse für Muster und Winkel, verbunden mit der Fertigkeit, das Erlebte nachzuzeichnen, ausdrückt.

W.: Struck by Genius. How a Brain Injury Made Me a Mathematical Marvel / Padgett, Jason; Seaberg, Maureen. Boston [u.a.]: Houghton Mifflin Harcourt, 2014.
https://www.google.at/?gws_rd=ssl#q=padgett+jason


III. SPRACHILE INSELBEGABUNDEN

Im Folgenden werden sprachliche Sonderbegabungen vorgestellt, die als Naturtalente besonders beeindrucken und ebenso allgemein anerkannt werden. Bei diesen Begabungen handelt es sich durchwegs um völlig normale Personen mit großem beruflichen Erfolg. Dieser Erfolg ist vor allem durch ihre Sprachbegabung gekennzeichnet, die ihrerseits das Hauptmerkmal der persönlichen Lebensgestaltung bildet. Ohne intensive und ständige Beschäftigung mit den Sprachen können diese weder erlernt noch stets erinnert werden. Allerdings liegt das Lernen und Erinnern bei den Betreffenden jenseits normalen Lernens und Erinnerns. Es scheint bei ihnen eine Bewusstseinsform zu wirken, die in Verbindung mit der Weltseele, der Anima Mundi, steht und somit die kosmische Resonanz aufgreift, sind doch Sprachen im Letzten individualisierte Resonanzphänomene mit eigener rhythmischer Qualität.

In diese Richtung sind auch die Theorien zur Klärung der Inselbegabungen bei Autisten mit Gehirnschädigungen zu verstehen, nach denen die Gehirndefekte als Entsperrung der normalen hirnphysiologischen Schranken gedeutet werden. Dahinter steckt der Gedanke, dass durch die hirnphysiologische Einschränkung von Aktions- und Orientierungsformen auf der einen Seite es zur Schaffung von Freiräumen auf der anderen Seite kommt. Für wen sollen diese Freiräume gelten, wenn nicht für den spontanen Zugang zum je eigenen Seelengrund und dessen Kommunikation mit der Weltseele. Damit wird allerdings der rein hirnphysiologische Raum verlassen, zumal hier keine Erklärung der Sonderbegabungen zu überzeugen vermag.

EMIL KREBS

Emil Krebs (geb. am 15. November 1867 in Freiburg in Schlesien, heute Świebodzice; gest. am 31. März 1930 in Berlin), deutscher Sinologe, vielsprachig (polyglott), Diplomat, Dolmetscher und Übersetzer. Er beherrschte 68 Sprachen, was es ihm ermöglichte, im Auswärtigen Amt in Berlin aus mehr als 40 Fremdsprachen zu übersetzen.

Ausbildung
Von 1870 bis 1887 lebte Krebs mit den neun Geschwistern bei seinen Eltern, Gottfried und Pauline Krebs geb. Scholz, in Esdorf (heute: Opoczka). Als Volksschüler kam er erstmals in Kontakt mit einem französischen Wörterbuch. Von 1878 bis 1880 besuchte er die Höhere Realschule in Freiburg (Schlesien) und von 1880 bis 1887 das Evangelische Gymnasium in Schweidnitz, auf dessen Lehrplan Latein, Französisch, Althebräisch und Altgriechisch standen. Neben diesen Sprachen lernte Krebs als Autodidakt noch Neugriechisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch, Arabisch und Türkisch. Am 17. März 1887 legte er das Abitur ab, wobei ihm bereits 12 Sprachen geläufig waren. Anschließend studierte er an der Universität Breslau ein Semester evangelische Theologie und Philosophie, um dann im Wintersemester 1887 an der Universität Berlin mit dem Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen und am neu gegründeten Seminar für Orientalische Sprachen Chinesisch zu studieren.

Staatsdienst
Nach Abschluss des Studiums am 24. Juli 1890 machte Krebs am 12. Juni 1891 das erste juristische Staatsexamen und wurde Gerichtsreferendar beim „Königlich-preußischen Amtsgericht“ in Gottesberg (Preußen) und dann beim Kammergericht im Berlin. 1892 wurde er am Seminar für Orientalische Sprachen Mitglied der türkischen Klasse, doch bereits am 30. September 1893 schickte man ihn als Dolmetscher-Aspiranten nach Peking, wo er am 10. Juni 1896 zum zweiten Dolmetscher der deutschen Kaiserlichen Gesandtschaft bestellt wurde. Mit Chinesisch, Mongolisch, Mandschurisch, Tibetisch und Koreanisch stieg seine sprachliche Bedeutung, weshalb ihm auch ohne Konsulatsexamen der Titel eines Legationsrats verliehen wurde. Am 5. Februar 1913 heiratete Krebs in Shanghai Mande Hayne geb. Glasewald.

In seiner Freizeit fanden auch Privatbesuche im chinesischen Kaiserhaus und beim ersten Präsidenten Chinas, Yuan Shikai, statt.
Emil Krebs
Beim Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und China im März 1917 kehrte Krebs nach Berlin zurück, wo er am 1. Januar 1918 in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. Das Auswärtige Amt nutzte aber weiterhin seine Sprachkenntnisse und ab 1923 erfolgte die Festanstellung als Übersetzer und Prüfer, denn Krebs ersetzte nach dem Leiter des Sprachdienstes 30 Außendienstmitarbeiter.
Sein Bedürfnis, neue Sprachen zu lernen, verlief im Alltag folgendermaßen: Krebs hörte im Gasthaus eine ihm unbekannte Sprache, z.B. Armenisch. Sogleich bestellte er an der Universitätsbibliothek eine armenische Grammatik, altarmenische Kirchenliteratur sowie moderne armenische Romane und begann zu lernen. Für die armenische Grammatik benötigte er zwei,  für das Altarmenische drei und für die gesprochene armenische Sprache vier Wochen. Auch sonst war er stets mit dem Erlernen von Sprachen beschäftigt. Wenn man ihn störte, reagierte er zwar immer freundlich, wirkte aber zerstreut. Hartnäckige Besucher wurden durch langes Stehen zum baldigen Rückzug gezwungen.

Sprachen
In einer von ihm 1922 persönlich erstellten Auflistung finden sich neben den europäischen Sprachen noch folgende: Ägyptisch, Albanisch, Arabisch, Armenisch, Chinesisch, Georgisch, Hebräisch, Japanisch, Javanisch, Koreanisch, Latein, Mandschurisch, Mongolisch, Persisch, Russisch, Sanskrit, Syrisch, Tibetisch, Türkisch und Urdu. Zudem lernte er ohne Einbezug seiner Muttersprache über Englisch noch Afghanisch, Birmanisch, Gujarati, Hindi, Irisch, Singhalesisch und Portugiesisch; über Russisch erarbeitete er sich Burjatisch, Finnisch, Tatarisch, Ukrainisch und über Spanisch das schwierige Baskisch. Gleichzeitig befasste er sich mit den Dialekten Guipuzkoa, Bizkaia, Laburdi und Zubero. Als „Mittlersprache“ verwendete Krebs zum Erlernen und Vertiefen einer neuen Sprache neben Deutsch vorwiegend Englisch, Französisch, Russisch, Chinesisch, Griechisch, Niederländisch, Italienisch, Türkisch, Latein, Spanisch und Arabisch. Das „Neue Testament“ in 61 verschiedenen Sprachen spielte ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle.

Tod
Schließlich waren auch die Umstände seines Todes am 31. März 1930 so wie sein ganzes Leben: Er verstarb auf seiner Dienststelle im Sprachendienst des Auswärtigen Amtes während einer Übersetzung an einem Gehirnschlag. Nach Entnahme seines sogenannten „Elitegehirns“, das heute in der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf aufbewahrt wird, wurde Emil Krebs in Berlin auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf begraben, wovon heute noch der Grabstein zeugt.
1932 wurde seine Privatbibliothek mit über 3500 Bänden und Schriften in über 110 Sprachen der Library of Congress in Washington D.C. übergeben.
Seine Sprachbegabung führte man auf das bei ihm besonders ausgeprägte  Broca-Zentrum im Schläfenbereich zurück, das bei der Sprachproduktion eine wichtige Rolle spielt. Diese rein hirnphysiologische Deutung erfasst jedoch in keiner Weise das Ausmaß der außergewöhnlichen Sprachkenntnisse von Emil Krebs.

Lit.: Chinesische Schattenspiele / Übers. von Wilhelm Grube. Auf Grund d. Nachlasses durchges. u. abgeschlossen von Emil Krebs. Hrsg. u. eingel. von Berthold Laufer. München: Akad. d. Wiss., 1915; Hahn, Peter / Amunts, Katrin (Hg.): Emil Krebs – Kurier des Geistes. Badenweiler: Oase Verl., 2011.

CHRISTOPHER TAYLOR

Christopher Taylor (geb. 1963 in England), Autist mit sprachlicher Inselbegabung, Bewegungsarmut und geistiger Unterentwicklung.
Motorische Funktionsstörung

Christopher Taylor zeigte als Kind zunächst keinerlei Störungen, wenngleich er bei der Geburt fast erstickt wäre. Im Alter von sechs Monaten traten dann jedoch in Form und Ausmaß schwere motorische Funktionsstörungen auf, verursacht durch eine weitreichende Schädigung des Gehirns, die zu Seheinbußen und Bewegungseinschränkungen (Apraxie) führten. Was seine Gesamtentwicklung anbelangt, so zeigten sich Beeinträchtigungen vor allem beim Gehen und Sprechen. Eine Magnetresonanzaufnahme ergab eine zerebrale Atrophie mit breiten Furchen über beiden Hemisphären.

Lesefreudigkeit
Im Alter von drei Jahren bewies Taylor eine auffallende Lesefähigkeit (Hyperlexie), vor allem beim Französischbuch der Schwester. Die Eltern schenkten dem angesichts der Entwicklungsstörung ihres Sohnes keinerlei Beachtung, obwohl sich die Hyperlexie in einem raschen und korrekten Erfassen von lexikalischen Begriffen sowie geradezu in einer Besessenheit, neue Begriffe aus den verschiedensten Wörterbüchern zu erlernen, äußerte. Vielmehr wurden als Ursachen der Entwicklungsstörung Taylors eine Gehirnschädigung und ein Wasserkopf verantwortlich gemacht. Musste er doch als Kind rund um die Uhr unter Beobachtung stehen, da er das Haus nicht allein verlassen konnte.
Seine Lesefähigkeit nannte man schließlich eine autistische Inselbegabung. Nach Aussagen von Fachexperten ist der Fall Christopher Taylor in der Geschichte der Literatur sogar weltweit einmalig, sodass man ihn als Wundertalent bezeichnet. Inselbegabte sind nämlich selten sprachbegabt, am wenigsten Frauen.

Christopf Taylor

Da Taylor, wie dargelegt, bereits als Kind als zurückgeblieben eingestuft wurde, gab man ihn zunächst in eine Schule für Lernbehinderte. Anschließend kam er in ein Heim für betreutes Wohnen, wo er sich um den Garten kümmert. Das Wohnheim verlassen kann er allerdings nur in Begleitung, da er sonst die Orientierung verlieren und sich ängstigen würde. Er könnte von selbst nicht einmal seine Stammkneipe um die Ecke finden, wo er seit Jahren sein Bier trinkt.

Sprachbegabung
Andererseits kann Taylor 25 Sprachen verstehen, schreiben, lesen und zehn davon mehr oder weniger fließend sprechen. Er könnte also z.B. ein Bier  in 25 Sprachen bestellen, neben Englisch, Deutsch, Hindi, Italienisch, Norwegisch, Dänisch, Finnisch, Holländisch und Französisch auch  auf Griechisch, Polnisch, Spanisch, Schwedisch, Türkisch, Russisch, Portugiesisch, Walisisch, der Berber-Sprache der Tuareg, der Kunstsprache Epun sowie in der Gebärdensprache.
Mit seinem Wortschatz in Französisch bräuchte er sich auch nicht vor einem Professor der französischen Philologie zu verstecken.

Unklar bleibt hingegen nach Prof. Neil Smith, der sich mit Taylor eingehend befasst hat, warum er bei allgemeinen Intelligenztests schlecht abschneidet, bei Sprachtests jedoch Universitätsniveau erreicht. Es scheint, dass die autistische Motivation eine andere ist, d.h., dass er Vokabeln und Sätze nur sammelt und Sprache als bloßes (erlernbares) System betrachtet, denn der Gebrauch der Sprache zur Kommunikation mit anderen Menschen hat für ihn keine Bedeutung. Hinzu kommt noch, dass Taylor nach allen Seiten hin lesen kann, so auch seitenverkehrt. Außerhalb des Sprachbereiches ist sein Denken und Fühlen kaum zu spüren.

So ist Christopher Taylor das beste Beispiel eines Nebeneinanders von außerordentlicher Fähigkeit und völliger Unfähigkeit in ein und derselben Person.

Lit.: Ammari, Elham H.: Prodigious Polyglot Savants: The Enigmatic Adjoining of Language Acquisition and Emaciated Potentials. International Journal of Business and Social Science, vol. 2, no. 7; special issue (April 2011).
https://www.youtube.com/watch?v=hVfyZVaH9ag
https://www.youtube.com/watch?v=Nz3h0K0GazM

RAFFALEL MERRY DEL VAL

Raffael Merry del Val (geb. am 10. Oktober 1865 als Rafael María José Pedro Francisco Borja Domingo Gerardo de la Santíssima Trinidad Merry del Val y Zulueta in der Spanischen Botschaft in London; gest. am 26. Februar 1930 im Vatikan), Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche.

Karriere
Merry del Val lebte bis 1878 in England. Seine Schul- und Jugendjahre verbrachte er in Slough, Namur, Brüssel, Durham und Rom. Nach dem Doktorat in Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana wurde er am 30. Dezember 1888 in Rom zum Priester geweiht. Später machte er auch das Doktorat in Theologie und erwarb das Lizenziat in Kanonischem Recht.

1891 wurde er Päpstlicher Geheimkämmerer und Mitglied der Päpstlichen Familie. Ab 1896 war er Sekretär der Päpstlichen Kommission für die Überprüfung der Gültigkeit der anglikanischen Weihen. 1898 ernannte ihn Papst Leo XIII. zum Berater der römischen Kurie für Fragen des Index der verbotenen Bücher und übertrug ihm im Jahr darauf die Leitung der Päpstlichen Diplomatenakademie.
Raffale Merry Del Val
1900 wurde Rafael Merry del Val zum Titularerzbischof von Nicaea erhoben. In den folgenden Jahren leitete er mehrere päpstliche Gesandtschaften. Im Konklave nach dem Tod Leos XIII. 1903 fungierte er als Sekretär und gewann so das Vertrauen des dabei gewählten Pius X., der, zur allgemeinen Überraschung, den erst 38-Jährigen wegen der Vielsprachigkeit und diplomatischen Erfahrung zum Staatssekretär ernannte und ihm zusätzlich die Leitung der Präfektur des Päpstlichen Palastes übertrug. Kurz darauf, am 9. November 1903, wurde er als Kardinalpriester in das Kardinalskollegium aufgenommen.
Zur Zeit des (später heiliggesprochenen) Papstes Pius X. unterstützte Merry del Val den Kirchenhistoriker Umberto Benigni, den entschiedensten Kämpfer gegen den Modernismus. 1904 wurde Merry del Val Präsident der Päpstlichen Kommission für die Koordination von Wohlfahrtsfragen der Kirche. 1911 bis 1912 war er Camerlengo des Heiligen Kardinalskollegiums, ab 1912 leitete er die Verwaltung der Dombauhütte des Petersdoms. Mit dem Ableben Pius’ X. im Jahr 1914 bekam er unter  Benedikt XV. weniger einflussreiche Ämter.

Im Konklave vom 2. bis 6. Februar 1922, das Achille Kardinal Ratti zu Papst Pius XI. wählte, gehörte del Val zu den „frommen Eiferern“ („zelanti“).
Merry del Val erlag am 26. Februar 1930 einer Blinddarmentzündung und wurde im Petersdom im Beisein von Kardinal Pacelli beigesetzt. Nach dem Tod wurde ihm der Ehrentitel Ehrwürdiger Diener Gottes zuerkannt.

Sprachbegabung
Berühmtheit erlangte Merry del Val wegen seiner Sprachkenntnisse. Er beherrschte insgesamt 63 Fremdsprachen (inklusive Dialekte), die meisten davon fließend.

W.: Pius X. Erinnerungen und Eindrücke seines Staatssekretärs. Basel: Thomas Morus-Verlag, 41954.
Lit.: Dalla Torre, Giuseppe: The Cardinal of charity. Memorial discourse on the work and virtues of the late Cardinal Raphael Merry del Val. New York, 1932; Cenci, Pio: Il Cardinale Raffaele Merry del Val. Rom, 1933.


GIUSEPPE MEZZOFANTI

Giuseppe Gasparo Mezzofanti (geb. am 19. September 1774 in Bologna; † 15. März 1849 in Neapel), Kardinal und Polyglott. Er gilt als eines der größten Sprachgenies und soll 57 Sprachen verstanden und 38 davon gesprochen haben. Seitdem ist „Mezzofanti“ die Bezeichnung für einen polyglotten Menschen.

Karriere
Giuseppe Gasparo Mezzofanti war Professor für arabische Sprache in Bologna und wurde 1833 Kustos der vatikanischen Bibliothek. 1838 wurde er Titularbischof der Kirche Sant’Onofrio al Gianicolo in Rom, wo er nach seinem Tod auch bestattet wurde. Papst Gregor XVI. ernannte ihn zum Kardinal.

Sprachbegabung
Nach seinem Biografen Charles W. Russell soll Mezzofanti 38 Sprachen beherrscht haben und gilt als Rekordhalter der Mehrsprachigkeit. Er sprach nachweislich folgende 29 Sprachen neben seiner italienischen Muttersprache: Latein, Altgriechisch, Neugriechisch, Hebräisch, Arabisch, Aramäisch, Amharisch, Koptisch, Armenisch, Persisch, Türkisch, Maltesisch, Illyrisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch, Walisisch, Schottisch-Gälisch, Deutsch, Niederländisch, Schwedisch, Dänisch, Russisch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Albanisch und Chinesisch.
Giuseppe Gasparo Mezzofanti
Seine Kenntnisse dieser Sprachen waren mehr intuitiv als analytisch. Er hinterließ keine wissenschaftlichen Werke. Unter seinen Manuskripten fanden sich einige vergleichende Sprachstudien, die er zum einen Teil der Gemeindebibliothek und zum anderen Teil der Bibliothek der Universität von Bologna überließ.
Ähnliche Fähigkeiten besaßen der ebenfalls in diesem Abschnitt behandelte deutsche Sinologe Emil Krebs (1967 – 1930), der britische Forscher Sir Richard Francis Burton (1821 – 1890), der spanische Jesuit Lorenzo Hervás y Panduro (1735 –1809) sowie der vorhin erwähnte Kardinalstaatssekretär Rafael Merry del Val (1865 – 1930). Gleichfalls als Sprachgenie gilt der belgische Orientalist Johan Vandewalle (geb. 1960).

Lit.: Russell, Charles William: The Life of Cardinal Mezzofanti. London, 1858; Bellesheim, Alfons: Giuseppe Cardinal Mezzofanti. Würzburg, 1880; Manavit, Augustin: Esquisse historique sur le cardinal Mezzofanti. Sagnier et Bray. Paris, 1853; Pasti, Franco: Un poliglotta in biblioteca. Giuseppe Mezzofanti (1774 – 1849) a Bologna nell’età della Restaurazione. Bologna: Editore Pàtron, 2006.

 

IV. VISUELLEINSELBEGABUNGEN

Der folgende Abschnitt behandelt visuelle Sonderbegabungen, die als Naturtalente besonders beeindrucken und auch allgemeine Anerkennung finden.

TEMPLE GRANDIN

Temple Grandin (geb. am 29. August 1947 in Boston, USA), Autistin und Inselbegabte, führende US-amerikanische Spezialistin für den Entwurf von Anlagen für die kommerzielle Viehhaltung, Dozentin für Tierwissenschaften an der Colorado State University in Fort Collins.

Ausbildung
Temple Grandin machte bereits als Kleinkind durch besondere Verhaltensformen auf sich aufmerksam. Als sie zwei Jahre alt war, diagnostizierte man bei ihr einen „Hirnschaden“, dem man folgende Entwicklungsstörungen zuschrieb: sie begann verspätet zu sprechen, zeigte heftige Wutausbrüche und langes Betrachten von Details an Gegenständen. Die Ärzte rieten den Eltern, sie in ein Heim zu geben, was diese aber strikt  ablehnten. Sie begannen daraufhin selbst, ihre Tochter intensiv zu fördern, wobei sie an deren Interessen und Neigungen anknüpften. In einem sprachheilpädagogischen Kindergarten wurden ihr die ersten Schritte zur Kommunikation mit anderen Kindern beigebracht. Sie besuchte dann eine Reihe von Privatschulen, wo sie so erfolgreich war, dass sie ein Universitätsstudium ins Auge fassen konnte.
Grandin studierte schließlich experimentelle Psychologie und schrieb an der Universität von Illinois (Urbana) eine Doktorarbeit im Fach Tierwissenschaften.

Grandin-Viehhaltungsmethoden
Seit 1990 lehrt sie das Fach Tierwissenschaften an der Colorado State University in Fort Collins. Dort betreibt sie auch die von ihr entwickelten „Grandin Livestock Systems“ (Grandin-Viehhaltungsmethoden). Inzwischen ist ihr Wortschatz, den sie sich wie eine Fremdsprache aneignen musste, so umfangreich, dass sie mehrstündige Vorlesungen halten kann.
Zur Bewältigung ihrer unkontrollierbaren Impulsivität führte sie die Beobachtung einer Pressmaschine am Straßenrand, in der Rinder geimpft wurden.
Tempöe Grandin
„Ich war völlig fasziniert von dem Anblick, der in diese Maschine gepferchten Tiere. Man sollte meinen, dass die Rinder panisch reagieren, wenn sie so in die Zange genommen werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Sie werden plötzlich ganz ruhig. Das ist gar nicht so unlogisch, wenn man bedenkt, dass starker Druck äußerst beruhigend wirkt. Aus demselben Grund empfinden wir auch Massagen als angenehm. Der Fang- und Behandlungsstand gibt den Rindern höchstwahrscheinlich das Gefühl, das sonst nur Neugeborene haben, wenn man sie wickelt. Oder Taucher unter Wasser. Sie mögen das. Noch während ich die Rinder betrachtete, wurde mir klar, dass ich auch sowas brauchte.“

Da Grandin extrem intensive Berührungen schon als Kind unerträglich empfand, baute sie zunächst für sich eine spezielle, bettähnliche „Berührungsmaschine“ mit seitlichen, gepolsterten Platten, deren Anpressdruck sie mittels einer Steuerung durch mehrere Antriebe hinter den Platten selbst bestimmen konnte. Diese Vorrichtung, die sie heute noch verwendet, half ihr zunächst persönlich, die ihr unangenehmen Reizüberflutungen zu vermindern. Heute wird diese Maschine auch bei anderen Autisten zum genannten Zweck eingesetzt.
Ihre diesbezüglichen Erfahrungen verband Grandin dann mit ihren Viehhaltungsmethoden. So wurde sie nicht nur zur Expertin, was die Verhaltensbiologie von Nutztieren anbelangt, sondern auch auf dem Gebiet des Autismus.

Nach Grandin unterscheidet sich der Autist vom Nicht-Autisten durch das Denken in Bildern und eine größere sensorische Empfindsamkeit. Auch die bei Tieren oft auftretenden panischen Ängste werden laut Grandin durch die Autisten vergleichbaren sensorischen Dispositionen und bildhaften Vorstellungen ausgelöst. Diese Schlussfolgerungen setzt sie daher beispielsweise beim Bau von Viehhaltungs- und Viehtransportanlagen um. Dadurch wandelt sich das Verhalten der Tiere anscheinend derart zum Positiven, dass gefährliche Situationen und Unfälle mit Menschen und Tieren deutlich zurückgehen.

2010 wurde Grandins Leben unter dem Titel Du gehst nicht allein (Originaltitel: Temple Grandin) verfilmt. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet.

W.: Durch die gläserne Tür. Lebensbericht einer Autistin (mit Margaret M. Scariano). München: dtv, 1994; „Ich bin die Anthropologin auf dem Mars“. Mein Leben als Autistin. München: Droemer Knaur, 1997; Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier (mit Catherine Johnson). München: Ullstein, 2005.
http://www.ted.com/talks/temple_grandin_the_world_needs_all_kinds_of_minds
http://www.makers.com/temple-grandin

 

Inselbegabungen: I
I
nselbegabungen: II-IV
Inselbegabungen:V.- VI

Andreas Resch: Inselbegabungen-küstlerische-musikalische

ANDREAS RESCH

INSELGEBAGUNGEN

V. KÜNSTLERISCHE INSELBEGABUNGEN

INSELBEGABUNGEN

V. Künsterliche Inslbegab.

Clemons, Alonzo
Mind, Gottfried
Wawro, Richard
Wiltshire, Stephen
Tréhin, Gilles
Seth F., Henriett
Widener, George
Castle, James Charles
Yeak, Ping Lian
Lerman, Jonathan
McHugh, Tommy

Salmon, Keith
Pullen, James Henry


VI..Musikal. insebegabunng
Lemke, Leslie
DeBlois, Tony
Maier, Brittany
Paravicini, Derek
Savage, Matthew („Matt“)
Vinter, Alexander
Wiggins, Tom   

I  Inselbeg.: Erinnerungen

II. Inselbeg.: Rechnerische

III. Inselbeg.:Sprachliche

IV. Inselbeg.: Visuelle

 

 

In den folgenden Ausführungen sollen jene künstlerischen Inselbegabungen vorgestellt werden, die als Naturtalente in einer besonderen Weise beeindrucken und als solche allgemeine Anerkennung finden.


CLEMENS ALONZO

Alonzo Clemons (Geburtsdatum unbekannt, lebt in Boulder, Colorado, USA), Bildhauer (Inselbegabung).

Entwicklung
Alonzo Clemons wurde nicht als Genie geboren, sondern war ein ganz normales Kind. Als er im zweiten / dritten Lebensjahr eine schwere Kopfverletzung erlitt, sollte dies grundsätzliche Folgen für seine weitere Zukunft haben. Seine geistige Entwicklung kam zum Stillstand. Bei einem Intelligenzquotienten von 40 bis 50 war auch an schulische Erfolge nicht zu denken. Daher kann er weder lesen noch schreiben oder Auto fahren und nur mit Mühe sprechen, so dass ihn allein seine Freunde verstehen.

Das Überraschende dabei ist, dass ihn diese Verletzung zu einem genialen Bildhauer machte. Seine bevorzugten Objekte sind Tiere. Aus einem Stück Lehm, Wachs oder Teer formt er innerhalb einer Stunde eine genaue Skulptur. Lehm, wie jede andere knetbare Masse, wurde für Clemons zum Lebens- und Gestaltungselement.

Als er noch im Heim war, hat ihm das Pflegepersonal den Ton in der Hoffnung vorenthalten, dass er sich dann auf das Lernen der Sprache konzentrieren würde. Stattdessen aber kratzte er den Fensterkitt aus den Fensterrahmen des Heims, um damit Figuren zu kreieren.
Skulpturen

Er, der keine Schuhe zubinden kann, formt die perfektesten Tierskulpturen. Dabei reicht ihm ein flüchtiger Blick auf ein Tier in der Natur, im Fernsehen oder in einem Buch, um es mit seinen Händen detailgetreu nachzubilden. Sein fotografisches Gedächtnis ist nicht auf anatomische Kenntnisse angewiesen. Ob Pferde, Stiere, Elefanten – selbst Muskeln und Sehnen sind in seiner Vorstellung vorhanden und werden perfekt dargestellt.

Lebensraum
Da man um 1980 noch kaum eine Vorstellung von Inselbegabungen hatte, wurde Clemons von Kindheit an trotz seiner ungewöhnlichen künstlerischen Leistungen für geistig behindert gehalten und entsprechend behandelt. Mit zehn Jahren steckte man ihn in ein staatliches Heim, wo er ein Jahrzehnt verbrachte und sich das Leben täglich durch seine knetende bildhauerische Tätigkeit erträglich machte. Nahm ihm die Heimleitung die Modellmasse weg, ging er auf den Parkplatz und schrubbte mit den Fingern Erde und Teer zusammen.
So arbeitete Clemons bis in die frühen 1980er Jahre völlig einsam und unbekannt vor sich hin, bis er 1986 seine erste Ausstellung machen konnte.
Inselbegabung

Als 1988 das US-amerikanische Filmdrama Rain Man von Barry Levinson in die Kinos kam, in dem Dustin Hoffman den Autisten und Gedächtniskünstler Raymond verkörperte, wurde man auf die Thematik der sog. Inselbegabungen (Savants) aufmerksam und begann sich folglich auch für Alonzo Clemons zu interessieren. Dieser versuchte nach seiner Entlassung aus dem Heim zunehmend selbständiger zu werden, übersiedelte in eine kleine Wohnung in Boulder, nahm eine Teilzeitbeschäftigung an, trainierte sich im Gewichtheben und nahm 2003 sogar an den Special Olympics in Colorado teil. Außerdem besuchte er mit besonderer Freude den Zoo in Denver sowie verschiedene Veranstaltungen.

Wo immer er auftaucht, ist man von seinen künstlerischen Fähigkeiten und seiner freundlichen Art beeindruckt. Inzwischen ist Alonzo Clemons durch Ausstellungen, Berichte im Fernsehen und das Internet als Künstler weltweit anerkannt.

Lit.: Treffert, Darold A.: Extraordinary people: understanding “idiot savants”: [spectacularly gifted musicians, artists, calculators, and mnemonists who have severe mental disabilities]. New York: Harper & Row, 1989; ders.: Extraordinary people: Understanding Savant Syndrome. Lincoln: iUniverse.com, 2000.
http://alonzoclemons.com/

GOTTFRIED MIND

Gottfried Mind (geb. am 25. September 1768 in Bern; gest. am 7. November 1814 ebd.), Inselbegabter, Autist und Zeichner.

Frühe Kindheit
Gottfried Mind wurde in Bern geboren, kurz bevor sein Vater als Tischler und Formschneider aus Lipsich in Ungarn in die Schweiz kam. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. In seiner frühen Kindheit wurde Mind wegen seiner schwächlichen Konstitution meist sich selbst überlassen. Er war körperlich und geistig behindert, beindruckte aber durch seine Begabung im Zeichnen und Schnitzen. Schon frühzeitig wollte Mind auf Papier malen und zeichnen. Sein Vater betrachtete dies als unnütze Arbeit und er gab ihm daher statt Papier immer ein Stück Holz. So begann Mind zu schnitzen und war dabei sogar ziemlich erfolgreich.

In Neuhof
Mit acht Jahren, ca. 1775 – 1780, wurde Mind in die Johann Heinrich Pestalozzi-Erziehungs- und Arbeitsanstalt Neuhof bei Birr im Kanton Aargau aufgenommen. Auch dort stach er im Bereich der bildenden Kunst durch eine exzellente Begabung hervor, war andererseits aber nicht in der Lage, schreiben und rechnen zu lernen. So wurde 1778 von der Wirtschaftsgesellschaft von Bern folgender Vermerk zu ihm veröffentlicht: „Friedrich Mind von Bosse (Mind von Pizy), vom Amtsbezirk Aubonne, wohnhaft in Worblaufen, sehr schwach, unfähig zu harter Arbeit, voll von Zeichentalent, eine sonderbare Kreatur, voll Künstler-Kaprizen, andererseits von einer gewissen Verschmitztheit: Zeichnen ist seine einzige Tätigkeit: er ist eineinhalb Jahre hier: zehn Jahre alt.“

Beim Maler Sigmund Freudenberger
Als Neuhof 1780 geschlossen wurde, nahm ihn die Familie des Berner Malers Sigmund Freudenberger auf. In seinem Atelier arbeitete er zunächst als Zeichner und als Kolorator mit Wasserfarben. Nach Freudenbergers Tod am 15. November 1801 war Mind weiterhin in dessen Atelier tätig und spezialisierte sich auf Kinder- und Tiermotive.

„Katzen-Raffael“
Mind zeichnete vor allem ländliche Szenen mit Kindern und Haustieren, insbesondere Katzen. Dabei wies er ein überdurchschnittliches Erinnerungsvermögen für visuelle Eindrücke auf und zeichnete fast nie nach der Natur, sondern aus dem Gedächtnis. Vor allem seine Katzenbilder beeindrucken durch anatomische Genauigkeit und sein Einfühlungsvermögen in das häusliche Leben der Tiere. So bildete er diese z.B. beim Jagen, Spielen oder Schlafen ab. Aufgrund seiner einmaligen Katzenzeichnungen wurde Mind weithin als „Katzen-Raffael“ bekannt. Diese Bezeichnung prägte die französische Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 – 1842).

Gottfried Mind

Während seiner Arbeit hielt Mind regen Kontakt mit den Tieren. So saß beim Malen meist eine Katze auf seinem Rücken oder seinen Schultern. Eine zweite machte es sich zuweilen auf seinem Arbeitstisch bequem und ein junges Kätzchen spielte unter dem Tisch. Er beobachtete das Verhalten der Katzen mit Genugtuung und Ausdauer, ohne sie bei ihrem Tun zu stören. Neben der anatomischen Gestalt versuchte Mind auch die Schlauheit, Genügsamkeit, Ruhe und Gelassenheit, ebenso wie die Hinterlistigkeit und den Kampf der Tiere in der Zeichnung einzufangen. Besuche von Menschen waren ihm dabei eher lästig.

Figuren aus wilden Kastanien
An Sonntagen und in Winternächten verarbeitete Mind zum Zeitvertreib wilde Kastanien zu Katzen, Bären und anderen Tieren, und zwar mit solch künstlerischer Feinheit, dass diese Figuren bald ebenso begehrt waren wie seine Zeichnungen. Leider wurden fast alle diese Gebilde durch Wurmfraß zerstört.

Bären und Kupferplatten
Mind verweilte auch viele Stunden am Bärengraben von Bern, wo einige echte Bären zu sehen waren. Er beobachte und fütterte sie und war von ihnen so fasziniert, dass sie neben den Katzen zum zweiten Gegenstand seiner Zeichnungen wurden.
Außer für Tiere begeisterte sich Mind noch für Kunstgegenstände, insbesondere Kupferplatten, auf denen ihn zwei Tierfiguren besonders beeindruckten – die Löwen von Rubens, Rembrandt und Potter sowie die Hirsche von Kidinger, während die sehr gepriesenen Katzen von Cornelius Vischer und Wenzel Hollar ihn nicht ansprachen.
Minds Beobachtungsgabe war so stark, dass er dieselbe auch noch einige Zeit später abrufen konnte.

Lit.: Der Katzen-Raphael: zwölf Blätter Katzengruppen; nebst einer kurzen Lebensskizze Mind’s und der Novelle: „Der Katzen-Raphael“ von Franz Freiherrn Gaudy. Berlin: Schroeder, 1861 (Albertina-Sammlung); Widmann, Franz: Der Katzenraphael. Lebensbild eines seltsamen Künstlers. Leipzig: Oehmigke, 1887; Gaudy, Franz von: Der Katzenraphael. München: Callwey, um 1920; Kölsch, Adolf: Gottfried Mind, der Katzen-Raffael. Versuch eines Lebensbildes. Zürich: Montana, 1924; Katzen. Texte aus der Weltliteratur. Hrsg. von Federico Hindermann. Mit Illustrationen von Gottfried Mind. München: Manesse in dtv, 1994.

RICHARD WAWRO

Richard John Wawro (geb. am 14. April 1952 in Newport-on-Tay, Schottland; gest. am 22. Februar 2006 in Edinburgh, Schottland) inselbegabter Autist und bekannter schottischer Landschaftsmaler (Öl und Buntstift).

Kindheit
Richard John Wawro war der Sohn von Thaddäus und Olive Wawro. Der Vater war polnischer Militäroffizier und Zivilingenieur und wanderte nach dem Krieg nach Fife in Schottland aus, wo er in Tayport als Buchhändler tätig wurde. Die Mutter war Volksschullehrerin und stammte aus einer Bauernfamilie im schottischen Galloway.

Richards erste Lebensjahre gestalteten sich wegen seiner angeborenen Behinderungen sehr schwierig und schmerzhaft. Zwischen den Phasen seines gestörten Verhaltens machte er oft eine Pause und starrte das Licht an, wobei ihn der direkte Blick zur Sonne am meisten erfreute.
Als er drei Jahre alt war, wurde den Eltern mitgeteilt, dass ihr Sohn mittel bis schwer behindert sei. Zudem zeigte er erhebliche Anzeichen von Autismus mit einem charakteristischen Hang zur Eintönigkeit, Zurückgezogenheit, Bewegen im Kreis, endlosem Drehen von Gegenständen und stundenlangem Betätigen ein und derselben Taste am Klavier. Wegen eines grauen Stars musste er als Kind an beiden Augen operiert werden, was ihm ein so geringes Sehvermögen bescherte, dass er gesetzlich als blind eingestuft wurde.

Allen Unbilden zum Trotz begann Richard mit drei Jahren auf einer Tafel zu zeichnen. Im Nu war die kleine Tafel mit einer Unmenge von Bildern übersät. Im Alter von sechs Jahren brachte ihn die Mutter zu Molly Leishman, einer Lehrerin für besondere Fälle und weithin bekannt für die Aufnahme von Kindern, die für andere Spezialschulen zu schwierig waren. Leishman erkannte bereits beim ersten Bild, das der Kleine zeichnete, dessen außerordentliche Begabung. „Was ich sah, war magisch“, sagte sie. Zeichnen war auch die Form seiner Kommunikation, denn ordentlich sprechen konnte er erst mit elf Jahren. 1960 übersiedelte die Familie dann nach Edinburgh.

Inselbegabung
Als Wawro 12 Jahre alt war, begutachtete Prof. Marian Bohusz-Szyszko von der polnischen Kunstschule in London seine Zeichnungen und war „wie vom Blitz getroffen“. Er beschreibt Wawros Arbeiten als „phänomenal, geschaffen mit höchster technischer Präzision und der Vision eines Poeten“.

Richard Wawro

Wie andere Inselbegabte verfügte auch Wawro über ein außerordentliches Gedächtnis. So erinnerte er sich genau, wo und wann er ein Bild gezeichnet hatte, und konnte diese Daten jederzeit abrufen. Für seine Zeichnungen verwendete er keine Vorlagen, sondern brachte zu Papier, was er lediglich einmal im Fernsehen oder in irgendeinem Buch gesehen hatte. Er verfügte zwar über ein absolutes Gedächtnis, versah seine Arbeiten jedoch oft auch mit persönlichen Eindrücken und Interpretationen.

Zeichnen
Besonders fasziniert war Wawro vom Licht, mit dem er spielend umgehen konnte. Die Farbtöne, die er zur Darstellung von Licht und Schatten verwendete, gelten als meisterhaft.
Für ihn war die Kunst sein Leben und seine Liebe. Er war stolz auf sein Talent und setzte es mit Freuden ein. Jedes neu geschaffene Bild brachte er seinem Vater und die gemeinsame Zufriedenheit über den Erfolg kam jeweils in der feierlichen Geste eines High Five zum Ausdruck. Die beiden schätzten sich sehr. Auch die Mutter, die 1979 starb, stand ihm nahe. Der Vater starb 2002.

Ausstellungen
Seine erste Ausstellung hatte Wawro mit 17 Jahren in Edinburgh, wodurch er auch öffentlich bekannt wurde. Zum eigentlichen Durchbruch kam es 1970, als der Edinburgher Unternehmer Richard Demarco mit ihm Kontakt aufnahm und seine Werke in seiner Galerie ausstellte. Für das nationale Bekanntwerden sorgte ein Bericht der BBC, der ein zweites Mal ausgestrahlt wurde.
Heute ist Wawro weltweit bekannt. In über hundert Ausstellungen wurden mehr als 1000 Bilder von ihm verkauft. Eine Ausstellung wurde sogar von Margaret Thatcher eröffnet, als diese Bildungsministerin war. Unter den vielen Käufern befand sich auch Papst Johannes Paul II. 1983 wurde von Dr. Laurence Becker unter dem Titel „With Eyes Wide Open“ ein Film über Wawro gedreht, der großen Anklang fand.

Öffentlichkeit
Wawro liebte seine Bekanntheit und nannte sich gern „internationaler Künstler“. Trotz seiner Kommunikationsschwierigkeiten verstand er es, mit jedem in Verbindung zu kommen und Freundschaften zu pflegen. Er liebte auch die Musik, besonders die Popmusik der 1960er Jahre. Nach dem Anhören eines Liedes konnte er den Namen des Sängers und das Entstehungsjahr nennen.

Nachdem er bereits mit sechs Jahren eine Krebserkrankung überlebt hatte, kam für ihn die Nachricht von Lungenkrebs im Endstadium doch eher überraschend. Richard Wawro starb im Alter von 53 Jahren in Edinburgh.

Lit.: Treffert, Darold A.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=Pvys7263DNc

STEPHAN  WITSHIRE

Stephen Wiltshire (geb. am 24. April 1974 in London), autistischer Künstler mit Inselbegabung.

Stephan Wiltshire ist der Sohn von Eltern westindischer Herkunft. Sein Vater Colvin war gebürtig aus Barbados, seine Mutter Geneveva stammte aus St. Lucia. Als Kind blieb er in seiner Entwicklung gegenüber anderen Kindern zurück und wurde mit drei Jahren als Autist diagnostiziert. Im Alter von fünf Jahren stellte dann ein Lehrer an der Queensmill School in London fest, dass das Zeichnen die einzige Tätigkeit war, bei der sich Stephen wirklich in seinem Element fühlte. Zeichnen war sein Weg, mit der Welt zu kommunizieren. Mit sieben Jahren begann er, neben seiner Faszination für amerikanische Autos, Landschaften und Städte zu zeichnen. Sein Interesse für amerikanische Autos war so groß, dass er darüber ein geradezu enzyklopädisches Wissen anhäufte.

Die ersten Worte
In der Queensmill School, die er besuchte, forderten ihn die Lehrer jedoch zum Sprechen auf. Um ihn sogar dazu zu zwingen, nahmen sie ihm auf Zeit die Zeichenutensilien weg – mit Erfolg. Stephen antwortete zunächst mit gewissen Tönen und stotterte sein erstes Wort, angeblich: „Papier“.
Nach Einsicht in einen Bildband mit Fotos über Verwüstungen durch Erdbeben begann er mit detaillierten architektonischen Zeichnungen von Stadtbildern.

Karriere
Stephens Karriere begann bereits mit sieben Jahren. Mit Hilfe seines Lehrers Chris Morris, der seine Begabung erkannte und förderte, lernte er mit neun Jahren nicht nur sprechen, sondern konnte auch an Kinderwettbewerben für Kunst teilnehmen, bei denen er mehrere Preise gewann. Inzwischen wurde auch die Presse auf ihn aufmerksam und er wurde landesweit bekannt. Mit acht Jahren erhielt er von Premierminister Edward Heath als ersten Auftrag, die Kathedrale von Salisbury zu zeichnen.

Im Alter von zehn Jahren zeichnete er eine Serie von Bildern, genannt „London Alphabet“, in alphabetischer Ordnung von Albert Hall bis London Zoo.
1987 wurde Stephen von Hugh Casson in einer Show als das wahrscheinlich beste Künstlerkind Großbritanniens vorgestellt. Casson brachte ihn auch mit der Literaturagentin Margaret Hewson in Kontakt. Diese eröffnete Stephen die Möglichkeit, an der angesehenen City and Guilds of London-Kunstschule Zeichnen und Malerei zu studieren. 1998 schloss er dort das Studium ab.

Das fotografische Gedächtnis
Stephens außergewöhnliche Begabung, die ihn von allen anderen Künstlern unterscheidet, ist sein fotografisches Gedächtnis, verbunden mit der Fähigkeit, die einmal gewonnenen Eindrücke gleichsam kopierartig mit großer Geschwindigkeit auf Leinwand zu zeichnen. So nahm er im Lauf der Jahre an mehreren Fernsehdokumentationen teil, bei denen er in einem Hubschrauber über verschiedene Metropolen auf der ganzen Welt flog und diese Sicht dann auf eine gigantische Leinwand brachte. Die Menge an Details, die Stephen dabei in sein Gedächtnis aufnehmen und reproduzieren kann, ist nicht nur absolut außergewöhnlich, sondern auch völlig unerklärlich und hat ihm zu Recht den Spitznamen „Die lebende Kamera“ eingebracht.
Stephen Wiltshire

2007 wurde Stephen Wiltshire in Anerkennung seiner besonderen Leistungen von Königin Elisabeth II. zum Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt.
In seine Zeichnungen, zuweilen in Farbe, fügt er Anklänge an Gestalten von Tieren und Menschen ein, was auf seine soziale Entwicklung hinweist. Inzwischen zeichnet er auch Karikaturen.

Musik
Schon seine Lehrer machten die Beobachtung, dass Stephen auch gerne singt, doch war sein musikalisches Talent nicht auffallend. Die Journalistin Anne Barrowclough berichtet, dass sie ihn bei seiner Reise nach Russland, als sie im Hotelzimmer Opernmusik anhörten, eines Abends aus dem Gedächtnis Carmen singen hörte. Stephen hatte die Oper im Fernsehen gehört und sie vollkommen in Erinnerung behalten. Er begann dann gleich bei der Musiklehrerin Evelin Preston Musikunterricht zu nehmen. Diese stellte ein absolutes musikalisches Gehör bei ihm fest. Das ist insofern überraschend, als Autisten meist nur in einer Richtung Lernbegabungen aufweisen. Linda Pring, Neuropsychologin am Goldsmith College in London, befasste sich einen Sommer lang mit dieser Doppelbegabung von Stephen. Dabei kam sie zum Ergebnis, dass es in der gesamten wissenschaftlichen Literatur diesbezüglich nur einen früheren Fall gibt.

Galerie
2007 eröffnete Wiltshire seine eigene Galerie. 2011 erhielt er die Ehrenmitgliedschaft von der Gesellschaft für Architekturillustration. Er engagiert sich zunehmend persönlich, hat viel Sinn für Humor und parodiert zuweilen bekannte Sänger.

W.: Drawings. London: Dent, 1987; Floating cities: Venice, Amsterdam, Leningrad – and Moscow. London: Joseph, 1991.
www.stephenwiltshire.co.uk

GILLES TRÉHIN

Gilles Tréhin (geb. 1972 in Belgien, genaues Datum nicht bekannt), autistischer Inselbegabter, lebt heute in Cagnes-sur-Mer an der Cote d’Azur in Frankreich.

Entwicklung
Mit drei Jahren konnte Gilles das erste Wort sprechen, nämlich: Flugzeug, immer zweimal. Mit fünf entdeckte er die Primzahlen und das dreidimensionale Zeichnen. Er zeichnete vor allem Flugzeuge, Flughäfen und Städte. Mit sechs Jahren stellte man bei ihm ein absolutes Gehör fest und die Fähigkeit, komplizierte Rechenaufgaben zu lösen, ohne nachzudenken.

USA
Von 1978 bis 1981 lebte Gilles mit seiner Familie in der Nähe von New York und war fasziniert von den großen Bauten und Wolkenkratzern. Er machte sich gleich daran, dieselben mit Legobausteinen nachzubilden, ohne klare Idee für deren Verwendung. Gleichermaßen interessierte er sich für Flugzeuge und Flugplätze. Mit acht Jahren bekam er die Diagnose Autismus mit Savant-Syndrom, die vom Yale Child Study Center durch Prof. Donald Cohen gestellt wurde.
Trotz des angeborenen Kanner-Autismus entfaltete sich Gilles in Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter überraschend positiv. Dies hängt damit zusammen, dass er, wie man weiter feststellte, eine Reihe von Talenten besitzt, die sein Selbstbewusstsein und sein soziales Verhalten förderten.

Bereits in seinen Kinderjahren wurde offensichtlich, dass er ein perfektes Musikgehör hat. So ersuchte er trotz begrenzter Sprachfähigkeit schon als Kind den Vater, Klavier oder Gitarre zu spielen. Beim Abspielen von Musik mit nicht korrekter Geschwindigkeit wurde er unruhig. Später begann er sogar selbst eine elektrische Bassgitarre zu spielen und spielte ohne jeden Unterricht schwierige Jazz-Stücke.

Mit fünf Jahren stellte er für sich fest, dass er die Fähigkeit hatte, dreidimensional zu zeichnen. Dies sollte dann auch seine bevorzugte Tätigkeit werden, weil er durch Zeichnen seine ganze Phantasie zum Ausdruck bringen konnte.
Gilles Tréhin

Als weitere Begabung ist das Kopfrechnen zu nennen. Schon mit sechs Jahren überraschte er die Eltern bei der Beantwortung von Multiplikationsfragen, die diese an seine Schwester stellten. Sie prüften ihn daraufhin mit einem Taschenrechner. Er stockte nur, wenn er die Zahl nicht aussprechen konnte, wie etwa 1000. Mit sieben Jahren lernte er von selbst die Primzahlen kennen und konnte sofort sagen, ob eine Zahl eine Primzahl enthält. In 4187 sei nichts, sagte er, keine 2, 3, 5, 7, 11 oder 13.

London
Von 1984 bis 1986 lebte Gilles mit seiner Familie in London. Gerade 1984 konkretisierte sich die Idee von der fiktiven Stadt Urville. Er zeichnete eine große Zahl von kleinen Flugzeugen, für die er mittels Legobausteinen ein Flughafenmodell erstellte. Zudem versuchte er eine Broschüre mit Abflug- und Ankunftzeiten zu verfassen. Allerdings kam er in den zwei Jahren in London zu keiner klaren Vorstellung, wie die Stadt aussehen sollte, bis er den ersten symbolischen Bau von Urville, den Turm 2000, schuf.

Cagnes sur Mer
1986 kehrte die Familie nach Cagnes sur Mer zurück, wo Gilles die Idee von zwei Türmen kam: Megalopolis-Turm und Olympisches Stadion. Zudem zeichnete er den Flughafen ganz nahe bei der Stadt, da in seinem Schlafzimmer nicht mehr Platz war. Zu einem großen Flughafen gehöre jedoch eine große Stadt, dachte er bei sich. Doch wo konnte sie gebaut werden?

Urville
1987 kam ihm die alles umfassende Idee, die Stadt einfach in seiner Vorstellung zu bauen und Lego durch Zeichnen zu ersetzen. Damit war der Weg frei für das Zeichnen und Beschreiben der großen Phantasiestadt Urville, in die er gedanklich seinen Wohnsitz stellte.

Dort zeichnete er bisher bereits auf mehreren hunderttausend Bögen Papier die futuristischen Häuser aus allen Perspektiven und mit allen Details. Die Stadt hat zwanzig Millionen Einwohner, besteht aus entsprechend vielen Häusern, einem ausgeklügelten Kanalsystem, einem Hafen und einem Flughafen. Gilles, der neben Fremdsprachen Mathematik und Klavier lernte, studierte sogar Geschichte, um seiner Stadt einen glaubwürdigen geschichtlichen Anstrich zu geben.
Zudem lernte er Catherine Mouet (Abb.) kennen, die besessen ist von mathematischen Formeln und ein Universitätsdiplom in Mathematik vorzuweisen hat. Während der Doktorarbeit verließen sie allerdings endgültig die Kräfte. Mit 31 Jahren erfuhr sie dann, dass sie Autistin mit Asperger-Syndrom ist. Mouet und Tréhin verstanden sich von Anfang an als Autisten, da sie keiner geregelten Arbeit nachgehen können. So wohnen sie nun beide in Urville. Den Wohnbereich in der großen Stadt durfte Catherine wählen. Allerdings existiert Urville nur in der Phantasie der beiden. Gilles hatte die Stadt ja nur auf Papier gebaut.

Lit.: Treffert, Darold: Gilles Tréhin – The City of Urville. Wisconsin Medical Society. Retrieved 2007-11-15.
Moore, Charlotte: Autistic couple bound to each other – and their art. The Guardian. Retrieved 2007-11-15.
http://www.urville.com


HENRIETT SETH F.

Henriett Seth F. (ungarisches Pseudonym Seth F. Henriett; der eigentliche Name ist Fajcsák Henrietta, geb. am 27. Oktober 1980 in Eger, Ungarn), Autistin mit Inselbegabung, Malerin, Dichterin und Schriftstellerin.

Kindheit
In ihrer frühen Kindheit blickte Henriett niemanden an, mied jeden Augenkontakt. Aufgrund ihrer Kommunikationsschwierigkeiten lehnten es 1987 sämtliche Volksschulen ab, sie aufzunehmen. Man gab sie in eine Musik- und Kunstschule,wo sie aber nie ein Lied sang. 1989 wurde sie von zwei Lehrern in eine Schule für geistig Behinderte geschickt, wenngleich sie weiterhin an der Musik- und Kunstschule bleiben konnte.

Mit acht Jahren spielte Henriett Flöte, zwischen dem 10. und dem 12. Lebensjahr Kontrabass und im Alter von 13 Jahren trat sie bei Konzerten in der Armee-Garnison von Eger auf. Im gleichen Jahr gab sie allerdings die Musikkarriere für immer auf.

Neben Kommunikationsproblemen und repetitivem (wiederholendem) Verhalten litt Henriett auch an Echolalie, dem Nachsprechen vorgesagter Wörter bzw. dem Wiederholen von Sätzen und Wörtern von Gesprächspartnern. Bereits 2002 wurde von der ungarischen Autismus-Stiftung und zwei Psychiatern aus Eger die Diagnose frühkindlicher Autismus gestellt, der bei Henriett heute als Kanner-Autismus mit Inselbegabung bezeichnet werden kann, da sie schon in ihrer Kindheit besondere Begabungen im Bereich darstellende Kunst, Dichten und Schreiben zeigte. Diese Begabungen kamen vom 9. bis zum 13. Lebensjahr zur Entfaltung.

Ausstellungen und Veröffentlichungen
Ihre ersten Bilderausstellungen fanden 1996 und 1998 im Haus der Kunst in Eger statt. Mit 18 Jahren gewann Henriett für ihre künstlerische und literarische Tätigkeit den Géza Gárdonyi-Preis. 2000 erreichte sie beim internationalen Literaturwettbewerb den sechsten und 2001 bei der Internationalen Allianz der ungarischen Schriftsteller den ersten Platz. 2004 nahm sie an der Osteuropa-Autismus-Konferenz teil. Ihre Kunst wird dem Expressionismus und Surrealismus zugeordnet.

Henriett Seth F.

2005 schrieb sie das Buch Autizmussal önmagamba zárva (Mit Autismus im Selbst eingeschlossen), das von der ungarischen Autismus-Stiftung und vom Ministerium für Nationales Kulturerbe veröffentlicht wurde und Henriett weltbekannt machte. Im gleichen Jahr wurde sie zum Friderikusz Sándor-Dokumentarfilm Szólás Szabadsága (Sprechfreiheit) eingeladen, der großen Anklang fand und den Titel Esőlány (Rain Girl) erhielt. 2006 schrieb sie den Roman Autizmus – Egy másik világ (Autismus – eine andere Welt), der von der Universität Pécs veröffentlicht wurde. Bereits in ihrer Kindheit und im Kolleg verfasste sie für die Zeitschrift Esőember (Rain Man) Novellen und Gedichte.

Gesundheitliche Grenzen
Trotz ihres Eifers und der Erfolge ihrer Arbeit setzte Henriett der Gesundheitszustand immer mehr zu. Sie litt an Immunschwäche, Herzproblemen, drei Formen von Augenkrankheiten (Myopie, Astigmatismus, Strabismus), an orthopädischen Erkrankungen und anderen körperlichen Störungen. 2009 erkrankte sie an Leukämie (Werlhof-Krankheit) und 2012 wurde ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert.

So zeigte sie ihr letztes Kunstwerk 2007 in der Öffentlichen Bibliothek Brody Sándor. Mit 25 Jahren stellte sie die Schriftstellerei und noch vor ihrem 27. Lebensjahr auch die Malerei ein. Auf den Rat ihrer Mutter hin verkaufte sie keine Schriften und Bilder aus der Kindheit und Jugendzeit. Dafür finden sich im Internet mehrere Videoclips über Henriett Seth F. und ihre Arbeiten.

https://www.youtube.com/watch?v=fXbrCojvGEY


GEORGE WIDENER

George Widener (geb. am 8. Februar 1962 in Covington / Kentucky, USA), Vertreter des Art brut mit Asperger-Syndrom und Inselbegabung.
Art brut (franz.‚ unverbildete, rohe Kunst; engl. Outsider Art, Außenseiter-Kunst) ist ein Sammelbegriff für autodidaktische Kunst von Laien, Kindern und Menschen mit geistiger Behinderung. Die Bezeichnung ging von dem französischen Maler Jean Dubuffet aus, der sich eingehend mit der „naiven“ Ästhetik befasste.

Kindheit
George Widener war schon als Kind und Jugendlicher in seinem Verhalten besonders auffällig, weil er im Umgang mit Menschen große Probleme hatte. Andererseits faszinierte ihn der Kalender in der Wohnung seiner Großmutter, war es für ihn doch ein Leichtes die kalendarischen Daten in Beziehung zu bringen. So steht auf einem Selbstporträt: „Ich wurde geboren als zweiter Sohn der zweiten Ehe am zweiten Donnerstag im zweiten Monat des zweiten Jahres der zweiten Dekade in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts des zweiten Jahrtausends. Ich lebe zurzeit im zweiten Stock. Ich brauche keine zweite Meinung, aber eine zweite Chance wäre mir schon recht.“

Beruf
Trotz dieser eigenwilligen Denkform absolvierte Widener die Hochschule und war Anfang der 1980er Jahre bei der Air Force im deutschen Zweibrücken an der Ausarbeitung von Spionageaufnahmen tätig, wurde aber (wegen Geisteskrankheit) als kampfuntauglich nach Hause geschickt. Als er dann in Texas Ingenieurwissenschaften zu studieren begann, häuften sich die psychischen und finanziellen Probleme, sodass er das Studium aufgab und zeitweise in der Amsterdamer Hausbesetzerszene mitwirkte oder als Obdachloser auf Parkbänken logierte.
Tagsüber studierte er in Bibliotheken Lexika und las Bücher und Zeitschriften. Dabei zeigte er eine auffällige Begabung für Zahlen, Daten, historische und statistische Fakten sowie mathematische Berechnungen.

Autist mit Inselbegabung
Der Wendepunkt in seinem Leben kam jedoch erst im Jahre 2000, in seinem 38. Lebensjahr, als man bei ihm im Zuge einer medizinischen Untersuchung die Diagnose Asperger-Syndrom mit Inselbegabung stellte. George musste nun nicht mehr als Verrückter leben. Er fing an sein Denken, das er schon lange in Zeichnungen und Listen umgesetzt hatte, in künstlerische Ausdrucksformen zu bringen und seinen zeichnerischen Arbeiten eine ästhetische Gestalt zu verleihen. Zunehmend begannen sich Galerien für seine Werke zu interessieren.

Zeichnungen
Seine Zeichnungen bestehen häufig aus Papierservietten oder Tischdecken, die er mit Tee oder Kaffee einfärbt und mit unzähligen Ziffern, Daten und Ereignisbeschreibungen überzieht. Den Bildraum selbst strukturieren häufig Schiffe, Flugzeuge oder Städtepanoramen.

George Widener

Die Themen seiner Gestaltung sind vielfältig und zeigen einen Hang zu Unglücksfällen. So interessierte er sich schon als Kind für die „Titanic“. Als er später dann alle möglichen Daten rund um deren Untergang sammelte, stieß er auf seinen Urgroßonkel, den Kaufmann und Bankier George Widener. Dies heizte sein Interesse für Unglücksfälle und Katastrophen mit auffälligen Zahlen- und Datenkorrespondenzen in deren Umfeld noch weiter an.

Ein besonderes Erlebnis war für ihn 2006 die Begegnung mit dem Autisten und Inselbegabten Kim Peek, von dem schon im Abschnitt „Erinnerungstalente“ die Rede war. Dabei machte er die Erfahrung, dass er mehr Spielraum hatte, sich von den inneren Zahlenwelten zu lösen und sich dem Alltag und anderen Menschen zuzuwenden. So arbeitete er daran, sein Leben immer mehr zu normalisieren, ging eine Partnerschaft ein und begann auch Auto zu fahren.

Ausstellung
Als Wideners erste Ausstellung in Europa im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart in Berlin von den Journalisten vorgestellt wurde, gab er sich charmant, gesprächig und offener als oft andere Künstler. Dabei zeigte er auch seine andere Sicht der Welt, indem er auf die Frage eines Journalisten die Frage nach dessen Geburtsdatum stellte. Als dieser dasselbe nannte, schloss Widener für einen Moment inneren Sehens die Augen, um gleich darauf festzustellen: „Das war ein Sonntag.“

Innere Welt der Daten
Solche Rückzüge in seine innere Welt der Daten macht Widener immer, wenn ihn die Eindrücke, wo auch immer, zu überschwemmen drohen, wie etwa im Verkehr einer Großstadt. Zur Entspannung übersetzt er dann einfach Autokennzeichen in historische Daten.
Seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart in Berlin 2013 war vor allem auch deshalb von Bedeutung, weil sie die Begegnung mit der Schönheit einer Denkweise ermöglichte, die lange als absonderlich wahrgenommen wurde, bis man eine Inselbegabung mit Asperger-Syndrom zu schätzen vermochte.

Lit.: Henk, Malte: Die Inseln der Begabung, in: Intelligenz, Begabung, Kreativität, Nr. 28 von Geo-Kompakt, 09/2011; Kittelmann, Udo / Dichter, Claudia / Safarova, Barbara: George Widener. Secret Universe IV. Köln: Walther König, 2013.
https://www.youtube.com/watch?v=8xiOdRkTCeU

JAMES CHARLES CASTLE

James Charles Castle (geb. am 25. September 1899 in Garden Valley, Idaho, USA; † 26. Oktober 1977), tauber Autist mit künstlerischer Inselbegabung.

Kindheit und Schule
James Charles Castle war der Sohn von Frances J. Castle und Mary Nora Scanlon. Er war das fünfte von sieben Kindern und wurde zwei Monate zu früh geboren. Die Mutter war Hebamme, der Vater Postbeamter.

Castle kam vollständig taub zur Welt und besuchte zunächst keine Schule, bis er mit zehn Jahren in die Gooding School für Taube und Blinde im Südosten von Idaho aufgenommen wurde, wo er von 1910 – 1915 lebte. Da an den öffentlichen Schulen der damaligen Zeit Zeichensprache nicht gelehrt wurde, lernte er diese möglicherweise von Mitschülern. Praktische Formen der Kommunikation, die er sich an der Schule angeeignet haben mag, gingen über die Jahre wieder verloren, weil diese zu Hause nicht weiter gepflegt wurden. Es ist daher nicht bekannt, inwieweit Castle lesen, schreiben oder Gebärdensprachen konnte. Dennoch: Obwohl er nichts über die künstlerische Welt außerhalb seiner kleinen Gemeinde wusste, entwickelte sich sein Werk parallel zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Außer in der Gooding School wohnte Castle an drei Orten in Idaho: in der Kleinstadt Star sowie auf Subsistenzlandwirtschaften in Garden Valley und Boise. Als seine Mutter dann in den 1930er Jahren starb, erbte seine Schwester Agnes die Farm in Boise, wo Castle fortan mit ihr, ihrem Mann und den vier Kindern in einer kleinen Dreizimmerwohnung hauste.

Zeichnungen und selbstgemachte Bücher
Castle begann schon sehr früh zu zeichnen. Dabei gestaltete er seine künstlerischen Arbeiten und selbst gemachten Bücher das ganze Leben hindurch als Inselbegabter und absoluter Autodidakt. Seine Werke wurden fast ausschließlich aus gefundenen Materialien wie weggeworfenem Packpapier, Lebensmittelpackungen, Post- und Containerabfällen hergestellt. So gehörte es zu seinem täglichen Ritual, die Mülleimer zu Hause und in der unmittelbaren Nachbarschaft nach Material und Anregungen für sein künstlerisches Schaffen zu durchstöbern. Er mischte beispielsweise Tinte aus Ruß vom Holzofen mit Spucke und trug dieses Gemisch mit selbst gebastelten Werkzeugen auf. Die Familienmitglieder gaben ihm Öl- und Wasserfarben dazu.

 James Charrles Castle

Castles Zeichnungen stellen tief empfundene Innenräume dar, Gebäude, Tiere, Menschen in ländlichen Heimgärten, Familienheime auf dem Land, architektonische Besonderheiten oder Landschaften aus der Umgebung, die er durchstreifte.

Anerkennung als Künstler
Niemand in der Familie erkannte den künstlerischen Wert von Castles Arbeiten, bis in den 1950ern sein Neffe Bob Beach von der Museum Art School in Portland, Oregon, auf Urlaub nach Hause kam und der Familie zu verstehen gab, dass man Castles Zeichnungen und selbst gemachte Bücher durchaus „Kunst“ nennen könne. Beach durfte auch einige der Zeichnungen an die Kunstschule mitnehmen, um sie den Professoren zu zeigen. Dies war der Beginn von Castles Anerkennung als Künstler. Seine Werke wurden schon bald in Museen und Galerien des Pazifischen Nordwestens gezeigt und bereicherten von den 1960ern an bis zu seinem Tod 1977 mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen. Die durch das anhaltende Interesse an seinen Werken völlig überforderte Familie verweigerte daraufhin 20 Jahre lang jeden weiteren Zugang zu seiner Sammlung.

Ausstellungen im In-und Ausland
1998 wurden Castles Werke auf der „Außenseiter“-Kunstmesse in New York der Öffentlichkeit vorgestellt. Ausstellungen in verschiedensten Museen und Galerien der USA folgten. Seine Werke wurden von bedeutenden Institutionen gesammelt. Das Philadelphia Kunstmuseum organisierte sogar eine Retrospektive seiner Arbeiten, die 2008 und 2009 als Wanderausstellung in den Vereinigten Staaten zu sehen war. Auf die internationale Bühne fanden seine Arbeiten im Rahmen einer größeren Ausstellung 2011 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid sowie 2013 auf der Biennale in Venedig.

Geheimnisvollster Künstler der USA im 20. Jahrhundert
Castle verbrachte sein Leben als Taubstummer in Idaho. Seine Hauptsprache war die Kunst. Er zeichnete und schrieb, sprach aber niemals auf direkte Weise. Dies machte den Inselbegabten in der Einsamkeit seiner Tausenden von hervorragenden Kunstwerken zum Favoriten auf dem Gebiet der autodidaktischen Künstler. Die angebliche Einsamkeit sprengte das Smithsonian American Art Museum in Washington, das 54 Werke, die vierzig Jahre seiner künstlerischen Tätigkeit abdecken, beherbergt und durch deren Computerisierung der Welt einen der geheimnisvollsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts präsentiert. So geheimnisvoll wie er selbst bleiben seine selbst gemachten Bücher, die vor rätselhaften Symbolen und Anspielungen nur so strotzen.

Lit.: Percy, Ann: James Castle: A Retroperspective. Yale University Press, 2009.
http://www.jamescastle.com

PING LIAN YEAK

Ping Lian Yeak (geb. am 18. November 1993 in Kuala Lumpur, Malaysia, wohnt seit 2006 in Sydney, Australien), Autist und Inselbegabter, Künstler.

Kindheit
Ping Lian Yeak wurde als Jüngstes von drei Kindern in Kuala Lumpur geboren, wo er mit zwei älteren Schwestern aufwuchs. Er war immer anders, doch alles, was die Eltern, Mutter Lee und Vater Ming Sen, damals wussten, war, dass er hyperaktiv ist und unter Schlafproblemen leidet. Sie versuchten daher ihr Möglichstes, um sein unstetes Verhalten zu mäßigen und seinen Schlaf zu fördern. So schalteten sie z.B. beruhigende Musik ein und ließen ihn nachts zwischen ihnen schlafen, streichelten ihn und taten ihm kund, dass sie ihn liebten.
Ping war aber nicht nur ein hyperaktives Kleinkind mit Schlafschwierigkeiten, sondern zeigte auch keinerlei Gefühl und kein Empfinden für Gefahren. Sprechen konnte er mit drei Jahren noch nicht. Er lebte in seiner eigenen Welt.

Als Ping vier Jahre alt war, wurde der Mutter mitgeteilt, dass sein Gehirn in Ordnung sei, dass er aber an einem Aufmerksamkeitsdefizit und einer hyperaktiven Störung mit autistischen Eigenschaften leide. Zudem wurde ihr gesagt, dass er einer Sprach- und Beschäftigungstherapie bedürfe. Dabei bemerkte man, dass Pings Energieausbrüche nur durch Szenen und schöne Bilder gebändigt werden konnten. Als er auch in der Schule nicht mit den anderen Schülern mithalten konnte, gab seine Mutter ihren Beruf auf, um ihn zu Hause zu unterrichten. Anfangs war seine Motorik jedoch noch so schwach, dass er nicht einmal einen Bleistift halten konnte. Auch von einem Spiel war keine Rede. Erst allmählich wurde er kräftiger und begann zu skizzieren und mit Wasserfarben einzufärben, wobei die Mutter Zug um Zug seine Hand führte. Diese Übung sollte Ping bei seiner Unfähigkeit, Kontakte zu knüpfen, auch zur Selbstbeschäftigung dienen.

Als die Familie Yeak eines Tages – Ping war damals fünf oder sechs Jahre alt – in Kuala Lumpur auf dem Markt spazierte, hörte Ping ein Kind im Kinderwagen weinen und rannte sofort zu ihm, um ihm zu helfen. Es war dies der erste Ausdruck von Empathie, auf den man Jahre gewartet hatte.
Die steten Wiederholungen im Zeichnen und Malen führten geradezu zu einem Zwang. Mit acht Jahren entfaltete sich Pings Kreativität dann so rasch, dass die Mutter drei verschiedene Künstler anstellte, um sein Talent zu fördern. Malen wurde nun zu seiner beliebtesten Ausdrucksform, wenngleich er auch Klavier spielen kann.

Pings Werke
Pings Werke beeindruckten jeden Betrachter und so wurde er rasch als autistische Inselbegabung erkannt. Dokumentensammler, Kunstgalerien und medizinische Experten aus aller Welt kamen, um die Arbeiten Pings zu sehen und seine künstlerische Begabung zu bewundern. Er selbst ließ sich davon nicht stören, sondern zeichnete und malte unbeirrt weiter. Die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit in Kohle, Acryl, Wasserfarben, Tinte und Ölfarben gemalten Bilder wurden sofort an mehreren Orten ausgestellt.

Der eigentliche Durchbruch erfolgte jedoch erst, als Ping elf Jahre alt war und plötzlich der Vater starb, ein Jahr später gefolgt vom Tod der 79-jährigen Großmutter. Ping sagte zur Mutter: „Ich vermisse Vater, ich vermisse Großmutter.“ Zum ersten Mal verstand er die Bedeutung von Liebe und Verlust und teilte dies mit. Dann setzte er sich hin und malte mit besonderem Gefühl ein wundervolles großes Huhn mit einem Küken unter den Flügeln.
Die schrittweise Begleitung bei seinen Skizzen und Zeichnungen bot auch eine Möglichkeit, seine Nachahmung zu fördern. Schließlich wurde das Zeichnen zum Auslöser für die Entdeckung seines außerordentlichen künstlerischen Talents.

Damals entschied die Mutter, mit ihrer Familie nach Australien zurückzukehren, wo sie schon früher gelebt und Sidney und Melbourne besucht hatten. Da Ping die Gebäude von Sidney so gefielen, ließ sich die Mutter 2006 mit ihren drei Kindern dort nieder, obwohl alles völlig fremd war. Sie lebten vom Verkauf ihrer Wohnung in Kuala Lumpur und von einer Gruppe von Geschäftsleuten, die die Arbeiten Pings schätzten und unterstützten. Die Mädchen gingen einer Teilzeitbeschäftigung nach, während Ping die Aspect Vern Barnett School für autistische Kinder besuchte.

Mit acht Jahren ließ Ping vom Skizzieren ab und schien ganz plötzlich vom Zeichnen besessen zu sein. Der Übergang vom Skizzieren zum Zeichnen erfolgte völlig spontan. Eines Tages hatte er gerade ein Eis gegessen, als er sofort darauf das Bild auf der Eisverpackung malte. Seither hat er nicht mehr zu zeichnen aufgehört und die Qualität seiner Zeichnungen nahm überraschend zu.

Ausstellungen
2009 entschloss sich die Mutter, Pings Ausstellungen zu organisieren. Die beiden eröffneten auf dem Wochenendmarkt von Sidney einen Verkaufsstand für seine Werke, zumeist Gemälde. Dabei lernte Ping unter Menschen zu gehen. Er ging sogar gerne dorthin, fühlte sich nützlich, weil er den Stand errichten konnte und die Aufmerksamkeit liebte. Er wurde glücklicher und ruhiger.
Inzwischen hat Ping an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen und viele Bilder verkauft. Der Höchstpreis, den er für ein Bild erzielte, betrug umgerechnet über 20.000 Euro. Ping weiß jedoch nicht, was diese Summen bedeuten, für ihn zählt nur die Freude am Malen.

Lit.: Bonesteel, Lynn: Real Reading 3: Creating an Authentic Reading Experience. White Plains, NY: Pearson Longman, 2011.
http://www.pinglian.com/


JONATHAN LERMAN

Jonathan Lerman (geb. 1987 in New York), Autist und Inselbegabter, Künstler.

Kindheit
Die Mutter Caren, eine Operationsschwester, beschreibt Jonathan als fröhliches Kind, das bei der Feier des ersten Geburtstags in unkontrolliertes Weinen ausbrach und sich dann in ein tiefes und langes Schweigen hüllte. Die Eltern brachten Jonathan von einem Spezialisten zum andern. Als er drei Jahre alt war, diagnostizierte ein Neuropsychiater schließlich eine tiefe autistische Entwicklungsstörung. Eine lebenslange Beeinträchtigung würde ihn von echter Kommunikation und dem Verständnis dessen, was er sieht, hört oder fühlt, abhalten. Autisten neigen nämlich sowohl zu extremer Aktivität als auch zu ungewöhnlicher Passivität. 80% liegen unter der normalen Intelligenz, wenngleich viele in Kunst, Mathematik und Gedächtnis Außerordentliches leisten.

Eigenartige Verhaltensformen
Bei dieser Nachricht fielen die Lermans, er introvertiert, sie extrovertiert, in eine tiefe Trauer und suchten nach Erklärungen. Obwohl inzwischen geschieden, sorgten beide für Jonathan. Die Mutter dachte an einen genetischen Fehler oder eine Virusinfektion im Mutterleib und beauftragte einen Sprachtherapeuten und andere Spezialisten. Um den Kleinen auch einer Verhaltensmodifikation in Binghamton, New York, zu unterziehen, übersiedelte die Mutter nach Vestal. Dabei bemerkte sie im Umgang mit Jonathan eine Reihe eigenartiger Verhaltensformen. So griff er im Zirkus nach dem Popcorn des Nachbarn und nahm sich in einem Gasthaus ein Stück von einer Geburtstagstorte. Die Mutter erklärte beschämt das Problem und man brachte für Jonathan ein eigenes Stück Kuchen. Am Badestrand machte er sich an die „Sonnenanbeter“ heran, um ihnen die Decke wegzunehmen.

Was seine Nahrung betrifft, so bestand diese eine Zeitlang aus Hamburger. Später kam Pizza dazu, doch musste diese dreieckig und mit sehr wenig Käse belegt sein. Zu Hause saß er viel vor dem Fernseher und kannte bereits mit drei Jahren die meisten Komödien, obwohl er den Eindruck erweckte, dass er sein Wissen kaum einsetzte. Allerdings fragte er bei einem Besuch im Weißen Haus, ob da Hillary wohne.

Kunst
Zu dieser Zeit hatte Jonathan zwar noch kein besonderes Interesse an Kunst, machte aber sonderbare Kritzeleien. Die Eltern führten ihn daher in Museen. Während ihn Picasso überhaupt nicht beeindruckte, berührten ihn die weißen Augen römischer Skulpturen und Bilder. Von Van Gogh war er geradezu fasziniert.

Er sprach nur wenige Worte, drückte seine Bedürfnisse meist mit Gesten aus. Wenn Freunde der Familie zu Besuch kommen wollten, suchte er sich eine Wand, vor die er sich hinlegte, um sie dann stundenlang anzustarren. Die Eltern wunderten sich, als er auf ihre Nennung seines Namens keine Antwort gab und sich bei den Haaren zog, wenn ihm etwas missfiel. Er konnte das Alphabet-Lied singen, bis 12 zählen und lernte Körperteile kennen. Eines Tages dann verschwanden diese Meilensteine seiner Entwicklung.
Inzwischen hatten Jonathans Eltern ein Kind adoptiert. Der Großvater mütterlicherseits machte sie jedoch darauf aufmerksam, dass sie Jonathan nicht vernachlässigen dürften, denn er würde sie noch überraschen.

Jonathan Lermann

Als Jonathan zehn Jahre alt war, starb sein 75-jähriger Großvater, was ihn sehr betroffen machte. Ständig fragte er, wo der Großvater sei und wann er ihn im Himmel besuchen könne.
Schließlich durchbrach er die autistische Isolation und begann zu zeichnen, meist komische und seltsame Gesichter. Auf Fragen gab er aber weiterhin keine Antwort. Als der Vater, ein Gastroenterologe, zu ihm sagte, wenn er glücklich sei, solle er das sagen, hüllte sich Jonathan in Schweigen. Er setzte sich, nahm eine feine Feder sowie ein CD-Album zur Hand und zeichnete in groben Zügen eine vollständige Karikatur des Deckbildes von „Nirwana“ mit Kurt Cobain, einem seiner beliebtesten Rockstars.

Kurz darauf – Jonathan war in ein Programm des lokalen jüdischen Gemeinschaftszentrums eingebunden – rief sein Helfer, Eryn Hartwig, an bat die Mutter, schnell zu kommen, um zu sehen, was Jonathan mache. Er zeichne, aber was für Zeichnungen! Gesichter, komisch und horrend zugleich. Die Mutter deutete dies dahin, dass der Tod ihres Vaters in Jonathan etwas ausgelöst haben könnte.

Inzwischen wurde der Direktor der KS Art (Kunstgalerie) in New York auf Jonathan aufmerksam und gab dem 12-Jährigen 1999 seine erste eigene Ausstellung. Gleichzeitig setzte Jonathan seine Schulausbildung fort. Er kann fließend lesen, fliegt dabei jedoch über die Worte hinweg, ohne den Inhalt voll zu verstehen. Zudem liebt er Rockmusik, nimmt die Gitarre zur Hand und trainiert seine Hände für das Malen und die Bildhauerei. Seine Zeichnungen enthalten Porträts, reale Menschen wie auch Phantasiegestalten. Jonathan füllt die Zeichenblätter mit strengen Linien und dramatischen Schatten, um in den Wesenszügen von Gesichtern tief empfundene Gefühle einzufangen. Mittlerweile arbeitet er auch mit Farben und baut einen Hintergrund in seine Bilder ein. Gegenstand seiner Zeichnungen sind u.a. Rockstars und sexuelle Anklänge. Er macht Ausstellungen und tritt auch im Fernsehen auf.

Lit.: Rexer, Lyle: Jonathan Lerman: Drawings of an Artist with Autism. New York: Braziller, 2002; Treffert, Darold A.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.


TOMMY McHUGH

Tommy McHugh (geb. 1949 in Liverpool; gest. am 19. September 2012), Bauarbeiter, Künstler, Poet und Inselbegabter.

Unfall
McHugh verließ mit 14 Jahren die Schule ohne Abschluss und arbeitete von da an als Bauarbeiter in seiner Heimatstadt. Er hatte einen sehr temperamentvollen und aggressiven Charakter. Mit 51 Jahren erlitt er Schläge auf Stirn und Hinterkopf, woraufhin er bei einer unglücklichen Bewegung im Bad plötzlich heftige Kopfschmerzen verspürte, sodass eine Einlieferung in das Spital erforderlich wurde. Dort diagnostizierten die Ärzte den Riss zweier Arterien im Gehirn. Im Zuge der Operation konnte das Aneurysma auf der rechten Seite neurologisch (Coiling) behandelt werden, nicht aber auf der linken Seite, sodass neurochirurgisch ein Gefäßclip eingesetzt werden musste. Beide Verfahren sind allgemein üblich.

Bei seiner Entlassung aus dem Spital konnte McHugh gehen und essen, wusste aber nicht, dass er essen sollte. Er litt unter schweren Depressionen und Gemütsbewegungen sowie an Agoraphobie. Es folgten Gedächtnis- und Konzentrationsschwächen und Perioden völliger Verwirrtheit, die zuweilen zu Zornausbrüchen führten, sowie Dissoziationsstörungen. Sein Kopf wurde beim Gehen von Gedanken überschwemmt, die er mitteilen wollte. So begann McHugh etwa sechs Wochen nach dem chirurgischen Eingriff wie besessen Gedichte zu schreiben. „Je mehr ich schrieb, umso mehr wollte ich schreiben, es war wie eine Droge“, erzählte er. Dies war jedoch nur ein Vorspiel zu seiner kommenden Verfassung. Die Themen seiner Gedichte handelten vor allem von seiner Persönlichkeitsspaltung und der veränderten Wahrnehmung. Gewisse Bilder und Motive wiederholten sich und seine Gedanken verliefen parallel.

Malereien, Skulpturen und Gedichte
Eines Tage sagte er: „Es ist schade, dass ich nicht zeichnen kann.“ Seine Frau zeigte sich völlig überrascht, war ihr Mann doch ein harter Bursche und schon öfters wegen Drogenmissbrauch und Gewaltdelikten im Gefängnis gesessen. Für Kunst hatte er sich nie interessiert. Dennoch reichte sie ihm einen Zeichenblock und einen Bleistift. Im Nu zeichnete er daraufhin Dutzende kleiner Köpfe und sein Drang zum Zeichnen nahm kein Ende.

In seiner Verzweiflung über diese Zustände schrieb McHugh an eine Reihe von Neurowissenschaftlern und arbeitete mit Alice Flaherty von der Harvard Medical School und Mark Lythgoe von der Universität London zusammen. Letzterer veröffentlichte darüber ein Buch.
Ein anderes Mal griff McHugh zum Pinsel und dekorierte sämtliche Wände und Decken seiner Wohnung mit bunten Gesichtern, Tieren und abstrakten Motiven. Oft arbeitete er bis zu zehn Stunden an einem Wandbild, was ihm selbst wie 10 Sekunden vorkam. Für die Essenszeiten stellte er sich einen Wecker zurecht. Der Tageszeitung The Times erzählte er: „In meinem Haus gehen sie durch mein Gehirn, dort passiert so viel, dass ich alles herauslassen muss, sonst platzt der Kopf.“

Tommy MacHug

McHughs Persönlichkeit, sein Empfinden und seine Wahrnehmung waren völlig verwandelt. In Wolken, Bäumen und Steinmauern sah er Gesichter, die sich ständig veränderten. „Habe ich ein Auge und einen Mund gemalt, hat sich mein inneres Bild schon fünfzigmal verändert und ich versuche, es trotzdem mit dem Pinsel einzufangen.“ Bald kreierte er auch Skulpturen aus Ton, Wachs und Stein. Seine Schaffenskraft bezog sich jedoch nicht nur auf die bildende Kunst, sondern er sprach auch häufig in Reimen und schrieb Gedichte.

Aufgrund dieser außergewöhnlichen Handlungen wurde McHugh zu einem begehrten Forschungsobjekt der Neurowissenschaft. Diese hatte nämlich herausgefunden, dass bei einer Schädigung der linken Hirnhälfte musikalische und künstlerische Exzesse auftreten können, bei einer Verletzung der rechten Hirnhälfte sich hingegen Schreiblust bemerkbar macht. Auf McHugh traf diese Erklärung allerdings nicht zu, denn er malte und schrieb. Außerdem sollen Menschen mit Schädigungen des Hirnlappens antriebsarm sein. McHugh aber war sehr aktiv.

Was hingegen sein unablässiges Üben betraf, so scheint dies gewirkt zu haben. Sind McHughs anfängliche Werke nämlich noch wenig beeindruckend, zeigen seine späteren Arbeiten eine exzellente Qualität, was renommierte Galerien erkannten. Seine Werke wurden bereits mehrmals in Liverpool und London ausgestellt. Schließlich stellte er sämtliche Arbeiten in England und Amerika Hilfsorganisationen zur Verfügung, die damit viel Geld machen konnten.

Nach McHughs neu gewonnener Überzeugung ist die positive Einstellung von grundsätzlicher Bedeutung: „Wenn diese zu Kunstwerken führt, beurteile diese nicht und achte nicht auf die Meinung der anderen, denn Meinungen ändern sich.“

Lit.: Nature, vol 430; 1 July 2004; Lythgoe, M. F. / Pollak, T. A. / Kalmas, M. / De Haan, M. / Chong, W.: Obsessive, Prolific Artistic Output Following Subarachnoid Hemorrhage. Neurology 64 (2005), 397 – 398.
http://www.tommymchugh.co.uk/


KEITH SALMON

Keith Salmon (geb. 1959 in Essex, England), bildender Künstler (blind)

Ausbildung
Keith Salmon, in Essex geboren, übersiedelte 1960 nach Wales. Von 1979 bis 1983 studierte er, im Blick auf den Bachelor of Arts, Kunst am nunmehrigen Shrewsbury College of Arts & Technology und an der Falmouth School of Art. Ursprünglich arbeitete Salmon als Bildhauer mit den Materialien Stahl, Holz und Zement. Nach Abschluss seiner Ausbildung zog er nach Newcastle-upon-Tyne im Nordosten Englands, wo er sein erstes Studio einrichtete.
1989 kehrte Salmon nach Wales zurück und eröffnete ein neues Studio. Zu dieser Zeit nahm seine Sehkraft rapide ab, sodass er seine Werke nach nur wenigen Jahren nicht mehr ausstellen konnte. Damals fasste er den Entschluss, aus seiner noch verbliebenen Sehkraft das Beste zu machen und alle Energie in das Zeichnen und Malen zu investieren, wobei er neue Methoden entwickelte. 1998 übersiedelte er nach Irvine, Ayrshire, in Schottland, und obwohl er für blind erklärt wurde, hatte er genug Vertrauen in seine neu geschaffenen Werke, um wieder an Ausstellungen zu denken.

Keith Salmon

In dieser Zeit entwickelte sich sein Schaffen in zwei unterschiedliche Stilrichtungen: Während die Zeichnungen aus systematischem Gekritzel bestanden, zeigten die Malereien in Öl und Acryl großzügige und kräftige Pinselstriche. Die meisten seiner Bilder fußen auf Erfahrungen, die er bei seinen Wanderungen im schottischen Hochland machte. In den letzten Jahren kombinierte er Pastellzeichnung und Acrylmalerei, um nach eigener Aussage auf diese Weise ein wenig von dem einzufangen, wie er diese wundervollen wilden Plätzen erlebte.

Ausstellungen
Zur Zeit belegt Salmon eine Ausstellungsfläche in den Courtyard Studios in Irvine und präsentiert seine Werke wieder regelmäßig der Öffentlichkeit.
2009 erhielt er den Jolomo-Preis für schottische Landschaftsmalerei und wurde von der schottischen Tageszeitung The Scotsman interviewt. 2014 wurde er zu einem Künstlerwettbewerb nach Brasilien eingeladen, an dem über 100 international bekannte Künstler teilnahmen.

Lit: http://www.keithsalmon.org

JAMES HENRA PULLEN

James Henry Pullen (1835 – 1916), auch bekannt als der Genius of Earlswood Asylum, britischer Inselbegabter, der wahrscheinlich unter Aphasie litt.

Ein Leben in der Anstalt
James Henry Pullen wurde 1835 in Dalston, London, geboren und lebte in Peckham, Südlondon. Er und sein Bruder William galten als taubstumm (wenngleich James möglicherweise nicht taub war) und geistig zurückgeblieben. Bis zu seinem siebten Lebensjahr hatte er nur ein einziges Wort gelernt, Mutter, das er noch dazu kaum verständlich aussprach. Schon als Kind begann James kleine Schiffe aus Brennholz zu schnitzen und dann zu zeichnen.

1850 wurde er in das damals neue Earlswood Asylum (später Royal Earlswood Hospital) in Reigate, Surrey, in Südengland aufgenommen, wo er bis zu seinem Tod am 15. Juni 1916 lebte. Zeitgenossen berichten, dass sich Pullen nicht verbal, sondern nur durch Gebärden mitteilen konnte. Er hatte die Gabe, von den Lippen zu lesen und Gesten zu verstehen, lernte aber nie über eine Silbe hinaus zu lesen und zu schreiben. Sein Bruder William, ein talentierter Maler, folgte ihm später nach Earlswood nach, starb aber bereits mit 35 Jahren.
Im Earlswood Asylum versuchte man, den Patienten eine Reihe von Fertigkeiten beizubringen, damit sie sich selbst und die Anstalt erhalten konnten.

Technische und zeichnerische Begabung
Pullen entwickelte seine Fertigkeiten weiter und wurde zu einem hervorragenden Zimmermann und Tischler. Tagsüber arbeitete er in der Werkstatt, nachts zeichnete er. Die meisten seiner Bilder zeigten die Gänge der Anstalt und wurden von ihm selbst gerahmt.

Was sein Verhalten betrifft, so war er entweder aggressiv oder mürrisch zurückkhaltend. Fremdanweisungen mochte er nicht und wollte immer seinen eigenen Weg gehen. Als er einmal davon schwärmte, eine Frau aus der Stadt heiraten zu wollen, beruhigte ihn die Belegschaft, indem sie ihm eine Admiralsuniform gab.

Während der 66 Jahre im Earlswood Asylum wurde Pullen aufgrund seiner außerordentlichen technischen und zeichnerischen Begabung zu einer nationalen Berühmtheit. Sogar der spätere König Edward VIII. und Prince of Wales interessierte sich für seine Arbeiten und schickte ihm Elfenbeinstücke, aus denen er Schnitzereien anfertigen konnte. Königin Victoria und Prinz Albert erhielten Zeichnungen von ihm.

Der Anstaltsleiter, Dr. John Langdon Down, nach dem das Down-Syndrom benannt ist, ließ Pullen großen Spielraum. So konnte er beispielsweise gemeinsam mit der Belegschaft seine Mahlzeiten einnehmen.

Pullens Meisterstück ist eine 3 m lange Nachbildung der SS Great Eastern, des bis 1858 größten je gebauten Dampfschiffes. Pullen begann mit der Konstruktion im Jahre 1870 und arbeitete sieben Jahre daran, wobei er alle Details akribisch ausarbeitete: 5.585 Nieten, 13 Rettungsbote und die Innenausstattung en miniature. Das Modell wurde im Crystal Palace ausgestellt.
Nach Pullens Tod 1916 wurde seine Werkstatt zum Museum für seine Werke, bis das Royal Earlswood Hospital 1997 geschlossen wurde. Sein Modell der SS Great Eastern kann zusammen mit weiteren Entwürfen und Kunstwerken als Teil der James Henry Pullen-Sammlung im Museum im Langdon Down Center, Normansfield, 2A Langdon Park, Teddington, bestaunt werden.

Lit.: Sano, F.: James Henry Pullen, the Genius od Earlswood. Journal of Mental Science, N. 266. Vl. LXIV, 1918.

 

VI. MUSIKALISCHE INSELBEGABUNGEN

Die folgenden Ausführungen befassen sich mit außergewöhnlichen musikalischen Sonderbegabungen.

LESLI  LEMKE

Leslie Lemke (geb. am 31. Januar 1952 in Milwaukee, Wisconsin, USA), blinder inselbegabter Musiker und Komponist.

Lesli Lemke erblickte als Frühchen die Welt und litt von Beginn an an zerebraler Lähmung und grünem Star, worauf ihm die Augen entfernt wurden. Im Anblick seines gesundheitlichen Zustandes gab ihn die leibliche Mutter gleich bei der Geburt zur Adoption frei. Die Bezirksverwaltung fragte daraufhin die 52-jährige Krankenschwester May Lemke, die sie kannte und ihr volles Vertrauen genoss, da sie selbst fünf Kinder hatte, ob sie den Kleinen aufnehmen könnte. Sie stimmte zu und nahm das Kind zu sich in das einfache Haus am Pewaukee Lake, wo sie mit ihrem Mann wohnte. May liebte den gebrechlichen Jungen, brachte ihm das Essen bei und forcierte die Lautentwicklung, sodass er sich mitteilen konnte. Dann lehrte sie ihn zu stehen, was er mit 12 Jahren schaffte. Richtig laufen konnte er erst mit 15 Jahren.

Hingegen war Leslie von klein auf von Musik und Rhythmus fasziniert und hatte ein hervorragendes Gedächtnis. Beim Spielen einfacher Töne am Klavier legte May Lemke die Hand auf ihn und sang dabei. Er wiederholte Worte, Gesänge, ja, ganze Gespräche, die er bei Besuchen mitbekam, und sang oft die Lieder, die May sang oder die er im Radio hörte.
Als Leslie etwa 14 Jahre alt war, vernahm May eines Nachts Musik und dachte, das Fernsehgerät sei nicht ausgeschaltet worden. Zu ihrer Überraschung musste sie jedoch feststellen, dass Leslie einwandfrei Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 spielte, das er am Abend zuvor im Fernsehen gehört hatte. Dabei hatte er bis dahin nie Klavierunterricht bekommen. Daraufhin vermittelte May dem Jungen zur Förderung seiner außerordentlichen musikalischen Begabung Auftritte bei öffentlichen Konzerten, in Kirchen und Schulen. So gab Leslie beispielsweise 1980 ein Konzert in Fond du Lac in Wisconsin. Die Zuhörer waren mehr als erstaunt über das, was sie hörten und sahen: einen blinden jungen Mann, geistig behindert, mit Kinderlähmung geschlagen, einen Mann, der niemals Musikunterricht erhalten hatte und anscheinend in der Lage war, ein unbegrenztes Repertoire an Musikstücken auf dem Klavier zu spielen, die er irgendwann einmal gehört hatte.

Ein lokaler Fernsehsender legte dem Mediziner und Experten für Inselbegabungen Dr. Darold Treffert im Auftrag der lokalen Gesundheitsbehörde Aufnahmen von Leslies Klavierdarbietungen zur Begutachtung vor. Treffert bezeichnete – im Blick auf die Lebensgeschichte und die gegebene Situation von Leslie Lemke – dessen Fähigkeiten als Savant-Syndrom, als Inselbegabung bei einer ansonsten geistig sehr beinträchtigten Person.
Neben seiner Fähigkeit, etwa 1000 Musikstücke aus dem Gedächtnis nachzuspielen, verfasste Leslie dann auch selbst Kompositionen und gab Konzerte in den USA. 1984 wurde er nach Norwegen und Japan eingeladen. Im gleichen Jahr verschlechterte sich der Gesundheitszustand von May Lemke, die bereits seit 1980 an Alzheimer litt. Daher übernahm ihre Tochter Mary die Obsorge von Leslie. Nach dem Tod ihres Ehemannes Joe 1987 übersiedelte auch May zu ihrer Tochter, um bei Leslie zu sein. Sie starb am 6. November 1993.

Leslie blieb weiterhin bei Mays Tochter, Mary Parker, in Arpin, Wisconsin. Man befürchtete, dass Leslie nach Mays Tod mit seiner Musik aufhören würde, doch dem war nicht so. Die Musik ist sein Leben, mit der er sich ausdrückt, er kann aber auch lächeln und sprechen. Zudem spielt er nicht nur Gehörtes nach, sondern improvisiert auch, ja, komponiert neue Lieder mit eigenen Worten und nach seinen Gefühlen und gibt weiterhin Konzerte. Am 15. April 2011 gab er ein Konzert an der Marian University in Fond du Lac, wo er, wie erwähnt, bereits 1980 gespielt hatte und durch einen Auftritt mit Walter Cronkite in den Abendnachrichten von CBS landesweit bekannt wurde. Zahlreiche Fernsehauftritte folgten, darunter That’s Incredible, 60 Minutes. Donahue, Oprah. Dustin Hoffmann z.B. war von Leslies Auftritt in 60 Minutes so beeindruckt, dass er die Rolle des Savant im Film Rain Man annahm.

Mit dem Konzert „And sings my soul“ konnten die finanziellen Mittel aufgebracht werden, um das Haus, in dem Leslie mit May Lemkes Tochter, Mary, lebt, einem dringend nötigen Umbau zu unterziehen. May und Mary Lemke haben das Sondertalent Leslies all die Jahre hindurch als ein Geschenk Gottes betrachtet, ohne ihn je auszunutzen, und ihn dahingehend auch durch die Veranstaltung von Gratiskonzerten unterstützt.
Einem Blog des Scientific American vom 26. Juni 2014 zufolge ist Leslie Lemke nach wie vor wohlauf und singt und spielt weiterhin fabelhaft.

Lit.: Treffert, Darold A.: Extraordinary people: understanding savant syndrome Lincoln: iUniverse.com, 2000; ders.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=ZWtZA-ZmOAM
https://vimeo.com/58396705

TONY DeBLOIS

Tony DeBlois (geb. am 22. Januar 1974 in Randolph, Massachusetts, USA), blinder Musiker mit autistischer Inselbegabung.

DeBlois wog als Frühgeburt kaum ein Kilogramm und musste als Frühchen in den Brutkasten gegeben werden, wo er mit viel Sauerstoff versorgt wurde, was im Alter von wenigen Tagen zur Blindheit führte und von den Ärzten nicht bemerkt wurde.
Als Zweijähriger begann Tony zur Überraschung aller Klavier zu spielen. Die Mutter schickte ihn zunächst auf die Perkins School für Blinde. 1989 erhielt er ein Sommerstipendium für das Berklee College of Music in Boston, Massachusetts. Der Lehrkörper war von Tony jedoch so beeindruckt, dass er als Vollzeitstudent aufgenommen wurde. 1996 beendete er das Studium mit magna cum laude. Es war dies eine bemerkenswerte Leistung für einen blinden Autisten, der bis zum 17. Lebensjahr gesprächsunfähig war und aufgrund seiner Blindheit auch heute weder schreiben noch lesen kann.

Tony entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen Jazzmusiker mit eindrucksvoller Improvisationsgabe und lebendigem Ausdruck.

Tony DeBlois

1991 wurde er mit seiner Mutter in der Today Show, in CBS Sunday Morning und in verschiedenen anderen Fernsehsendungen vorgestellt. Zudem befasste sich die Presse ausführlich mit ihm. Tony spielt 22 Musikinstrumente, ist in der Lage 8.000 Lieder aus dem Gedächtnis zu spielen und in 11 Sprachen zu singen. Dabei reicht seine Musik von Country bis Klassik.

Am 2. März 1997 strahlte CBS den Film Journey to the Heart über Tony DeBlois und seine stolze Mutter Janice aus. So wurde er auch international bekannt. Es folgten Konzerte in Singapur, Taiwan und Irland. Dokumentationen über ihn wurden in Rom, London, Japan und Australien gesendet. Zudem fand er Eingang in psychologische Textbücher. Trotz seiner internationalen Bekanntheit litten sein Lerneifer und seine Heimatverbundenheit keinerlei Schaden. So sagt seine Mutter: „Wenn er nicht auf Tournee ist, singt er im Kirchenchor von St. Mary’s, spielt mit seiner Band „Goodnuf“, mit der er auch weltweit Konzerte gibt, und unterhält sich mit seinen Freunden. Neben dem Klavier spielt er auch gerne Orgel, Saxophon, Harmonika, Gitarre, Trompete und eine Reihe anderer Musikinstrumente. Zur körperlichen Ertüchtigung schwimmt, wandert und tanzt er vor allem.“

Lit.: DeBlois, Janice / Felix, Antonia: Some kind of genius. The extraordinary journey of musical savant Tony DeBlois. Emma, Pa.: Rodale Press, 2005.
https://www.youtube.com/watch?v=2y0zAd5dI44
https://www.youtube.com/watch?v=2ALiQB5pZZ8


BRITASNY MAIEER

Brittany Maier (geb. am 9. April 1989 in Maryland, USA), blinde Musikerin mit autistischer Inselbegabung.

Brittany Maier kam infolge einer Lebererkrankung der Mutter bereits im fünften Schwangerschaftsmonat zur Welt. Sie wog weniger als ein Kilo. Man gab ihr nur 5% Lebenschance. Da die 15-jährige Mutter aufgrund ihrer Krankheit sechs Monate im Krankenhaus verbringen musste, blieb auch die kleine Brittany dort – zunächst im Brutkasten, wo sie mit Sauerstoff am Leben gehalten wurde, der allerdings seinen Preis forderte: Brittany erblindete. Die Ärzte hofften zwar, die Blindheit operativ beheben zu können, doch war der Eingriff erfolglos, womit auch jede Hoffnung schwand, dass Brittany jemals ihr Augenlicht zurückerhalten würde. Ihr Vater, Chuck Maier, der in dieser schweren Zeit öfters und länger in die Kirche ging, um zu beten, wurde von diesen Nachrichten schwer getroffen. Als die Eltern dann noch zur Kenntnis nehmen mussten, dass ihre Tochter auch geistig behindert und autistisch veranlagt war, was zudem ihre soziale Entwicklung stark beeinträchtigen würde, war ihre Lebensfreude schwer getrübt.

Bei all den negativen Aspekten fiel jedoch auf, dass Brittany, wenn sie schrie, am ehesten durch Musik beruhigt werden konnte. Hörte sie Musik aus dem Lautsprecher, wollte sie ganz in seine Nähe kommen, um ihn zu berühren.

Ihr Musikinteresse musste jedoch zunächst wichtigeren Anstrengungen weichen, wie gehen und sprechen lernen. Im fünften Lebensjahr geschah dann etwas Besonderes. Das Mädchen, das kein Wort sprach, begann zu singen. Da Brittany die Worte, die an sie gerichtet wurden, nicht verstand, versuchte sie, deren Klang zu imitieren, wie etwa das Vibrato von Barbra Streisand.
Als die Eltern begriffen, dass Musik für ihre Tochter ein Weg zur Kommunikation sein könnte, kauften sie ihr ein Kinder-Keyboard. Nach einigem Probieren spielte sie zunächst Kinderlieder und dann gleich das Ave Maria von Schubert, das Phantom der Oper und mehr, ohne je Klavierunterricht erhalten zu haben. In wenigen Monaten lernte sie von selbst hunderte Lieder, indem sie diese einfach einmal anhörte.

Mit Erreichen des Schulalters schickten die Eltern Brittany in die öffentliche Schule von Columbia in North Carolina, wo man mit ihr jedoch nichts anfangen konnte. So wurde sie in die Blinden- und Gehörlosen-Schule nach South Carolina gebracht. Dort bemerkten die Eltern, dass ihre Tochter Schwierigkeiten hatte, die Umgebung geistig zu erfassen. Sie wurde an die öffentliche Schule zurückgeschickt, wo man nach eingehenden Tests feststellte, dass die sechsjährige Brittany autistisch war.

Die Mutter erinnerte sich nun, dass sich ihre Tochter schon vom ersten Geburtstag an für Musik interessierte. Mit zwei Jahren liebte sie eine Reihe von Kindermusikaufzeichnungen. Mit sechs Jahren spielte sie Musik von Tonbandaufzeichnungen auf ihrem Kinderklavier. Im Laufe der Zeit lernte sie auch etwas sprechen, doch blieb ihre Sprache der Wahl die Musik.
Als Brittany neun Jahre alt war, hörten die Eltern das erste Mal von autistischen Inselbegabungen und konnten nun ihre Tochter besser verstehen. Diese begann nach einem formellen Musikunterricht an der Musikschule der Universität von South Carolina mit zehn Jahren ihre eigenen Lieder zu komponieren und veröffentlichte mit 12 Jahren ihre erste CD.

2005 übersiedelte die Familie nach New York, wo sie über die Medien eine größere Hörerschaft erreichte. Brittanys Biografie wurde von Dateline NBC verfilmt und erreichte 16 Millionen Seher. Weitere Sendungen und Einladungen folgten, so von Gouverneur George Pataki und von Montel Williams, in dessen Show ihr selbst komponiertes Lied Tears For My Country zum Gedenken an den 11. September 2001 gespielt wurde. Einige Wochen später sang sie vor 55.000 Zuhörern im Shea Stadium in New York City. 2006 gab sie mit 17 Jahren ihre zweite CD heraus. 2007 erreichte sie bereits eine weltweite Hörerschaft.

Der Musikexperte Dr. Scott Price und der Experte für Inselbegabungen Dr. Darold Treffert haben sich eingehend mit ihrem Talent befasst und Brittany als außergewöhnliche Sonderbegabung bezeichnet. Sie ist nicht nur eine bewundernswerte Musikerin, sondern auch eine Seele von Mensch. So geht sie in Schulen, Studentenheime, zu Tagungen von Erwachsenen und setzt sich landesweit für karitative Belange von Autisten und anderen Behinderten ein. Wie weit ihre Fähigkeiten reichen und wie lange diese andauern, wird die Zukunft zeigen.
Ob Tschaikowsky, Mozart, Bach oder Eigenkompositionen, Brittany beherrscht inzwischen mehr als 15.000 Musikstücke. Wenn die 25-Jährige am Klavier sitzt, sind selbst Musikprofessoren hingerissen. Sie spielt mit ganzer Seele und mit nur sechs Fingern, die anderen kann sie nicht bewegen.

Wie Brittany all das bewerkstelligt, ist trotz eingehender Untersuchungen noch nicht geklärt. Sie ist jedenfalls ein Ausnahmetalent, auch unter den Inselbegabungen, und das auch noch aus einem weiteren Grund: sie ist eine Frau. Die meisten Inselbegabten sind nämlich männlich.

Lit.: Treffert, Darold A.: Extraordinary people: understanding savant syndrome. Lincoln: iUniverse.com, 2000; ders.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010.
https://www.youtube.com/watch?v=jy9iCmshFOQ
https://www.youtube.com/watch?v=ikqP6-mIBHk

DEREK PARAVICINI

Derek Paravicini (geb. am 26. Juli 1979 in London), blinder und leicht autistischer Inselbegabter.

Paravicini wurde in der 25. Schwangerschaftswoche geboren. Seine Zwillingsschwester starb bei der Geburt. Derek blieb drei Monate in der Klinik. Er musste in den Brutkasten gelegt werden, wo er durch die Gabe von Sauerstoff erblindete. Dies wirkte sich auch auf die Hirnentwicklung aus. Seine Lernfähigkeit war beeinträchtigt, sodass er auch als junger Erwachsener auf dem geistigen Entwicklungsstand eines Kleinkindes blieb. Zudem hat er autistische Züge, verfügt aber über ein absolutes Gehör und kann nach einmaligem Hören von Musikstücken diese spielen. Bereits mit zwei Jahren begann er Klavier zu spielen, als ihm seine Oma ein altes Keyboard gab.

Ausbildung
Die Eltern ermöglichten Derek den Besuch der Linden Lodge School für Blinde in London. Bei der ersten Vorstellung in der Schule riss er sich im Musikraum von den Eltern los, ging direkt auf das Klavier zu, schob den Pianisten Adam Ockelford beiseite und berührte, gleichsam spielend mit seinen Fingern, dessen Hände, Ellbogen und Nase. Ockelford erkannte Dereks offensichtliches Musiktalent und organisierte zunächst einen wöchentlichen, dann einen täglichen Musikunterricht. Im Verlauf dieses Unterrichts trat klar zutage, dass es sich bei Paravicini um einen musikalischen Inselbegabten mit absolutem Gehör handelte.

Konzerte
Mit sieben Jahren gab Paravicini im Tooting Leisure Centre im Süden Londons sein erstes Konzert. 1989, mit neun Jahren, hatte er zusammen mit dem Royal Philharmonic Pops Orchestra sein erstes größeres öffentliches Konzert in der Barbican Hall in London.

Derek Paravicini

Im gleichen Jahr trat er in der Talkshow Wogan auf und war die Hauptfigur in der Dokumentation Musical Savants. Später wurde Paravicini von Lady Diana für seine Auftritte mit sieben und neun Jahren mit einem Barnardo’s Children’s Champion Award ausgezeichnet. Weitere Auftritte folgten, darunter in Ronnie Scott’s Jazz Club. Sein erstes Album Echoes of the Sounds to Be erschien am 27. September 2006. 2007 veröffentliche Adam Ockelford Dereks Biografie.
Paravicini hatte nun weitere Auftritte in Rundfunk, Fernsehen und bei verschiedenen Konzerten. 2010 wurden seine Eltern mit der Vormundschaft betraut.

Tests
Paravicini wurde zudem einer Reihe von Tests unterzogen, vor allem auch was seine Wiedergabe einmal gehörter Musikstücke betraf. Dabei erreichte er eine Trefferquote von 95%.
Wie viele andere Inselbegabte ist auch Paravicini ruhig, entspannt, mit einem freundlichen und zufriedenen Aussehen. Heute lebt er in einer Wohngemeinschaft für Blinde in London und ist ein gefeierter Musiker, wie auf seiner Homepage zu erfahren ist.

Lit.: Ockelford, Adam: In the key of genius: the extraordinary life of Derek Paravicini. London: Hutchinson, 2007.
http://www.sonustech.com/paravicini/


MATTHEEW (“Matt”) SAVAGE

Matt Savage (geb. am 12. Mai 1992 in Sudbury, Massachusetts, USA), autistischer und inselbegabter Musiker.

Kindheit
Matt wuchs bei seinen Eltern Diane und Lawrence „Larry“ Savage in Sudbury auf. Seine Entwicklung verlief zunächst sehr hoffnungsvoll und dennoch eigenartig. Er fing früh an zu gehen und begann schon mit 18 Monaten zu lesen, unterschied sich jedoch von Geburt an von anderen Kindern. Matt war sehr unruhig, schlief nie und war äußerst pingelig. Sein Spielzeug stellte er der Reihe nach auf und wiederholte alles, folgte Zwangsritualen, ging auf den Zehenspitzen mit schräg gehaltenem Kopf und gestikulierenden Armen. Er spielte nicht mit anderen Kindern und mied jede Begegnung und jede Musik. Ausflüge endeten regelmäßig mit einem Wutanfall.

Was über alles hinwegtäuschte, so die Mutter, war die Tatsache, dass Matt einen großen Wortschatz besaß (er war ein Nachsprecher) und alles las, was ihm in die Augen fiel. Er litt an Hyperlexie, jener von N. und M. Silberberg 1967 bei Kindern unter dem 5. Lebensjahr beschriebenen Fähigkeit, ohne vorhergehendes Üben Worte zu lesen, sie aber gleichzeitig nicht zu verstehen, was als Anzeichen für Autismus gewertet wird.

Die betroffenen Kinder beginnen, wie gesagt, weit vor der normalen Entwicklung zu lesen und sind stark von Buchstaben und Zahlen fasziniert. Es fehlt ihnen aber das „inhaltliche“ Sprachgefühl. Sie erkennen nicht die Bedeutung der von ihnen gesprochenen Worte und haben daher Schwierigkeiten im normalen sozialen Umgang mit anderen Menschen. So widersetzte sich Matt jeder Fühlungnahme und Berührung auf das Heftigste. Selbst die Mutter durfte ihn bis zum 4. Lebensjahr nicht anfassen. Sein Schutz waren die Hyperlexie und die extrem hohe Intelligenz. 90% seiner Tätigkeit verbrachte er mit dem Lesen von Buchstaben und Zahlen.

Therapie
Im Alter von drei Jahren diagnostizierte man bei Matt einen hohen Grad von Autismus. Die Eltern bemühten sich Jahre hindurch, ihn nach den Anweisungen einer Antiautismus-Therapie zu behandeln, und dies nicht ohne Erfolg. Je besser Matt sein Empfinden mitteilen konnte, umso mehr nahm seine Frustration ab. Unter Ausnutzung seiner Hyperlexie für Worte und Zahlen lehrten ihn die Eltern durch stetes Wiederholen und Insistenz Inhalte, die er an und für sich nicht lernen wollte. Auch das sollte nicht ohne Erfolg bleiben.

Mit sechseinhalb Jahren wurde Matt einer Therapie zur Integration des Gehörs unterzogen, die sein Klangempfinden drastisch reduzierte. Mit dem neuen Empfinden und der sozialen Wahrnehmung stürzte er sich in alle Formen von Musik, die er früher nicht ausstehen konnte. Hier zeigt sich, dass eine Übersensibilität, die keinen Ausgleich durch einen Umweltbezug hat, zur Unerträglichkeit wird, weil sie den Binnenraum zu einem geschlossenen unerträglichen Resonanzfeld macht, wo sich die Töne überlappen und für den Betroffenen die Flucht zum einzigen Ausweg wird.

Musiktalent
Matts musikalische Fähigkeiten entfalteten sich im Eiltempo. Er brachte sich selbst das Lesen der Noten bei und lernte über Nacht Klavier zu spielen. Zunächst beschäftigte er sich ein knappes Jahr lang mit klassischer Musik, bevor er den Jazz entdeckte, auf den er dann sein Hauptaugenmerk legte. In den folgenden drei Jahren studierte er zunächst sowohl klassische als auch Jazz-Musik, da er sich zwischen den beiden nicht entscheiden wollte. Elissa Putukian gab ihm Klavierstunden in klassischer Musik. Der Jazz-Unterricht erfolgte im Herbst 1999 am New England Musikkonservatorium in Boston, Massachusetts, mit dem israelischen Jazz-Pianisten Eyran Katsenelenbogen. Die allgemeine Schulbildung erhielt er gemeinsam mit seiner Schwester Rebecca zu Hause. Seine Hyperlexie und sein absolutes Gehör, verbunden mit einer extrem hohen Intelligenz blieben nicht verborgen. Aufgrund seiner Begabungen konnte er auch einen regionalen Geographie-Wettbewerb, den statewide geography bee, gewinnen.

Matthew Savage

Anfang 2002 übersiedelte Matts Familie von Boston nach New Hampshire und Matt verlor so den Kontakt zu seinen beiden Lehrern. Die nächsten eineinhalb Jahre lernte er daher als Autodidakt. Er studierte Bücher mit klassischer Musik und übte stundenlanges Spielen nach Jazz-CDs. Trotz seiner Jugend und ohne formalen Unterricht im musikalischen Aufbau gelang es ihm, mit dem Matt Savage Trio und auch als Solist mehrere Alben zu veröffentlichen.

Auszeichnungen und Auftritte
Im Alter von 14 Jahren trat Matt auch mit der Soul- und Pop-Sängerin Chaka Khan und anderen bekannten Sängern auf. Er ist zudem das einzige Kind, das neben sonstigen Auszeichnungen auch vom Klavierhersteller Bösendorfer in seiner 175-jährigen Geschichte eine Auszeichnung bekam. Auf internationaler Ebene spielte Matt vor Staatsoberhäuptern und trat in Fernsehsendungen und Radioprogrammen auf.

Ebenfalls mit 14 Jahren wurde er in einem CNN-Report über das menschliche Gehirn als herausragender Inselbegabter mit anderen Inselbegabten verglichen. Zudem erschien er in mehreren Dokumentationen über Savants.

2003 wurde Matt Savage schließlich vom Jazz-Guru Charlie Banacos als Privatstudent angenommen. Matt lernte mit ihm bis 2009, als er nach Tony DeBlois als zweiter Inselbegabter in das Berklee College of Music in Boston aufgenommen wurde und dort das Studium mit dem Diplom in Musik abschloss. Bis dahin hatte er bereits mehr als 70 Musikstücke komponiert und aufgenommen.

Seine erste Filmmusik schrieb Matt für den Film Sound of Redemption: The Frank Morgan Story, der 2014 beim Los Angeles Filmfestival Premiere hatte.
Matt ist als Musiker bereits sehr gefragt und hatte im Laufe der Jahre Auftritte mit den namhaftesten Jazz-Musikern.

Weitere Informationen finden sich auf seiner Webseite unter:
http://www.savagerecords.com/

ALEXANDER  VINTER

Alexander Vinter (geb. am 16. April 1987 in Oslo, Norwegen), Asperger-Savant und Musiker.

Alexander Vinter wuchs in Oslo auf. Im Alter von vier Jahren begann er auf einer elektrischen Orgel von Yamaha zu spielen. Wegen Geldmangels seiner Familie benutzte er das defekte Casio-Keyboard seiner Schwester, dem er nur drei Töne entlocken konnte. Hier entdeckte er die sogenannte Trance-Musik, eine elektronische Musik, bei der sphärische, sanfte, lang gezogene und warme Klängen dominieren. Der Grundrhythmus steht im Vier-Viertel-Takt. In der Regel wird jedes Viertel durch eine große Trommel betont.

Vinter experimentierte auf einem Computer mit dem Programm eJay, um Drum and Bass-Musik zu produzieren, einen Underground-Musikstil, bis er die Fast Tracker, einen Freeware-Rastersequenzer, entdeckte. Dabei handelt es sich um ein Programm für die Aufnahme, Wiedergabe und Bearbeitung von Daten zur Erstellung von Musik. Kern eines solchen Sequenzers ist die Speicherung und Übermittlung einer Partitur in maschinenlesbarer Form an einen Tonerzeuger, wobei Tonhöhe, Tondauer und ggf. weitere Aspekte der wiederzugebenden Noten einer oder mehrerer Stimmen in ihrer zeitlichen Reihenfolge an ein Gerät weitergegeben werden, das entsprechende Töne erzeugt. Beide Funktionen können auch in einem Gerät vereint sein. In der Regel ermöglicht ein solcher Sequenzer, über geeignete Verfahren Noten einzugeben, z.B. über das Einspielen auf einem Masterkeyboard oder das Eingeben von Noten am Computer.

Alexander Vinter

Ausgerüstet mit diesen Techniken trat Vinter in der norwegischen Black Metal-Band No Funeral als Keyboarder auf. Schon bald entschloss er sich aber, auf seinem Computer eigene Metal-Musik zu produzieren, und fuhr fort mit House (elektronische Tanzmusik), Trance und Metal zu experimentieren. Dabei produzierte er seine Werke mit Vorliebe unter Autorennamen (Pseudonymen) wie „Savant“, „Vinter in Hollywood“, „Vinter in Vegas“ usw.
2009 veröffentlichte er sein Debüt-Album Outbreak unter dem Namen „Vinter in Hollywood“ und wurde damit innerhalb der elektronischen Musik-Kategorie für den norwegischen Spellemannprisen nominiert. 2011 unterzeichnete er mit SectionZ Record einen Vertrag und veröffentliche sein erstes Album Mamachine unter dem Namen „Vinter in Vegas“ sowie Ninür unter dem Pseudonym „Savant“.

2013 unternahm er eine erfolgreiche Reise nach Nordamerika und veröffentlichte das Album Cult. Am 13. Dezember 2014 erschien ZION, sein elftes Album als „Savant“. Im Januar 1915 begann Vinter auf seiner SoundCloud- Seite mit der Veröffentlichung seines zwölftes Albums mit dem Titel Invasion.
Alexander Vinter gilt als Inselbegabung mit Asperger-Syndrom und ADD (attention deficit disorder, Aufmerksamkeitsstörung). Es handelt sich dabei um eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit und Impulsivität sowie durch ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität) äußert.

Weitere Informationen finden sich unter:
http://www.savantofficial.com/

TOM WIGGINS

Tom Wiggins (geb. am 25. Mai 1849 in Harris County, Georgia, USA; gest. am 13. Juni 1908 in Hoboken, New Jersey), blinder Pianist und Komponist mit Inselbegabung.

Leben
Tom Wiggins wurde 1849 auf der „Wiley Edward Jones Plantage“ in Columbus, Georgia, als Sohn der Sklaven Charity und Domingo Wiggins geboren. Er war von Geburt an blind, Autist und Inselbegabter für Musik, der internationalen Ruhm erlangte. Da sein Gutsherr, Wiley Jones, für einen wortlosen „Zwergochsen“ nicht aufkommen wollte und ihm den Tod wünschte, hätte er ohne die Sorge seiner Mutter Charity nicht überlebt.

Als Tom neun Monate alt war, setze sein Herr ihn, seine beiden Geschwister und die Eltern einzeln zur Versteigerung aus. Sein Leben war wieder in Gefahr. Da kontaktierte die Mutter den Nachbarn, Colonel James N. Bethune, einen Rechtsanwalt und Herausgeber bei der Columbus Times, und bat ihn, die Familie vor der Versteigerung zu bewahren. Bethune verneinte zunächst, kam aber am Auktionstag vorbei und „kaufte“ die Familie. So kam Tom 1850 gemeinsam mit Eltern und Geschwistern zu Colonel Bethune. Tom Wiggins ist daher auch als Tom Bethune (Thomas Greene Bethune) bekannt.

Einige Monate nach Ankunft auf Bethunes Farm zeigte Tom ein sonderbares Verhalten. Er wiederholte die Töne um sich herum. Der Mutter wurde erlaubt, ihn zur Arbeit im Haus der Familie Bethune mitzunehmen. In dieser Familie mit sieben musikalisch talentierten Kindern wurde gesungen und Klavier gespielt. Als Tom eines Tages an die Tastatur des Klaviers gelangte, versetzte er die Familie in Staunen, da er mit seinen kleinen Fingern aus dem Gedächtnis genau nachspielte, was er gehört hatte – dies, nachdem der Colonel der Mutter mitgeteilt hatte, dass ihr Sohn die Intelligenz eines Hundes besitze und auch dahingehend zu unterrichten sei, nämlich mit „sitz!“, „steh!“ usw. Beim Hören von Musik aber geriet Tom völlig in Ekstase und sooft die Bethunes Tom auch aus dem Musikzimmer entfernten, sooft kehrte er wieder dorthin zurück.

Ausbildung
Mit sechs Jahren begann Tom bereits am Klavier zu improvisieren und eigene Stücke zu komponieren. Man brachte ihn zu Aufführungen in der Nachbarschaft der Bethunes. Ein lokaler Musiker ließ Bethune bei dieser Gelegenheit wissen, dass Tom unglaublich musikalisch begabt sei. Daraufhin besorgte Bethune Tom verschiedene Musiklehrer. Einer von ihnen sagte später, dass Tom in wenigen Stunden lernte, wozu andere Jahre brauchten.

Im Alter von acht Jahren gab er am 7. Oktober 1857 in der Temperance Hall in Columbus das erste öffentliche Konzert vor einem großen Publikum, das es kaum fassen konnte, dass ein „versklavter Idiot“, noch dazu blind, derart Klavier spielen könne. Auch die Presse berichtete durchwegs positiv.

Konzertreisen unter Perry Oliver
Kurz nach dem Tod von Colonel Bethunes Frau im Mai 1858 wurde Tom als Sklave an den Tabakplantagenbesitzer und Konzertveranstalter Perry Oliver ausgeliehen. Dabei wurde in dem Drei-Jahres-Vertrag eine Summe von 15.000 US-Dollar für das Recht vereinbart, Tom auch außerhalb Georgias einzusetzen. Tom spielte für Oliver einige Konzerte in Savannah. Beim Konzert am 27. Juni 1860 in Baltimore war auch der Klavierbauer William Knabe zugegen. Dieser war von Toms Können so beeindruckt, dass er ihm ein großes Klavier aus Rosenholz schenkte. Im gleichen Jahr wurden zwei Kompositionen des 11-jährigen Tom veröffentlicht: Oliver Galop und Virginia Polka. 1861 spielte er in Washington D.C. für die ersten japanischen Diplomaten in den USA. Zu Beginn des Sezessionskrieges brachte Perry Oliver den 12-Jährigen wieder zurück nach Georgia, um ihn für Konzerte im Süden einzusetzen. Tom komponierte nun sein Hauptwerk, Battle of Manassas.

Im Dienst der Familie Bethane
Nach Vertragsende im Oktober 1862 brachte Oliver Tom wieder zu Colonel Bethune zurück. Als dieser am Ende des Sezessionskrieges erkannte, dass die Südstaaten den Krieg verlieren würden, schloss er mit Toms Eltern einen Vertrag. Nach diesem Vertrag sollte Tom Wiggins von Bethune gemanagt werden, freie Kost und Unterkunft sowie eine musikalische Ausbildung und einen Monatslohn von 20 US-Dollar erhalten. Toms Eltern wurden laut Vertrag jährlich 500 US-Dollar und ebenfalls freie Kost und Logis zugesprochen. Bethune sollte in den Genuss von 90% des übrig bleibenden Gewinns von Toms Aufführungen erhalten – geschätzte 18.000 Dollar jährlich.

Mit Kriegsende war Tom, der nie erfuhr, dass er ein Negersklave war, ein freier Mann und reiste fortan unter dem Management von Bethune durch Amerika, ja sogar bis Europa. Seine Konzerte waren eine Mischung aus höchst virtuosen Stücken und Volksweisen. Er konnte auch gleichzeitig ein Stück mit der linken, ein anderes mit der rechten Hand spielen und ein drittes dazu singen. Dann wiederholte er das Gespielte mit dem Rücken zum Klavier und umgedrehten Händen. Amerika hatte so etwas noch nie gesehen.

Bei jedem Konzert ersuchten ihn Teilnehmer ein Stück nachzuspielen, das sie ihm vorspielten. Tom war nicht zu schlagen. Dennoch waren seine Auftritte von abgrundtiefem Rassismus überschattet, der damals in Amerika herrschte. Zeitungen nannten ihn einen Idioten und verglichen ihn mit einem Tier. Seine Fähigkeiten bewiesen jedoch das Gegenteil. Fragte man ihn, von woher er die Eingebungen bekomme, sagte er, „von Gott“. Zudem glaubte man, Tom lebe fröhlich und unbeschwert dahin, doch die Wirklichkeit war anders. Auf Reisen sperrte ihn der Manager in einem Hotelzimmer ein. Nach Jahren der gesellschaftlichen und physischen Isolation wurde Tom mürrisch und misstrauisch den Menschen gegenüber, die ihn nur zu oft samt Presse aus rassistischen Motiven verhöhnten.

1866 hielt sich Tom vier Wochen in New York City auf, wo er in der Irving Hall Konzerte gab. Anschließend wurde er auf eine Europa-Tournee geschickt, wo er unter anderem vor dem böhmisch-österreichischen Komponisten, Pianisten und Musikpädagogen Ignaz Moscheles und dem Pianisten und Dirigenten Charles Halle spielte, die ihm begeisterte Empfehlungsschreiben ausstellten und von einem „musikalischen Wunder“ sprachen. 1868 tourte Tom durch Nordamerika und Kanada.

Bereits 1870 verdienten die Bethunes als Toms Manager durch seine Konzertauftritte 50.000 US-Dollar im Jahr. Tom selbst hatte keine Ahnung von Geld und wurde auf niederträchtige Weise ausgenützt. Am 25. Juli 1870 ernannte sich Colonel Bethune selbst zu Toms Vormund und hob damit den mit Toms Eltern geschlossenen Vertrag auf. Tom lebte von nun an mit Colonel Bethune in einer Pension in New York City. Den Sommer verbrachte er auf der Farm der Bethunes in Virginia. 1872 wurde Tom für unmündig erklärt und das gesamte Geld, das er verdient hatte, floss in die Kasse von Bethune.

Von 1875 an lag das Management von Tom in den Händen von Colonel Bethunes Sohn John, der 1882 seine Vermieterin Eliza Stutzbach heiratete. Die Ehe war jedoch nicht von Dauer. Eliza trennte sich von John und gab vor, dass er sie verlassen hätte. Zur Scheidung kam es jedoch nicht mehr, denn John Bethune starb am 16. Februar 1884, als er versuchte, auf einen bereits anfahrenden Zug aufzuspringen, und dabei unter die Räder kam. Da er in seinem Testament Eliza von jeder Erbschaft ausgeschlossen hatte, nahm diese Kontakt mit Toms Mutter auf, um von ihr die Obsorge von Tom zu erlangen. Diese wollte jedoch die Sorge für Tom unter ihrer Kontrolle gesetzlich absichern, was zu jahrelangen Gerichtsverhandlungen führte.

Am 30. Juli 1887 entschied das Gericht, dass Colonel Bethune Tom in Arlington, Virginia, in die Obhut seiner Mutter Charity und seiner Schwiegertochter Eliza Bethune zu übergeben habe. Tom war ob der Aussicht, Virginia und den alten Colonel Bethune verlassen zu müssen, alles andere als erfreut. Am Tag der Übergabe brachte Bethunes Sohn, James, Tom in den Gerichtssaal. Die Bethunes, die mit Tom 750.000 US-Dollar verdient hatten, übergaben ihn dort seiner Mutter Charity, die er kaum kannte. Tom, der außer einer silbernen Flöte und den Kleidern, die er am Leibe trug, nichts besaß, bestieg dann widerstandslos den Zug von Virginia nach New York, wo er bis zu seinem Lebensende bei Eliza Bethune arbeiten und wohnen sollte.
Einen Monat später gab er wieder Konzerte, ohne eine gefühlsmäßige Beeinträchtigung zu zeigen. Er war von nun an die Einnahmequelle von Eliza Bethune, die ihn als „den letzten vom Obersten Gericht der Vereinigten Staaten freigesetzten Sklaven“ managte. Er trat jetzt unter dem Nachnamen seines Vaters, Thomas Greene Wiggins, auf.

Außer der kurzen Wiedervereinigung mit seiner Mutter Charity, die bald wieder nach Georgia zurückkehrte, hatte sich bei Tom nichts geändert. Er blieb den Rest seines Lebens in der Obhut von Eliza und bestritt unter ihrem Management bis 1904 Konzerte und Varieté-Auftritte in Amerika und Kanada.

Seine letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen beim Klavierspielen und unter bildhaften Eingebungen. Thomas Wiggins verstarb am 13. Juni 1908 im 59. Lebensjahr in Elizas Wohnung in Hoboken an einem Schlaganfall und wurde in einem Armengrab auf dem Evergreens Friedhof in Brooklyn, New York, beerdigt.

Die eindrucksvollsten Worte zu seinem Tod fand der Herausgeber der Kentucky Tageszeitung, Henry Watterson: „Was war er? Woher kam er und wofür? Dass da eine Seele war, ist sicher, eingesperrt, angekettet in dieser kleinen schwarzen Brust, und schließlich freigelassen.“
20 Jahre später versuchte die Tochter seines früheren Herrn, Fanny Bethune, Toms sterbliche Überreste in das Familiengrab der Bethunes in Columbus, Georgia, zu überführen. Der Leichnam blieb jedoch in Brooklyn. So existieren heute zwei Grabtafeln, eine in Columbus in Georgia und eine in Brooklyn.

Lit.: Southall, Geneva Handy: Blind Tom, the black pianist-composer: 1849 – 1908); continually enslaved. Lanham, Md. [u.a.]: Scarecrow Press, 1999.
https://www.youtube.com/watch?v=aPkbvbzTbiQ
https://www.youtube.com/watch?v=nTybUllInv0

 

 

Inselbegabungen: I
I
nselbegabungen: II-IV
Inselbegabungen:V.- VI

 

Andreas Resch: Autismus: Kanner- und Asperger-Syndrom

ANDREAS RESCH

AUTISMUS
Kanner-Syndrom und Asperger-Syndrom

Inhalt

Kanner-Syndrom
Asperger-Syndrom
 

Autismus (griech. αυτοσ, selbst) ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die sich durch Symptome in den folgenden drei Bereichen äußert:

Weiterführende
Literatur

 

im sozialen Umgang mit den Mitmenschen,
in der Kommunikation und
in sich stets wiederholenden Handlungen.

Die Störung wird als angeborene, unheilbare  Wahrnehmungs- und Informationsverhaltensstörung des Gehirns beschrieben, die sich schon in den ersten drei Lebensjahren bemerkbar macht.

 Nach Diagnosekriterien wird zwischen frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) und dem Asperger-Syndrom unterschieden, das sich oft erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Dabei sind die Übergänge in ihrem Schweregrad fließend, sodass das Autismus-Spektrum (Autismus-Spektrum-Störung, ASS) der Klassifikation nach ICD-101 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem DSM-52 der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft eine genaue Abgrenzung kaum erleichtern.

 Die Symptome und individuellen Ausprägungen des Autismus können nämlich von leichten Verhaltensproblemen an der Grenze der Auffälligkeit bis zu schweren geistigen Behinderungen reichen.

Die Begriffe „Autismus“ und „autistisch“3 wurden erst 1911 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1857 – 1939, Abb. 1) eingeführt und als ein Grundsymptom der Schizophrenie bezeichnet. Sigmund Freud übernahm die Begriffe und setzte sie annähernd mit den Begriffen „Narzissmus“ und „narzisstisch“ gleich.

Eugen Bleuler1943 beschrieb Leo Kanner als Erster den frühkindlichen Autismus, der heute auch als Kanner-Autismus bezeichnet wird. Im gleichen Jahr reichte Hans Asperger, ganz unabhängig von Kanner, bei der Medizinischen Fakultät der Wiener Universität die Habilitationsschrift „Die ,autistischen Psychopathen‘ im Kindesalter“ ein. Seine Beobachtungen beziehen sich im Gegensatz zu Kanner auf Kinder, deren Intelligenz in den meisten Fällen normal ausgeprägt ist und bei denen das Autismus-Syndrom erst ab dem vierten Lebensjahr bemerkbar und heute als Asperger-Syndrom bezeichnet wird.

 Im DSM-5, der am 18. Mai 2015 erfolgten fünften Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM / Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen), das seit 1952 von der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft (American Psychiatric Association, APA) in den USA herausgegeben wird, werden das Kanner-Syndrom und das Asperger-Syndrom gemeinsam mit dem Autismus und weiteren Erkrankungen, die mit einer Veränderung in der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion verbunden sind, in der neuen Gruppe der sog. Autismus-Spektrum-Störungen (engl. Autism Spectrum Disorders) zusammengefasst, da es zwischen den einzelnen Störungen nur quantitative Unterschiede gäbe. DSM-5 löst zwar die vierte Auflage DSM-IV von 1994 ab, allerdings erfolgt durch die im DSM-5 gegebene Möglichkeit, jede Verhaltensauffälligkeit als „milde“ Störung zu diagnostizieren, eine Inflation von Diagnosen, die den Betroffenen dann lebenslang anhängen können4, wie der US-amerikanische Psychiater Allen Frances, der ehemalige Vorsitzende der DSM-IV-Kommission kritisiert.5 Auch das National Institute of Mental Health (NIMH) mit ihrem Leiter Thomas Insel kritisiert das DSM-5 für seine Unschärfe.6 Wir folgen daher zur besseren Differenzierung der speziellen Beschreibung von Kanner-Syndrom und Asperger-Syndrom und verweisen nur kurz auf den Hochfunktionalen Autismus.

 Forschungen haben weiterhin gezeigt, dass 50 % der sog. Inselbegabungen Autisten sind. Es ist daher angebracht, den folgenden Beiträgen über Inselbegabungen eine ausführliche Darstellung der genannten Formen des Autismus vorauszuschicken.

I. KANNER-SYNDROM

Frühkindlicher Autismus

Leo Kanner (Abb. 2) wurde am 13. Juni 1896 in Klekotow, Österreich-Ungarn, heute Klekotiv in der Ukraine, geboren und starb 1981 in Sykesville, Maryland, USA. 1906 zog die Familie Kanner nach Berlin. Dort begann Kanner nach dem Leo KannerAbitur sein Medizinstudium, das er im Ersten Weltkrieg wegen Einberufung zum medizinischen Dienst in der österreichisch-ungarischen Armee unterbrechen musste. Im Dezember 1919 beendete er an der Universität Berlin erfolgreich sein Medizinstudium und eröffnete nach Erhalt der preußischen Staatsbürgerschaft in Berlin eine ärztliche Praxis.

 Nach Veröffentlichungen von Fachpublikationen, insbesondere auf dem Gebiet der Ethno-Neuropsychiatrie, erhielt Kanner 1928 ein Stipendium für die Henry Philipps-Psychiatrie am Johns Hopkins Hospital in Baltimore, USA, wo er 1930 die Leitung des Children’s Psychiatric Service übernahm. Es handelte sich dabei um die erste kinderpsychiatrische Institution an einer Kinderklinik in den USA. Ab 1938 konzentrierte sich Kanner auf eine kleine Gruppe von Kindern mit sehr speziellen autistischen Symptomen und veröffentliche 1943 den Artikel Autistic Disturbances of Affective Contact.7 Im folgenden Jahr veröffentlichte er in The Journal of Pediatrics eine Kurzfassung unter dem Titel Early infantile autism (frühkindlicher Autismus), der, wie das Synonym Kanner-Syndrom, zu einem festen Begriff in der Literatur wurde und womit er in die Geschichte einging.8

Der frühkindliche Autismus, meist angeboren, bzw. das Kanner-Syndrom weist tief greifende Entwicklungsstörungen auf, die hier aus den oben genannten Gründen zur besseren Abgrenzung nach DSM-IV 9 in Anlehnung an DSM-5 durch die folgenden Merkmale gekennzeichnet werden.

1. Autistische Merkmale

A) Qualitative Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen Beziehungen:

 1)  Deutlich mangelndes Bewusstsein für die Existenz oder Gefühle anderer; behandelt den anderen wie einen Gegenstand und hat offensichtlich kein Empfinden für das Verlangen anderer nach Privatsphäre.
 2)  Kein Verlangen nach Trost bei Kummer oder Krankheit.
 3) Kein oder beeinträchtigtes Nachahmungsverhalten.
 4) Zeigt kein oder abnormes soziales Spielverhalten (benutzt z.B. andere Kinder beim Spielen nur als „mechanische Hilfen“).
 5) Starke Beeinträchtigung der Fähigkeit zum Knüpfen von Freundschaften mit Gleichaltrigen.


B) Qualitative Beeinträchtigung der verbalen und nonverbalen
Kommunikation sowie der Phantasie
:

 1) Kommunikation weder durch Plappern als Kommunikationsversuch, Gesichtsausdruck, Gestik oder Mimik, noch durch Sprechen.
 2) Deutlich abnorme nonverbale Kommunikation in Körperhaltung, Gestik oder Blickkontakt, meidet Körperkontakt.
 3) Fehlen von phantasievollen Aktivitäten wie Spielen von Erwachsenen- und Phantasierollen oder Tieren; mangelndes Interesse an phantastischen Geschichten.
 4) Deutliche Auffälligkeiten beim Sprechen, einschließlich Lautstärke, Tonhöhe, Betonung, Geschwindigkeit, Rhythmus und Intonation.
 5) Deutliche Auffälligkeiten in Form oder Inhalt des Sprechens, z.B. stereotyper oder wiederholter Gebrauch von Sprachformen (spricht etwa bei einem Gespräch über Sport plötzlich über Zug-Fahrpläne).
 6) Deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit zum Anknüpfen oder Führen einer Konversation mit anderen, trotz ausreichenden Sprachvermögens (hält beispielsweise ungeachtet der Bemerkungen von Seiten anderer lange Monologe über ein Thema).

C) Deutlich beschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen:

 1)  Stereotype Körperbewegungen, z.B. Handbewegungen in alle Richtungen, Drehen des Körpers, starke Nickbewegungen, komplexe Bewegungen des ganzen Körpers.
 2) Beharrliche Beschäftigung mit Teilen oder Objekten (Beschnüffeln, Befühlen, Drehen der Räder oder Vorliebe für ungewöhnliche Objekte).
 3) Deutliches Unbehagen über Änderungen in der alltäglichen Umgebung.
 4)  Besteht ohne nachvollziehbaren Grund darauf, dass wiederkehrende Aktivitäten immer exakt gleich ausgeführt werden.
 5) Deutlich eingeschränkte Interessensphäre.

Nach DSM-5 sollte bei Personen mit einer gesicherten DSM-IV Diagnose einer Autistischen Störung, einer Asperger-Störung oder einer nicht näher bezeichneten tief greifenden Entwicklungsstörung die Diagnose der Autismus-Spektrum-Störung gestellt werden. Bei Personen, die deutliche Defizite in der sozialen Kommunikation haben, deren Symptome jedoch ansonsten nicht die Kriterien der Autismus-Spektrum-Störung erfüllen, sollte die Diagnose Soziale Kommunikationsstörung erwogen werden.

 Helmut Remschmidt fasst die Merkmale für den Autismus wie folgt zusammen:10

Tab. 1

ICD-10

DSM-IV

1. Qualitative Beeinträchtigungen wechsel-seitiger sozialer Aktionen (z.B.unangemessene Einschätzung sozialer und emotionaler Signale; geringer Gebrauch sozialer Signale)

1. Qualitative Beeinträchtigung der sozia-len Interaktion (z.B. bei nonverbalen Verhaltensweisen wie Blickkontakt, etc.; Beziehungsaufnahme zu Gleichaltrigen; Ausdruck von Gefühlen)

2. Qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation (z.B. Fehlen eines sozialen Gebrauchs sprachlicher Fertigkeiten; Mangel an emotionaler Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen durch andere Menschen; Veränderungen der Sprachmelodie)

2. Qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation (z.B. verzögerte oder ausbleibende Sprachentwicklung; stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache; Fehlen von entwicklungsgemäßen Rollen- und Imitationsspielen)

3. Eingeschränkte Interessen und stereotype Verhaltensmuster (z.B. starre Routine hinsichtlich alltäglicher Beschäftigungen; Widerstand gegen Veränderungen)

3. Beschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten

4. Unspezifische Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen, Selbstverletzungen

4. Beginn vor dem 3. Lebensjahr und Verzögerungen oder abnorme Funktionsfähigkeit

5. Manifestation vor dem 3. Lebensjahr

 

2. Unspezifische Probleme

Neben den angeführten diagnostischen Merkmalen zeigen autistische Kinder oft auch eine Reihe von unspezifischen Problemen wie Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche und Aggressionen, Selbstverletzungen. Bei Freizeit und Arbeit haben sie Schwierigkeiten, Konzepte zu entwickeln. Diese charakteristischen Defizite ändern sich zwar mit zunehmendem Alter, bleiben aber in ihrer Grundstruktur erhalten. Wichtig ist die diagnostische Feststellung, dass die Entwicklungsauffälligkeiten bereits in den ersten drei Jahren vorhanden waren. Das Syndrom kann nämlich in allen Altersgruppen diagnostiziert werden. Zudem kann bei einem Autismus jedes Intelligenzniveau vorkommen, wenngleich in drei Viertel der Fälle eine deutliche Intelligenzminderung vorliegt.

3. Inzidenz

Insgesamt wird die Diagnose kindlicher Autismus  sehr selten vergeben. Neuere Untersuchungen weisen jedoch eine höhere Häufigkeit auf. Frühkindlichen Autismus haben ca. 1,3 – 2,2 von 1000 Kindern, wobei die  Erkrankung bei Jungen sehr viel häufiger auftritt. Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen beträgt 2:1 bis 6,5:1. Davon kann nur 1 bis 2% ein normales Leben führen. Gut 75 % aller Autisten sind geistig massiv behindert, weshalb  60 bis 70 % der Betroffenen sehr pflegebedürftig sind und meist in Heimen leben müssen. Weitere 20 % zeigen so  deutliche Auffälligkeiten, dass sie zumindest teilweise der Pflegebetreuung in Heimen bedürfen.

4. Ursachen

Was die Ursachen des Autismus betrifft, so gibt es zwar viele Erklärungsansätze für dessen Entwicklung, doch lässt sich keine allgemeine Ursache ausmachen. Jedenfalls spielen verschiedene biologische Faktoren eine wesentliche Rolle, während psychosoziale und Umweltfaktoren von untergeordneter Bedeutung sind. So herrscht heute die Ansicht vor, dass es sich um eine Entwicklungsstörung des Gehirns handelt, die eine hohe erbliche Komponente hat. Daher ist die Wahrscheinlichkeit bei einem von Autismus betroffenen Elternteil, auch ein Kind mit Autismus zu haben, stark erhöht. Aktuell wird die Vererbung von Autismus auf ca. 70 – 80 % geschätzt. Dabei geht man davon aus, dass nicht ein einzelnes Gen zum Autismus führt, sondern dass zur Entstehung autistischer Spektrum-Störungen höchstwahrscheinlich mehrere Gene bzw. deren Wechselwirkungen beitragen, die aus diesem Grund eine hohe Variationsbreite in Bezug auf den Schweregrad und die Ausdrucksform zeigen. 

 Einzelne molekulargenetische Ursachen, wie z.B. das fragile X-Syndrom, das bei ca. 3% aller Autismus-Störungen festgestellt wurde, sind weitgehend aufgeklärt. Auch der Einfluss eines höheren Alters der Väter, aber auch der Mutter, auf erhöhte Raten von Autismus konnte bestätigt werden. Risikofaktoren sind schließlich nicht zuletzt Infektionskrankheiten der Mutter in der Schwangerschaft, starke Frühgeburtlichkeit, mütterlicher Diabetes und Lungenfunktionsprobleme.11

5. Diagnose

Für die Diagnose sind Verzögerungen oder abnorme Funktionsfähigkeit zumindest in folgenden Bereichen mit Beginn vor dem 3. Lebensjahr ausschlaggebend:

Soziale Interaktion 

Manchmal zeigt sich schon in den ersten Lebensmonaten eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion durch fehlende Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter. Viele der betroffenen Kinder strecken der Mutter nicht die Arme entgegen, um hochgehoben zu werden, lächeln nicht zurück, wenn sie angelächelt werden, und nehmen keinen angemessenen Blickkontakt zu den Eltern auf. Dennoch sind autistische Kinder mit ihrer Mutter emotional stark verbunden.12 Hingegen ist die Objektbezogenheit häufig auf bestimmte Gegenstände beschränkt, während andere völlig unbedeutsam sind.

Kommunikation

Was die Kommunikation betrifft, so entwickelt jedes zweite autistische Kind keine Lautsprache. Bei den anderen verzögert sich die Sprachentwicklung. Die Pronomen werden vertauscht. Sie reden von anderen als „ich“, von sich selbst als „du“ oder in der dritten Person. Diese Eigenart kann sich im Laufe der Entwicklung bessern. Zudem haben autistische Kinder oft Probleme mit Ja / Nein-Antworten, mit der Semantik: häufig treten Wortneuschöpfungen (Neologismen) auf, aber auch das Haften an bestimmten Formulierungen.13

 Besonders ausgeprägt sind in der Kommunikation Schwierigkeiten, Gesagtes über die genaue Wortbedeutung hinaus zu verstehen, was die Kontaktaufnahme zur Außenwelt und zu anderen Menschen beeinträchtigt, weshalb  autistische Kinder früher auch „Muschelkinder“ oder „Igelkinder“ genannt wurden. Hingegen sind visuelle und auditive Wahrnehmungen oft intensiver als bei normalen Kindern.

 Vor diesem Hintergrund ist die Kommunikation mit Autisten schwer und muss mit Bedacht und je nach individueller Rektionsform aufgebaut werden.14

Repetitive und stereotype Verhaltensmuster

Veränderungen der Umwelt von Autisten können sogar zu panikartigen Reaktionen führen, weil ihr Umweltbezug meist ritualisiert abläuft und Änderungen zu Orientierungslosigkeit führen. Bei stark autistischen Menschen findet man auch sich wiederholende (repetitive) Stereotypien wie Schaukeln mit dem Kopf oder Oberkörper, im Kreis herumgehen, Finger verdrehen, Oberflächen betasten, Selbstverletzungen, wie Finger blutig knibbeln, Nägel bis zum Nagelbett abkauen, Kopf anschlagen, mit der Hand an den Kopf schlagen, sich selbst kratzen oder beißen, mit sichtbaren Spuren auf der Haut, die jedoch nicht mit den Selbstverletzungen zum Abbau von Spannungen, seltener aus suizidalen Tendenzen, zu verwechseln sind.

 Sich wiederholende Verhaltensweisen wirken auf alle Menschen beruhigend, so auch bei Autisten. Diese positiven Effekte repetitiver Verhaltensweisen werden insbesondere im Yoga genutzt. So gibt es auch einen speziellen Yogaunterricht für Autisten.15

6. Implikationen

Autismus beeinträchtigt nicht nur die Entwicklung der Persönlichkeit, sondern auch die Berufschancen und die Sozialkontakte erheblich, wobei die individuelle Ausprägung von besonderer Bedeutung ist. Die Ursache des Autismus selbst kann nicht behandelt werden. Möglich ist nur eine Hilfe in einzelnen Symptombereichen, wie ein dem Autismus gerechtes Umfeld etwa bei Schmerzempfinden für bestimmte Tonfrequenzen. Auch Kommunikationstraining unter Freunden und Familienangehörigen sowie eigene Schulen sind hilfreich. In Großbritannien kümmert sich die National Autistic Society um die schulischen Belange.

 Allerdings sind beim frühkindlichen und atypischen Autismus die Verbesserungen begrenzt. Etwa 10 – 15% der Menschen mit frühkindlichem Autismus erreichen im Erwachsenalter eine eigenständige Lebensführung, die anderen benötigen in der Regel lebenslange Hilfe und Betreuung.16

7. Rechtliche Stellung

Nach dem deutschen Schwerbehindertenrecht gehören die autistischen Syndrome zur Gruppe der psychischen Behinderungen. Der Grad der Behinderung beträgt bei den leichten Formen (Asperger, HFA) 50 – 80, ansonsten 100 Grad der Behinderung.

 Es gibt keine medikamentöse Behandlung gegen die (unbekannte) Ursache des Autismus. So wurde auch bis heute noch kein einziges Medikament mit der Indikation „Autismus“ zugelassen. Lediglich eine medikamentöse Behandlung der Begleitsymptome, wie Angst, Depression, Aggressivität oder Zwänge, ist unter besonderer Vorsicht gegeben.

8. Forschung

Was die Forschung betrifft, so werden sich nach „autismus Deutschland e.V.“17 Fortschritte in der Behandlung von Menschen mit Autismus nur ergeben, wenn es gelingt, die Ursachen dieser tief greifenden Störung aufzudecken. Das erfordert eine intensive Forschungstätigkeit, die sich nicht nur auf Ätiologie und Grundlagenforschung erstreckt, sondern auch die Diagnostik-, Therapie-, Interventions- und Verlaufsforschung einbezieht. Im Einzelnen sieht man dringenden Forschungsbedarf in folgenden Bereichen:

–  Genetische Hintergründe autistischer Störungen,
–  Bedeutung von Hirnentwicklungs- und Hirnfunktionsstörungen,
–  biochemische und immunologische Besonderheiten,
–  Diagnostik,
–  Intervention und Therapie,
–  Verlauf und Prognose 18

9. Andere Formen des Autismus

Hochfunktionaler Autismus

Im englischen Sprachraum werden beim frühkindlichen Autismus verschieden Formen unterschieden.

 Treten die Symptome des frühkindlichen Autismus zusammen mit normaler Intelligenz (einem IQ von mehr als 70) auf, spricht man vom Hochfunktionalen Autismus (High-Functioning Autism, HFA)19 – ein Begriff, der in den Vereinigten Staaten weiterhin gebräuchlich ist. Angewandt wird er auf Menschen, bei denen man in früherer Kindheit Autismus diagnostiziert hatte. Weniger verwendet wird er hingegen bei Kindern, deren frühe Entwicklung nicht mit dem typischen Autismus übereinstimmte. Im Übrigen sind die Unterschiede zum Asperger-Syndrom, das nun in das DSM-5 aufgenommen wurde, gering.20 In der Diagnose werden beim Hochfunktionalen Autismus allerdings die verzögerte Sprachentwicklung und die gegenüber dem Asperger-Syndrom deutlich besseren motorischen Fähigkeiten ausgewiesen. Die Sprache muss sich dabei nicht zwangsläufig entwickeln. Viele hochfunktionale Autisten können trotzdem eigenständig leben und sich schriftlich mitteilen. Online-Dienste und Internet tragen bei diesen Menschen zu einer bedeutenden Steigerung ihrer Lebensqualität bei.

 Da der Unterschied zwischen HFA und Asperger-Syndrom, wie erwähnt, sehr gering ist, werden beide Syndrome oft synonym verwendet, zumal die Gemeinsamkeiten weit größer sind als die Unterschiede. Lorna Wing 21 machte daher bereits 1991 den Vorschlag, Autismus als nahtloses Kontinuum unterschiedlich schwerer Störungen zu beschreiben, in dem HFA und Asperger-Syndrom milde Ausprägungsformen bilden. Diesem Vorschlag folgt heute das 2015 veröffentlichte DSM-5 mit der neuen zusammenfassenden Gruppe der sog. Autismus-Spektrum-Störungen (engl. Autism Spectrum Disorders), da es zwischen den einzelnen Störungen nur quantitative Unterschiede gäbe.

 Da beim Asperger-Syndrom das Autismus Spektrum nicht endet, sondern weit in die Normalität hinreicht, etwa in die ganz normale Schüchternheit oder Eigenbrötelei, soll es hier eigens behandelt werden.

Atypischer Autismus

Der Vollständigkeit halber sei auch auf die Bezeichnung Atypischer Autismus verwiesen. Damit wird jene Form des Autismus bezeichnet, die nicht alle Diagnosekriterien des frühkindlichen Autismus erfüllt oder sich erst nach dem dritten Lebensjahr zeigt. Als Unterform des frühkindlichen Autismus wird der atypische Autismus differenzialdiagnostisch vom Asperger-Syndrom abgegrenzt.22


II. ASPERGER-SYNDROM

Hans Asperger (Abb. 3) wurde am 18. Februar 1906 in Hausbrunn, Österreich, geboren und starb am 21. Oktober 1980 in Wien. Asperger war Kinderarzt und Heilpädagoge. Er beschrieb als Erster das später nach ihm benannte Asperger-Syndrom, die Form des leichten Autismus.

Haans AspergerNach dem Abitur studierte Asperger in Wien Medizin und arbeitete nach der Promotion als Assistent an der Kinderklinik der Universität Wien. Ab 1932 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Klinik, war Berater beim Wiener Hauptgesundheitsamt und Gutachter in Sonderschulen sowie bei „schwierigen, psychisch auffälligen Kindern“ in Normalschulen. Von 1957 bis 1962 war er im Vorstand der Innsbrucker Kinderklinik. Von 1962 bis zu seiner Emeritierung 1977 wirkte Asperger als Professor für Pädiatrie und als  Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Wien.

Am 3. Oktober 1938 beschrieb er in einem Vortrag anhand eines Fallbeispiels die Merkmale der autistischen Psychopathen. 1943 reichte er das Thema als Habilitationsschrift ein, die ein Jahr später veröffentlicht wurde.23 1944 beschrieb Asperger erstmals das später nach ihm benannte Syndrom. Er selbst nannte die Störung „autistische Psychopathie“, wobei er das Wort „autistisch“ Eugen Bleuler entlieh, um bestimmte Eigenschaften der Schizophrenie, nämlich die Einengung der Person und ihre Reaktion auf sich selbst und die damit verbundene Beschränkung der Reaktionen auf die Reize der Umwelt zu  verdeutlichen.

Lorna Wing Da Asperger seine Veröffentlichungen größtenteils in deutscher Sprache  verfasste und diese kaum übersetzt wurden, blieben sie weitgehend unbekannt. Erst in den 1990er Jahren wurde seine Arbeit in Fachkreisen international bekannt. Es war die britische Psychologin Lorna Wing (1928 – 2014, Abb.  4), die Aspergers Forschung in den 1980er Jahren fortführte und die betreffende Störung nach ihrem Erstbeschreiber erstmals Asperger-Syndrom nannte.

1. Merkmale

Asperger selbst beschrieb in seiner Veröffentlichung die vier Jungen, Fritz, Harro, Ernst und Hellmuth, die er als „autistische Psychopathen“ bezeichnete. Ihnen eigneten, bei durchschnittlicher bis hoher Intelligenz, ein Mangel an Empathie, die Unfähigkeit, Freundschaften zu schließen, Störungen im Blickkontakt, in Gestik, Mimik und Sprachgebrauch, intensive  Beschäftigung mit einem Interessengebiet sowie motorische Störungen. Sie waren selbstbezogen, konnten sich nicht in andere Menschen hineinversetzten und nicht auf diese eingehen. In ihrem Gefühlsleben wirkten sie disharmonisch und in ihrem oft angstvollem Verhalten fehlte ihnen die affektvolle Beteiligung. Helmut Remschmidt fasst die Merkmale für das Asperger-Syndrom in Tab. 2 zusammen.24

Tab.2

ICD-10

DSM-IV

1. Fehlen einer Sprachentwicklungsverzögerung oder einer Verzögerung der kognitiven Entwicklung. Die Diagnose erfordert, dass einzelne Wörter im 2. Lebensjahr oder früher benutzt werden.

1. Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion in mehreren (mindestens 2) Bereichen (z.B. bei nonverbalem Verhalten, in der Beziehung zu Gleichaltrigen, in der emotionalen Resonanz)

2. Qualitative Beeinträchtigungen der wechselseitigen sozialen Interaktionen (entsprechend den Kriterien des frühkindlichen Autismus)

2. Beschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster (z.B. in den Interessen, Gewohnheiten oder der Motorik)

3. Ungewöhnliche und sehr ausgeprägte umschriebene Interessen (ausgestanzte Sonderinteressen) und stereotype Verhaltensmuster

3. Klinisch bedeutsame Beeinträchtigung in sozialen oder beruflichen Funktionsbereichen

4. Die Störung ist nicht einer anderen tief greifenden Entwicklungs- oder psychischen Störung zuzuordnen.

4. Kein klinisch bedeutsamer Sprachrückstand und keine klinisch bedeutsamen Verzögerungen der kognitiven Entwicklung

 

5. Die Störung erfüllt nicht die Kriterien einer anderen tief greifenden Entwicklungsstörung.

 In diesem Zusammenhang ist auch eine tabellarische Gegenüberstellung der Merkmale des Kanner-Autismus, wie oben beschrieben, und des Asperger-Autismus besonders aufschlussreich, zumal die beiden Autoren zunächst nichts von der Arbeit des jeweils anderen wussten.
 

 Wie Tab. 3 zeigt, ist das Asperger-Syndrom im Gegensatz zum Kanner-Syndrom nicht nur mit Beeinträchtigungen, sondern auch mit Stärken verbunden, wie in den Bereichen von Wahrnehmung, Introspektion, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung. Die Frage, ob das Asperger-Syndrom als Krankheit anzusehen sei, wird nach wie vor diskutiert. So wurde es in der Psychiatrie auch erst 1926 von der russischen Kinderpsychiaterin Grunja Jefimowna Sucharewa (1891 – 1981) als „schizoide  Psychopathie“25  bezeichnet.

Tab. 3

Kanner-Autismus

Asperger-Autismus

Auffälligkeiten meist schon in den ersten Lebensmonaten, Diagnose bis zum dritten Lebensjahr

Auffälligkeiten etwa vom 3. Lebensjahr an, Durchschnittsalter bei Diagnose: 8 Jahre

Große intellektuelle Unterschiede zwischen Betroffenen, häufig Sonderbeschulung

Geistig normal entwickelt, häufig Spezialinteressen, mitunter Hochbegabung

Große Schwierigkeiten in sozialen Situationen

Schwierigkeiten in sozialen Situationen

Verzögerte Sprachentwicklung, mitunter Mutismus

Keine oder leichte Verzögerungen der Sprachentwicklung

Keine motorischen Einschränkungen

Motorische Ungeschicktheit

 Inzwischen wird die Häufigkeit des Asperger-Syndroms auf 1 bis 3 von 1000 Kindern im Schulalter geschätzt. 8 von 9 sind männlich. Die Charakteristik neigt jedoch dazu, bis ins Erwachsenenalter fortzubestehen.

 1991 wurde das Asperger-Syndrom in das medizinische Klassifikationssystem ICD der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen und seit 1994 scheint es auch im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psychiatric Association auf.

 Während nämlich die ersten Auffälligkeiten des frühkindlichen Autismus bereits in den ersten Lebensmonaten zutage treten, wird das Asperger-Syndrom erst nach dem dritten Lebensjahr manifest. Allgemeine Kennzeichen sind eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation und Interaktion, mangelndes Einfühlungsvermögen, sensorische, motorische und sprachliche Auffälligkeiten sowie ausgeprägte Sonderinteressen.

Motorik

Beim Asperger-Syndrom treten motorische Auffälligkeiten häufig auf, während sie beim frühkindlichen Autismus und auch beim Hochfunktionalen Autismus normalerweise fehlen. Zu diesen Auffälligkeiten zählen eine ungelenke und linkische Motorik, motorische Ungeschicklichkeit sowie grob- und feinmotorische Koordinationsstörungen.26 Manche Kinder zeigen bei Erregung oder Angst motorische Manierismen, wie sie auch beim frühkindlichen Autismus vorkommen,  z.B. flatterndes Auf- und Abschlagen der Arme, Hände oder Finger.

Sozialverhalten

Auch Kinder mit Asperger-Syndrom  nehmen nur selten und nur flüchtig Blickkontakt auf. Auffällig ist im Alltag auch ihr mangelndes Einfühlungsvermögen und ihr Unverständnis für zwischenmenschliche Interaktionen und Situationen. Sie sind sozial isoliert und ecken aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten überall an. In der Schule werden sie häufig gehänselt und gemobbt.27  Beim Versuch, mit anderen Kontakt aufzunehmen, werden sie wegen ihres häufig abgewandten Blickes und ihrer „verschlossenen“ Körpersprache von Nicht-Autisten nicht selten als förmlich, gefühllos, ängstlich, schüchtern, ausweichend, abweisend oder desinteressiert wahrgenommen, was eine Kontaktaufnahme häufig beeinträchtigt.28 Hans Asperger beobachtete, dass die betroffenen Kinder zudem auch zur „autistischen Selbstbeschau“ neigen. Wo andere Kinder selbstvergessen „dahinleben“, stehen Asperger-Kinder sich selbst und ihren körperlichen Funktionen oft (kritisch) beobachtend gegenüber.29

Sprache

In Gegensatz zum frühkindlichen Autismus zeigen Kinder mit Asperger-Syndrom in der sprachlichen Entwicklung eine grammatisch und stilistisch hochstehende Sprache. Was hingegen den Sprachbeginn betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Nach Remschmidt beginnen Asperger-Kinder früh zu sprechen.30 Nach Tony Attwood lernt fast die Hälfte dieser Kinder erst spät sprechen, kann den Rückstand aber bis zum Alter von fünf Jahren aufholen.31 Wie schon Asperger beobachtete, fallen betroffene Kinder regelmäßig auch durch eine ihrem Alter nicht entsprechende, erwachsene, pedantische Ausdrucksweise und eine unnatürliche Prosodie (Gesamtheit suprasegmentaler Eigenschaften der Sprache, wie Akzent, Intonation, Quantität und (Sprech-)Pausen) auf. Dabei ist die Modulation oft monoton und undifferenziert, Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke sind unangepasst oder ungewöhnlich; auch ruckartiges Sprechen kommt vor.32

 Viele Kinder und Erwachsene neigen dazu, unablässig vor allem über ihr Lieblingsthema zu sprechen, ohne Rücksicht auf die Zuhörer, was mit ihrer Unempfindlichkeit für soziale Belange zusammenhängt. Dabei mangelt es oft an der Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem, verbunden mit abruptem Themenwechsel und Verwendung von Wortschöpfungen, die nur dem Sprecher geläufig sind. Weitere Auffälligkeiten sind das Festhalten an Formulierungen, die wie auswendig gelernt oder aus einem Buch vorgetragen klingen. Weitere Charakteristika sind Selbstgespräche, das Nichterfassen von Nuancen, wie Ironie oder Necken und ungenaues Zuhören.

Spezialinteressen

Ganz allgemein betrachtet scheinen Personen mit Asperger-Syndrom an den Belangen der Mitmenschen kaum interessiert zu sein, trotz eines oft großen Interesses an sozialen Begegnungen, die für sie allerdings nur schwer zu bewerkstelligen sind, da sie die Körpersprache und Mimik anderer kaum erkennen.
Dafür haben sie andere Spezialinteressen, insbesondere in technischen oder naturwissenschaftlichen Bereichen, wie Informatik, Mathematik, Physik, Biologie oder Astronomie, Musik oder im Auswendiglernen verschiedenartigster
Fakten. Andere wiederum sind leidenschaftliche Sammler oft ungewöhnlicher Objekte.33 Im Laufe ihres Lebens pflegen viele zwar mehrere Spezialinteressen, doch selten mehr als eines oder zwei gleichzeitig. Einige weisen sogar eine Inselbegabung auf.34

Emotionen

Nach Asperger sind Personen mit dem Asperger-Syndrom nicht gefühlsarm, sondern haben nur eine andere Art von Gefühlsqualität. So sagte Temple Grandin: „Meine Emotionen sind einfacher als die der meisten anderen Menschen. Ich weiß nicht, was eine vielschichtige Emotion in einer zwischenmenschlichen Beziehung ist. Ich verstehe nur einfache Emotionen wie Wut, Furcht, Glück und Traurigkeit.“35

Intelligenz

Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus ist die Intelligenz bei Personen mit Asperger-Syndrom häufig normal ausgeprägt. Zuweilen erlernen sie schon im frühen Kindesalter, weit vor ihren Altersgenossen, das Lesen und sind oft stark von Buchstaben und Zahlen fasziniert. Ganz allgemein weisen Kinder mit Asperger-Syndrom ein inhomogenes Intelligenzprofil auf, mit Stärken vor allem in verbalen Aufgaben. Dies kann auch als Kriterium zur Abgrenzung vom hochfunktionalen Autismus gesehen werden, da Personen mit hochfunktionalem Autismus sprachlich häufig weniger gute Leistungen zeigen, dafür aber im Handlungsbereich stärker sind.36

Asperger-Syndrom und Genie

Hans Asperger schrieb: „Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.“37 Mit dieser Frage nach dem Verhältnis von Asperger-Syndrom und herausragenden Leistungen beschäftigt sich auch der irische Kinderpsychiater Michael Fitzgerald, der seit 1999 in Aufsätzen und Büchern die Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten auf Anzeichen des Asperger-Syndroms durchforstet. Er ist davon überzeugt, dass viele Merkmale des Syndroms Kreativität begünstigen und dass die Fähigkeit, sich intensiv mit einem Gegenstand zu befassen und dafür große Mühsal auf sich zu nehmen, für das Asperger-Syndrom charakteristisch sei.38

Diese Ansicht vertreten auch Christopher Gillberg39 und Oliver Sacks40, die ähnliche postume Diagnoseversuche unternommen haben. Um manche Persönlichkeiten, darunter Isaac Newton und Albert Einstein, sind regelrechte Kontroversen entstanden.41 Andere Forscher wie Fred Volkmar 42 vom Yale Child Study Center stehen diesen Aussagen reserviert gegenüber.

Konzentrations- und Lernprobleme

Manche Kinder mit Asperger-Syndrom werden dadurch klinisch auffällig, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht willentlich steuern können. So sind sie bei Aktivitäten, die sie nicht selbst gewählt haben, wie etwa in der Schule, hochgradig unkonzentriert, was selbst bei hoher Intelligenz zu erheblichen Lernschwierigkeiten führen kann:

„Diese Störung der aktiven Aufmerksamkeit ist bei Kindern dieses Typs fast regelmäßig zu finden. Es ist also nicht oder nicht nur die landläufige Konzentrationsstörung vieler neuropathischer Kinder zu beobachten, die von allen äußeren Reizen, von jeder Bewegung und Unruhe um sie herum von ihrem Arbeitsziel abgelenkt werden. Diese Kinder sind vielmehr von vornherein gar nicht geneigt, ihre Aufmerksamkeit, ihre Arbeitskonzentration auf das zu richten, was die Außenwelt, in diesem Fall die Schule, von ihnen verlangt.“43

Wenn solche Konzentrationsschwierigkeiten vorliegen, ist das Asperger-Syndrom sogar mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätssyndrom) zu verwechseln. Als Lernhindernis erweist sich tendenziell auch die für das Asperger-Syndrom typische Beeinträchtigung der Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden.

Ritualisierte Handlungen

Menschen mit Asperger-Syndrom sind oft darauf fixiert, ihre äußere Umgebung und ihren Tagesablauf möglichst gleichbleibend zu gestalten. Plötzliche Veränderungen können sie überfordern oder sehr nervös machen.44 Dies hängt damit zusammen, dass Veränderungen einen höheren Grad an Aufmerksamkeit erfordern, was bei gegebener Aufmerksamkeitsschwäche von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung, Informationen auszublenden, eine erhöhte Anstrengung verlangt.

Ritualisierte Denk- und Wahrnehmungshandlungen

Zu den ritualisierten Handlungen können neben motorischen Stereotypien und repetitiven Sprechhandlungen auch repetitive und stereotype Handlungen des Denkens und der Wahrnehmung gezählt werden. Diese bestehen in der intensiven Konzentration auf einige wenige Spezialinteressen. Ihr Ziel ist es, durch Reduktion von Komplexität und Konzentration auf Weniges den neuronalen Apparat zu entlasten und damit in der Energiebilanz des Gehirns günstiger zu operieren.45

 Die intensive Herausbildung von Spezialinteressen führt zur Entwicklung von Inselbegabungen größerer oder kleinerer Ausprägung. Nach dieser Sicht sind Inselbegabungen keine Fähigkeiten, die unabhängig von den Handlungen der jeweiligen Person einfach vorhanden sind, sondern resultieren aus einer langen und intensiven Beschäftigung mit einem bestimmten Gegenstandsbereich.46 Die Aneignung der Fähigkeiten geschieht jedoch nicht ohne spezifische Neigung und Veranlagung. Zudem lassen sich die Leistungen der Inselbegabungen rein hirnphysiologisch nicht erklären, wie dann im Beitrag „Inselbegabungen“ dargelegt werden soll.

Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter

Im Erwachsenenalter leben Menschen mit Asperger-Syndrom oft zurückgezogen und ohne besondere Sozialkontakte. An deren Stelle tritt häufig Internetkommunikation. Einigen gelingt es zwar, eine stabile Partnerschaft aufzubauen und eine Familie zu gründen47, andere haben diesbezüglich aufgrund mangelnder Sozialkompetenz jedoch Schwierigkeiten, überhaupt Kontakt zu potenziellen Partnern zu knüpfen. Zudem werden Anforderungen einer Partnerschaft nicht selten als zu anstrengend empfunden. Außerdem stellt sich für die berufliche Entwicklung von Menschen mit Asperger-Syndrom die grundsätzliche Frage, ob die Spezialinteressen beruflich umgesetzt werden können.

 Einige Erwachsene mit Asperger-Syndrom suchen bewusst oder unbewusst  Bekanntschaften mit Menschen, deren charakterliche Eigenschaften ihnen entsprechen. Auf diese Weise bauen sie sich ein soziales Netzwerk mit ebenfalls sehr introvertierten Menschen auf, die vorwiegend auf einer sachlichen Ebene kommunizieren und oftmals ebenfalls Spezialinteressen haben, aber selbst nicht notwendigerweise autistisch sind. Dabei sind sich Erwachsene mit Asperger-Syndrom in einem funktionierenden sozialen Umfeld ihrer autistischen Züge häufig nicht bewusst. Sie werden hingegen leicht überfordert, wenn sie unfreiwillig etwas mit Menschen zu tun haben, deren Persönlichkeit sich zu sehr von ihrer eigenen unterscheidet.

Diagnose im Erwachsenenalter

Bei der Diagnose des Asperger-Syndroms im Erwachsenenalter spielen oft weniger der Schweregrad als vielmehr die Lebensumstände eine Rolle. Bei guter Integration, privat und beruflich, bedarf es meist keiner Diagnose oder zusätzlicher Therapie. Bei Lebenskrisen, etwa hervorgerufen durch Arbeitslosigkeit, Scheidung und dgl., werden diese Menschen häufig durch fehlende Kompensationsstrategien auffällig. Davon berichten viele Autisten, die erst im Erwachsenenalter als Autisten diagnostiziert wurden.48

Beruf

„Gerade bei den Autistischen sehen wir – mit weit größerer Deutlichkeit als bei den ‚Normalen‘ –, dass sie schon von frühester Jugend an für einen bestimmten Beruf prädestiniert erscheinen, dass dieser Beruf schicksalhaft aus ihren besonderen Anlagen herauswächst.“49

 Der Geophysiker Peter Schmidt beschreibt, wie sich das Asperger-Syndrom im modernen, akademischen Berufsleben auswirkt. Danach wird der Akademiker hinsichtlich seines Asperger-Syndroms mehr als „Problemfall“ und hinsichtlich seiner Stärken als „Kapazität“ wahrgenommen. Menschen mit Asperger-Syndrom, die bereits von Kindheit an für einen bestimmten Beruf prädestiniert zu sein scheinen, stoßen  bei der Mobilität, Flexibilität, Team- und Funktionsfähigkeit der modernen Arbeitswelt zumeist auf große Schwierigkeiten. Hier die für sie entsprechende Nische zu finden, hängt sowohl von den Menschen ab, mit denen sie zusammenarbeiten müssen, insbesondere  von den Vorgesetzten, als auch von den bereitgestellten Arbeitsbedingungen.50

 Wohin Versagen im Beruf von Menschen mit Asperger-Syndrom führen kann, beschreibt Cyril Northcote Parkinson. Ein außergewöhnlich begabter Mitarbeiter sprüht voller Ideen, die er gerne mitteilen würde. Als er überlegt, wie er seine Ideen in einem Ausschuss vortragen kann, erinnert er sich daran, dass er früher schon scheiterte, weil seine weniger kompetenten Kollegen ihm nicht folgen konnten. Am Ende schwieg er, weil er nicht noch einmal das Gesicht verlieren wollte.51

 Die besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom, wie logisches Denken und präzises Arbeiten, sind vor allem in der IT-Branche sehr gefragt. So werden mittlerweile sogar gezielt Stellen für Asperger-Autisten angeboten, wie von auticon GmbH.52 Dort sieht man das enorme Potential von Menschen im Autismus-Spektrum: Mustererkennung, Präzision, Logik, und eine Affinität zur Fehlersuche zählen zu den herausragenden Fähigkeiten von Asperger-Autisten. Mitarbeiter entwickeln kreative Lösungsansätze und ergänzen so effizient die Qualitätssicherung der Kunden.

Kriminalstatistik

Wenngleich noch keine hinreichenden Studien vorliegen, vermuten die meisten Autoren, dass autistisch veranlagte Menschen eine niedrigere Kriminalrate haben als nicht autistische Personen. Sie seien eher Opfer als Täter. Zudem würden sie dazu neigen, Gesetze streng anzuwenden, da sie Probleme mit Gesetzesüberschreitungen hätten.53

Prognose

Was schließlich die Prognose der Menschen mit Asperger-Syndrom betrifft, so hängt dies ,nach Hans Asperger, vom intellektuellen Begabungsgrad ab. Weniger begabte Menschen kämen oft nur in einen untergeordneten Außenseiterberuf hinein und trieben sich im ungünstigsten Fall als „komische Originale auf den Straßen herum“.54 Bei „intellektuell intakten“ und überdurchschnittlich begabten Autisten komme es „zu einer guten Berufsleistung und damit zu einer sozialen Einordnung, oft in hochgestellten Berufen, oft in so hervorragender Weise, dass man zu der Anschauung kommen muss, niemand als gerade diese autistischen Menschen seien gerade zu solcher Leistung befähigt.“55


III. SCHLUSSBEMERKUNG

Die hier vorgelegte Beschreibung des Autismus stellt bewusst das Kanner-Syndrom bzw. den frühkindlichen Autismus dem Asperger-Syndrom gegenüber, obwohl nach DMS-5 die beiden Syndrome in der Gruppe AutismusSpektrum-Störungen zusammengefasst werden. Sie weisen jedoch hinsichtlich Persönlichkeitsentwicklung und Auftreten der Störungen grundsätzliche Unterschiede auf, die eine getrennte Betrachtung rechtfertigen.

 Der frühkindliche Autismus setzt vor dem 3. Lebensjahr ein und zeigt große intellektuelle Unterschiede und Schwierigkeiten in sozialen Situationen, verzögerte Sprachentwicklung, mitunter Mutismus; ist hingegen in der Motorik nicht beschränkt.

 Das Asperger-Syndrom äußert sich nach dem dritten Lebensjahr, bei normaler geistiger Entwicklung bis zur Hochbegabung. Die Schwierigkeiten in sozialen Situationen sind zum Teil behebbar, die Sprachentwicklung ist normal. Die Motorik dagegen ist beschränkt.

 Der Funktionelle Autismus und der Atypische Autismus werden nur am Rande genannt, weil die vorliegende Beschreibung des Autismus lediglich als Einleitung zu den geplanten Beiträgen über Inselbegabungen gedacht ist, zumal 50 % der Inselbegabten Autisten der verschiedensten Formen des Autismus sind. Ohne Kenntnis der verschieden Formen des Autismus wäre daher ein abgewogenes Verständnis der betreffenden Inselbegabungen nicht möglich.
 

Anmerkungen

1 CD-10: internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und Verwandter Gesundheitsprobleme: 10. Revision. Bern [etc.] : H. Huber, 2000-2001

2 Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen : DSM-5 Göttingen [u.a.] : Hogrefe, 2015

3 Bleuler, Eugen: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. Deuticke, Leipzig/Wien 1911.

4 Tschischka, Alenka: Heiß diskutiert: DSM-V. In: report psychologie. Bd. 38, Nr. 5, 2013, S. 214.

5 Jacobi, Frank / Maier Wolfgang / Heinz, Andreas: Diagnostic and Statistical Manual Of Mental Disorders: Hilfestellung zur Indikation. In: Ärzteblatt. Jg. 110, Nr. 49, 2013

6 Thomas Insel: Director’s Blog: Transforming Diagnosis. National Institute of Mental Health, 29. April 2013

7 Kanner, Leo: Autistische Störungen der affektiven Kontakte". Nerv Kindes (1943) 2, 217-250, Nachdruck in  Acta Paedopsychiatrica  35 (1968) 4, 100-36 

8).Kanner, Leo: Probleme der Nosologie und Psychodynamik in der frühen Kindheit Autismus. Am J Orthopsychiatry 19 (1949) 3, 416-426

9 Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-IV. Göttingen: Hogrefe, 2001

10 Remschmidt,  Helmut: Autismus. In: Herpertz-Dahlmann B., Resch F., Schulte- Markwort M., Warnke A. (Hrsg.): Entwicklungspsychiatrie. Schattauer- Verlag Stuttgart 2008, S. 601.

11 autismus Deutschland e.V. Rothenbaumchaussee 15 20148 Hamburg

12 Rogers K. et al., Who Cares? Revisiting Empathy in Asperger Syndrome., Journal of Autism Dev Disord. 2006 Aug 12,

13 Gernsbacher et al.: Autism and Deficits in Attachment Behavior, Science 25 February 2005,1201–1203

14Pehlivanturk, B.  et al.: Attachment in autistic children, Turk Psikiyatri Derg. 2004 Spring;15(1),56–63

15 Betts, Dion  and Stacey W.:  Yoga for Children with Autism Spectrum Disorders.:A Step-by-Step Guide for Parents and Caregivers. Jessica Kingsley Poblishers, 2006

16 Attwood, Tony: Asperger-Syndrom. Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen, Stuttgart: TRIAS-Verl, 2008, S. 224

17 autismus Deutschland e.V. Rothenbaumchaussee 15 20148 Hamburg

18 Asperger, Hans: Die autistischen Psychopaten. Im Kindeslatern: Wien, Med. F., Hab.-Schr., 1943

19 Geprägt wurde der Ausdruck 1981 von einem US-amerikanischen Forscherteam: M. K. DeMyer, J. N. Hingtgen, R. K. Jackson: Infantile autism reviewed: A decade of research. In: Schizophrenia Bulletin, 1981, Band 7, S. 388–451.

20 Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5 . Göttingen: Hogrefe, 215

21 Wing, Lonna: Asperger’s syndrome. A clinical account. In: Psychological medicine. Bd. 11, H. 1, Februar 1981, S. 115–129
22 Steinmetz, Christian:  Symptomentwicklung und Stabilität von diagnostischen Kriterien und komorbiden Begleitsymptomen bei einer katamnestisch untersuchten Gruppe ehemaliger Patienten der KJP Freiburg mit der (Verdachts-)diagnose atypischer Autismus. Freiburg i. Br., Univ., Diss., 2013

23 Asberger, Hans: Die autistischen Psychopaten, S. 2

24 Remschmidt, Helmut: Autismus, 602

25 Die schizoiden Psychopathien im Kindesalter. In: Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. Band 60, 1926, S. 235–261.

26  Roy, Mandy et al.: Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter. In: Dtsch Arztebl Int. Nr. 106(5), 2009, S. 59–64

27 Carstensen, Katja: Das Asperger-Syndrom. Alltag, Schule und Beruf Norderstedt ; Books on Demand,  2011

28 Preißmann, Christine: Psychotherapie und Beratung bei Menschen mit Asperger-Syndrom, Konzepte für eine erfolgreiche Behandlung aus Betroffenen und Therapeutensicht. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart ; Kohlhammer ; 2013 

29  Asperger (1944), S. 115f. bishiere

30Remschmidt, Helmut: Autismus: Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen, München ; Beck ; 2008,  S. 49.

31 Attwood, Tony: Asperger-Syndrom. Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen, Stuttgart: TRIAS-Verl, 2008, S. 175.

32 Asperger , S.114

33  Attwood, Tony, Asperger-Syndrom. S.178

34 Bernard Rimland schrieb 1978, dass unter den von ihm untersuchten Autisten etwa zehn Prozent Savants seien: Inside the Mind of the Autistic Savant. In: Psychology Today, August 1978, Band 12, S. 68–70.

35 Grandin, Temple: Ich bin die Anthropologin auf dem Mars. München : Droemer Knaur, 1997, S. 110.

36 Spitczok von Brisinski, Ingo: Asperger-Syndrom, AD(H)S, Hochbegabung – differentialdiagnostische Aspekte. In: Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Heft 4/2003

37 Asperger, Hans: Problems of infantile autism. Journal of the National Autistic Society, London 1979.

38 Fitzgerald, Michael: Autismus und Kreativität: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Autismus bei Männern und außergewöhnliche Fähigkeit?. Hove [ua]: Brunner-Routledge, 2004

39 Gillberg, Christopher: Charles XII seems to have fulfilled all the criteria of Asperger syndrome. In: Läkartidningen, November 2002, Band 99 (48), S. 4837–4838.

40 Sacks, Oliver: Henry Cavendish: An early case of Asperger’s syndrome? in: Neurology, 2001, Band 57 (7), S. 1347.

41 Muir, Helen: Einstein and Newton showed signs of autism, in: New Scientist, 30. April 2003; James, Ioan: Singular scientists, in: Journal of the Royal Society of Medicine, 2003, Band 96 (1), S. 36–39; Fitzgerald, Michael: Einstein: Brain and Behavior, in: Journal of Autism and Developmental Disorders, 2004, Band 30 (6), S. 620–621

42  Ami Klin, Fred R. Volkmar, Sara S. Sparrow (Hrsg.): Asperger Syndrome. Guilford, New York 2000,

43 Asperger, Hans, Die autistischen Psychopathen, S. 119

44 Roy, Mandy et al.: Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter, S.59-64

45 Krüger, Reinhard: homo significans: Der Mensch als Zeichenerzeuger. Förderung kommunikativer Kompetenz und die neurobiologischen Grundlagen des Lernens bei Menschen mit ASS. In: unterstützte kommunikation & forschung 1: Hirnforschung und Autismusspektrumsstörung. Von Loeper, Karlsruhe 2011, S. 4–20.

46 Schirmer, Brita: Das Kommunizieren lernen. Besonderheiten im Kommunikationsverhalten von Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung und therapeutische Konsequenzen. In: unterstützte kommunikation & forschung 1: Hirnforschung und Autismusspektrumsstörung. Von Loeper, Karlsruhe 2011, S. 21–25.

47 Schmidt, Peter: Ein Kaktus zum Valentinstag. Ein Autist und die Liebe. Patmos, Ostfildern, 2012,

48 Roy, Mandy et al.: Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter, S.59-64

49 Asperger , Hans, Die autistischen Psychopathen, S. 133

50 Schmidt, Peter: Kein Anschluss unter diesem Kollegen. Ein Autist im Job. Patmos-Verlag, Ostfildern 2014

51 Northcote Parkinson, Cyril: Parkinsons Gesetz und andere Untersuchungen über die Verwaltung. Verlagsanstalt Handwerk, Düsseldorf 2005,

52 auticon GmbHHardenbergstraße 19,10623 Berlin ist das erste Unternehmen in Deutschland ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum als Consultants im IT-Bereich.

53 Remschmidt, Helmut, Kamp-Becker,Inge: Asperger-Syndrom. S. 218.

54 Asperger , Hans, Die autistischen Psychopathen, S.132

55 Drselbe, ebenda, S.13

 

L i t e r a t u r

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